Die Gegnerschaft zwischen Wissenschaft und Religion ist keine Notwendigkeit.

Stephen Pant

Eine naive Wahrnehmung von Religion und Wissenschaft sieht beide Disziplinen in direktem Widerspruch zueinander, und angesichts der wechselhaften Geschichte von Religion und Wissenschaft ist das wohl auch verständlich. Beispiele wie die Inhaftierung von Galileo, der Scopes-Prozess* und in jüngerer Zeit das Thema Kreationismus prägen eben das gesellschaftliche Bewusstsein. Daher ist eine Geschichte der Konfrontation zwischen Religion und Wissenschaft nicht zu leugnen. Der Islam allerdings hatte in der Historie offenbar weniger Probleme mit der Wissenschaft, ja er hat sie sogar oft gefördert.

Dafür gibt es viele mögliche Erklärungen: nicht zuletzt die Art und Weise, wie die Wissenschaft und die Nutzung des Verstandes in islamischen Texten dargestellt werden, aber auch soziologische Faktoren wie zum Beispiel eine andere wirtschaftliche Situation der islamischen Welt im Mittelalter und interne politische Strukturen. Tatsache ist auch, dass der Koran wissenschaftliche Erkenntnisse ganz einfach nicht verneint.

Das Mittelalter (oder das finstere Zeitalter, wie es genannt wurde) der europäischen Zivilisation erstreckte sich vom 5. bis zum 16. Jahrhundert und überspannte damit das goldene Zeitalter des Islams, das vom 7. bis zum 16. Jahrhundert reichte.1 Eine Zeitlang dachte man, die islamische Wissenschaft hätte während dieser Epoche kaum mehr geleistet, als das Gedankengut der alten Griechen zu übersetzen. Inzwischen gibt es aber genügend Beweise dafür, dass in der islamischen Welt damals eine ureigene Revolution der Wissenschaft stattgefunden hat, die später noch einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung des modernen wissenschaftlichen Denkens leisten sollte.2 Zum Teil spielte die Wissenschaft im goldenen Zeitalter des Islams sicherlich deshalb eine so zentrale Rolle, weil ihre Bedeutung in den islamischen Schriften ausdrücklich betont wird. Es gibt Hunderte von Stellen im Koran, wo vom Wissen und Denken des Menschen die Rede ist, darunter auch die allererste Aufforderung Gottes an die Menschheit: Lies! Auch in den Hadithsammlungen stößt man auf Hunderte von Appellen des Propheten, nach Wissen zu streben, so zum Beispiel in dem Satz: Sucht die Wissenschaft, und sei es in China!3, wobei China aus Sicht des muslimischen Reiches das am weitesten entfernte Land der damals bekannten Welt war. Die Suche nach Wissen ist für Muslime nicht weniger als eine moralische Verpflichtung; und in der Tat wird das Lernen oft als eine Form der Anbetung Gottes und als Streben nach geistiger Vervollkommnung durch Erkenntnis betrachtet. Dieser Umstand diente selbstverständlich als Anreiz, und er schuf die Voraussetzung dafür, dass in jenem goldenen Zeitalter eine großartige wissenschaftliche Zivilisation erblühte. Die Renaissance, die auf das Mittelalter folgte, darf als das westliche Äquivalent beschrieben werden.

Die Bibel diskreditiert bestimmte wissenschaftliche Entdeckungen zwar an keiner Stelle4, aber sie bestärkt den wissenschaftlichen Forscherdrang auch nicht so nachdrücklich, wie der Koran es tut. Die Bibel vermittelt das Bild einer geordneten Welt, in der die Wissenschaft, sofern sie sich an der Wahrheit orientiert, ihren Platz hat; aber jede ihrer Belobigungen für die Wissenschaft findet sich auch im Koran wieder.

