Immer wieder fanden Machtkämpfe unter Muslimen in den Emiraten wie Cordoba, Sevilla und Granada statt, meistens genährt durch die vorherrschende Stammesmentalität. Natürlich gab es nicht nur Streitigkeiten um den Thron. So kam es auch zu Bücherverbrennungen sowohl unter sogenannten Kalifen als auch Kardinälen.

Im Jahr 711 eroberte Tariq bin Ziyad Andalusien. Aber in fast jeder Stadt vertrat man eigene politische Interessen und strebte nach dem Kalifenamt oder dem Emirat. Im Jahr 778 ersuchte z.B. der Kalif von Saragossa Sulayman bin al-Arabi den König Karl den Großen um Hilfe gegen den Emir von Cordoba Abdurrahman. Karl der Große belagerte monatelang die Stadt erfolglos.

Später fanden immer wieder Machtkämpfe unter Muslimen in den Emiraten wie Cordoba, Sevilla und Granada statt, meistens genährt durch die vorherrschende Stammesmentalität.

Natürlich gab es nicht nur Streitigkeiten um den Thron. So kam es auch zu Bücherverbrennungen sowohl unter sogenannten Kalifen als auch Kardinälen. Obwohl Abi Amir Almansor die Kunst und Kultur unterstützte und 987 die große Moschee von Cordoba prachtvoll erweitern ließ, ordnete er auch zum Wohlwollen der islamischen Rechtsgelehrten an, die philosophischen Bücher zu verbrennen. Weiter unternahm er in seiner 24-jährigen Regierungszeit 52 Kriegszüge zu nördlichen Gebieten Spaniens und ließ 985 sogar Barcelona plündern.

 

Kathedrale in Sevilla/Spanien

 

Es vergingen genau 500 Jahre. Und dieses Mal revanchierten sich die christlichen Spanier mit einer Bücherverbrennung. Der letzte Schritt der Reconquista gegen die muslimischen Mauren geht 1492 mit der Eroberung Granadas zu Ende. Ein paar Jahre später (1499) ließ Kardinal Jimenez de Cisneros etwa 5000 Bücher über Islam, Philosophie, Geschichte und Naturwissenschaft verbrennen. Nur etwa 300 Bücher über Medizin und Mathematik blieben verschont und wurden in die Bibliothek seines Klosters gebracht.

Tariq bin Ziyad stellte seinen Fuß auf den Schatz des spanischen Königs in Toledo und sagte, ohne sich an dem Sieg zu berauschen: „O Tariq, du warst gestern ein berberischer Sklave, heute bist du ein siegreicher Kommandant, pass auf, morgen wirst du unter der Erde zur Rechenschaft gezogen.“ So manifestierte er die Eroberung. Jimenez jedoch verwischte alle Spuren der Eroberung und der nachfolgenden islamischen Zivilisation durch die Bücherverbrennung am gleichen Ort.

 

G72 1905

9783843029025

Der deutsche Dichter Heinrich Heine stellt die damalige Bücherverbrennung in seinem Drama „Almansor“ (1821) auf bewegende Art und Weise und mit einer prophetischen Äußerung dar.

Damit wir sehen, wie treffend seine Interpretation damals war und auch heute noch ist, möchte ich den Dialog zwischen Almansor und Hassan wortgetreu zitieren:

Hassan:
Gibt's irgendwo 'nen Glauben zu verschachern,
So sind zuerst die Pfaffen bei der Hand.

Almansor:

Bald hörten wir daß auch der große Zegri,
In feiger Todesangst, das Kreuz umklammert;
Daß vieles Volk dem Beispiel Großer folgte,
Und Tausende ihr Haupt zur Taufe beugten; -

Hassan:

Der neue Himmel lockt viel alte Sünder.

Almansor:

Wir hörten daß der furchtbare Ximenes,
Inmitten auf dem Markte, zu Granada -
Mir starrt die Zung im Munde - den Koran
In eines Scheiterhaufens Flamme warf!

Hassan:

Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher
Verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.

 

Die prophetische Äußerung von Heinrich Heine über die Bücherverbrennung setzten 1933 in Deutschland die Nazis in die Realität um und nur einige Jahre später wurden Millionen Menschen in Gaskammern grausam vergast und verbrannt.

