Kritisches Denken erlaubt uns, die Wahrheit vom Mythos zu unterscheiden.

Der ägyptische Nobelpreisträger Ahmad Zewail spricht über den Stand der Wissenschaft in der muslimischen Welt und macht geltend, dass eines der vorrangigen Bildungsziele die Förderung des kritischen Denkens sein soll. Prof. Zewail betont, dass die Botschaft des Propheten Muhammad eine Botschaft des Friedens und des kritischen Denkens sei, die dem Fortschritt der Menschheit zugute komme. Prof. Zewail behandelt zwei Fragen: Wie praktiziert man kritisches Denken, und welche Vorteile ziehen Individuen und Gesellschaft daraus?

Ganz ähnlich wie Prof. Zewail argumentierte vor 1.000 Jahren bereits der berühmte Gelehrte Ibn al-Haytham:

„Ein Wahrheitssucher ist nicht der, der die Schriften der Altvorderen studiert und - seinem Naturell folgend - sein Vertrauen in sie setzt, sondern der, der seinem Glauben an sie (diese Schriften) misstraut und das, was er in ihnen findet, hinterfragt; der, der Argumenten und Beweisen folgt, und nicht den Worten von Menschen, deren Natur doch nur so strotzt von Unvollkommenheit und Unzulänglichkeiten. Wer die Schriften von Wissenschaftlern liest und die Wahrheit herausfinden möchte, muss sich also zum Feind seiner Lektüre machen; er muss seinen Geist sowohl auf den Kern als auch auf die Ränder dessen richten, womit er sich gerade beschäftigt, er muss es von allen Seiten angreifen. Bei dieser kritischen Prüfung sollte er auch sich selbst hinterfragen, um weder in Voreingenommenheit noch in Nachlässigkeit zu verfallen.“[i]

Jedem Menschen ist die Fähigkeit zu denken gegeben. Sie ermöglicht der Menschheit Entwicklung und Fortschritt. Während wir denken, verarbeiten wir die Informationen, die uns zufließen, auf der Grundlage unseres bisherigen Wissens. Dieser Prozess läuft bei jedem einzelnen Menschen viele Male am Tag ab. Das würde wohl niemand ernsthaft bestreiten. Als Ergebnis dieser Denkprozesse fällen wir Urteile - jedoch keineswegs immer die richtigen. Häufig liegen wir falsch in unseren Entscheidungen, und das ist der Punkt, an dem uns ‚kritisches‘ Denken weiterhelfen kann.

Längst steht das systematische Denken auf den Lehrplänen der Schulen und natürlich der Universitäten, und die Erziehung zum kritischen Denken ist ein wesentliches Element dieser Ausbildung. Doch obwohl in diesem Punkt allgemeine Übereinstimmung herrscht, existiert keine allgemein akzeptierte Definition; hier nur eine von vielen:

„Unter kritischem Denken versteht man eine zielgerichtete, selbstgesteuerte Bewertung, die Interpretation, Analyse, Bewertung und Schlussfolgerung nach sich zieht sowie ein Durchdringen der überprüfbaren konzeptionellen und methodischen Überlegungen, auf die sich die Bewertung stützt.“[ii]


Aus dieser recht kompliziert klingenden Definition und dem Zitat von Ibn-al Haytham lassen sich vier wichtige Punkte ableiten:

  1. Wenn Sie eine Aussage lesen oder hören, akzeptieren Sie sie nicht, ohne sie zu hinterfragen!
  2. Suchen Sie nach anderen Informationen, die die Aussage stützen oder widerlegen können! Vielleicht finden Sie ja einen Weg, die Gültigkeit oder Falschheit der Aussage zu belegen.
  3. Wenn Sie eine Aussage kritisch prüfen, vergessen Sie dabei nicht Ihre eigenen Schwächen und Unzulänglichkeiten! Möglicherweise haben Sie Vorurteile, die Ihnen noch nicht einmal bewusst zu sein brauchen. Außerdem gelangen wir ja nicht nur aufgrund von Voreingenommenheit zu Fehlurteilen. Daneben gibt es noch eine Menge weiterer Fehlerquellen.
  4. Führen Sie sich bewusst vor Augen, mit welchen Methoden Sie eine Aussage prüfen, und denken Sie darüber nach, wo die Stärken und Schwächen dieser Methoden liegen!

