Wenn wir den Begriff Dschihad getreu der Struktur seiner wahren Bedeutung definieren wollen, können wir festhalten: „Der Dschihad umfasst alle Bemühungen, die unternommen werden, um Hindernisse, die zwischen Gott und der Menschheit stehen, aus dem Weg zu räumen.“

Ali Bulac

Die Schlüsselbegriffe dieser Definition sind Hindernisse, Gott und Menschheit, wobei mit Menschheit hier jedes einzelne Individuum gemeint ist. Das Individuum ist das Produkt seines Glaubens, seiner Geschichte und seines sozio-kulturellen Umfelds. Wer möchte, kann sich selbst aus der Sklaverei von Geschichte, Umfeld und falschen Glaubensvorstellungen befreien und verhindern, dass er wie ein Blatt im Wind den äußeren Umständen hilflos ausgesetzt ist. Der Islam ist die letzte von Gott gesandte Religion, die uns durch den Propheten Muhammad offenbart wurde. Hindernisse wiederum lauern überall, in den inneren Gelüsten des Individuums ebenso wie in den Beschränkungen der Religions- und Gewissensfreiheit und in politischer Unterdrückung und sozialer Verkommenheit.

Konsequenterweise können wir von zwei grundlegenden Dimensionen des Dschihad sprechen: (Das Wort ist aus der Wurzel dsch-h-d abgeleitet - sich anstrengen, sich bemühen) Die erste Dimension kennzeichnet die spirituellen und moralischen Anstrengungen, die aufgewandt werden müssen, um diejenigen Beschränkungen und Hindernisse zu beseitigen, die sich aus der inneren Welt des Individuums und aus dessen essenziellem Wesen ableiten. Die zweite Dimension umfasst alle Aktivitäten, die wir unternehmen, um ein physisches und soziales Umfeld zu errichten, in dem das religiöse Leben frei kommuniziert und praktiziert werden kann. In beiden Fällen obliegt es dem Individuum, in diesem Kampf um die Befreiung der inneren wie auch der äußeren Welt des Menschen alle ihm zur Verfügung stehenden Kräfte aufzubieten.

Der ‚Islam‘, der Endzweck des religiösen Lebens und der religiösen Handlungen des Individuums, steht - jenseits des konkreten Rahmens, der von Theologie und Recht gesetzt wird - für Unterwerfung unter den Willen Gottes, Frieden, Erlösung, Sicherheit und Wohlergehen. Diese Konzepte sind der gemeinsame Nenner nahezu aller Religionen, und deshalb nennt der Koran den Propheten Abraham, den Stammvater der drei monotheistischen Religionen, ‚Muslim‘[i]. Damit bestätigte er, dass Abraham ein Prophet war, der sich dem Willen Gottes unterwarf und in der inneren Welt spirituelle Stille und in der äußeren Welt Frieden lehrte. Abraham war ein von Gott erwählter Prophet, der den Menschen die praktischen Wege des Aufbaus einer Gemeinschaft wies, in der Frieden herrscht. Die Unterwerfung unter den Willen Gottes erfordert ein Leben in Silm. Silm steht für den Frieden mit Gott, der Natur, den Mitmenschen und dem eigenen Ich.

Der Koran erinnert uns außerdem daran, dass es in Wahrheit nur eine einzige Religion gibt. Unterschiede existieren nur in Hinblick auf zweit- oder drittrangige Regeln im religiösen Recht. Sie sind auf unterschiedliche historische Umstände zurückzuführen und verstoßen nicht gegen die beständigen und unabänderlichen Grundprinzipien der Religion. Dies unterstreicht die Tatsache, dass an den Wurzeln der Unterwerfung unter den Willen Gottes die Einheit des Seins, der Menschheit und der Geschichte liegt. In den Botschaften aller Propheten und Gesandten, vom ersten bis zum letzten, lässt sich erkennen, dass die Regeln für zweitrangige Themen Veränderungen unterworfen sind. Aber diese Veränderungen berühren nicht den Kern der Botschaft und bleiben auf zweitrangige Themen beschränkt.

