Die Menschen werden heute in den Glauben gedrängt, einander nicht zu brauchen.

Der Alltag von heute mit seinem rasanten Fortschritt in allen Bereichen des Lebens erinnert an das schnelle Vorspulen von Videoaufnahmen, bei dem einzelne Momente kaum mehr wahrzunehmen sind. Diese beschleunigte Lebensweise führt dazu, dass die zwischenmenschlichen Beziehungen oberflächlicher, intoleranter und distanzierter werden. Durch die zunehmende Modernisierung, den Wohlstand und die damit verbundene Konsummentalität scheinen viele Menschen nicht länger das Bedürfnis zu verspüren, sich zu fragen: „Wie geht es den anderen Menschen?“

Bin ich nur zu sensibel, oder stimmt mit unserer Gesellschaft wirklich etwas nicht? Das Bild, das sich mir bietet, ist für michinakzeptabel. Ich versuche, meine Mitmenschen zu ändern, indem ich ihnen mit Herzlichkeit begegne. Einfach nur im wahrsten Sinne des Wortes herzlich sein, lautet meine Devise. Diese Herzlichkeit, im Alltag wie auch im Leben insgesamt - darauf kommt es an.

Jeder Mensch ist Teil zweier Gesellschaften: der großen Gesellschaft da draußen und der eigenen kleinen Gesellschaft im näheren Umfeld. Meine kleine Gesellschaft sind meine Familie und meine Kinder. Im Rahmen der Erziehung versuche ich ihnen Herzlichkeit mit auf den Weg zu geben. Es würde mich freuen, wenn Herzlichkeit später einmal zu ihren schönsten Charaktereigenschaften gehört. Jetzt als Kinder besitzen sie diese Herzlichkeit ohnehin; eine gottgegebene reine Herzlichkeit. Genau genommen gebe ich ihnen also gar nichts mit auf den Weg. Ich achte vielmehr darauf, dass sie ihre Herzlichkeit nicht einbüßen. Ihr Verlust wäre gleichzusetzen mit einem Mangel an Lebensfreude. Das Problem ist nur, dass man manche Dinge erst richtig zu schätzen lernt, wenn man sie schon verloren hat; wenn man bemerkt, dass einem etwas Wichtiges abhanden gekommen ist.

Manche sagen, dass ich zu blauäugig in die Zukunft blicke, dass meine Kinder durch meine Blauäugigkeit naiv werden könnten. In Wirklichkeit gehöre die Welt den Habgierigen und den Hemmungslosen. Aber daran glaube ich nicht. Ich bin fest davon überzeugt, dass das Gute früher oder später immer siegt, nicht nur im Märchen, sondern auch im realen Leben. Was aus tiefstem Herzen kommt, unbeschmutzt von negativen Gefühlen, kann nur Gutes bewirken. Ein innerlich zufriedener herzlicher Mensch wird sich seine Zufriedenheit auch dann bewahren, wenn er materielle Verluste erleidet.

Die Eigenschaft Herzlichkeit kann nur von Vorteil sein, egal ob man sie aus gesundheitlicher, kultureller oder charakterlicher Perspektive betrachtet. Sie macht ausgeglichener, vernünftiger, geduldiger. Und diese Gemütszustände verstärken einander noch: Als ausgeglichener Menschen ist man auch in turbulenten Lebensphasen meistens geduldig und trifft vernünftigere, rationalere Entscheidungen. Dadurch wiederum erspart man sich unnötigen Stress. Man verliert nicht so leicht den Überblick.

Herzlichkeit verhindert meiner Meinung nach außerdem, dass negative Charakterzüge wie Habgier, Hass, Voreingenommenheit usw. überhaupt erst zum Vorschein kommen. Sie ist die Basis, das Zentrum aller positiven Eigenschaften. Alle Tugenden haben in ihr ihren Ursprung. Deswegen lege ich in der Erziehung meiner Kinder so viel Wert auf sie. Das Herz ist nicht umsonst der Mittelpunkt unseres Körpers, was das Phänomen der positiven oder negativen Aura eines Menschen erklärt. Diese zeigt sich in jeder Lebenslage, beim Einkaufen ebenso wie beim Spazierengehen, und ich erkenne sie sofort. Wer zum Beispiel Kindern ein Lächeln schenkt und eine fröhliche Ausstrahlung hat, dem fließen Sympathien zu. Herzlichkeit schenkt eine positive Aura.