Kritisches Denken bei der Informationsbeschaffung

Vom kritischen Denken können wir Tag für Tag profitieren. Ein gutes Beispiel ist die Informationsbeschaffung: Würden wir alles, was uns in der Zeitung, im Internet und im Fernsehen präsentiert wird, ungeprüft als wahr akzeptieren, dann könnten wir sehr leicht manipuliert oder getäuscht werden. In einer idealen Welt dürften wir davon ausgehen, dass Nachrichten stets objektiv recherchiert und dargestellt sind. In der realen Welt dagegen sind diejenigen, die die Nachrichten für uns aufbereiten, auch nur Menschen, die genau wie wir anfällig für Vorurteile sind. Oftmals propagiert eine Zeitung oder ein Fernsehsender auch bestimmte Werte, Ideologien oder politische Positionen. Und außerdem ist die öffentliche Berichterstattung im Allgemeinen so kommerzialisiert, dass Redakteure und Reporter sich vor allem eines überlegen müssen: wie sie am meisten Leser oder Zuschauer für ihre Artikel bzw. Sendungen gewinnen können. Da ist es gewissermaßen zwangsläufig, dass Vereinfachungen und eingängige Worte gegenüber schwierigen (aber trotzdem eigentlich notwendigen) Erklärungen bevorzugt werden. Bevor wir also Medienberichte als wahr und zutreffend einstufen und unsere Schlussfolgerungen aus ihnen ziehen, sollten wir die angeblichen Fakten und Interpretationen immer erst hinterfragen - ebenso wie auch unsere eigenen Vorurteile zu den jeweiligen Themen.

Diese kritische Haltung gegenüber den Medien können wir auch auf die Bildung übertragen. In der Schule bekommen die Schüler von ihren Lehrern jeden Tag neue Informationen präsentiert. Obendrein sollen sie natürlich auch noch den Stoff der Lehrbücher durcharbeiten. Oft genug schlucken sie dann einfach, was man ihnen an Wissen vorsetzt, und oft genug werden sie sogar ausdrücklich dazu aufgefordert, es zu schlucken, ohne groß nachzufragen. Das ist traurig, denn wer im Unterricht und beim Lesen von Lehrbüchern kritische Fragen stellt, erfährt dadurch nicht nur Dinge, die ihm sonst verborgen bleiben würden, sondern er kann sich den Lernstoff auf diese Weise auch viel leichter einprägen. Ganz abgesehen davon liegt der Sinn und Zweck von Schulen und Universitäten ja vor allem darin, ihre Absolventen auf das Leben vorzubereiten. Und jeder weiß doch, dass die Probleme des realen Lebens nie so klar definiert sind, dass sie sich allein mit Hilfe von Lehrbüchern lösen ließen. Deshalb müssen Schüler und Studenten lernen, zu hinterfragen, was sie hören und lesen. Die konventionelle Lehrmethode - aktiver Lehrer und passive Schüler - regt allerdings nicht unbedingt zu kritischem Denken im Klassenzimmer an. Auch sie sollte kritisch hinterfragt werden.

