Fernseher und Computer, Spielkonsolen und Telefon gehören heute längst zur Grundausstattung von fast jedem Kinderzimmer.

Safak Türk

Seitdem die Menschheit die Schrift erfunden hat, mit der sie ihr kulturelles Erbe an die Folgegenerationen weitergeben kann, wissen wir, dass bestimmte Themen Dauerbrenner sind, die nie an Popularität eingebüßt haben. Dazu gehören beispielsweise die Frage nach der richtigen Erziehung unserer Kinder oder auch unser tägliches Unbehagen über die „Zeitvertreibe“ unserer Jugend. So verwundert es nicht, dass auf einer Tontafel aus Mesopotamien von ca. 2200 v. Chr. mit Keilschrift Folgendes festgehalten ist: „Unsere Jugend ist heruntergekommen und zuchtlos. Die jungen Menschen hören nicht mehr auf ihre Eltern, die nur das Beste für sie wollen. Das Ende der Welt ist nahe.“

Der große Philosoph Aristoteles, der damals schon den Kosmos zu erklären wusste, verlieh seiner Verzweiflung mit den Worten Ausdruck: „Ich habe überhaupt keine Hoffnung mehr in die Zukunft unseres Landes, wenn einmal unsere Jugend die Männer von morgen stellt. Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen.“ Mit der Zeit änderten sich die Rahmenbedingungen und mit ihnen auch die Forderungen der Erwachsenen, die sich jedoch nach wie vor als wissend betrachteten und die nach wie vor an demselben Problem nagten wie ihre Vorgängergenerationen. Einige von Idealismus Getriebene unterbreiteten auch Lösungsvorschläge. Gregor von Tours (580 n. Chr.) etwa meinte, einen Ausweg aus der Misere zu kennen: „Die Flammen der jungen Leidenschaft kann man lediglich mit der Hilfe der klösterlichen Aufsicht und einer strengen Disziplin besiegen“.

Hier ließen sich problemlos noch etliche weitere Zitate ähnlichen Inhalts hinzufügen, jedoch besteht wahrscheinlich „das größte Übel der heutigen Jugend darin, dass man nicht mehr dazugehört“. (Salvatore Dali) Als Nicht-mehr-Dazugehörige sehen und verstehen wir die Welt auf andere Weise als unsere Kinder, die eigentlich seit Jahrhunderten biologisch und sozial determinierten Mustern des „Sich-Entwickelns“ folgen und für ihr Erwachsenwerden lediglich das nutzen, was wir Erwachsene ihnen anbieten und was ihnen vom Schöpfer in die Wiege gelegt wurde.

Jeder, der entweder als Elternteil oder als Pädagoge schon einmal mit Erziehungsfragen konfrontiert wurde, wird zugeben, dass die Erziehung einen sehr schwierigen Balanceakt darstellt. Ebenso wenig wie es das typische Kind gibt, gibt es die typische Erziehung. Folglich werde ich mich hüten, Ihnen in den folgenden Zeilen aufzuzeigen, welches die ‚richtige‘ Erziehung ist; dieser Versuch wäre von vornherein zum Scheitern verurteilt. Vielmehr möchte ich auf ein Phänomen zu sprechen kommen, das einer positiven Erziehung bzw. Entwicklung unserer Kinder im Wege steht. Die Rede ist von virtuellen Welten, die tagtäglich das Leben vieler Kinder und Jugendlicher dominieren.

Es ist eine Tatsache, dass Fernseher und Computer, Spielkonsolen und Telefon längst zur Grundausstattung von fast jedem Kinderzimmer gehören. Der kindliche Umgang mit diesen Geräten ist indes höchst umstritten. Manchmal kommt es vor, dass ich von wissbegierigen Eltern auf der Suche nach Patentlösungen gefragt werde, ob ich ihnen nicht vielleicht eine gute Fernsehsendung oder ein gutes Computerspiel empfehlen kann. Doch damit tue ich mich schwer, denn eigentlich erscheint es mir zu oberflächlich, über die inhaltliche Qualität bestimmter Angebote zu diskutieren. Das geht meines Erachtens am Thema vorbei.