Der Begriff Dschihad ist ebenso wie die Begriffe Dschahd und Idschtihad aus der Wurzel dsch-h-d abgeleitet und deshalb mit diesen verwandt. Die Bedeutung von Idschtihad liegt darin, dass sich ein mit Verstand und Wissenschaft ausgestatteter Mensch die größte Mühe gibt, Urteile aus Koranversen und Hadithen abzuleiten. Der Dschahd (die Mühe), die er aufwendet, indem er sich einer speziellen Asl (legitime und vertrauenswürdige Quelle, d.h. Koran und Sunna) bedient und mit einer bestimmten Usul (Methode) arbeitet, kündet von wissenschaftlichem und intellektuellem Einsatz. Mudschahada (ebenfalls aus der gleichen Wurzel abgeleitet) bezieht sich mehr auf das individuelle Streben eines Menschen nach spiritueller Reife und nach moralischer Läuterung des Ichs. Wenn wir Idschtihad als eine Dimension und Methode der Anstrengungen der Gelehrten, der intellektuellen Aktivität und insbesondere der islamischen Rechtsprechung (Fiqh) akzeptieren, können wir Mudschahada als eine Methode und einen Weg der Sufis charakterisieren.

Die etymologische Ergiebigkeit des Begriffs Dschihad zeigt sehr schön die Vielschichtigkeit der menschlichen Situationen auf, in denen sich die Erfahrungen unseres Lebens manifestieren. Natürlich besteht das Leben keineswegs ausschließlich aus Anstrengungen und Kämpfen. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass wir uns von den in unserem Wesen verankerten Kräften Zorn und Begierde in der Frage, was legitim ist und was nicht, leicht täuschen lassen. Darauf müssen wir uns einstellen. Von größter Wichtigkeit ist es, diese beiden Kräfte unter der Kontrolle eines Geistes zu halten, der vom göttlichen Licht des Herzens durchdrungen ist; d.h., wir müssen die Kraft unseres Verstandes nutzen, um diese beiden Kräfte auf legitime und förderliche Ziele hin zu lenken. In dieser Aufgabe liegt der bedeutendste Kampf, in ihr liegt die Mudschahada.

Die maßgebliche Dimension des Dschihad behandelt das innere Leben des Individuums. Ihr Gegenstand ist der Kampf gegen den Willen und die Begierden des Nafs (des fleischlichen Selbst). Das Nafs-Konzept ist ein grundlegendes Konzept der islamischen Literatur. Die ontologische Wurzel von Nafs lautet ‚undurchdringliche Dunkelheit‘. Was das Nafs kennzeichnet, ist die Liebe zur materiellen Welt und die extreme Abhängigkeit vom weltlichen Wesen unseres Seins. Ehrgeiz, Egoismus, Begierde, Sucht nach körperlichen Glücksgefühlen, Jagd nach materiellen Vergnügungen, Anbetung der Welt und übertriebene weltliche Werte und Wünsche, die sogar in den Rang von Fetischen erhoben werden, sind die Hauptcharakteristika des Nafs.

Die Menschheit besitzt eine zweigeteilte Natur. Eine weltliche Natur und eine spirituelle/seelische Natur. Der Sitz dieser zweiten Natur ist das Herz, während unsere weltliche Natur in den körperlichen Begierden und Leidenschaften (unseres Nafs) beheimatet ist. Das Ziel der Schöpfung des Menschen liegt darin, dass dieser seine spirituelle Natur über seine weltliche Natur erhebt. Die Freiheit, die wir uns über Dschahd und Mudschahada verdienen, verleiht uns die Kraft, unsere weltliche Natur bewusst zu lenken, und sorgt auch dafür, dass wir uns diese Kraft erhalten. Gott Selbst hat die Menschheit mit Seinen ‚Händen‘[ii] in der besten Form und mit dem besten Wesen erschaffen. Er hat uns Seinen Geist eingehaucht, uns Seine Namen gelehrt (d.h., das Wissen um alles, was da existiert) und uns durch Seine Gesandten den Weg gewiesen. Das Ziel der Schöpfung liegt darin, dass wir Gott auf bestmögliche Art und Weise dienen; und der Weg zu dieser vollkommenen Stufe führt über die Transformation in ein Insan kamil, in einen vollkommenen gefestigten Menschen, der über ein Höchstmaß an moralischer und spiritueller Reife verfügt. (Diese Transformation kann auch das Resultat dieser Stufe sein.)

