Die Rolle des Menschen beschränkt sich nicht nur darauf, von der Umwelt zu profitieren. Es wird von ihm erwartet, dass er seine Mitgeschöpfe schützt, erhält und fördert.

Alle Schriften der Weltreligionen sprechen Umweltprobleme an, die durch Naturkatastrophen wie Fluten, Dürreperioden und Erdbeben ausgelöst werden. Gott erschafft nicht nur, sondern er zerstört auch durch eben diese Katastrophen. Von Umweltzerstörungen, für die der Mensch verantwortlich ist, ist jedoch nur selten die Rede, sieht man einmal von Kriegen und anderen menschenverachtenden Unternehmungen ab. Auch wenn die meisten Schriften den Zusammenhang zwischen dem Glauben des Menschen und seiner Fähigkeit etwas zu tun bemühen, ist der Gedanke, menschliches Umweltverhalten sei durch religiöse Inhalte und Werte bestimmt, traditionellen Religionsvorstellungen fremd. Umweltprobleme und Religion werden erst in jüngster Zeit in Verbindung gebracht, denn traditionelle Gesellschaften stellten keine Bedrohung des menschlichen Lebens dar. Dies hat sich erst im letzten Jahrhundert durch den verschwenderischen Umgang mit den natürlichen Ressourcen geändert.

Der große Umgestaltungsprozess, der der Industriellen Revolution nach Ende des Mittelalters folgte, schuf ein Ungleichgewicht zwischen der legitimen Nutzung der Ressourcen und dem Wohlbefinden der Umwelt. Die Industrielle Revolution brachte Verbesserungen in der Landwirtschaft, die Produktion von Eisen und Stahl in großem Maßstab, die Entwicklung von Maschinen und die Fabrikproduktion mit sich. Hinter all diesen Veränderungen stand ein neues Energiesystem, das auf der schnellen Expansion der Verwendung von Kohle und Öl basierte. Kohle dominierte die Energieproduktion der industriellen Gesellschaft bis ins 20. Jahrhundert hinein, wurde dann aber vom Öl abgelöst. Diese billigen, konzentrierten und in Überfluss vorhandenen fossilen Brennstoffe trugen zu einem explosionsartigen Bevölkerungswachstum, wie auch zu Wohlstand, Technologie, Produktion und Handel bei. Preisgünstige Energie zerstörte die Balance zwischen einem umsichtigen Umgang mit den Ressourcen, der auf maximaler Effektivität basierte, und den verunreinigenden Nebenwirkungen dieser Ressourcen.

Unsere heutige industrielle Gesellschaft unterscheidet sich vor allem in zwei Punkten beträchtlich von traditionellen Gesellschaften. Beide Punkte beeinflussen die gegenwärtige Umweltkrise ganz entscheidend: Erstens haben der hohe Verbrauch fossiler Brennstoffe und der Einsatz moderner Technologie eine beispiellose Produktion von Waren und die Anhäufung von Reichtum ermöglicht, die einer großen Anzahl von Menschen ermöglichte, ein Leben in Luxus zu führen. Diese Produktion erforderte zwar kein direktes Zurückgreifen auf traditionelle Formen der Sklaverei, ein großer Teil der Menschheit konnte jedoch nicht in den Produktionsprozess eingegliedert werden und profitierte nur sehr wenig vom Reichtum, den er schuf. Zweitens hat die industrielle Gesellschaft Wachstum und Innovationsraten so viel schneller als jede andere Zivilisation vor ihr vorangetrieben, dass eine neue Situation entstanden ist. Die Zunahme des Wachstums der Weltbevölkerung ist hier am aussagekräftigsten. Sie verdoppelte sich zwischen 1850 und 1930, dann ein weiteres Mal zwischen 1930 und 1975. Obwohl die Wachstumsraten ihren Höhepunkt inzwischen überschritten haben, ist es wahrscheinlich, dass es bis zum Jahre 2010 erneut zu einer Verdoppelung kommt. Gleichzeitig hat sich die technologische Entwicklung so sehr beschleunigt, dass heute noch Menschen leben, die sich an eine Welt erinnern, in der es keine Autos, keine Flugzeuge oder Radios gab. Technologische Veränderungen in den Bereichen Transport und Kommunikation wurden bis vor kurzem sämtlich für Instrumente des Fortschritts gehalten. Erst jetzt unterzieht man sie neuen Kriterien, wie etwa der Frage nach ihrem Energieverbrauch und dem praktischen Nutzen, den sie zu liefern im Stande sind. Zukünftige Innovationen werden daher möglicherweise einen anderen Charakter haben.