Ich weiß nicht, ob Heine auch wusste, dass der gleichnamige Kalif von Cordoba, Almansor, im Jahr 999/1000 die philosophischen Bücher verbrennen ließ.

 

Bundesarchiv Bild 183-30858-001 Berlin Bucherverbrennung

IMG 2950

Man darf also sagen: Eine Bücherverbrennung war und ist im wahrsten Sinne des Wortes brandgefährlich – denn sie richtet sich nicht einfach gegen Ideen, sondern letztendlich gegen die Menschen, die dahinterstehen. Die Geschichte zeigt, dass nach den Büchern die Menschen ins Feuer getrieben werden, und deshalb gilt der Satz: Wehret den Anfängen! Wo immer Bücherverbrennungen stattfinden, muss man sie als menschenverachtend und verbrecherisch bezeichnen! Dies ist zum Beispiel eine Lehre, die man nur ziehen kann, wenn man die Hintergründe und Opfer vieler Siege kennt.

 

Gedenken Bucher Juden 770     Ofen Gaskammer 770

 

Kürzlich besuchte ich Andalusien und hatte dabei die Gelegenheit, die spanische Atlantikküste sowie die Metropolen Sevilla und Cordoba zu besichtigen, wo ich über all diese Geschehnisse Gedanken machen konnte. Diese Region, in der sich Muslime über 700 Jahre aufhielten und durch ihr Wissen und ihre Lehren erleuchteten, während sich weite Teile Europas noch im überwiegend rückständigen Zustand befanden, wollte ich auf meiner Reise kennenlernen und erkunden. Dort entstand eine – global betrachtet – einzigartige Zivilisation, in der Menschen aus unterschiedlichen Religionen vorbildlich über mehrere Jahrhunderte in Frieden zusammenlebten – wovon wir heute jedoch weit entfernt zu sein scheinen.

 

G72 1939

 

Während ich die historischen Sehenswürdigkeiten besichtigte, stieß ich auch auf einige Defizite oder Oberflächlichkeiten in der Lesart der Geschichte. So ging ich davon aus, dass Muslime in Andalusien, welches sie im Jahr 711 erobert hatten, eine große Zivilisation gegründet und diese im Jahr 1492 verlassen haben.

Diese weit verbreitete Auffassung ist im Prinzip richtig, aber dennoch viel zu pauschal. Sie lässt die Herrschaft der Muslime schablonenhaft als paradiesisch und ausschließlich bereichernd erscheinen. Das hat vielleicht damit zu tun, dass viele Türken ja über die Kompetenz verfügen, die Jahrhunderte dauernde Geschichte in einem Satz zusammenzufassen. Dabei fehlt natürlich jede sozialgeschichtliche Perspektive.

Einige Muslime finden den Gedanken der „Eroberung“ so faszinierend, dass sie alle Tragödien und dramatischen Ereignisse, die damit verbunden waren – und zwangsläufig immer sein werden – gern außer Acht lassen. Diese selektive, nur auf Siege reduzierte Geschichtswahrnehmung führt zu einem oberflächlichen Nationalstolz und trägt zur Bildung einer virtuellen, über andere Menschen gestellten Identität bei. Auf diese Weise kann man aus der Geschichte keine Lehren ziehen und entwickelt kein Bewusstsein für eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Ganz im Gegenteil, die Verklärung der eigenen geschichtlichen Erfolge dient als Quelle von Überlegenheitsgefühlen, die die persönliche Identität prägen und das Selbstwertgefühl erhöhen, die aber nicht mit der aktuellen Realität in Verbindung stehen. Auf diese Weise be- oder verhindert eine einseitig reduzierte Geschichtswahrnehmung gesellschaftliche Problemlösungen in der Gegenwart. Denn es sind gerade die Schattenseiten der „großen Erfolge“, aus denen wir Lehren ziehen können.

Mein Bild Andalusiens war in meinem Gedächtnis bislang nur von Wissenschaft und Zivilisation geprägt. Auf meiner Reise sah ich aber, dass sich auch dort unzählige Tragödien ereignet hatten, die man analysieren muss, wenn man die damaligen gesellschaftlichen Zustände und Entwicklungen verstehen will.

Muhammet Mertek

Letzte Änderung am 02.12.2017
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