Was den Koran seinerseits so einzigartig macht, ist, dass bei ihm die Ausrede der menschlichen Fehlbarkeit nicht greift; denn er wurde bereits unmittelbar, nachdem der Erzengel Gabriel dem Propheten Muhammad die Offenbarung übermittelt hatte, niedergeschrieben. Der Prophet selbst hat ihn nach seinen Vorstellungen zusammengestellt, und seither ist der Koran unverändert geblieben, zumindest was das arabische Original betrifft.5 Die wissenschaftlichen Disziplinen, die der Koran behandelt, reichen grob gesprochen von der Astronomie über die Physik bis hin zur Biologie, und alle Aussagen, die er trifft, scheinen vollkommen im Einklang mit modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen zu stehen.6 Andererseits kann es kaum überraschen, dass der Koran keine ‚harte‘ unstreitbare Wissenschaft verficht. Die Bedeutungen vieler arabischer Wörter sind subtil und offen für Interpretationen. Dementsprechend wurden zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Interpretationen ein und derselben Passage ins Feld geführt, um unterschiedliche wissenschaftliche Erklärungen zu stützen.7

Die rasche Expansion des muslimischen Reichs zu Beginn des 7. Jahrhunderts brachte großen Reichtum und Sicherheit, und das ermöglichte natürlich - ähnlich wie im griechischen und römischen Reich zuvor - große Fortschritte in Wissenschaft und Technologie. Sobald sich ein Reich fest etabliert hat und es schafft, seine Bevölkerung ohne Probleme mit Nahrung und Sicherheit zu versorgen, kann es sich mit seiner Gestaltungskraft weniger existenziellen Problemen zuwenden und versuchen, sie zu lösen. Auf diese Weise werden große Fortschritte in Wissenschaft und Technik erzielt.8 Der Westen aber stagnierte nach dem Zusammenbruch des Römischen Reichs in diesen Disziplinen. Europa war zwar unter der Führung der Katholischen Kirche wieder vereint, aber die mittellose Arbeiterklasse und die herrschende Klasse, die nur ihre eigenen Ziele verfolgte, standen einander feindselig gegenüber. Nur wenige Menschen lebten hier in Wohlstand, während das muslimische Reich die großen Denker anzog und zum Zentrum der wissenschaftlichen Forschung avancierte. Aus dieser Perspektive betrachtet ist das goldene Zeitalter des Islams nicht so sehr eine religiöse, sondern vielmehr eine kulturelle Leistung einer aufblühenden Zivilisation.

Der Kontrast zur westlichen Renaissance ist unübersehbar. Galileo, ein Freund des Papstes und der Kirche, ist das berühmteste Beispiel. Als er Kopernikus Theorien für korrekt erklärte, wurde er kurzerhand wegen Ketzerei eingekerkert. Bekanntlich wies der Papst Galileos Argumente mit der Feststellung zurück, dieser dürfe nicht eine wissenschaftliche Theorie bestätigen, die der Heiligen Schrift widerspricht. Solange nicht gezeigt werden könne, dass Gott mit Seiner unendlichen Macht sämtliche Beweise für die Theorie hervorgebracht habe, könne die Theorie nicht als wahr gelten. Dieser extrem hohe Anspruch überforderte die Wissenschaft natürlich, er stellte jede wissenschaftliche Erkenntnis in Frage.