Neue Energie-intensive Technologien verschlimmern auch Tendenzen, die die industrielle Gesellschaft mit der traditionellen teilt:

  • Traditionelle Zivilisationen entwickelten große geschlossene ökonomische und politische Systeme. Die industrielle (und die post-industrielle) Gesellschaft umschließt in rasender Geschwindigkeit die ganze Welt mit ihrem zusammenhängenden Wirtschaftssystem.
  • Traditionelle Zivilisationen tendierten dahin, so unstabil zu sein, dass nur wenige von ihnen länger als ein paar Jahrhunderte florierten. Die industriellen Gesellschaften leiden in dem Maße unter Funktionsstörungen, wie sie die Ressourcen plündern, die Umwelt vergiften und Waffen produzieren. Daher sind viele Menschen der Überzeugung, dass sich unsere Gesellschaften, die ja auf einem solchen Verhalten basieren, nicht einmal ein weiteres Jahrhundert werden halten können.

Die Entwicklung von Technologie, die in Diensten komplexer und expandierender Institutionen steht, hat eine neue Situation herauf beschworen. Niemals zuvor konnte die Menschheit über so viel Energie verfügen. Diese Menge an Energie spiegelt sich in der Tendenz zur Konzentration wider. In diesem Jahrhundert haben die Regierungen der Industrieländer ihre Macht ausgedehnt und zentralisiert. In den letzten Jahrzehnten haben das Erscheinen und die Expansion multinationaler Konzerne und Energieunternehmen den Führern nur weniger Institutionen gestatten, großen Einfluss auf die Zukunft unseres Planeten zu nehmen. Diese Unternehmen haben die Welt in eine einzige integrierte Ökonomie verwandelt und sich darum bemüht, eine universelle Kultur von Menschen zu begründen, die viel Energie konsumieren. Niemals zuvor hat die Welt auf globaler Ebene eine größere Beschleunigung von Wachstum und sozialen Veränderungen gesehen, als diejenigen, die durch die erwähnten Institutionen erzeugt wurden. „Bessere Lebensbedingungen für alle!“ lautet das propagierte Motto unserer industriellen Gesellschaft. Zwar leiden heute - in absoluten Zahlen gerechnet - zwar mehr Menschen unter Hunger als jemals zuvor, richtig ist aber auch, dass mehr Menschen und ein höherer Prozentsatz von Menschen in größerem Wohlstand lebt. Die Revolution der steigenden Erwartungen legt nahe, dass die Armen dieser Welt daran glauben, dass ökonomische Entwicklung und Industrialisierung selbst ihnen irgendwelche greifbaren Vorteile bringt.

Die Kosten und Gefahren der bestehenden Ordnung sind unabsehbar. Der unersättliche Heißhunger der wachsenden Weltwirtschaft beutet die Ressourcen in einer noch nie da gewesenen Geschwindigkeit aus. Die nutzbaren globalen Ressourcen sind zwar riesig, die zurzeit vorherrschenden Trends garantieren jedoch deren Erschöpfung in beängstigend kurzer Zeit. Die Weiterentwicklung der Weltwirtschaft, der wir selbst alle angehören, und der mit ihr einher gehende Missbrauch von Land und Wasser droht im Laufe der Zeit viele Teile der Erde in Wüsten zu verwandeln. Der Übergang von einer aus mehreren Gesellschaften mit weitgehend autarken ökonomischen Systemen bestehenden Welt hin zu einer globalen Gesellschaft, deren Ökonomie allumfassend ist, macht das ganze System für Katastrophen anfällig, wenn auch nur ein einziger wichtiger Teil des Systems nicht so funktioniert, wie er eigentlich sollte. Ein einziger Krieg oder eine Revolution an irgendeinem Ort der Welt besitzt das Potenzial, die ökonomische und politische Stabilität der ganzen Welt ins Wanken zu bringen. Während uns die globale Wirtschaft zwar auch nützlich sein kann, treibt sie uns in eine Abhängigkeit von ihr und verwandelt uns in Sklaven. Denn wenn unser Überleben auf ihrem reibungslosen Funktionieren beruht, dann lautet unsere vordringliche Aufgabe, für ihr Fortbestehen zu sorgen, koste es, was es wolle. Da sich dieses reibungslose Funktionieren aber auf eine diszipliniert, rational und sorgfältig arbeitende Bevölkerung stützen muss, muss alles Spontane, Emotionale, Begeisterungsfähige und Unvorhersagbare - alle Qualitäten, die einen Teil unserer Menschlichkeit ausmachen - zwangsläufig in den Hintergrund treten. Betrachtungsweisen wie diese finden allmählich Eingang in die Debatte um die Nutzung der Kernenergie.

Im Zeitalter billiger und reichlich vorhandener Energie vermögen wir die Entscheidungen Exxons genauso wenig zu beeinflussen wie die der OPEC. Heute verstehen wir endlich das alte Sprichwort, dass technologischer Fortschritt den Menschen nicht generell Macht verleiht, sondern, dass er dafür sorgt, wenigen Menschen zu mehr Macht über immer mehr Menschen zu verhelfen.

Umweltbelastungen in Form von verödeten Landstrichen, vergifteten Flüssen, Öl-verseuchten Meeren und Smog lassen sich überall immer deutlicher feststellen. Wenn wir nicht langsam beginnen, etwas zu unternehmen, werden wir auch Folgen auf menschlicher Ebene wie immer stärkere Bevormundung und steigende Krebsraten zu verantworten haben.

