Nicht mehr nur Koran und Sunna bildeten fortan die Basis der theologischen Argumentation, sondern auch Verstand und Spekulation.

Im 8. Jahrhundert hielt die griechische Philosophie Einzug in die islamische Theologie. Nicht mehr nur Koran und Sunna bildeten fortan die Basis der theologischen Argumentation, sondern auch Verstand und Spekulation. Vorreiter in dieser Hinsicht war die Schule der Mu’tazila (siehe Kap. 14.3.1.), und die entstehende rationale oder philosophisch geprägte Theologie bezeichnet man als Kalam. Die Thesen der Mu’tazila stießen bei der Mehrheit der Muslime zunächst auf Unverständnis, führten dann aber dazu, dass auch sie - in Abgrenzung zu Mu’tazila - eigene Standpunkte formulierten, etwa zum Thema Willensfreiheit vs. deterministische Vorherbestimmung, zu den Attributen Gottes, zu der Frage, ob der Koran schon ewig existierte oder erschaffen wurde usw. Die theologischen Schulen, die sich dabei herausbildeten, stellten sich der Aufgabe, die Richtigkeit der islamischen Glaubenslehren mit philosophischen Argumenten und Begriffen zu untermauern. Im Gegensatz zu den Mu’taziliten (den Anhängern der Mu’tazila), die sich von der griechischen Philosophie mitreißen ließen, beriefen sich Asch’ariten und die Maturiditen stets auf den Islam als Ausgangspunkt.

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