Wer stellt uns die Landkarte zur Verfügung, die uns eine Gesamtansicht der Schöpfung liefert?

Der bekannte muslimische Gelehrte Said Nursi (1873-1960) hat sich zeit seines Lebens sehr intensiv mit dem Koran befasst. Sein mehrbändiges Werk Risale-i Nur (Abhandlungen des Lichts) präsentiert uns zahllose Wahrheiten, die der Autor dem Koran entnommen oder aus ihm abgeleitet hat. Schaut man genauer hin, wird man feststellen, dass diese Wahrheiten ganz unterschiedlichen Disziplinen zuzuordnen sind - Wissenschaft, Kultur, Philosophie oder Politik etwa, um nur einige zu nennen. Einer dieser Wahrheiten, die bislang, wenn überhaupt, dann viel zu wenig Beachtung fand, möchte ich mich in diesem Artikel widmen. Sie lautet, dass alle Wahrheiten Gottes zusammen ein feines Gleichgewicht bilden und dass der Koran dieses Gleichgewicht wahrt.

Nursi bewertet dieses Gleichgewicht als absolut einzigartig. Kein Werk selbst der bedeutendsten Künstler, kein Beitrag selbst der bedeutendsten Denker und keine Tradition selbst der rechtschaffensten Menschen zeichnet sich durch eine ähnliche Ausgewogenheit aus. Alle anderen Leistungen, egal auf welchem Gebiet sie erbracht werden, sind auf ein oder allenfalls zwei Äste des Baumes der Wahrheit beschränkt und widmen sich allein deren Blättern und Früchten. Naturgemäß vernachlässigen sie dabei die übrigen Äste, Blätter und Früchte - manchmal weil sie sie einfach nicht zur Kenntnis nehmen wollen, meistens aber aus Unwissenheit. Dies entspricht dem Prinzip der Arbeitsteilung, das ja an und für sich sehr positiv zu sehen ist. Denn erst die Arbeitsteilung garantiert uns, dass wir uns auf einzelne Dinge konzentrieren können. Nur ist diese Spezialisierung ein zweischneidiges Schwert: So wertvoll sie auch ist, sollte man dabei nie das große Ganze aus den Augen verlieren.

Der Ozean der Wahrheiten

Said Nursi vergleicht das Gleichgewicht der Wahrheiten mit einem sehr großen Schatz, den eine Gruppe von Tauchern am Meeresgrund entdeckt. Jeder der Taucher sieht nur einen Bruchteil des Schatzes und leitet daraus eine bestimmte Vorstellung von dem Schatz ab, die ganz und gar nicht der Vorstellung der anderen Taucher entspricht. Was nun den Koran betrifft, so sagt Nursi: „Der Koran, dieser Ozean der Wahrheiten, beinhaltet und ‚sieht‘ den ganzen Schatz und beschreibt dessen Juwelen in einer sehr harmonischen und ausgewogenen Art und Weise, die ihre ganze Schönheit ans Licht bringt.“ (Said Nursi, 25. Wort)

Ich denke, dass diese Worte noch einiger Erläuterungen bedürfen. Viele meinen, unser Universum berge viele unterschiedliche, voneinander unabhängige Wahrheiten in sich. Doch das ist eine Illusion. Richtig ist vielmehr, dass es nur eine einzige Wahrheit gibt, die viele unterschiedliche Verzweigungen und Aspekte (Teilwahrheiten) besitzt. So kreisen beispielsweise Astronomen, Zoologen, Historiker, Biologen, Psychologen, Philosophen, Ethiker usw. um eine einzige Wahrheit - jedoch auf unterschiedlichen Bahnen. Was viele Menschen (unter ihnen auch viele Intellektuelle und Wissenschaftler) zu der Fehleinschätzung verleitet, es gebe viele verschiedene wissenschaftliche Wahrheiten, die nichts miteinander zu tun haben, ist die gigantische Dimension dieser Wahrheit mit all ihren Verzweigungen und Aspekten. Oft interessiert es die einen Wissenschaftler nicht, was ihre Kollegen in anderen Disziplinen herausgefunden und entdeckt haben, und so beschränken sich die meisten ganz auf die Teilwahrheit, an der sie gerade forschen.

