Die Eheschließung mit mehreren Frauen stellt eine Sonderregelung innerhalb des Islams dar.

Der Prophet Muhammad hatte im Verlaufe seines Lebens mehrere Ehefrauen. Dafür gibt es mehr Gründe, als vielleicht bei oberflächlicher Betrachtung zunächst zu erkennen sind:

Mit seinen Eheschließungen verfolgte der Prophet bestimmte Ziele. Indem er Frauen jüngeren, mittleren und gesetzteren Alters heiratete, vermochte er allen Altersstufen die Regeln des Islams zu vermitteln. Seine Anweisungen wurden zuerst innerhalb seiner Familie befolgt und umgesetzt, später dann auch an andere muslimische Frauen weitergegeben. Die Frauen des Propheten profitierten sehr von ihren Beziehungen zu ihm. Sie lernten und eiferten seinem Vorbild in ihrem Handeln nach. Dann gaben sie ihre Erfahrungen im Zusammenleben mit ihm an die Frauen in ihrem Umfeld weiter. Auf diese Weise blieb die junge Religion keine Religion der Männer. Die Frauen wurden mit einbezogen und auch dazu ermächtigt, sich mit dem Koran und den Hadithen zu befassen, den Koran zu interpretieren und zu kommentieren (Tafsîr) und aus dem Koran Gesetze abzuleiten (Fiqh). Der Geist des Islams erfüllte also auch die Frauen, was zu Lebzeiten des Propheten durchaus keine Selbstverständlichkeit war.

Jede der Frauen des Propheten stammte aus einer anderen Familie oder aus einem anderen Stamm. Mit dieser Wahl knüpfte der Prophet eine Bande der Verwandtschaft und Verbundenheit, die die gesamte Umma (die Gemeinschaft der Muslime) umfasste. So versicherte er sich der Wertschätzung seiner ganzen Gemeinschaft. Gleichheit und Geschwisterlichkeit wurden zur Grundlage der neuen Religion, da jedes Mitglied der Gemeinschaft den Propheten als Bruder betrachtete. Der Prophet schenkte jedem das Gefühl, sich an ihn wenden und seinen Rat einholen zu können. Auf diese Nähe zum Propheten waren die Stämme sehr stolz. Die Umayyaden wurden zum Beispiel durch Umm Habiba, die Haschemiten durch Zaynab bint Dschahsch und die Banu Makhzum durch Umm Salama repräsentiert.

Die erste Ehefrau des Propheten war Khadidscha. Zur Zeit ihrer Hochzeit war sie 40 Jahre alt, der Prophet Muhammad 25. Sie war die Mutter aller seiner Kinder - mit Ausnahme seines Sohnes Ibrahim, der nicht lange lebte. Khadidscha war dem Propheten gleichzeitig Ehefrau und Freundin. Sie bemühte sich stets, an seinen Wünschen und Idealen teilzuhaben. Ihre Ehe war auf wunderbare Weise gesegnet; sie lebten 23 Jahre lang in völliger Harmonie miteinander. Der Prophet Muhammad liebte Khadidscha von ganzem Herzen, und solange sie lebte, heiratete er keine andere Frau.

Vertrautheit, Freundschaft, gegenseitiger Respekt, Unterstützung und Trost der beiden füreinander sind für alle Ehepaare beispielhaft. Auch nach dem Tod Khadidschas vergaß der Prophet seine erste Frau nie; und erst vier oder fünf Jahre nach ihrem Tod heiratete er erneut. Zwischenzeitlich sorgte er für den Lebensunterhalt seiner Kinder und stand ihnen in ihren Sorgen und Nöten bei. Er bemühte sich, ihnen Mutter und Vater zugleich zu sein.

Sauda bint Sam’a war die Witwe von Sakran. Sakran und Sauda gehörten zu den Ersten, die den Islam angenommen hatten und nach Abessinien fliehen mussten, um der Verfolgung durch die Gegner des Propheten zu entgehen. Sakran starb im Exil und hinterließ seine Frau völlig mittellos. Der Prophet Muhammad besaß zwar selbst nur wenig, fühlte sich aber dennoch verantwortlich, Sauda zu helfen. Er nahm sie zur Frau, um ihr das Schicksal einer Bettlerin zu ersparen.

Seine dritte Frau war Aischa, die Tochter seines engsten Freundes und treuesten Weggefährten Abu Bakr. Abu Bakr gehörte zu den ersten Menschen, die zum Islam übertraten, und empfand eine tiefe Zuneigung zum Propheten. Er hatte stets zu ihm gehalten und hoffte, ihre Freundschaftsbande noch zu festigen, indem er ihm seine Tochter zur Frau gab. Nach längerem Bitten erfüllte ihm Muhammad schließlich seinen Wunsch und heiratete Aischa. Dadurch bekundete er seinem Freund größten Respekt.

Aischa, die sich als eine bemerkenswert intelligente und weise Frau erwies, verfügte über die Begabung und das Temperament, die Mission des Propheten weiterzuführen. Ihre Ehe war ihr eine Lehrzeit, die sie zu einer spirituellen Führerin und Lehrerin der gesamten Welt der Frauen machte.

