Als ihm der Befehl Lies! erteilt wurde, hoben sich die Schleier vor ihm, und fortan vermochte er die Mysterien des Universums zu entschlüsseln. Aber hat er jemals in dem Sinne lesen und schreiben können, wie wir es verstehen?

Das arabische Wort, mit dem der Prophet  als „des Lesens und Schreibens unkundig“ beschrieben wird, ist Ummi. Dieses Wort ist abgeleitet von Umm, was ‚Mutter‘ bedeutet oder auch ‚Mitte oder Nabel, in dem alles oder etwas Bestimmtes entspringt‘. Das Wort Ummi verbindet also den Propheten mit seiner Mutter und verweist auf seine makellos reine Natur, die er sich seit seinem ersten Tag auf Erden, als sie ihn gebar, bewahrte. Außerdem verweist dieses Wort auch auf die Verbindung des Propheten zu seinem  Geburtsort Mekka, der im Koran als die Mutter der Städte (Umm al-Qura, 6:92) bezeichnet wird, und zum heiligen Schrein der Kaaba, der Mutter der Häuser (Umm al-Buyut).

Der Prophet, Friede sei mit ihm, konnte weder die Thora noch die Bibel oder andere Bücher lesen. Gott hatte es ihn nicht gelehrt, und das war sogar eine Grundvoraussetzung für seine Prophetenschaft. Der folgende Vers erklärt dies so:

Du (o Gesandter) hast davor (vor der Offenbarung dieses Korans) niemals irgendetwas aus einem Buch vorgetragen, noch hast du eines mit deiner rechten (oder linken) Hand niedergeschrieben. Denn dann hätten diejenigen, die von jeher danach trachteten, die Wahrheit zu bestreiten, einen Grund gehabt (es) anzuzweifeln. (29:48)

Der Vers begründet also, warum Gott Seinem Gesandten nicht Lesen und Schreiben beigebracht hatte. Wäre er nämlich dazu in der Lage gewesen, so hätten seine Gegner behaupten können: „Er nimmt einfach die alten Bücher, liest sie und erklärt uns dann, was er dort gelesen hat.“ So hingegen wussten alle - Freunde und Feinde gleichermaßen -, dass der Prophet des Lesens und Schreibens nicht mächtig war. Sein Analphabetentum war demnach direkt mit seiner Prophetenschaft verknüpft, und diese Tatsache wurde auch von allen, die ihm zu Lebzeiten nahestanden, bestätigt.

Mit dem Befehl Lies! (96:1) hauchte Gott dem Geist des Propheten die Fähigkeit ein, die Wahrheit zu erkennen und kundzutun. Gott sagte zu ihm: Lies! und verlangte von ihm, das, was Er ihm offenbarte, zu rezitieren.

Die Ausführungen des Propheten zu allen möglichen Fragen des Lebens außerhalb des Korans (Sunna) sind eine wahre Schatzkammer des Wissens, und diese Schatzkammer bezeichnet man als die nicht rezitierte Offenbarung (Al-Wahy ghayr al-matluw). Die nicht rezitierte Offenbarung unterscheidet sich vom Koran, der dem Geist des Propheten Muhammad direkt von Gott durch den Erzengel Gabriel eingehaucht wurde. Gottes Prophet teilte sich sein Leben lang mit, und die ausgezeichneten Gefährten an seiner Seite zeichneten seine Worte auf. Irgendwann einmal erhoben einige von ihnen den Einwand, es sei vielleicht nicht rechtens, alle seine Äußerungen festzuhalten, schließlich konnte er als Mensch auch manchmal zornig werden.

Abu Hurayra behauptete von sich: „Keiner unter den Gefährten des Propheten kennt mehr Hadithe als ich; nur Abdullah ibn Amr ibn al-As bildet da eine Ausnahme, denn ich habe sie nicht niedergeschrieben, er hingegen schon.“ Abdullah ibn Amr schrieb nach eigenem Bekunden alles auf, was er vom Gesandten Gottes hörte. Einige kritisierten ihn dafür: „Du schreibst jedes Wort  aus dem Munde des Propheten nieder, aber er ist doch auch nur ein Mensch. Es gibt Zeiten, da ist er zornig, und es gibt Zeiten, da ist er froh.“ (Die Hadithüberlieferer verschweigen aus Höflichkeit und weil es nichts zur Sache tut, wer diesen Einwand erhoben hat.) Also hörte Abdullah ibn Amr erst einmal auf zu schreiben und vergewisserte sich beim Propheten. Dieser hob die Hand zu seinem gesegneten Mund und sagte: „Schreib! Ich schwöre bei Gott, in Dessen Hand mein Leben ist, dass nichts als die Wahrheit hieraus hervorkommt.“

Natürlich war er ein Mensch, aber eben ein Mensch, der gleichzeitig auch Prophet war; sein  Zorn und seine Freude gehörten Gott, und er sprach immer und in jedem Zustand die Wahrheit. Keines seiner Worte entsprang einer Laune oder einer menschlichen Begierde. Um es noch präziser zu formulieren: Er sprach nicht aus eigenem Antrieb, sondern tat lediglich kund, was ihm offenbart wurde. (Siehe 53:3)

Die Tatsache, dass der Prophet des Lesens und Schreibens unkundig war, sollte also keinesfalls so verstanden werden, dass er unwissend gewesen wäre. Schon bevor ihm die erste Offenbarung  zuteilwurde, besaß er einen vollkommenen und erhabenen Geist. Damals handelte er getreu den erhalten gebliebenen Gebotenen der Religion Abrahams, Friede sei mit ihm.  Diejenigen, die ihn kannten, schätzten ihn als einen rechtschaffenen Menschen. Hätte man ihn sonst zu einer Zeit, in der sich die Menschen in Mekka gegenseitig umbrachten, zum Richter bestimmt?

Gott hat den Propheten besonders erschaffen. Er hat ihn zu einem Spiegel gemacht, der Sein eigenes Wissen reflektiert. Im Gesandten Gottes entdecken wir Seine Wahrheiten.

Hikmet Isik

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