Die Essenz Gottes, die sich in uns verbirgt, ruft uns zu Gott und den Himmeln. Dorthin gehören wir Menschen ursprünglich und eigentlich. Die weltliche Natur, das Betätigungsfeld des Nafs, hingegen ruft uns zur Erde und in den Schmutz. Die Menschheit ist die Frucht des Baumes der Schöpfung, die vollkommenste aller Schöpfungen. Wenn wir es nur wollen, sind wir mit Hilfe des Willens, der Unterstützung und der Kraft Gottes dazu in der Lage, das Böse, das das Nafs in uns schürt, zu besiegen und das Ziel der Schöpfung zu erreichen. Ein anderer Name für dieses Bemühen ist Mudschahada oder, mit anderen Worten, Dschihad.

Dieses spirituelle Bemühen wird im Islam als größerer Dschihad bezeichnet. Vom Propheten wird berichtet, dass er auf dem Rückweg nach der Schlacht von Badr zu seinen siegreichen Gefährten sagte: Wir kehren vom kleineren zum größeren Dschihad zurück. Als sie ihn fragten: „Was ist der größere Dschihad?“, antwortete er: Das ist der Dschihad gegen das Nafs.[iii] Außerdem sagte er Berichten zufolge: Der wahre Mudschahid ist derjenige, der gegen das Nafs kämpt.[iv]

Diese innere Dimension des Dschihad ist von entscheidender Bedeutung. Von Menschen, die nicht gegen das Böse, das ihrem inneren Wesen innewohnt, gekämpft haben und die nicht in der Lage waren, die Hindernisse auf dem Weg zur spirituellen und moralischen Reife zu beseitigen, ist nicht zu erwarten, dass sie ihre Mitmenschen in der äußeren Welt erfolgreich auf den rechten Pfad führen. In diesem Zusammenhang bezeichnet der Dschihad also den aufwendigen Kampf des Individuums um moralische Läuterung, die Kontrolle des Nafs und die Disziplinierung der eigenen Person im Streben nach moralischen Tugenden. Da es keinen schwierigeren Kampf als diesen gibt, gilt der Dschihad gegen das Nafs als der größere Dschihad.


Fußnoten

[i] Das Wort Muslim ist aus der arabischen Wurzel s-l-m mit den Bedeutungen Unterwerfung und Frieden abgeleitet.
[ii] Er sprach: „O Iblis, was hindert dich daran, dich vor etwas niederzuwerfen, das Ich mit Meinen Händen erschaffen habe? Bist du hochmütig oder gehörst du zu den Überheblichen?“ (38:75) Gott steht über allen menschlichen Attributen. Das arabische Wort Yadd (Hand), das in diesem und anderen Versen verwendet wird, steht, wenn es in Zusammenhang mit Gott gebracht wird, für eine Aufwertung. Vielen Korankommentatoren zufolge unterstreicht dieser Vers die Bedeutung der Menschheit. Er betont, dass ihre Erschaffung und Position über denen anderer Geschöpfe anzusiedeln sind.
[iii] Tirmidhi, Fada’il al-Dschihad, 2
[iv] Adschluni, Kaschf al-Khafa‘, 1/45

Letzte Änderung am 29.11.2015
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