Es gibt viele Koranverse, Hadithe und historische Darstellungen, die Würde und Wert des Menschen im Islam unterstreichen.

 

Im Koran wird an keiner Stelle gesagt, dass der Mensch als Abbild Gottes erschaffen wurde. Doch finden sich ähnliche Aussagen in den Hadithsammlungen (den Aussprüchen des Propheten Muhammad). In einem von Abu Hurayra überlieferten Hadith etwa sagt der Prophet:

Gott erschuf Adam nach Seinem eigenen Bilde.[2]

Auf den ersten Blick scheint dieser Hadith Gott menschliche Eigenschaften zuzuschreiben und damit der islamischen Lehre zu widersprechen. Muslimische Gelehrte haben ihn jedoch ganz anders interpretiert. Einige von ihnen stellen die Authentizität von Hadithen, die Gott menschliche Eigenschaften unterstellen, generell in Frage.[3] Die meisten jedoch haben diesen speziellen Hadith als authentisch eingestuft und ihn in Übereinstimmung mit den Prinzipien des Islams gedeutet.[4]

In einem weiteren Hadith heißt es:

Gott hat den Menschen in der Gestalt des Ar-Rahman (des Barmherzigen Einen) erschaffen.[5]

Da dieser Hadith in Sufikreisen sehr populär ist, wurde er meistens mystisch interpretiert. Entsprechend glauben manche Sufis, das spirituelle Wesen des Menschen besitze die Gestalt des Barmherzigen Gottes. Said Nursi hingegen kritisiert diese Interpretation. Er beharrt darauf, dass der „…Heilige und Reine Gott, der das Universum so mühelos verwaltet, als handele es sich dabei um ein Haus, kein Gegenstück hat und niemanden, der Ihm vergleichbar wäre, keinen Partner und auch kein Abbild.“ (Nursi, 2005) Der Koranvers Es gibt nichts Seinesgleichen (42:11) besage eindeutig, „…dass Gott keine Gestalt, kein Ebenbild und auch niemand Ebenbürtigen hat, dass es nichts gibt, was Ihm ähneln oder gleichen würde.“ Nursi interpretiert den zitierten Hadith aus dem Verständnis der Namen und Attribute Gottes heraus. Demzufolge manifestieren sich die Namen und Attribute Gottes (nicht Seine Essenz, die wir nicht kennen) im gesamten Universum. Der Mensch aber ist, so Said Nursi, der strahlendste Spiegel des Universums. Er reflektiert die Namen Gottes stärker als jedes andere Geschöpf im Universum. In diesem Sinne wurden wir Menschen erschaffen, um der Schönheit Gottes als Spiegel zu dienen. Nursi sagt:

„Durch die belebte Schöpfung und durch den Menschen erbringt der notwendigerweise Existierende Eine den Beweis Seiner Existenz. Schöpfung und Mensch sind darüber hinaus aber auch Beweise und Spiegel des Erbarmers, des Barmherzigen. Diese Beweise sind stichhaltig, klar und eindeutig. Sie rechtfertigen es, dass, so wie jemand von einem glänzenden Spiegel, der die Sonne reflektiert, sagen mag „Dieser Spiegel hat die Gestalt der (oder ist wie die) Sonne“ und damit die Brillanz des Sonnenlichts im Spiegel betonen will, ein anderer seinerseits sagen kann „Der Mensch ist das Ebenbild des Barmherzigen Einen“, um damit zu betonen, dass Gott in ihm selbst ist, und um die Vollkommenheit der Beziehung des Barmherzigen zu ihm hervorzuheben. Daher haben die Moderateren und Ausgewogeneren, die an die Einheit des Seins glauben, gesagt „Außer Ihm existiert niemand“, womit sie die Klarheit des Beweises und die Vollkommenheit der Beziehung zum Ausdruck bringen wollten.“ (Nursi, 2005)

Ähnlich wie die oben zitierte Bibelstelle, unterstreicht der folgende Koranvers die Bedeutung des Menschen vor Gott:

Und als dein Herr zu den Engeln sprach „Wahrlich, Ich werde auf der Erde einen Nachfolger einsetzen“, sagten sie: „Willst Du auf ihr jemanden einsetzen, der auf ihr Unheil anrichtet und Blut vergießt, wo wir doch Dein Lob preisen und Deine Herrlichkeit rühmen?“ Er sagte: „Wahrlich, Ich weiß, was ihr nicht wisst.“ Und Er brachte Adam alle Namen bei, dann brachte Er diese vor die Engel und sagte: „Nennt mir die Namen dieser Dinge, wenn ihr wahrhaftig seid!“ Sie sprachen: „Gepriesen seist Du. Wir haben kein Wissen außer dem, was Du uns gelehrt hast; wahrlich, Du bist der Allwissende, der Weise.“ Er sprach: „O Adam, nenne ihnen ihre Namen!“ Und als er ihnen ihre Namen nannte, sprach Er: „Habe Ich nicht gesagt, dass Ich das Verborgene der Himmel und der Erde kenne und dass Ich kenne, was ihr offenbart und was ihr verborgen gehalten habt?“ Und als Wir zu den Engeln sprachen „Werft euch vor Adam nieder“, da warfen sie sich nieder bis auf Iblis. (2:30-34)

Muhammad Asad vermutet, dass der Begriff Khalifa hier benutzt wird, um die Rechtmäßigkeit der Herrschaft des Menschen über die Erde zu unterstreichen. In eindrucksvoller Manier zementieren diese Verse die Ausnahmestellung der Menschheit: Die Engel begegneten der Erschaffung des Menschen mit Unverständnis und fragten Gott, warum er dies tue. Also erklärte Gott ihnen, Er werde einen Khalifa, eine Art Repräsentanten, erschaffen, weil sie selbst nicht auf höhere Stufen auf- oder auf tiefere Stufen absteigen können und deshalb nicht dazu in der Lage seien, Seine schönen Namen oder Attribute in jeder Hinsicht angemessen widerzuspiegeln. Adams Talent, jene Namen Gottes zu erlernen, die die Engel nicht kannten, verweist auf die Fähigkeit des Menschen, sich in geistiger, physischer und spiritueller Hinsicht weiter zu entwickeln. Da er im Gegensatz zu den Engeln über einen freien Willen verfügt, vermag er sich in die höchsten Höhen der Himmel aufzuschwingen oder auch in die tiefsten Abgründe der Hölle hinabzustürzen.

Wenden wir uns nun noch einem anderen Koranvers zu, der für unsere Diskussion aufschlussreich sein kann:

Wahrlich, Wir boten das Treuhänderamt den Himmeln und der Erde und den Bergen an; doch sie weigerten sich, es zu tragen, und schreckten davor zurück. Aber der Mensch nahm es auf sich. Wahrlich, er ist sehr ungerecht, unwissend. (33:72)

Was genau mit diesem Treuhänderamt gemeint ist, darüber gehen die Meinungen der Gelehrten auseinander. Einige glauben, der Begriff verweise auf das Denkvermögen, das den Menschen von allen übrigen Geschöpfen unterscheidet. Andere wiederum gehen davon aus, dass hier von den religiösen Pflichten wie beispielsweise der Anbetung die Rede ist. Said Nursi aber gelangt zu einem anderen Schluss: Ihm zufolge entspricht dieses Treuhänderamt dem menschlichen Ego. Denn nur unser Ich, das unserem Wesen innewohnt, versetze uns in die Lage, die Existenz Gottes zu begreifen:

„Eine Einheit, die absolut und allumfassend ist, kennt weder Grenzen, noch Beschränkungen. Sie lässt sich nicht planen oder formen und kann nicht in einer Art und Weise bestimmt werden, die es erlauben würde, dass man ihr essenzielles Wesen begriffe. So ist es zum Beispiel unmöglich, ein Licht, das von der Dunkelheit verschluckt wird, zu erkennen oder wahrzunehmen. Begrenzt man die Finsternis hingegen mit einer real oder hypothetisch gezogenen Linie, wird auch das Licht wieder erkennbar. Auch Wissen, Macht, Weisheit, Mitgefühl und andere Attribute und Namen Gottes, lassen sich nicht bestimmen, da sie allumfassend, schrankenlos und einzigartig sind. Ihre Essenz ist weder erkennbar noch wahrnehmbar. Um ihnen auf die Spur zu kommen, brauchen wir eine hypothetische Begrenzung. Das Ego erfüllt diesen Zweck. Es erblickt in sich selbst eine fiktive Autorität, Macht und Kenntnis, mit der es eine Trennungslinie zieht. Es schränkt die allumfassenden Attribute hypothetisch ein, indem es sagt: „Dies gehört mir, der Rest Ihm.“ Es nimmt also eine Zweiteilung vor. Durch den winzigen Bewertungsmaßstab, welcher ihm innewohnt, lernt das Ego allmählich, die wahre Natur der Attribute und Namen Gottes zu verstehen.“ (Nursi, 2005)

Doch egal welcher Interpretation man auch zuneigen mag; fest steht, dass diese beiden Koranstellen eindeutig die Ausnahmestellung des Menschen vor Gott zementieren. Diese Verse haben die muslimischen Denker und insbesondere die Sufis dazu inspiriert, den Menschen ins Zentrum der Schöpfung zu stellen. Selbstverständlich gibt es aber noch weit mehr Koranverse, Hadithe und historische Darstellungen, die Würde und Wert des Menschen im Islam unterstreichen.

Koranverse wie diese bilden ein solides Fundament für den Dialog der drei abrahamitischen Religionen. Allerdings sollte man wohl hinzufügen, dass dieses viel versprechende Fundament nicht auf religiöse Identitäten beschränkt ist; vielmehr bezieht es sich auf die übergeordnete Identität des Menschseins an sich. Insofern werden nicht nur religiöse, sondern auch areligiöse Menschen zu schätzen wissen, was Bibel und Koran zum Thema Menschenwürde zu sagen haben.

Fußnoten

[1] Bukhari V, 2299; Muslim IV, 2017

[1] Suyuti I, 167

[1] Nawawi, ein angesehener Hadith-Gelehrter, weist darauf hin, dass zu diesem Hadith vier Meinungen existieren. Erstens: Die Salafiten, die Gelehrten, die vor der Gründung der islamischen Rechtsschulen lebten, vermieden es, Feststellung über diese Art von Hadithen und ihre Bedeutungen zu treffen. Zweitens: Manche behaupten, das Pronomen der Wendung nach Seinem Bilde (im Arabischen: Sura mit einem angehängten Pronomen in der 3. Person Maskulinum) beziehe sich auf Adam, und nicht auf Gott. Dann ließe sich dieser Hadith so übersetzen: „Gott hat den Menschen nach seinem (Adams) (perfekten und makellosen) Bild erschaffen.“ Allerdings wird diese Interpretation von vielen abgelehnt, da sie gegen die arabische Grammatik verstößt. Drittens: Die Mehrzahl der Gelehrten akzeptiert die Verwendung des Pronomens für Gott. Ihre Interpretation folgt dennoch den grundlegenden Prinzipien des Islams. Denn sie gehen hier davon aus, dass die Wendung auf die Würde des Menschen anspielt. Viertens: Um die Bedeutung der Kaaba in Mekka zu unterstreichen, nennen die Muslime sie auch das Haus Gottes. Wenn wir uns nun bei der Erschaffung des Menschen das Bild Gottes vorstellen, dann erinnert uns das in ähnlicher Weise daran, als wie vortreffliche Wesen wir Menschen eigentlich erschaffen wurden. (Siehe Nawawi, XVI, 166) In diesem Fall wird also argumentiert, der Hadith sei metaphorisch zu verstehen.

[1] Daraqutni I, 37; Schaybani I, 229

 

Letzte Änderung am 14.07.2015
Gelesen 13699 mal

Neu hinzugekommen