Es liegen jede Menge Studien vor, die zumeist von Mediengesellschaften in Auftrag gegeben wurden und angeblich belegen, dass TV-Konsum gut und notwendig für Kinder ist. Bei eingehenderen, weniger zweckorientierten Recherchen wird man jedoch auch auf viele Arbeiten stoßen, die zu ganz anderen Ergebnissen kommen. Die Folge ist, dass viele Eltern, die sich mit dieser Thematik befasst haben, danach noch verwirrter und ratloser waren als vorher. Nur allzu oft kratzen entsprechende Debatten lediglich an der Oberfläche des eigentlichen Problems und sind daher wenig zielführend. Die Klärung der Frage, ob die Beschäftigung mit virtuellen Welten einen destruktiven oder konstruktiven Einfluss auf Kinder ausübt, bedarf meiner Ansicht nach eines Ansatzes, der weitaus tiefer greifen und eher neurobiologischer Natur sein sollte.

Es ist noch nicht lange her, da waren in neurobiologischen Kreisen viele Experten der Auffassung, dass die potentiellen Nervenbahnen heranwachsender Menschen in der Individualentwicklung automatisch durch genetische Programme zusammengestöpselt würden (Ontogenese). Man hielt also die hochkomplexen neuronalen Netzwerke des menschlichen Organismus - Denken, Fühlen und Handeln - für genetisch vorprogrammiert. Heute jedoch gilt es als gesichert, dass sich die notwendigen Verknüpfungen im Gehirn ganz allmählich bilden, und zwar durch regelmäßige Stimulation. Die Quelle dieser Stimulation ist die konkrete Lebenswirklichkeit des Individuums. Die anfänglich bei jedem Menschen in fast gleicher Anzahl überreichlich vorhandenen Nervenzellverknüpfungen sind ein Geschenk, das Gott fair verteilt hat. Dann aber kommt es ganz darauf an, ob diese auf die konkrete Lebenswelt vorbereitenden Verknüpfungen durch regelmäßige Nutzung aufrechterhalten und gestärkt werden oder ob sie sich infolge von Nichtnutzung zurückbilden und schrumpfen. Warum sollte ein Körper, bei dessen Gestaltung eine Ordnende Hand nichts dem Zufall überließ, denn auch Nervenbahnen bestehen lassen, die nicht länger genutzt werden? Warum sollte er darauf Energie verschwenden? Das wäre doch genau so, als würde man eine viele Millionen Euro verschlingende Straße bauen, auf der anschließend kein Auto fährt.

Die Bewältigung der Realität braucht Körpererfahrungen

Zur Vorbereitung auf das reale Leben und um ihnen zu ermöglichen, dass sich ihre wichtigsten neuronalen Schaltkreise aufbauen, müssen Kinder vor allem Erfahrungen mit der Realität sammeln. Diese Erfahrungen bezeichnet Prof. Gerald Hüther vom Neurobiologischen Institut in Göttingen als Körpererfahrungen; und es sind Erfahrungen, die kein Bildschirm zu bieten hat, ganz gleich, welches Programm dort läuft. Körpererfahrungen zeichnen sich in erster Linie dadurch aus, dass man eine Beziehung zu seinem inneren Kern aufbaut, ihn zu verstehen versucht und auf seine Bedürfnisse eingeht. Nur wer eine gesunde Beziehung zum eigenen Körper pflegt, kann das richtige Gefühl für ihn entwickeln und somit auch seine kognitiven Potentiale zur Entfaltung bringen. Studien beweisen, dass Grundschüler, die besonders gut im Rechnen sind, auch besonders gut balancieren können. Sie besitzen somit gute motorische Fähigkeiten, die sie sich aber erst einmal aneignen mussten. Wer seinen Körper im Gleichgewicht zu halten vermag, schult dadurch sein abstraktes Denkvermögen und ist den Herausforderungen des Lebens besser gewachsen. Ein Kind jedoch, das vor dem Fernseher oder vor dem Bildschirm sitzt, spürt seinen Körper in dem Moment gar nicht. Weshalb denn auch? Es braucht lediglich seine Augen und einen gemütlichen Liege- oder Sitzplatz. Es wird vom Sog der digitalen Bilder erfasst und kaum das Bedürfnis haben, herumzuspringen, zu krabbeln oder auf Bäume zu klettern. Jede Minute, die ein Kind vor dem Fernseher verbringt, ist gestohlene Körperlernzeit.