Leider sind die Erkenntnisse, die solche Wissenschaftler mit beschränktem Horizont auf ihren jeweiligen Gebieten sammeln, zwangsläufig immer unvollständig und teilweise auch irreführend. Weder löschen sie den Wissensdurst der Betreffenden, noch erfüllen sie deren Hoffnungen. Stattdessen sorgen sie nur für Verwirrung. Je stärker sich diese Leute auf ihr Spezialwissen konzentrieren, desto häufiger stoßen sie auf Wege, die sie in die Irre führen; extrem kurvenreiche und schwer gängige Wege, die schließlich auf endlos weite Ebenen hinaus führen, welche kaum noch zu überschauen sind.

Teilwissen

Einzelne Elemente der großen übergeordneten Wahrheit mögen bei oberflächlicher Betrachtung wie völlig losgelöste, unabhängige Wahrheiten erscheinen. In Wirklichkeit jedoch ähneln sie den vielen Kapiteln eines bedeutenden wissenschaftlichen Werkes, das auf ganz unterschiedliche Themen eingeht. Was hätte man schon davon, wenn man sich lediglich mit einem einzigen Kapitel befassen und nur dieses eine Kapitel wieder und wieder durchleuchten würde? Und was hätte man andererseits davon, wenn man sich zwar mit allen Kapiteln befassen würde, dies aber ohne jedes System und ohne eine bestimmte Reihenfolge zu beachten? Egal wie gründlich und gewissenhaft man das Studium dieses wissenschaftlichen Werks betriebe, erhielte man doch bestenfalls einige unvollständige Informationen und halbfertige Konzepte. Man würde unwissend bleiben, selbst wenn man mit Glück noch einige Halbwahrheiten herausfiltern könnte. Gleiches gilt für das Universum: Ein aufmerksames Auge sollte erkennen, dass auch das Universum ein Buch ist, dessen einzelne Elemente und Wahrheiten alle miteinander verbunden sind, auch wenn sie noch so isoliert und disharmonisch erscheinen mögen.

Der Beweis für diese Tatsache, die Said Nursi so schön auf den Punkt bringt, liegt darin, dass so viele Gelehrte und Philosophen von Weltrang gegen Ende ihres Lebens die eigene Unwissenheit beklagen und völlig die Orientierung verlieren. Als Beispiel sei hier der prominente Mathematiker und Philosoph Bertrand Russell genannt. In seiner Autobiografie bekennt er, in seinem Leben vieles von dem gefunden zu haben, von dem er einst träumte, so z.B. auch Liebe und inneren Frieden. Bei seiner Suche nach Erkenntnis hingegen sei er vollends gescheitert.

Albert Einstein, der ‚Vater‘ der Relativitätstheorie, der die Gesetze von Raum, Zeit und Schwerkraft erforschte, litt unter dem gleichen Problem und gestand einem Freund, dass die Informationen, die er im Laufe seines Lebens über das Universum gesammelt hatte, ihn vor ein Rätsel stellten, welches er nicht zu lösen im Stande sei. Auf die Frage, ob er denn eine Vorstellung davon habe, was ihn nach seinem Tod erwarte, sagte er lediglich: „Ich weiß es nicht.“

Und auch Friedrich Engels, einer der ‚Väter‘ des Kommunismus, schrieb einmal über das Universum: „Wie wenig wissen wir von der Entstehung der Blutkörperchen, und wie viel Mittelglieder fehlen uns heute noch, um z.B. die Erscheinungen einer Krankheit mit ihren Ursachen in rationalen Zusammenhang zu bringen! Dabei kommen oft genug Entdeckungen vor wie die der Zelle, die uns zwingen, alle bisher festgestellten endgültigen Wahrheiten letzter Instanz auf dem Gebiet der Biologie einer totalen Revision zu unterziehen und ganze Haufen davon ein für alle Mal hinweg zu fegen.“ Und er fährt fort: „Noch schlimmer aber steht es mit den ewigen Wahrheiten in der dritten Gruppe von Wissenschaften, der historischen Wissenschaft... Auf dem Gebiet der Menschengeschichte sind wir mit unserer Wissenschaft noch weit mehr im Rückstand als auf dem der Biologie... Und die Generationen, die uns einst berichtigen werden, dürften wohl viel zahlreicher sein als diejenigen, deren Erkenntnis wir heute - oft genug mit beträchtlicher Geringschätzung - zu berichtigen im Stande sind.“

Ich bin fest davon überzeugt, dass extreme philosophische Doktrinen wie Idealismus, Existenzialismus, Pragmatismus usw. vor allem aus einem unvollständigen Wissen über die Gesamtstruktur der Schöpfung resultieren - wobei ich betonen möchte, dass jedes Teilwissen an sich durchaus korrekt sein kann.

