Warum ist die Äußerung "Der Islam gehört nicht zu Deutschland" in vielerlei Hinsicht absurd? 

Was ist die eigentliche Ursache, dass ein richtiger innermuslimischer Dialog bis jetzt nicht zu Stande gekommen ist?

Ich weiß es nicht, ob Herr Seehofer weiß, dass seine Äußerung „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“ die Gesellschaft spaltet. Er hat sich bestimmt aus einem bestimmten Anlass, nehmen wir mal an, wegen der verlorenen Stimmen an die AfD, so geäußert. Weiß er denn überhaupt, wie so eine Formulierung auf die Muslime in Deutschland wirkt? Ich glaube nicht.

Der Satz ist in vielerlei Hinsicht absurd. Erstens stimmt er in historischer Perspektive nicht. Wäre eine Renaissance ohne die muslimische Gelehrsamkeit und die Übersetzungsarbeiten der muslimischen Gelehrten aus der antikischen Zeit überhaupt möglich gewesen? Wäre die europäische Aufklärung ohne die Wirkung der andalusischen Zivilisation und Gelehrsamkeit möglich?

Ein bisschen mehr Geschichtsbewusstsein könnte man schon erwarten, wenn Politiker sich zu Fragen der kulturellen Identität äußern. Hätte Seehofer das Buch von Sigrid Hunke „Allahs Sonne über dem Abendland: Unser arabisches Erbe“ oder die mehrbändige Wissenschaftsgeschichte des Islams von Fuat Sezgin überflogen, oder nur einen Blick geworfen auf die Begriffe arabischen Ursprungs in der deutschen Sprache, die mit Wissenschaft und Kultur zu tun haben, wäre ihm das Leugnen islamischer Einflüsse vielleicht nicht über die Lippen gekommen.

Zweitens ist die Formulierung sowohl diskriminierend als auch integrationshemmend. Er sagt damit indirekt, dass auch Muslime nicht zu Deutschland gehören, auch wenn er in einem Nebensatz nachschiebt, dass die hier lebenden Muslime zu Deutschland gehören. Wie soll das denn gehen, wenn er sagen will, dass Muslime zu Deutschland gehören, aber ihre Religion nicht? Natürlich gehört ein Muslim mit seinem Islam zu Deutschland. Wenn seine Äußerung nicht reine Demagogie ist, welche Botschaft will er denn damit an die Muslime senden? Er verstärkt das Gefühl, nicht dazuzugehören, das ohnehin viele Muslime überdeutlich empfinden.

Es dient auf gar keinen Fall einem Wir-Gefühl und einer Willkommenskultur, für die er sich ja anscheinend auch einsetzt. Seine undurchdachte und unglückliche Formulierung dient auch nicht der Anerkennung und Wertschätzung einer „fremden“ Kultur, ohne die keine Integration gelingen kann. Dadurch nähert er sich nur der populistischen Agitation der AfD und stärkt zudem die Positionen der radikalen Neosalafisten. Was er sagt, wird so verstanden: Die Muslime gehören nicht zu uns, sie müssen sich in unsere Kultur integrieren. Wie soll das gehen, Herr Seehofer?

Drittens finde ich es einfach schade, wenn die Diskussion auf der Basis einer so undifferenzierten Äußerung geführt wird. Welches Problem wird überhaupt dadurch gelöst? Nicht ein einziges!

Es geht hier nicht um den Islam, sondern um Menschen. Um viele Menschen, die versuchen, in Deutschland eine Heimat und ihr Glück zu finden. Um viele Menschen als Gastarbeiter, die zeitlebens hier unter schwierigen Umständen gearbeitet und zum Wohlstand des Landes beigetragen haben. Um Menschen, die sich seit Jahrzehnten wegen diskriminierender Haltungen und Äußerungen sowie negativer Berichterstattungen in diesem großartigen Land nicht heimisch fühlen. Somit liefert seine Äußerung negative Impulse für Muslime und sehr positive Impulse für Leute, die mehr oder weniger zur AfD-Wählerschaft gehören. Welchen Interessen leistet er am Ende damit Vorschub?

Will er denn nicht, dass sich Muslime hier integrieren und ein Wir-Gefühl entwickeln? Will er nicht, dass sich Muslime hier sicher fühlen und in Frieden leben sowie ihre soziale Probleme mit einem gesunden Menschenverstand gelöst werden? Es wäre auch gut, wenn Herr Seehofer einschätzen könnte, dass die Probleme der Muslime oft nicht religiöser, sondern sozialer und wirtschaftlicher Natur sind.

Es spielt überhaupt keine Rolle, ob der Islam zu Deutschland gehört oder nicht. Muslime werden mit ihrem Islam in diesem Land so oder so weiterleben. Vielleicht kann man als letztes hinzufügen, dass ein Diskussionsaspekt der undifferenzierten Äußerung Seehofers durchaus berechtigt sein kann. Welcher Islam kann und soll zu Deutschland gehören und welcher nicht? Passt z.B. der Islam saudi-arabischer Prägung hierzulande? Eine solche Frage müsste auch von vielen Muslimen und muslimischen Gemeinden gestellt werden. Sie wird aber nicht ansatzweise diskutiert, weil viele muslimische Gemeinden oder Strömungen den Islam als Ganzheit sehen und dessen Vertretung allein für sich beanspruchen. Der ganze Islam existiert in ihren Augen in jeder muslimischen Bewegung oder Gemeinschaft selbst. Das ist auch die eigentliche Ursache, warum ein innermuslimischer Dialog bis jetzt nicht zu Stande gekommen ist. Viele Muslime sprechen nach außen gerichtet von einem vielfältigen und universellen Islam, aber setzen dies innerhalb ihrer Gemeinde nicht in die Tat um. Denn es fehlt immer noch ein freiheitliches, pluralistisches Demokratieverständnis.

Deshalb brauchen wir unbedingt einige Adjektive oder Ergänzungen, die beschreiben sollen, was für eine islamische Einstellung wir vertreten. In einem Rechtsstaat, in dem Muslime wie alle anderen ihre Religion praktizieren können, müssen sie sich auch zum Grundgesetz und den dort verankerten Werten loyal verhalten. Denn Recht und Ethik spielen im gesellschaftlichen Leben eine wichtige Rolle, worauf auch die Religion einen positiven Einfluss nehmen kann. Anstatt der irreführenden Aussage von Seehofer wäre es hilfreicher, wenn die Muslime so aufgeklärt und gefördert werden, dass sie sich mit ihrer Religion richtig auseinandersetzen und ihre Religion so reflektiert wahrnehmen, dass sie auch grundgesetzkonform handeln können. Erst dann können Muslime mit ihrem friedlichen und weltoffenen Islam in diesem Land einen beachtenswerten Platz finden. Und ein solcher Islam gehört zweifelsohne zu Deutschland, wenn auch Muslime immer noch immense Probleme in puncto Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, Laizismus, Meinungsfreiheit, Menschrechte etc. haben.

Wenn Muslime irgendwann ihre Religion mit diesen Begriffen vereinbaren und dies verinnerlichen können, dann werden sich auch die religionsbedingten sozialen Probleme deutlich verringern oder sogar auflösen. Und dann wird sich auch die Frage sich erübrigen, ob der Islam zu Deutschland gehört oder nicht. Denn der Islam ist ja schon in Deutschland und Europa.

Muhammet Mertek

Letzte Änderung am 02.04.2018
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