Der Niedergang dessen, was muslimische Ethiker ‚Zufriedenheit‘ (Qina’a) nennen, und der Siegeszug der Konsumgesellschaft haben dafür gesorgt, dass man heutzutage fast jeder Lust und Laune nachgibt. Unbeschwertes Vergnügen kann ohne Einsatz, Selbstdisziplin und anschließende Katerstimmung erreicht werden. Die Werbung lässt uns oftmals den Eindruck gewinnen, technologischer Fortschritt und ein Lebensstil, der nur unter dem massiven Einsatz von Energie aufrecht zu erhalten ist, könne all unsere Bedürfnisse im Handumdrehen erfüllen. Ein solcher Lebensstil verspricht sofortige Befriedigung in Form von Fastfood, elektronischer Unterhaltung, Fernreisen, Air-Condition, Zentralheizung, schmerzstillenden Medikamenten und Maschinen zur Arbeitserleichterung.

Die Hoffnung der Menschen, biologische Limits zu überschreiten und die Grenzen menschlicher Erkenntnis, Macht und Erfahrung um jeden Preis auszuweiten, haben zum Raumfahrtprogramm, zu Flügen mit Überschallgeschwindigkeit und zur Entwicklung von Kernreaktoren geführt. Diese grenzenlosen Erwartungen stecken allerdings alle in einem begrenzten Körper und bilden so einen Widerspruch, den die Religion zu lösen hat. Sie ist es, die uns unsere Grenzen aufzeigt, indem sie uns den Tod als eine Realität präsentiert.

Es ist paradox - obwohl wir fast täglich in irgendeiner Weise mit dem Tod konfrontiert werden, lauert die Sicherheit unseres eigenen Todes allenfalls an den Rändern unseres Bewusstseins. In seinem Buch ‚The Denial of Death‘ (New York, Free Press, 1974) stellt Ernest Becker die Behauptung auf, dass, weil wir wissen, das wir einst sterben müssen, und daher dazu gezwungen sind, in einer tragischen und beängstigenden Welt zu leben, ein neues Heldentum (basierend auf Glaube und Willen) gefragt sei, dass sich für eine Vision einsetzt. „Stattdessen aber“, so Becker „trinkt der moderne Mensch, nimmt Drogen und raubt sich so das Bewusstsein oder verbringt seine Zeit mit Einkaufen, was auf das Gleiche hinausläuft.“

Die Vision von Freiheit beinhaltet nicht nur die Freiheit von menschlicher Beschränktheit und Tod, sondern auch die Ablehnung des übel riechenden, unsauberen und vergänglichen Fleischseins unserer Körper. Körper haben ihren Ursprung im Schmutz. Sie empfinden Hunger und Durst. Sie essen, trinken und haben Stuhlgang. Sie werden krank, altern, sterben und verwesen in der Erde. Sie sind Leidenschaften, irrationalen Emotionen und ‚niederen‘ Impulsen ausgesetzt. Sie erzeugen Lust und Geilheit. Wie kann sich also der Besitzer eines solchen Körpers befreien? Die Ablehnung von Körper und körperlicher Arbeit ermutigt doch lediglich unseren Hang zur Mechanisierung.

Innerhalb der Kultur der Industriegesellschaft leben wir und vertreten eine Politik, als würden glauben, diese Träume von Freiheit könnten wahr werden. Wir widmen uns dem technischen Fortschritt, als ob durch ihn erworbenes Wissen das Wohlergehen des Menschen fördern und ihn nicht bedrohen würde. Wir reden und planen, als ob die Industriegesellschaft ewig Bestand hätte. Unsere Sichtweise hat allerdings schon eine lange historische Tradition. Die Pharaonen glaubten, wie uns der Koran versichert, an ihre eigene Göttlichkeit und somit auch an die Ewigkeit. Die Griechen beobachteten, dass diejenigen, deren Ambitionen zu hoch gesteckt und deren Erfolge zu groß waren, unter einer extrem gestörten Wahrnehmung litten, die sie Arroganz nannten. Diese Arroganz führte zu einer Art von Wahnsinn, der unweigerlich ihren Niedergang zur Folge hatte.

Glücklicherweise gibt es aber eine Alternative: den Umweltschutz mit einer religiösen Dimension. Er fordert kein plötzliches Ende des technologischen Fortschritts, sondern verlangt strenge und unverzügliche Maßnahmen, die einen moralisch und spirituell befriedigenden Lebensstil für alle Menschen gewährleisten. Nur diese Strategie kann die Umweltzerstörung erfolgreich stoppen, in der darauf folgenden Phase vertretbare und gleichberechtigte menschliche Gesellschaften begründen und diese für lange Zeit aufrechterhalten.

A. Sachedina/W. Willeke

Letzte Änderung am 20.11.2016
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