Aber Teilwissen allein vermag genauso wenig den Verstand zu überzeugen wie der Seele Frieden zu schenken. Einen Wert erhält es nur dadurch, dass es sich in eine Gesamtstruktur einordnen lässt, die alles, was existiert, umfasst: Menschheit, Universum, Leben und die feinen Beziehungen zwischen diesen grundlegenden Polen. Ein solches Gesamtwissen muss nicht besonders tief und präzise sein. Entscheidend ist vielmehr, dass es korrekt und ganzheitlich ist.

In diesem Zusammenhang möchte ich an eine wissenschaftlich belegte Tatsache erinnern, die meine Annahme bestätigt: Untersucht man 20% einer Masse, die aus vielen unterschiedlichen Bestandteilen besteht, erhält man keineswegs - wie man vielleicht glauben würde - 20% der Gesamtinformationen über diese Masse, sondern kaum mehr als 1%. Doch nicht nur das, außerdem bekommt man auch noch einen falschen Gesamteindruck vermittelt. In unseren Kontext übertragen bedeutet dies, dass ein Teilwissen, welches sich nicht in eine Gesamtstruktur einordnen lässt, lediglich Illusionen liefert, die die entsprechenden Forscher jedoch für korrekte und wissenschaftliche Informationen halten. Ein anderes Beispiel: Was bringt es uns, wenn wir eine Lupe über eine Landkarte halten und uns ausschließlich auf den einen Ausschnitt konzentrieren, den uns die Lupe vergrößert? Durch die Lupe sehen wir gerade und krumme Linien und vielfarbige Flächen. Wenn wir Glück haben, stoßen wir auch auf einige Städte- oder Flussnamen. Doch nichtsdestotrotz handelt es sich dabei um totes Wissen. Denn erst wenn wir diese Informationen in einen Gesamtzusammenhang einordnen können, erst wenn wir wissen, dass wir hier einen winzigen Ausschnitt einer großen Landkarte vor uns haben, können wir das, was uns dieser Ausschnitt an Wissen bietet, auch richtig einstufen, nutzen und wertschätzen.

Vor dem gleichen Problem steht ein Wissenschaftler, der die Wahrheit über die Schöpfung herausfinden möchte und sich dabei auf einen einzigen ihrer Teile oder Aspekte beschränkt. Auch er wird am Ende nur über totes Wissen verfügen, das gar nichts über das Universum als Ganzes aussagt. Die wissenschaftliche Gewissheit, nach der er sich so sehnt, wird er nie finden können.

Übergeordnetes Wissen

Nachdem ich versucht habe zu erklären, wie wichtig ein übergeordnetes Wissen ist, stellt sich natürlich die Frage, wie man an ein solches Wissen herankommt. Um in obigem Bild zu bleiben: Wer stellt uns die Landkarte zur Verfügung, die uns eine Gesamtansicht der Schöpfung liefert und uns zeigt, welche Beziehungen zwischen den grundlegenden Elementen und den unzähligen Teilen bestehen?

Said Nursi versichert uns, dass uns eine solche Landkarte nur der Koran bietet. Einzig und allein zu diesem Zweck wurde er einst offenbart. Er soll die Menschheit unterrichten - über sich selbst, über Gott und über die Schöpfung. Der Koran ist das Wort des Schöpfers dieses Universums. Das sollten wir uns immer wieder neu bewusst machen. Nur deshalb kann er ein umfassendes Bild von der Einheit der erschaffenen Dinge und Wesen zeichnen, die in wunderbarer Harmonie miteinander verknüpft und ineinander verwoben sind. Wer sich intensiv dem Studium des Korans widmet, wird feststellen, dass er uns Menschen zunächst mit uns selbst, unseren Eigenschaften und unseren Aufgaben im Leben bekannt macht. Dann geht er auf das Leben selbst ein, auf alle wichtigen und weniger wichtigen Aspekte, die dazu gehören. Dabei kommt er auch auf Anfang und Ende des Lebens und auf das, was uns nach diesem Leben erwartet, zu sprechen. Anschließend lässt uns der Koran einen Blick auf allgemeine Phänomene in unserer Umwelt werfen und erläutert uns, in welchem Verhältnis wir zu ihnen stehen. Im Rahmen dessen präsentiert er uns zahlreiche unabänderliche Vorgänge, die keiner Entwicklung und keinem Wandel unterworfen sind, und Symbole, aus denen wir Nutzen ziehen können. Dem Koran zufolge besteht die Struktur der Schöpfung aus vier grundlegenden Komponenten: Mensch, Leben, Universum und allen übrigen Elementen. Diese sind die Quellen aller Erkenntnis.

