Wenn Kinder mit dem Fasten begannen, wurden sie von ihren Eltern sehr liebevoll umhegt.

Wenn man davon ausgeht, dass es im sozialen und kulturellen Leben von Gemeinschaften so etwas wie eine gesunde und progressive Kontinuität gibt, dann muss das ganze Erbe der Vergangenheit auch heute noch präsent sein. Das heißt: Während wir in der Gegenwart leben, leben wir gleichzeitig unbewusst noch ein Stückchen in der Vergangenheit.

In vielen muslimischen Gesellschaften von heute - in Gemeinschaften, die nicht in der Lage waren, sich ihr reiches kulturelles Erbe zu bewahren - ist die Vergangenheit jedoch leider heute kaum mehr spürbar. Besonders auffällig wird dies im Fastenmonat Ramadan. Es ist kein Geheimnis, dass der Ramadan früher viel sehnlicher erwartet und viel intensiver begangen wurde. Wenn Menschen, die die Intensität früherer Tage noch genießen durften, über ihre Erfahrungen sprechen, dann mischen sich in ihre Erzählungen oft so mancher Seufzer und nostalgische Gefühle.

Ich denke, die Nostalgie ist ein psychologischer Mechanismus, der auf einen gesunden Geist hinweist. Zu nostalgischem Denken neigen wir normalerweise vor allem in Krisenzeiten. Menschen, die unter bedrückenden Bedingungen leiden, sehnen sich oft zurück nach der guten alten Zeit - nach einer Zeit, die sie ein wenig verklären und der Gegenwart vorziehen. Diese Sicht der Dinge hilft ihnen, ihre spirituellen Welten in einem Gleichgewicht zu halten, wenngleich sie alles andere als objektiv ist. Denn in Wirklichkeit war die Vergangenheit, in der wir heute unseren inneren Frieden suchen, wahrscheinlich in mancherlei Hinsicht schlechter als die Gegenwart. Doch unser Gedächtnis filtert seltsamerweise alle schlechten Erinnerungen heraus und präsentiert sie uns als eine heile Welt, in der ein wunderbares Ereignis das nächste jagte.

Wenn wir auf die Vergangenheit zurückschauen, müssen wir aufpassen, dass wir nicht in ihr stecken bleiben und alle Brücken zur Gegenwart abbrechen - ein Problem, dessen sich Psychiater nur allzu oft annehmen müssen. Trotzdem bin ich aber der Meinung, dass nostalgische Erinnerungsreisen in die Vergangenheit, die im Bezug zur Gegenwart stehen, für unser spirituelles Wohlbefinden sehr förderlich sind und deshalb ihre Berechtigung haben. So kann aus einer Flucht, die mit Aussagen beginnt wie “Es gab Zeiten, die ganz und gar einmalig waren...” und “Die guten alten Tage des Ramadan...” durchaus eine kreative kulturelle Reise werden, die von der Vergangenheit in die Gegenwart führt und von der wir Geschenke mit zurückbringen.

Ich weiß nicht, wie andere darüber denken, aber wenn ich meine Kindheitserinnerungen an den Ramadan an meinem geistigen Auge vorbeiziehen lasse, erkenne ich prompt, dass die Fastenmonate in früheren Zeiten viel fröhlicher und beschwingter waren als heute. Dann sehne ich mich sehr nach ihnen zurück.

Der erste Ramadan, den ich ganz bewusst erleben durfte und in dem ich erstmals auch selbst fastete, fiel in einen bitterkalten Winter. Es schneite viel, und rechts und links der Straßen türmten sich Berge von Schnee auf, die monatelang nicht schmolzen. Lange scharfe Eiszapfen hingen von den Dächern herab, und wenn einmal die Sonne schien, funkelten sie im Licht. Unser liebstes Vergnügen bestand darin, mit Holzschlitten die Straßen und Hügel der Parks hinunter zu sausen. Eine der Straßen in unserem Viertel war ziemlich steil und in den Wintermonaten oft mit einer Schicht Eis überzogen. Wenn wir uns dort oben auf unsere Schlitten schwangen und todesmutig zu Tal stürzten, fühlten wir uns, als wüchsen uns Flügel. Damals - in den 1960er Jahren - gab es bei uns zu Hause noch kaum Autos, die uns hätten aufhalten können.

