Eine kleine Stellungnahme von uns über die Verstärkung der Vorurteile durch mediale missverständliche Auswertung der aktuellen Kriminalstudie über muslimische Schüler

In der vergangenen Woche wurde eine Studie bezüglich der Ursachen von Zuwandererkriminalität und den Zusammenhang von Gewalttaten und Zuwanderung veröffentlicht. Sie wurde im Auftrag des Bundesfamilienministeriums vom Kriminalwissenschaftler Christian Pfeiffer geleitet und durchgeführt.

Die Studie wird normalerweise seit 1998 vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) regelmäßig durch Schülerbefragungen hinsichtlich der Kriminalität ohne religiöse Erfragungen durchgeführt. Erstmals wurden 2015 auch Daten über die islamistische Einstellung der befragten Schüler erhoben.

Laut der Studie wurden 10.638 Jugendliche der neunten Jahrgangsstufe befragt, 500 von ihnen gaben an, muslimischen Glaubens zu sein. Dabei nahmen nicht alle Muslime zu den ihnen präsentierten Aussagen Stellung – rund 280 von ihnen gingen jeweils auf sie ein. Die Autoren verweisen darauf, dass die Gruppe vergleichsweise klein sei, dennoch halten sie die Ergebnisse für veröffentlichungswürdig.

Das Problem ist, dass man bei der Berechnung der Prozentsätze nur die 280 Schüler berücksichtigt, wodurch es zum Missverständnis kommt und die Anteile höher erscheinen, als sie es sind. Es geht hier um eine täuschende Schlussfolgerung.

In einem Bericht sieht die Auswertung so aus: Jeder Dritte (29,9 Prozent) der muslimischen Schüler, die Angaben machten, kann sich „gut vorstellen, selbst für den Islam zu kämpfen und mein Leben zu riskieren“. Der Aussage „Die islamischen Gesetze der Scharia, nach denen zum Beispiel Ehebruch oder Homosexualiät hart bestraft werden, sind viel besser als die deutschen Gesetze“ stimmten 27,4 Prozent zu.

Auffallend ist, dass in relevanter Größenordnung sogar die sunnitische Miliz Islamischer Staat (IS) und  Terroranschläge begrüßt werden. So finden es 8,0 Prozent der befragten jungen Muslime richtig, dass ihre Glaubensbrüder im Nahen Osten versuchen, durch Krieg einen Islamischen Staat zu gründen; 3,8 Prozent bejahten gar den Satz „Muslimen ist es erlaubt, ihre Ziele notfalls auch mit terroristischen Anschlägen zu erreichen.

Bekanntlich erlebte der IS in der Zeit, zu der die Schüler befragt wurde, eine Hochphase.

Ein knappes Fünftel stimmte der Aussage zu „Muslime werden auf der ganzen Welt unterdrückt; dagegen müssen sie sich mit Gewalt zur Wehr setzen“ (19,8 Prozent). Fast ebenso viele bejahten den Satz „Es ist die Pflicht jedes Muslims, Ungläubige zu bekämpfen und den Islam auf der ganzen Welt zu verbreiten“ (18,6 Prozent). Ein knappes Fünftel fand auch, dass „gegen die Feinde des Islams“ mit aller Härte vorgegangen werden müsse (17,7 Prozent). Tendenziell war die Zustimmung bei den männlichen Schülern etwas höher als bei den weiblichen – die Unterschiede waren aber nicht signifikant.

Inwieweit diese prozentuelle Auswertung irrenführend ist, wird durch folgende Beispiele ersichtlich:

Nur 84 von 500 muslimischen Schülern können sich „gut vorstellen, selbst für den Islam zu kämpfen und ihr Leben zu riskieren“. Berechnet man nun den prozentualen Anteil, sinkt der eben genannte Prozentsatz von 29,9 Prozent auf 16,8 Prozent.“ Von 500 muslimischen Schülern finden nur 77 Schüler die islamischen Gesetze beispielsweise bei Ehebruch oder Homosexualität „viel besser als die deutschen Gesetze“. Das entspricht einem Prozentsatz von 15,4 Prozent entspricht und nicht wie oben genannt 27,4 Prozent.

Es bejahten 52 Schüler von 500 muslimischen Schüler den Satz „Es ist die Pflicht jedes Muslims, Ungläubige zu bekämpfen und den Islam auf der ganzen Welt zu verbreiten“, welches 10,4 Prozent entspricht und nicht 18,6 Prozent.

Angemessener wäre folglich die Benennung der absoluten Zahlen, da andernfalls, wie aus den Beispielen hervorgehend, die unreflektierte Auswertung auf Grundlage der Aussagen von lediglich 280 statt insgesamt 500 befragten Schülern zu einem Trugschluss führen würde. An dieser Stelle ist auch anzumerken, dass alle Befragten muslimischen Glaubens sind, nicht nur der berücksichtigte Anteil von 280 Schülern.

Die genannten 8 Prozent der Schüler, welche die Gründung eines Islamischen Staates für richtig empfinden, sowie die 3,8 Prozent der Schüler, die terroristische Anschläge bejahen, erscheinen angesichts der geringen prozentualen Anteile als unbeachtlich und stellen eine relative Minderheit dar.

 

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Außerdem können die gestellten Fragen an die muslimische Schülerschaft aus rein pädagogischer Sicht verwerflich sein, zumal Neuntklässler in Relation gesetzte Fragen wie: - „Grundgesetz oder Islam?“; „Muslime oder Nicht-Muslime?“- mit teils rein identitätsstiftender Ambition beantworten können. Im Jugendalter sind viele Schüler auf der Suche nach entsprechenden Rollen und Indikatoren, die ihre Identität widerspiegeln. Zudem ist die Suche für Jugendliche mit Migrationshintergrund wesentlich obsessiver. Ob diese Identität stiftenden Rollen oder Indikatoren positiv einzuordnen sind, ist für die meisten Jugendlichen irrelevant. Somit ist auch die Entgegnung auf die in der Studie genannten Fragen einer instinktiven Reaktion zuzuschreiben. Auch Thomas Bliesener, Direktor des KFN, sagte dazu der WELT, in der Vergangenheit sei „in ähnlichen Schülerbefragungen eher ein Hang zur Übertreibung feststellbar.“[1]

In politisch turbulenten Zeiten Deutschlands bedarf es umso mehr einer differenzierten Auswertung solcher Studien, um auf mediale Weise keine Angst zu schüren und die Probleme realistisch ohne „Panikmache“ an der Hand zu halten.

Dennoch möchten wir die Ergebnisse der Studie nicht verharmlosen oder gar verniedlichen. Es liegt in unserem Interesse die Sachlage realistisch und mit Bedacht auszuwerten und alle Faktoren und scheinbaren Kausalitäten genauer zu untersuchen. Dies kann nur unter der Einbindung aller Probanden geschehen.

Viele aktuell geführte gesellschaftliche Diskurse kreisen um den Islam oder die Flüchtlingspolitik besonders vorangetrieben durch die rechtsradikale Wählerschaft, sodass eine stärkere Achtsamkeit bei der medialen Aufarbeitung solcher Studien geboten ist. Andernfalls kann es zu einer Anreicherung rechtsradikaler Meinungen und der Befestigung von Stereotypen kommen, welches nicht im Interesse unserer Demokratie ist.

Abdurrahman Hatipoglu

 

[1]https://www.welt.de/politik/deutschland/article172327527/Kriminalitaetsstudie-Islamistische-Tendenzen-im-Klassenzimmer.html

Letzte Änderung am 12.01.2018
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