Kritisches Denken ist also etwas Positives, das den Schülern systematisch beigebracht werden sollte. Dabei ist zu beachten, dass das Denken bei jedem Menschen eine Entwicklung durchläuft, was bei dem einen schneller, bei dem anderen langsamer geschieht. Grob lassen sich drei Phasen unterteilen: In unseren ersten Lebensjahren gehen wir allgemein davon aus, dass es auf jede Frage eine bestimmte Antwort gibt. Und so suchen wir nach Autoritäten, die uns zufriedenstellende Antworten liefern können. Wenn wir älter werden, wird uns jedoch allmählich klar, dass es Fragen gibt, zu denen viele verschiedene Autoritäten ganz unterschiedliche Ansichten vertreten, die nicht miteinander vereinbar sind. Diese Beobachtung macht uns möglicherweise zu Relativisten, die der Ansicht sind, alles sei relativ; es hänge lediglich davon ab, wen man fragt. Wenn wir nun nicht in unserer geistigen Entwicklung stecken bleiben, werden wir irgendwann feststellen, dass wir trotz aller unterschiedlichen Meinungen unsere eigenen Entscheidungen treffen müssen und dass einige Standpunkte mehr Argumente auf ihrer Seite haben als andere. Kritisches Denken hilft uns dabei, weniger zuverlässige Informationen herauszufiltern und zu besseren Ergebnissen zu gelangen. In einigen schwierigen Fällen werden wir auch erkennen, dass es mehr als ein richtiges Urteil gibt.

Je älter wir werden, desto leichter fällt es uns in der Regel, kritisch zu denken. Grundschüler werden wahrscheinlich noch annehmen, dass es auf jede Frage genau eine richtige Antwort gibt. Schüler einer Realschule oder eines Gymnasiums dagegen sollten bereits wissen, dass es auf ein und dieselbe Frage verschiedene Antworten geben kann, abhängig davon, wen sie fragen. Und wenn sie schließlich ihren Abschluss machen, wird von ihnen erwartet, dass sie Informationen kritisch bewerten können. Dieser Prozess ist sehr wichtig für das Funktionieren der Gesellschaft. Wenn er erfolgreich verlaufen soll, muss er aber nach Kräften gefördert werden. Wird dem bloßen Auswendiglernen mehr Wert beigemessen als einer kritischen Bewertung, dann braucht man sich nicht zu wundern, wenn selbst Hochschulabsolventen noch naive Relativisten sind oder sogar in die erste der drei Phasen zurückfallen.

Kritisches Denken, aber wie?

Kritisches Denken erlaubt uns, die Wahrheit vom Mythos zu unterscheiden. Ein Beispiel: Oft heißt es, der Mensch nutze in der Regel nur etwa 10 Prozent seiner Gehirnkapazitäten; ausgenommen davon seien lediglich Genies wie Albert Einstein. Das hört sich zunächst einmal recht plausibel an. Doch ist es das wirklich? Schauen wir doch einfach mal ein bisschen genauer hin und fragen kritisch nach:

  • Was genau bedeutet es eigentlich, 10 Prozent des Gehirns zu nutzen?
  • Wer hat diese Behauptung in die Welt gesetzt? Ein Neurowissenschaftler?
  • Wie wurde die Gehirnnutzung gemessen?
  • Einstein lebte vor langer Zeit. Wurde seine Gehirnaktivität mit dem gleichen Verfahren gemessen wie die der Kontrollgruppe? Oder warum ist man sich sonst so sicher, dass er größere Areale seines Gehirns nutzte?

Wer diesen Fragen nachgeht, wird schnell feststellen, dass die Behauptung nicht wissenschaftlich belegt ist. Vielleicht sollte mit dieser Aussage ursprünglich verdeutlicht werden, dass viele Menschen nicht das volle Potenzial ihres Gehirns ausschöpfen - was wahr sein könnte. Aber mit den Erkenntnissen der modernen Hirnforschung stimmt die Behauptung keineswegs überein. Es handelt sich also um einen Mythos.

Ertan Salik

Anmerkungen


[i] Steffens, Bradley; Ibn-al Haytham: First Scientist; Morgan Reynolds Publishing

[ii] Critical Thinking: A Statement of Expert Consensus for Purposes of Educational Assessment and Instruction, American Philosophical Association Report, 1990

Letzte Änderung am 22.10.2017
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