Was bedeutet Lernen mit dem Körper?

Lernen mit dem Körper bedeutet, am eigenen Leib Erfahrungen zu machen. Dafür müssen wir unsere Kinder nicht sofort in einen Sportverein schicken oder Berge mit ihnen besteigen. Eine sehr fruchtbare Körperlernübung ist zweifellos das Singen, denn dabei geschieht etwas Wunderbares. Das Kind muss seine Stimmbänder virtuos modulieren, bis es haargenau den richtigen Ton trifft. Eine bessere feinmotorische Übung gibt es nicht. Die gezielte Modulation der Stimmbänder bahnt für die Zukunft hoch differenzierten Betrachtungsweisen den Weg. Es fördert sozusagen das hochkomplexe Denken. Außerdem hat das Singen noch einen weiteren wünschenswerten Nebeneffekt: Während man singt, treten alle Angstgefühle in den Hintergrund. Kein Wunder also, dass Menschen beim Gang in den Keller gerne singen. Das tun sie sicherlich nicht, um die Mäuse zu unterhalten.

Was passiert dabei in unserem Gehirn?

Der durch solch einfache Methoden in Gang gesetzte Verknüpfungsprozess der notwendigen Schaltkreise findet im sogenannten präfrontalen Cortex statt, im Frontallappen direkt hinter der Stirn. Er ist das Zentrum, in dem unser Selbstbild im wahrsten Sinne des Wortes heranwächst, ja ausgemalt wird. Er ist das Zentrum, das für die Planung von Handlungen, für die Kontrolle von Impulsen und für das Aushalten von Frustration zuständig ist. Diese drei Kompetenzen sind für unser späteres Leben ganz entscheidend. Je nachdem, wie gut es uns gelingt, dieses Kompetenzdreieck auszubalancieren, sind wir mehr oder weniger erfolgreich, von Pessimismus geplagt oder strahlende Optimisten. Die Ausprägung der notwendigen Netzwerke im Frontallappen vollzieht sich aber nur dann, wenn das Kind schon vor dem sechsten Lebensjahr entsprechende Erfahrungen macht - in der Auseinandersetzung mit den Dingen und durch die Beeinflussung und Gestaltung der Dinge, nicht aber durch die Verdinglichung der eigenen Person, wie sie etwa vor dem Bildschirm stattfindet.

In den 90-er Jahren brach eine neue Zeit über uns herein. Seitdem fällt es uns zunehmend schwerer, uns dem Tempo der technischen Entwicklungen anzupassen und den Sinn all der neuen Produkte zu verstehen. Man konsumiert nur noch, ohne zu hinterfragen. Auch Kinder sind bereits mit diesem Phänomen konfrontiert; und weil sie die vorhandenen digitalen Medien weder selber verändern noch selbst gestalten können, verlieren sie zwangsläufig irgendwann ihren natürlichen Drang, nach Kausalitäten zu suchen. Man kann an einem Fernseher nichts verändern, nur umschalten oder abschalten. Vor dem Bildschirm entwickeln die Kinder eine passive Haltung, eine Haltung des Einfach-so-Hinnehmens. Ein Kind, das beim ersten Betrachten von Fernsehbildern dem Hasen noch so gern verraten möchte, wo der Fuchs auf der Lauer liegt, wird spätestens nach mehreren Wochen Fernsehkonsum seine Selbstwirksamkeit in Frage stellen; und schon bald schlägt dieses Infrage-Stellen in völlige Resignation um. Dies hat gewiss nicht nur Folgen für den Einzelnen, sondern erst recht für die Gesellschaft, in der dann viele Missstände als gegeben hingenommen werden. Wenn wir früh gelernt haben, dass wir ohnehin nichts verändern können, lassen uns selbst die Bilder der schlimmsten Hungerkatastrophe nahezu unberührt.