Umm Salama stammte aus dem Stamm der Makhzum und war zunächst mit ihrem Cousin verheiratet gewesen. Das Ehepaar hatte den Islam gleich in den Anfangstagen angenommen und war nach Abessinien ausgewandert, um den Nachstellungen der Quraysch zu entgehen. Nach der Rückkehr aus Abessinien gingen beide mit ihren vier Kindern nach Medina. Ihr Ehemann nahm an mehreren Feldzügen teil und erlitt in der Schlacht von Uhud schwere Verletzungen, an denen er später starb. Der Prophet nahm sie zur Frau, weil sie sich und ihre Kinder nur hätte ernähren können, wenn sie zum Betteln auf die Straße gegangen wäre. Aufgrund ihres frommen und aufrichtigen Wesens und dafür, dass sie ihr Leid so tapfer ertrug, verdiente sie es zweifelsohne, Unterstützung zu erhalten.

Umm Habiba war die Tochter Abu Sufyans, eines Mannes, der lange Zeit der entschlossenste Feind des Propheten und der verbissenste Eiferer unter den Götzendienern war. Dennoch gehörte seine Tochter zu den ersten Menschen, die sich zum Islam bekannten. Weil sie von den Ungläubigen verfolgt wurde, wanderte sie nach Abessinien aus. Dort starb ihr Ehemann, und sie litt unter Einsamkeit und Verzweiflung. Zu jener Zeit hatte der Prophet Muhammad erst sehr wenige Gefährten um sich geschart. Materielle Mittel, um sich selbst, geschweige denn andere zu versorgen, standen ihm wie bereits erwähnt kaum zur Verfügung. Aber durch seine Heirat mit Umm Habiba band der Prophet die mächtige und wohlhabende Familie Abu Sufyans an sich und seine Familie.

Zaynab bint Dschahsch war ebenfalls eine Frau von edler Abstammung und dazu eine nahe Verwandte des Propheten. Darüber hinaus war sie eine äußerst fromme Frau, fastete viel, hielt lange Nachtwachen und spendete großzügig für die Armen.

Dschuwayriya bint Harith war eine von vielen Gefangenen, die die Muslime bei einem Feldzug machten. Ihr Vater Harith war das Oberhaupt des besiegten Stammes der Banu Mustaliq.

Safiya war die Tochter von Huyayy, einem Oberhaupt des Stammes der Juden von Khaybar. Nachdem sie den Propheten geheiratet hatte und in die Familie des Propheten aufgenommen worden war, wurde ihr der Titel „Mutter der Gläubigen“ verliehen. Infolge dieser Heirat änderte sich auch die Haltung vieler Juden, da sie nun den Propheten aus der Nähe betrachten und schätzen lernen konnten.

Hafsa war die Tochter von Umar ibn al-Khattab, dem späteren zweiten Kalifen des Islams. Auch sie hatte ihren Ehemann, mit dem sie nach Abessinien und Medina ausgewandert war, verloren, als dieser in einem Kampf für die Sache des Islams ums Leben gekommen war. Eine Zeit lang blieb Hafsa alleinstehend. Wie schon vor ihm Abu Bakr, sehnte sich auch Umar nach der Ehre und dem Segen, dem Propheten in dieser Welt und im Jenseits nahe zu stehen, sodass der Prophet Muhammad ihm die Ehre erwies, Hafsa zur Frau zu nehmen und dadurch die Tochter seines treuen Freundes zu beschützen.

Wir sehen also, dass es dem Propheten Muhammad nicht an Gründen mangelte, mehrere Frauen zu ehelichen. Auf diese Weise konnte er mittellosen oder verwitweten Frauen zu einem würdigen Leben verhelfen und aufgebrachte oder unnahbare Angehörige von ursprünglich verfeindeten Stämmen besänftigen. Er knüpfte Verwandtschaftsbande zu ihnen und sorgte so für Harmonie, wo anderenfalls Feindschaft und Hass geherrscht hätten. Es gelang ihm, außergewöhnlich talentierte Frauen für die Sache des Islams zu gewinnen, neue Normen für die zwischenmenschlichen Beziehungen zu verankern und seine Mitmenschen in der Geschwisterlichkeit des Glaubens an Gott zu einen. Und jenen Männern, die nach seinem Tod die ersten Führer der muslimischen Umma sein sollten, erwies er die Ehre, in seine Familie aufgenommen zu werden.

Oft werden dem Propheten Maßlosigkeit und die Verfolgung persönlicher Interessen, Begierden oder Gelüste vorgeworfen. Es wird behauptet, er habe seine Stellung missbraucht und sich mit so vielen Frauen wie möglich umgeben, ohne auf andere Männer Rücksicht zu nehmen. Diese Anschuldigungen zielen jedoch ins Leere. Mit Ausnahme von Aischa waren alle Frauen des Propheten vorher schon einmal verheiratet gewesen. Nachdem er seiner ersten Frau Khadidscha bis zu ihrem Tod die Treue gehalten hatte, heiratete er seine anderen Frauen erst in fortgeschrittenem Alter.

Die Eheschließung mit mehreren Frauen stellt eine Sonderregelung innerhalb des Islams dar. Eine Offenbarung, die der Polygamie Einhalt gebietet, wurde dem Propheten erst gesandt, nachdem er seine Ehen bereits alle vollzogen hatte. Danach war es auch ihm untersagt, ein weiteres Mal zu heiraten.

Quelle: Mertek, Muhammet (2012), Der Islam: Glaube, Leben, Geschichte, INID/Hamm.

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