Wenn Kinder mit dem Fasten begannen, wurden sie von ihren Eltern sehr liebevoll umhegt. Unsere Hosentaschen waren meist voll gestopft mit Iftar-Süßigkeiten, und wir konnten es kaum erwarten, sie endlich aufzuessen - Bonbons, geröstete Kichererbsen, Walnüsse, aber auch viele Delikatessen, die die Kinder heute zum Teil gar nicht mehr kennen wie z.B. getrocknete Feigen und Maulbeeren oder Johannisbrotbohnen (die Schokolade ähneln), und natürlich köstliche Lutscher in allen Geschmacksrichtungen und Farben. Hin und wieder wurde uns die Zeit bis zum Fastenbrechen zu lang, und wir wurden quengelig. Dann nahmen uns die Älteren beiseite, beschäftigten sich intensiv mit uns und trieben ihre Späße mit uns, um uns abzulenken.

Eine oder zwei Minuten vor dem Fastenbrechen wurde allabendlich mit einer Kanone von der Burg über der Stadt ein Schuss abgefeuert. Dieser signalisierte den Gläubigen, dass die Zeit des Fastenbrechens gekommen war. Jeden Tag von neuem liefen wir Kinder auf die Straße hinaus, um uns anzusehen, wie die Kanone farbige Stofflumpen in die Luft schoss. “Die Kanone wurde abgefeuert, die Kanone wurde abgefeuert!”, schrien wir um die Wette. Voller Bewunderung betrachteten wir auch die Minarette, die in hellem Licht erstrahlten.

Die Iftar-Mahlzeiten waren kärglich, dafür aber umso leckerer. Alle Mitglieder der Familie versammelten sich um einen Tisch auf dem Boden, und gierig verschlangen wir, was Gott uns in Seiner Barmherzigkeit bereitgestellt hatte - vor allem Kartoffeleintopf und Suppe. Ich werde nie den riesigen dampfenden Topf und den Teekessel auf dem Herd vergessen. Die alten Kessel pfiffen ja noch, wenn das Wasser kochte. Direkt nach dem Iftar-Mahl wurde Tee serviert. Im Anschluss verrichtete man dann das Tarawih-Gebet - 33 Zyklen (Rak’at), die gemeinschaftlich in der kleinen Holzmoschee am Ende der Straße gebetet wurden. Noch heute klingen mir die vom Muezzin rezitierten Schönen Namen Gottes Ya Hannan und Ya Mannan im Ohr. Wir Kinder standen in den letzten Reihen zusammen und konnten nicht aufhören zu kichern. Als man sich dann gegenseitig grüßte und das Gebet beendete, trafen uns die warnenden und wütenden Blicke der Älteren. Aber das machte uns nichts aus. Nach dem Gebet spielten wir Verstecken oder veranstalteten Schneeballschlachten und empfanden dabei ein unbeschreibliches Vergnügen.

Wenn der Ramadan in den Winter fiel, ging er immer sehr schnell vorüber. “O du lieber Ramadan”, pflegten die älteren Gläubigen dann zu klagen, “wie schnell bist du nur vergangen!” Die Festtage, die Tage des Id, vermochten sie jedoch ein wenig zu trösten. Vor dem Fest ging es bei den Vorbereitungen hoch her. Die Mütter und Tanten füllten große Töpfe mit gefüllten Weinblättern und kochten eine besondere Festsuppe. Auch Süßspeisen - Bakhlava - durften natürlich nicht fehlen. Diese drei Speisen bildeten das Grundgerüst unserer Id-Tafel. Direkt nach dem letzten Fastenbrechen schnappten wir Kinder uns außerdem einen langen spitzen Stock und rannten damit singend von Haustür zu Haustür, damit uns die Tanten spezielles Gebackenes darauf aufspießten. Dieser Brauch gehört zu meinen ausgeprägtesten Kindheitserinnerungen.

Insgesamt sind mir die lebendige Atmosphäre des Ramadan und die Aufregung, die er uns verspüren ließ, in bester Erinnerung geblieben. Dieser Monat wurde immer schon lange im Voraus sehnlichst erwartet. Er war so etwas wie ein verschollenes Familienmitglied, das lange verreist war und nun zurück erwartet wurde. Auch sein erneuter Aufbruch glich dann einer traurigen, sehr emotionellen Abreise. Die Freuden des Festes entschädigten uns aber ein wenig für den Abschiedsschmerz und ermöglichten uns eine sanfte Rückkehr in die Normalität.

Speziell in den Großstädten ist die spirituelle Atmosphäre des Ramadan heute nicht mehr so stark zu spüren wie früher. Ich denke, heute kann nicht mehr die Rede davon sein, dass der ‚Sultan der 12 (islamischen) Monate‘ den Geist der Menschen inspiriert und ihrem Lebensrhythmus seinen Stempel aufdrückt. Wenn man heute fastet, wird das nur solange toleriert, wie es den normalen gewohnten Tagesablauf nicht durcheinander bringt. Man muss schon früh am Morgen zur Arbeit erscheinen und darf seinen Arbeitsplatz erst am Ende des Arbeitstages verlassen, egal zu welcher Zeit die ‚Kanone abgefeuert‘ wird (welche Kanone überhaupt?). Früher war der Ramadan ein absolut einzigartiger Monat, der sich von den übrigen Monaten so sehr unterschied wie die Nacht vom Tage. Das Leben der Menschen, das 11 Monate lang in ruhigen Bahnen dahingeflossen war, sprühte plötzlich nur so von Energie und Tatkraft.