Wir müssen uns eingestehen, dass sich die Welt der Erwachsenen und damit natürlich auch die der Kinder in den letzten Jahrzehnten radikal verändert hat. Wir sind nicht mehr in der Lage zu erfassen, wie alltägliche Gebrauchsgegenstände im Kern funktionieren. Zumeist haben wir es mit hochkomplizierten technischen Kausalzusammenhängen zu tun. Die Zeiten, in denen man sich selbst und anderen die Dampfmaschine oder das Fahrrad und deren Funktionen leicht erklären konnte, sind vorbei. Das Entwicklungspotential, das sich im Auseinandernehmen und Wiederzusammensetzen eines Weckers verbirgt, wird leider nur noch selten genutzt. Wir leben im sogenannten Informationszeitalter, und doch sind wir kaum dazu in der Lage, Ursache und Wirkung von so hochkomplexen Dingen wie etwa einem Smartphone zu begreifen.

Dass sich unser Gehirn allem anpasst, was wir oft und mit Begeisterung tun, ist von Gott so vorgesehen. Im vergangenen Jahrhundert haben uns Maschinen begeistert, und diese Begeisterung hat dann Einzug in unsere Sprache gehalten. So bezeichnen wir unser Herz als Pumpe und reden von verschlissenen oder verrosteten Gelenken. In der Gegenwart wiederum begeistern wir uns für Fernseher und Computer, Spielkonsolen oder auch Handys. Letztere werden mit Vorliebe auch zum Schreiben von SMS genutzt. Das erfordert Fingerfertigkeit. Und es ist neurobiologisch bewiesen, dass sich die für die Kontrolle des Daumens zuständige Hirnregion in den letzten 10 Jahren stark ausgeweitet hat. Nur stellt sich da die Frage, ob Jugendliche und damit letztendlich auch die Zukunft der Gesellschaft von einer perfekten Daumenbeherrschung profitieren. Wohl kaum!

Die Zeiten und Umstände verändern sich, und mit ihnen die Herausforderungen. Der Mensch kann an ihnen wachsen oder zerbrechen. Doch er ist und bleibt ein Mensch. „Alle Kinder“, versichert uns Hermann Hesse, sind „solange sie noch im Geheimnis stehen, ohne Unterlass in der Seele mit dem einzig Wichtigen beschäftigt, mit sich selbst und mit dem rätselhaften Zusammenhang ihrer eigenen Person mit der Welt ringsumher. Sucher und Weise kehren mit den Jahren der Reife zu dieser Beschäftigung zurück, die meisten Menschen aber vergessen und verlassen diese innere Welt des wahrhaft Wichtigen schon früh für immer und irren lebenslang in den bunten Irrsalen der Sorgen, Wünsche und Ziele umher, deren keines in ihrem Innersten wohnt, deren keines sie wieder zu ihrem Innersten und nach Hause führt.“

Literatur

  • Michels, Volker (Hrsg.); Hesse für Gestreßte; Frankfurt a. M., Leipzig 1999
  • Bergmann, Wolfgang & Gerald Hüther: Computersüchtig. Kinder im Sog der virtuellen Medien, Düsseldorf 2006
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