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Donnerstag, 25 September 2014 00:00

Ein anderer Aspekt von Historizität und Historismus

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Es gibt heute Kreise, die zwar religiös aufrichtig sein mögen, jedoch weder Historismus noch Historizität gelten lassen wollen.

Es gibt heute Kreise, die zwar religiös aufrichtig sein mögen, jedoch weder Historismus noch Historizität gelten lassen wollen.

Um erst gar keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, möchte ich im Hinblick auf den folgenden Beitrag zunächst meinen Standpunkt klar darlegen: Meine Auffassung ist es, dass sich die Offenbarung des Korans auf einem ganz bestimmten politischen, sozialen und ethischen Nährboden vollzog.

Diesen politischen, sozialen und ethischen Nährboden können wir auch als ‚historischen Nährboden' (Historizität) bezeichnen. Die Offenbarung und Sendung der Koranverse auf einem solchen Nährboden bedeutet jedoch nicht, dass die offenbarten Werte selbst historisch1 sind; ganz im Gegenteil, sie sind über-geschichtlich (was nicht gleichbedeutend ist mit universell) und werden ihre Gültigkeit bis zum Tag der Auferstehung behalten.

Doch nun zu meinem eigentlichen Thema: Die Historizität ist ein Hilfsmittel, das unter den Muslimen seit 14 Jahrhunderten bekannt ist; als solches wurde sie ergiebig und kontrovers diskutiert und auch dokumentiert. Ich persönlich verstehe die Historizität als eine Erkenntnismethode, die seit der ersten Offenbarung in den Grundlagen der Rechtssprechung (Usul al-Fiqh) angewandt wurde: zum Beispiel dort, wo es um Offenbarungsanlässe und -gründe, um den Unterschied zwischen mekkanischen und medinensischen Versen, das Prinzip der Abrogation (Nasuh-mansuh), die Hauptziele der Religion usw. ging.

Der Begriff Historismus hingegen impliziert, dass sich der Praxisbezug des Textes (Koran) ändern kann und für neuere Handhabungen Raum bieten sollte.2 Diese Art der Herangehensweise erscheint mir inakzeptabel.

Es gibt heute Kreise, die zwar religiös aufrichtig sein mögen, jedoch weder Historismus noch Historizität gelten lassen wollen. Diese Einzelpersonen oder Gruppen, die als radikal oder fanatisch bezeichnet werden dürfen, negieren den Historismus ebenso wie die Historizität und differenzieren nicht. Sie meinen es vielleicht gut, verneinen damit aber die islamisch legitimierten Methoden der Grundlagen der Rechtssprechung (Usul al-Fiqh), des Korankommentars (Tafsir) und der Hadithwissenschaften (Ulum al-Hadith), die alle in den Bereich der Historizität fallen. Außerdem begehen sie den Fehler, dass sie einen Zeitabschnitt der Geschichte - das Zeitalter der Glückseligkeit vom Auftreten des Propheten bis zum letzten der vier rechtgeleiteten Kalifen - verzerren und idealisieren und klare eindeutige koranische Beweise (Nass, pl. Nusus) so hinzubiegen versuchen, dass sie zu den sich wandelnden Zeiten und Umständen passen. Andere Muslime, die ihnen in diesem Punkt nicht folgen wollen, bezichtigen sie des Verrats am Islam und des Unglaubens.

Damit jedoch machen sie aus der Religion des Islams eine Ideologie, deren Einfluss auf der politischen Bühne auch deutlich sichtbar wird. Die antidemokratischen, monarchischen, oligarchischen und diktatorischen Herrschaftsformen in der islamischen Welt sind nichts anderes als der Ausdruck eines solchen ideologischen Islamverständnisses. Umgekehrt dienen entsprechende Herrschaftsformen auch der Verfestigung und Verwurzelung dieses ideologischen Islamverständnisses.

Wer aber hat nun den größten Nutzen davon? Qui bono? Halten wir kurz inne und suchen eine Antwort auf diese Frage. Wer profitiert von diesen Herrschaftsformen? Ich zähle gern einige Merkmale der Profiteure auf, und Sie können ihnen dann einen Namen geben: Staaten und Unternehmen, die ökonomischen Profit aus der islamischen Welt ziehen, Zirkel, die sich an ihre Macht und Herrschaft klammern und sie um keinen Preis aus der Hand geben möchten. Warum? Ein anderes Islamverständnis würde ihre kurz-, mittel- und langfristigen Pläne und Projekte in der muslimischen Welt zunichte machen.

Staaten, Unternehmen und Machtzirkel mit diesen Merkmalen betreiben die Zementierung der vorhandenen Herrschaftsformen in der islamischen Welt und versuchen, alle nicht-radikalen Bewegungen zu unterdrücken bzw. zu beseitigen.

Sind solche Bestrebungen erfolgversprechend? Wenn man die Diskussionen und Debatten rund um die Historizität und ihre Schlussfolgerungen verfolgt, kann man diese Frage durchaus mit Ja beantworten. Doch ganz gleich, zu welchem Ergebnis man kommt - die muslimische Bevölkerung hält an ihren eigenen Wahrheiten fest. Denn sie hört nicht auf Worte und Behauptungen von Kreisen, denen sie kein Vertrauen schenkt.3

Ich hoffe, dass meine Gedanken zu diesem Thema dazu beitragen konnten, Ihnen neue Horizonte zu diesem Thema aufzuzeigen.

08. März 2010

1 Historisch würde bedeuten, dass ihre Gültigkeit allein auf die damalige Zeit begrenzt wäre. In der Moderne verlören diese Werte dann ihre Bedeutung und müssten ‚reformiert' werden. [Anmerkung des Übersetzers]

2 Gemeint ist eine Überarbeitung der Liste der koranischen Gebote und Verbote mit der Intention, dass das, was früher einmal verboten war, nun erlaubt wird; z.B. der Verzehr von Schweinefleisch oder Alkohol. Doch das widerspricht dem muslimischen Koranverständnis. Denn Gott kennt seine Geschöpfe besser als jeder andere und weiß deshalb, was für uns Menschen gut bzw. schlecht ist. Deswegen behalten Seine Weisungen im Koran ihre Gültigkeit bis zum Ende der Welten. [Anm. d. Übers.]

3 In der muslimischen Welt präsentieren die Medien der Bevölkerung selbsternannte Reformer, die den Islam modifizieren und die Muslime von all dem ‚Ballast', den ihnen die Religion auferlege, befreien wollen. Allerdings durchschauen die Muslime, dass diese selbsternannten Reformer oft ein ausschweifendes und keineswegs muslimisches Leben führen. [Anm. d. Übers.]

 

Gelesen 2682 mal Letzte Änderung am Montag, 19 October 2015 14:50

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