Eine Hilye liefert nicht nur eine physische Beschreibung des Propheten, sondern vermittelt auch Eindrücke von seinem Charakter und seiner charismatischen Persönlichkeit.

Unter dem Begriff Hilye (vom arabischen Wort Hilya - Verzierung, Beschreibung, Ornament, Schmuck) versteht man ein kalligraphisches Porträt des Propheten Muhammad, dem die traditionelle arabische Darstellung seiner physischen Erscheinungsform zu Grunde liegt. Eine Hilye liefert aber nicht nur eine physische Beschreibung des Propheten, sondern vermittelt auch Eindrücke von seinem Charakter und seiner charismatischen Persönlichkeit. Zu ihr gehören in der Regel auch Lobpreisungen des Propheten. Da die traditionelle islamische Tradition immer abgelehnt hat, den hochverehrten Propheten bildnerisch darzustellen, brachten und bringen künstlerisch begabte gläubige Menschen ihre tiefe Liebe zu ihm mit den Hilyes zum Ausdruck, die sie noch um die wertvollsten Arbeiten aus Kalligraphie und Illumination (kunstvolles Blatt-, Blumen-, Rauten- und Rankenwerk) bereicherten.

Der Prophet sagte einmal: Für den, der nach meinem Tod meine Hilye sieht, ist es, als sähe er mich selbst. Und wer sie sieht und sich dabei nach mir sehnt, den wird Gott vor der Hölle bewahren, und er wird am Jüngsten Tag nicht nackt wieder auferweckt werden. Dieser Hadith, dem in der osmanischen Tradition mit bemerkenswerter Konsequenz Rechnung getragen wurde, war die treibende Kraft, die die Hilye zu einer besonderen Kunstform hat reifen lassen.

Man glaubt, die Hilye des Propheten Muhammad spende Gottes Segen und Schutz vor Naturkatastrophen und Feuer. Wer sie liest, sichere sich die Fürsprache des Propheten vor Gott am Tage des Jüngsten Gerichts und das Privileg, den Propheten im Traum sehen zu dürfen. Nicht zuletzt aus diesem Grunde genießt die Hilye großen Respekt. Hilye-Tafeln sind Ehrenplätze in Häusern, Läden, Moscheen und Palästen reserviert. Waren die ersten Hilyes noch in Nesih-Schrift in einer Größe erstellt, die es erlaubt hätte, sie in die Hosentasche zu stecken, so etablierte der berühmte osmanische Kalligraph Hafiz Osman im 17. Jahrhundert die größere Tafelform. Die Kunstform der Hilye ist zentraler Bestandteil der Kalligraphie. Studenten der Kalligraphie wird empfohlen, eine Hilye zu anzufertigen, sobald sie reif für ihr Diplom (Icazet) sind.

Der Text einer Hilye basiert bevorzugt auf den Beschreibungen Alis, des Schwiegersohnes des Propheten, der stets an Muhammads Seite war. Aber auch andere Beschreibungen, so z.B. von Muhammads Stiefsohn Hind ibn Abi Hala oder von Umm Ma’bad und Abu Hurayra wurden aufgegriffen. Obwohl es Hunderte unterschiedlicher Hilyes gibt, die sich jeweils in Schreibstil und Textanordnung voneinander unterscheiden, besteht eine Hilye im Allgemeinen aus folgenden Teilen:

1. Kopf 2. oberer Text, Kreis 3. Halbmond 4. Abu Bakr 5. Umar 6. Uthman 7. Ali 8. Mittelteil (zumeist mit dem Koranvers 21:107) 9. unterer Text. 10-11. Arme 12. innerer Rahmen 13. äußerer Rahmen.

 

 

Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen

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Ali ibn Abu Talib, möge Gott Wohlgefallen an ihm finden, pflegte den Propheten folgendermaßen beschreiben: Er war weder zu groß noch zu klein. Nimmt man sein Volk zum Maßstab, so war er von mittlerer Größe. Sein Haar war weder lockig noch glatt. Er hatte kein Übergewicht. Seine Wangen waren nicht zu pausbäckig. Er besaß ein rundliches leicht rötliches Gesicht. Das Weiß seiner Augen war kristallklar und seine Pupillen schwarz, dazu hatte er lange Wimpern. Seine Knochen waren dünn und sein Körper nicht behaart. Seine Brust allerdings zierte eine feine Linie Haar. Er hatte große Hände und Füße. Wenn er ging, meinte man, er gehe bergab und seine Füße berührten nicht den Boden. Wenn er sich in irgendeine Richtung drehte, ging sein ganzer Körper mit. Zwischen seinen Schultern befand sich das Siegel der Prophetenschaft. Er selbst war das Siegel der Propheten, der letzte der Propheten. In seinem Herzen war er der großzügigste aller Menschen. Niemand sprach je aufrichtiger als er.

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Und Wir entsandten dich nur aus Barmherzigkeit für alle Welten. (21:107)

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Sein sanftes Temperament war beispiellos. Niemand aus seinem Volk besaß bessere Umgangsformen als er. Wer seiner unvorbereitet ansichtig wurde, erbebte unwillkürlich. Wer ihn einmal anschaute, liebte ihn sofort. Ali ibn Abu Talib, möge Gott Wohlgefallen an ihm finden, sagte: Alle, die den Propheten gesehen hatten, versicherten ohne zu zögern, weder zuvor noch danach jemanden wie ihn gesehen zu haben. O Gott, schenke Muhammad, dem Propheten der Barmherzigkeit und Fürsprecher für die Gemeinschaft, seiner reinen, makellosen Familie und seinen Gefährten, Gnade und Heil!

 

Letzte Änderung am 30.07.2015
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