Früher kannte man gar kein ‚Nachtleben‘ nach Einbruch der Dunkelheit. Die Straßen waren dann wie leer gefegt und die ganze Stadt in tiefe Stille gehüllt. Die einzigen Geräusche, die nachts noch zu vernehmen waren, waren gelegentlich ein Pfiff eines Nachtwächters, Hundekläffen oder vereinzelte Schritte von Menschen, die eilig nach Hause hasteten.

Der Dichter Ahmet Haschim schrieb einmal: “Für die Menschen damals begann der Tag nicht um Mitternacht, um 24 Stunden später bei der nächsten Mitternacht zu enden. Wir hatten kurze, bescheidene und klar strukturierte Tage, die vom Aufgang der Sonne bis zum Sonnenuntergang reichten.” Diese beschauliche Art zu leben wurde jedoch regelmäßig mit Beginn des Ramadan auf den Kopf gestellt. Denn dann wimmelten die Straßen auch nachts nur so von Menschen. Kaffeehäuser, Läden und sogar staatliche Behörden waren bis zum Frühmal (dem Sahur) geöffnet. Die Straßen waren hell erleuchtet von Lichterketten, Laternen und Fackeln. Und die angestrahlten Minarette der Moscheen veredelten die dunkle Silhouette der Städte.

11 Monate lang dämmerten die Straßen unserer Stadt des Nachts vor sich hin. Die Nächte des Ramadan jedoch standen mit ihren Vergnügungen und Unterhaltungsangeboten nach dem Iftar-Mahl und insbesondere nach dem Tarawih-Gebet in scharfem Kontrast zu der intensiven und ernsthaften religiösen Atmosphäre des Tages. Die Attraktionen, die uns dann erwarteten, betrachteten wir als eine Art Belohnung für unseren Verzicht auf Essen und Trinken und dafür, dass wir auch all unsere anderen Gelüste tagsüber im Zaum hielten.

So ruhig es in den übrigen Monaten nachts war, so ruhig ging es im Ramadan tagsüber zu. Die Schönheit, die spirituelle Faszination und die Freude des andächtigen und geduldigen Wartens unmittelbar vor dem Iftar-Mahl kann wohl nur von Menschen nachempfunden werden, die selber fasten. Kinder von heute, die in modernen Großstädten leben, in denen die Lichter auf Grund der verschmutzten Luft verblassen, können sich außerdem kaum noch vorstellen, wie wunderbar der Anblick der Laternen und Fackeln war, die die pechschwarzen Nächte der Vergangenheit in helles Licht tauchten.

Hochgefühle schenkten uns Kindern sicherlich auch die Id-Gebete und die Tarawih-Gebete. Voller Vorfreude trafen wir uns in der Moschee und besuchten dort die Gemeinschaftsgebete. Hier lernten wir auch, wie wir uns in der Gemeinschaft zu benehmen hatten. Nach den Id-Gebeten umarmten sich die Nachbarn und gratulierten einander im Hof zum Fest. Die schönsten Feierlichkeiten fanden jedoch im kleineren Kreis zu Hause statt. Nach dem geschäftigen Treiben des Vormittags pflegten die angesehensten Mitglieder der Nachbarschaft zusammenzukommen und der Reihe nach allen Häusern einen Besuch abzustatten. Damit wollte man verhindern, dass sich irgendjemand einsam fühlte.

Der Glanz der Vergangenheit mag inzwischen ein wenig verblasst sein; aber der Ramadan ist auch heute noch ein wunderbarer Monat, der von den meisten Menschen in den muslimischen Gesellschaften feierlich begangen wird. In anderen Ländern wiederum teilen Muslime seine Schönheit auch mit Nichtmuslimen, wenn z.B. im Rahmen von interreligiösen Veranstaltungen zum Fastenbrechen eingeladen wird. Jede Gesellschaft benötigt Feste, die gemeinsam erlebt werden und so das Zusammengehörigkeitsgefühl der Menschen stärken. Ein schönes Sprichwort sagt nämlich: Geteilte Freude ist doppelte Freude, und geteiltes Leid ist halbes Leid. 

Besir Ayvazoglu

Letzte Änderung am 05.06.2016
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