Galileo hatte ganz bewusst Position gegen die Kirche bezogen, und vielleicht hat er ja mehr Schaden angerichtet, vor allem was die Beziehung zwischen Religion und Wissenschaft betrifft, als ihm ohnehin schon zugeschrieben wird. Rene Descartes stand kurz davor, ein ähnliches Papier zur Unterstützung von Kopernikus zu veröffentlichen, nahm aber Abstand davon, als er sah, wie man mit Galileo umging. Zu jener Zeit mussten alle Arbeiten vor ihrer Veröffentlichung von Repräsentanten der Kirche genehmigt werden, damit kein häretisches Material publiziert wurde. Für jede wissenschaftliche Theorie, die unter Umständen der von der Kirche favorisierten Interpretation der Schrift widersprach, war das eine Katastrophe.9 Die islamische Wissenschaft hingegen vermied dieses Problem. Während sich die Kirche als Autorität gebärdete, die für eine bestimmte Interpretation der Schrift eintrat und ihre Macht mit restriktiven Maßnahmen wie Exkommunikation und Inhaftierung ausspielte, gab es im Islam keine zentrale Autorität, die   ähnlich viel Macht besessen hätte. Wenn überhaupt, dann lässt sich am ehesten noch das Kalifat mit der kirchlichen Verwaltungsform vergleichen; dessen Rolle veränderte sich mit der Zeit, eine so übergeordnete Macht wie die Kirche im Christentum erlangte es indes nie. Dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass das muslimische Reich von vielen kleinen Stämmen mit beduinischen Wurzeln sowie von Stadtstaaten gegründet wurde, die im Laufe ihrer Geschichte nie einer höheren Autorität unterstellt gewesen waren. Schon aufgrund der völlig unterschiedlichen kulturellen und geographischen Charakteristika dieser Stämme und Stadtstaaten stellte eine übergreifende Autorität eine logistische Unmöglichkeit dar. Darüber hinaus war die Legitimität der Kalifen stets umstritten, mit der entscheidenden Bruchstelle zwischen sunnitischen und schiitischen Muslimen. Erstere hielten Abu Bakr, Muhammads Schwiegervater, für den rechtmäßigen Nachfolger des Propheten, während Letztere Ali ibn Abi Talib, seinen Cousin und Schwiegersohn, bevorzugten.10

Diese Streitigkeiten erwiesen sich als ausgesprochen zäh und untergruben die Macht des Kalifats. Dabei hatte der Prophet doch unterstrichen, dass alle Muslime einem einzigen Kalifen die Treue halten sollten.11 Aufgrund dieser Uneinigkeit existierte keine allseits akzeptierte Führungsmacht, die eine einzelne maßgebliche Interpretation im ganzen Reich hätte durchsetzen können. Oft wurden die islamischen Texte von Gemeinschaft zu Gemeinschaft unterschiedlich interpretiert. Abgesehen davon verlangte aber auch der Koran keine solche Durchsetzung. Der Satz Es gibt keinen Zwang in der Religion (2:256) kann zum einen als Ausdruck von Toleranz gegenüber anderen Religionen interpretiert werden, zum anderen aber auch als Ausdruck von Toleranz innerhalb des Islams selbst. Dieser Aspekt der religiösen Toleranz hat sicherlich Anteil daran, dass Muslime grundsätzlich dazu bereit sind, alternative Interpretationen ihrer Texte zu dulden und auch Unstimmigkeiten zwischen der Schrift und den sich ständig weiterentwickelnden Hypothesen der Wissenschaft vernunftmäßig zu deuten. Weil es keine Autorität gab, die eine anti-wissenschaftliche Agenda verfolgt hätte, entwickelte sich das muslimische Reich zu einem Zentrum der wissenschaftlichen Forschung, das nicht nur der Religion ungewöhnliche Toleranz bezeigte, sondern auch wie ein Magnet auf wissenschaftlich orientierte Denker aus der gesamten Region wirkte.