Von Herzlichkeit profitiert jeder, man selbst und alle anderen. Sie ist wie ein Impuls, der Freude schenkt, eine Freude, die länger währt als die Freude an materiellen Geschenken. Es gibt so viele wunderschöne Gesten, die das Zusammenleben in der Gesellschaft in diesem Sinne bereichern: Eine Familie, die am Weihnachtstag einfach so bei Fremden klingelt und ihnen Frohe Weihnachten wünscht. Muslimische Bürger, die am Bayram (an ihrem religiösen Feiertag) Seniorenheime besuchen und den älteren Mitmenschen Rosen schenken. Kinderärzte, die sich als Clowns verkleiden, um kranke Kinder zum Lachen zu bringen, damit sie zumindest für kurze Zeit ihre Schmerzen vergessen. Diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Beim ersten Elternabend meiner gerade frisch eingeschulten Tochter ging ein aus Pappe gebasteltes Kleeblatt durch den Sitzkreis. Das Elternteil, das es gereicht bekam, sollte seine Wünsche über die Zukunft seines Kindes, seine Erwartungen an die Schule usw. äußern. Natürlich war allen Eltern in erster Linie das Wohlbefinden ihres Kindes wichtig und eine harmonische Zusammenarbeit mit der Schule. Als ich das Kleeblatt entgegennahm, sagte ich, dass sich meine Wünsche mit ihren Wünschen decken, und fügte hinzu: „Friede, Freude, Eierkuchen!“ Wir haben alle gelacht! So sehr wir es uns auch wünschen; das Leben ist nicht immer rosarot…

Genauso ist es mit der Herzlichkeit. Herzlich zu sein oder zu bleiben, ist nicht immer leicht. So wie das Leben aus Höhen und Tiefen besteht, schwanken auch die Gefühle. Es wäre unnatürlich, wenn man immer dieselbe Laune hätte. Herzlich zu sein und zu bleiben, bedeutet deshalb nicht, immer lächeln zu können. Herzlichkeit ist häufig mit Anstrengungen verbunden. Wenn es ‚Eierkuchen‘ geben soll, muss man sich die Mühe machen, die richtigen Zutaten zusammenzustellen und die einzelnen ‚Backschritte‘ auszuführen. Zum Beispiel indem man versucht, anderen zu helfen - nicht um ihnen zu gefallen, sondern als Schritt hin zu einem herzlichen Miteinander.

Natürlich ergeben sich auch Situationen, wo man auf negative Reaktionen wie Ignoranz, Eitelkeit, Stolz usw. stößt. Das sollte einen aber nicht traurig oder wütend stimmen. Denn es wäre zu schade, wenn man sich dadurch die Herzlichkeit austreiben ließe.

Das Leben positiv zu gestalten, ist eine Kunst. Ich sehe in jedem Menschen einen Künstler. Gott hat uns Menschen ein Bewusstsein und sehr viel Talent gegeben. Es liegt in unserer Hand. Wir müssen die Initiative ergreifen. Was uns von anderen Lebewesen unterscheidet, ist unsere Entscheidungsfreiheit. Jede Handlung und jedes Wort, jede Entscheidung, die wir treffen, ist wie ein Pinselstrich auf einer Leinwand. So entstehen Konturen von Motiven, die unser persönliches Kunstwerk darstellen. Die Art und Weise, wie wir miteinander umgehen und kommunizieren, prägt nicht nur unsere ganz spezielle Lebenssituation, sondern durchaus auch das Gesicht unserer Gesellschaft insgesamt. Umso wichtiger ist für mich, dass die Wärme der Herzlichkeit vor allem in den Familien zu spüren ist; denn sie bilden die Grundbausteine der Gesellschaft. Je mehr intakte Familien existieren, desto stabiler die Gesellschaft. Herzenswärme im Elternhaus lässt die Kinder erblühen.

