Die islamische Kalligraphie gründet sich auf einer einmaligen Verbindung von Sprache, Schrift und Religion.

Traditionelle Kalligraphie ist eine klassische Form des Schreibens von bestimmten Textnachrichten auf Papier mit Hilfe traditioneller Methoden und Materialien. Das erste und grundlegende Qualitätskriterium eines kalligraphischen Werkes ergibt sich aus der Form des Schriftzeichens (arabisch: „Harf“), seinen Proportionen und seiner räumlichen Lage (Positionierung) innerhalb eines Gesamtwerkes.

Die Idee zu einem kalligraphischen Werk entstammt entweder der Suche nach transzendentalen Kompositionen, die ihre eigenen symbolischen und manchmal mystischen Bedeutungen haben; oder aber eine koloristische Empfindung, die durch geschichtetes Drucken von Text-Nachrichten mit verschiedenen Farbtönen und harmonischen Farben zustande kommt, will zum Ausdruck gebracht werden;letztlich kann eine Kalligraphie aber auch aus der Rekomposition bestehender kalligraphischer Werke entstehen.

Die arabische Kalligraphie – als zentraler Pfeiler der islamischen Kunst – entstand bereits zu Beginn des Islams. Sie entwickelte sich bald zu einer einzigartigen Kunstrichtung. Die Gründe für ihre Entstehung sind aber nicht nur im islamischen Verbot der Abbildung von Menschen zu finden. Vielmehr gibt es Gründe, die eng mit der Spiritualität zusammenhängen. Die eigentliche Absicht dieser Kunstform ist es, für die Religion bedeutungsvolle Worte auf die denkbar schönste Weise niederzuschreiben, um sie dadurch zum feierlichen Träger einer göttlichen Botschaft zu machen. Islamische Kalligraphie steht in unmittelbarer Verbindung zum kosmischen Rhythmus, zur Harmonie und Vollkommenheit Gottes. Die Kalligraphie ist somit eng an die jenseitige, metaphysische Realität geknüpft. Sie fokussiert die innere Welt und nicht die externe, vergängliche Welt; dementsprechend ist sie, ebenso wie der Islam, auf die Ewigkeit ausgerichtet.

Weltliche Veränderungen beeinflussen den Sinngehalt der Religion keineswegs. Viele Kalligraphen erklären, dass ihre Arbeit einen nahezu meditativen Charakter hat. Der Kalligraph Daniel Reichenbach sagt: „Sie birgt eine vollkommene Wissenschaft an Linien- und Kurvengesetzen in sich, sie strebt nach Harmonie und Ausgeglichenheit und entzückt das Auge mit ihrem Rhythmus und der Bewegung.

Ihre unzähligen Geheimnisse bieten genügend Inhalte, um ein ganzes Leben lang in ihnen zu forschen. Als Kalligraph verinnerliche ich – durch Wiederholungen der Schriftelemente – die Geometrie der Natur und somit die Geometrie meiner Seele. Die intensive Übung mit den arabischen Linien verschafft mir eine absolute Formsicherheit, die mir in meiner Tätigkeit als Gestalter zu Gute kommt.“ Die Kunst der Kalligraphie legt großen Wert auf eine ästhetische Ausgewogenheit und das Sichtbarmachen von Emotionen, weniger auf die Lesbarkeit der Schrift.

Islamische Kalligraphie ist weit mehr als bloße Schreibkunst! Sie stellt den originellsten Ausdruck islamischer Kunst dar, die direkte Reflexion des Spirituellen in ihr.

Weitere islamische Kunstformen neben der Kalligraphie sind Arabesken und Ornamente, die hauptsächlich für dekorative Zwecke eingesetzt werden. Beide aber, Kalligraphie und die dekorative Darstellung religiöser Texte, haben im Islam eine lange Tradition und eine große Bedeutung. Sowohl dem geschriebenen als auch dem gesprochenen Wort wird eine unmittelbar auf den Seelenzustand Einfluss nehmende Wirkung zugeschrieben.

Die islamische Kalligraphie gründet sich auf einer einmaligen Verbindung von Sprache, Schrift und Religion. Auch kann sie als eine Art Malerei betrachtet werden. Ein Beispiel für einen bekannten Maler, der dem künstlerischen Wert der Kalligraphie Ausdruck verlieh, war Picasso. Als er das künstlerische Moment der türkischen Kalligraphie erkannte, bekundete er: „Das ist das Ziel, das ich schon seit Jahren zu erreichen versuche!“ Weitere Maler, deren geometrische Abstraktionen unter anderem von der Kalligraphie inspiriert wurden, sind Mondrian, Klee und Magnelia.

Die Schriftarten der Kalligraphie, zu denen Deewani, Farsi, Kufi, Naskh, Req`aa und Thuluth zählen, haben sich über viele Jahrhunderte hinweg entwickelt. Zu den beliebtesten Schriftzügen zählen künstlerische Darstellungen der 99 schönen Namen Gottes, die Tugra und Basmalas. Aber auch ganze Gebete oder Suren aus dem Koran werden dargestellt. Auf diese Weise entstanden in mehreren Jahrhunderten unzählige Werke auf Pergament, Holz, Stein, Papier oder Keramik, die nicht nur ästhetisch ansprechend, sondern geradezu mathematische und geometrische Wunderwerke sind. Darüber hinaus hat die Kalligraphie für die islamische Architektur eine herausragende Bedeutung.

Letzte Änderung am 02.01.2015
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