Es gibt aber noch eine andere Lehrmeinung, die hier nicht übergangen werden soll; sie besagt, die These, dass Christentum und Wissenschaft in direktem Widerspruch zueinander stehen, sei haltlos. Schließlich sei die moderne Wissenschaft doch auf dem Boden des christlichen Abendlands erblüht. Außerdem hätte erst die Grundannahme, dass die Natur eine Einheit bildet und eine beobachtbare Ordnung und Organisation besitzt (eine These, die zunächst nur von der Religion vertreten wurde), der Wissenschaft ein festes Fundament verliehen, auf dem sie aufbauen konnte. Vielleicht sind Religion und Wissenschaft ja gar nicht so unvereinbar, wie sie scheinen; vielleicht beruhten ihre Auseinandersetzungen in der Vergangenheit ganz einfach auf Missverständnissen, die aber nicht von grundlegender Bedeutung für die jeweiligen Positionen sind. Es besteht kein Zweifel daran, dass Christentum und Wissenschaft früher einmal eine tolerante, wenn nicht sogar symbiotische Beziehung geführt haben; wahr ist aber auch, dass sie sich nun schon seit geraumer Zeit feindselig gegenüberstehen. Aus dieser Haltung resultierte eine Gegnerschaft, die bis heute Bestand hat12 - eine Gegnerschaft, die jedoch keine Notwendigkeit ist, wie der Islam gezeigt hat.

Es spricht demnach einiges dafür, dass die Sympathie des Islams für die Wissenschaft ein gemeinschaftliches Produkt sowohl der islamischen Texte als auch soziologischer Faktoren ist, zum Beispiel des Fehlens einer zentralen Autorität, die eine bestimmte Interpretation der Schrift für verbindlich erklärt hätte. Das Streben nach Wissen, wie vom Koran gefordert, hat den wissenschaftlichen Aufschwung mit Sicherheit begünstigt. Aber auch die Tatsache, dass es der muslimischen Bevölkerung gestattet war, die Erkenntnisse der wissenschaftlichen Gemeinschaft  in einer Weise zu interpretieren, die nicht in Widerspruch zu ihren theologischen Überzeugungen stand, bescherte der Wissenschaft einen idealen Nährboden. (Die Mitgliedschaft in einem wissenschaftlichen Zirkel schloss die Mitgliedschaft in einem muslimischen Zirkel nicht aus.) Das goldene Zeitalter des muslimischen Reiches hat den Beweis angetreten, dass Wissenschaft und Religion durchaus harmonieren können. In dieser Hinsicht kann es allen Kulturen als Vorbild dienen.


* Beim Scopes-Prozess handelt es sich um einen Prozess, der vor einem Gericht in Dayton, Tennessee, USA im Jahr 1925 ausgetragen wurde. Dort wurde ein im selben Jahr verabschiedetes Gesetz getestet, das verbot, Theorien zu lehren, die der Bibel in Bezug auf die Entstehungsgeschichte der Menschheit widersprechen. Weil der Lehrer John Thomas Scopes die Evolutionstheorie an öffentlichen Schulen gelehrt hatte, wurde er im Scopes-Prozess zu 100 Dollar Bußgeld verurteilt. Der Scopes-Prozess wurde auch unter dem Namen Scopes Monkey Trial (Affenprozess) bekannt.

(http://de.wikipedia.org/wiki/Scopes-Prozess)

Anmerkungen


[1]   H.R. Turner; Science in Medieval Islam: An Illustrated Introduction; Austin 1997, S. 5-9
[2] George Saliba; Arabic Islamic Science and the Making of the European Renaissance; Cambridge 2007
[3] A.H. Syed; Islam and Science; New Delhi 2003, S. 111
[4] Ebenda
[5] Maurice Bucaille; The Bible, the Qur’an and Science: The Holy Scriptures Examined in the Light of Modern Knowledge; Indianapolis 1978, S. 92
[6] Syed 2003, S. 116
[7] Syed 2003, S. 116
[8] F. M. Donner; The Early Arab Conquests; 1981, auf: http://www.fordham.edu/halsall/med/donner.html
[9] John Cottingham; The PhilosophicalWritings of Descartes; Cambridge 1991, S.xi–xiii
[10] Sachiko Murata & William Chittick; The Vision of Islam; New York 1994, S. xxiv
[11] A. H. Siddiqui; Translation of Sahih Muslim; 2007, 20:4543
[12] Syed 2003, S. 112-113

Letzte Änderung am 23.10.2015
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