Neben dem Elternhaus ist es gerade auch im Schulleben unerlässlich, den Kindern mit Herzlichkeit zu begegnen. Denn dort sind die Lehrer die ‚Ingenieure‘ der Gesellschaft. Sie beeinflussen die Bereitschaft, die Motivation und den Spaß der Kinder am Lernen ganz entscheidend. Meine Tochter besucht die erste Klasse, und ich sehe, wie die Herzlichkeit der Lehrer bei ihr erste Früchte trägt. Neulich sagte sie einmal: „Ich bin glücklich, dass ich meine Lehrerin habe, weil sie uns so viel Wichtiges beibringt. Ich mag meine Schule, weil ich meine Lehrerin mag.“ Wenn den sechs- oder siebenjährigen Schülern bereits in der ersten Klasse diese Haltung vermittelt wurde, haben die Lehrer einen enorm wichtigen Beitrag für eine bessere Zukunft geleistet. Vielleicht ist uns die Bedeutung eines liebevollen Umgangs miteinander heute noch gar nicht in vollem Umfang bewusst.

Ich betrachte es als meine Pflicht, dass ich meinen Kindern verdeutliche, welchen besonderen Stellenwert ihre Lehrer für ihr Leben besitzen. Erst die Wertschätzung der Lehrer und die Erfahrung eines liebevollen Umgangs mit ihnen ermöglichen einen offenen Gedankenaustausch, geprägt von Respekt. Und dieser Respekt ist eine weitere Frucht aus dem unerschöpflichen Garten der Herzlichkeit.

Auf dem Schulhof meiner Grundschulkinder unterhielt ich mich neulich mit einer Betreuerin. Zwischendurch kamen immer wieder Kinder auf sie zugerannt. Ein kleines Mädchen umarmte sie. Während unseres Gesprächs wurde mir klar, dass es an der Aufmerksamkeit und Freundlichkeit lag, die sie den Kindern widmete.

Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, meinen Kindern öfters zu sagen, dass ich sie liebe. Pflanzen gedeihen bekanntlich am besten, wenn man liebevoll mit ihnen umgeht, ja sogar mit ihnen spricht. Ich bin mir sicher, dass ich meine lieben Worte und Küsse aufs Herzlichste von meinen Kindern zurückbekommen werde! Ein Leben nach dem Grundsatz ‚Carpe momentum!‘ (Nutze den Moment!) gibt mir das Gefühl, nichts zu versäumen.

In der Gesellschaft von heute wird der Konsum bestärkt und Konkurrenzdenken gefördert. Wir werden in den Glauben gedrängt, einander nicht zu brauchen. Die Beziehungen vieler Menschen sind sehr oberflächlich. Frage ich heute ältere Leute danach, wie das Leben früher denn war, so erzählen sie mir sehnsüchtig, dass man damals enge Kontakte zu seinem Umfeld und den Nachbarn pflegte, dass man sich Zeit füreinander nahm. Man war aufeinander angewiesen, man lebte in einer Großfamilie zusammen.

„Das war früher so. Heute funktioniert diese Lebensmentalität nicht mehr“, heißt es häufig. Aber aus eigener Erfahrung habe ich festgestellt, dass es eben doch geht. Wir sind schon so oft umgezogen. Viele haben uns und besonders unsere Kinder deshalb bemitleidet. Aber nach jedem Umzug haben meine Kinder auf Anhieb neue Freunde gefunden, sich in ihrer Klasse wohlgefühlt und sich in der Nachbarschaft eingelebt. Als ich letztens mit meiner Schwiegermutter meine kleine Erstklässlerin von der Schule abholte, grüßte sie auf dem Weg zum Auto jeden, den sie kannte, mit viel Herz und Freude in der Stimme: „Hallo, Frau Schweitzer!“, „Hallo, Beyza!“ „Hallo, Pascal!“… 

Hatice Bayram

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