So lässt der Koran die Gesamtkomposition der Schöpfung vor unseren Augen sichtbar werden. Wenn wir von unten zu ihr aufschauen, gleicht sie einem gewaltigen Baum mit einem riesigen Stamm, von dem sich unzählige Äste zum Himmel recken, die mit Blättern und Früchten geschmückt sind. Wenn wir das Bild dieser Gesamtkomposition einmal verinnerlicht haben, können wir im Ozean der Schöpfung baden und tief in jeden beliebigen Aspekt und Teilbereich eintauchen. Die Gefahr, uns in einem Labyrinth zu verirren oder auf Grund eines verengten Sichtfeldes falsche Schlüsse zu ziehen, ist dann gebannt. Wer diese übergeordnete Gesamtkomposition stets im Hinterkopf hat, ist gegen Täuschungen gefeit. Er weiß, dass kein Teil unabhängig von den anderen Teilen existiert und dass sich nichts widerspricht, auch wenn es auf den ersten Blick den Anschein haben mag.

Dieses Verinnerlichen der Gesamtkomposition ist gemeint, wenn im Koran immer wieder der Stellenwert des Wissens betont wird und wenn es dort heißt, dass nur derjenige in der Lage ist, Gott auf angemessene Art und Weise zu dienen, der Wissen besitzt: Von all Seinen Dienern empfinden nur diejenigen, die echtes Wissen besitzen, Ehrfurcht vor Gott. (35:28) Diejenigen hingegen, die mit der Lupe auf winzige Ausschnitte der Landkarte schielen und dabei übersehen, in welchen größeren Zusammenhang diese Ausschnitte einzuordnen sind, werden im Koran so beschrieben: Sie wissen nur (von dem was ihre Sinne) von den Äußerlichkeiten des Lebens dieser Welt (erreicht). (30:7) Man mag zwar einwenden, dass sich das Wort Äußerlichkeit (arab: Zahira) in diesem Vers eher auf ein oberflächliches Verständnis der Dinge bezieht, und nicht unbedingt auf jene Gesamtkomposition. Aber auch das oberflächliche Verständnis einer Sache ist ein Wissen, dessen sich jemand rühmt, obwohl er die ganze Wahrheit und die Bedeutung dieser Sache nicht kennt bzw. ermessen kann.

Gelehrte wie Russell, Einstein oder Engels glaubten und bedauerten, gegen Ende ihres Lebens nicht viel klüger zu sein als zuvor. Aber wie verhielt es sich mit ähnlich prominenten muslimischen Wissenschaftlern? Gab es unter jenen, die die Wissenschaften des Universums im Lichte des Korans studierten, auch Menschen, für die der Tod ein verwirrendes Mysterium darstellte - so wie für Einstein? Und darüber hinaus: Kommt es vor, dass Menschen, nachdem sie auf die Bedeutung der universellen Landkarte des Korans gestoßen sind, aus ihrem Leben herausgerissen werden und in verwirrende Unwissenheit oder in trostlose Dunkelheit stürzen? Nein, im Gegenteil. Dieses Schicksal droht allein jenen Wissenschaftlern und Philosophen, die ihre wissenschaftlichen Streifzüge in großer Distanz zum Koran unternehmen. Denn nur der Koran verschafft uns Menschen eine übergeordnete Wahrnehmung von der Schöpfung.

Wer das nicht wahrhaben will, schaue sich nur einmal die Biografien von berühmten Wissenschaftlern an, die den Koran als Quelle der Erkenntnis akzeptierten, und vergleiche sie mit denen anderer Wissenschaftler. Keiner von ihnen wurde von seinen Erkenntnissen aus der Bahn geworfen, keiner von ihnen litt am Ende seines Lebens unter Hoffnungslosigkeit. 

Ramadan al-Buti

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