… „Wenn das ganze Meer Tinte wäre, um die Worte meines Herrn niederzuschreiben, dann wäre fürwahr das Meer erschöpft...“

Die Natur ist ein atemberaubendes Kunstwerk. Der Mensch lebt in dieser Natur und unterhält eine Beziehung zu ihr, die für sein Leben und Überleben von größter Wichtigkeit ist. Doch was bedeutet uns die Natur? Und wie ist es um die Qualität unserer Beziehung zur Natur bestellt? Einige Naturwissenschaftler betrachten die Natur als völlig unabhängig und sprechen ihr die Fähigkeit zu, sich selbst verwalten und selbst schöpferisch tätig sein zu können. Andere wiederum behaupten, jeder einzelne Aspekt der Natur sei an den Einen und Einzigen Architekten des Universums gebunden.

Eine Konsequenz der ersten Sichtweise ist sicherlich, dass unsere moderne Haltung der Wissenschaft gegenüber oft aggressiv und arrogant ist. Bis in unsere Tage hinein galt die Natur als etwas, das unterworfen und beherrscht werden musste. Aus diesem Blickwinkel heraus betrachtet führte man - konsequenterweise - einen permanenten Kampf mit dem Ziel, die Natur zu erobern und zu zähmen. Als es britischen Gelehrten in den 1960er Jahren gelang, die Höhe des Mount Everest zu bestimmen, erklärten sie, sie hätten den Berg, das Objekt ihrer Begierde, bezwungen. Diese Aussage bringt unsere moderne Haltung zur Natur sehr gut auf die prägnante Formel „Herrschaft statt Harmonie“. Auch wenn in unserer Gegenwart dieses Paradigmas nicht zu gelten scheint, weil die Natur inzwischen als beschützenswertes Gut der Menschheit angesehen wird, besteht die Umweltproblematik in einem noch größeren Ausmaß fort.

Die Weltreligionen hingegen verfügen über einen ganz anderen Ansatz. Das Naturverständnis des Islams soll im Mittelpunkt dieses Artikels stehen.

Der Islam und die Natur

Der Koran (und mit ihm der Islam) versteht die Natur als ein Buch, durch das und in dem sich Gott Selbst dem Menschen offenbart. Auch wenn der Koran nicht ausdrücklich betont, dass die Natur das Buch Gottes ist, enthält er doch viele Hinweise darauf, dass die Natur Teil der unermesslichen Werke Gottes ist. In einem Vers heißt es:

Sprich: „Wenn das ganze Meer Tinte wäre, um die Worte meines Herrn niederzuschreiben (die Werke, Gebote und Manifestationen all Seiner Namen und Eigenschaften), dann wäre fürwahr das Meer erschöpft, ehe die Worte meines Herrn erschöpft wären, auch wenn Wir noch einmal so viel hinzufügen würden.“ (18:109)

Einige islamische Gelehrte interpretieren diesen Vers dahingehend, dass das Meer selbst eine Art Wort Gottes ist. Selbst wenn ein weiteres Meer zur Verfügung stände, würde auch dieses nicht genügend Tinte produzieren können, um Gottes Vorrat an Worten zu erschöpfen. Denn auch die Tinte ist Sein Wort. Insofern können wir jeden Teil der Natur als einen Satz oder ein Wort im Buch der Natur bezeichnen, deren Autor Gott ist.

Die Natur zu studieren, bedeutet also, das Buch Gottes zu studieren. Von denjenigen, die an den Koran glauben, wird erwartet, dass sie die Natur ‚lesen‘, damit sie Gott besser verstehen, Seine Schöpfung betrachten und einen Dialog mit Ihm führen können. Die Menschheit besitzt die Fähigkeit zu denken. Deshalb vermag sie zu erkennen, wie die Schönen Namen Gottes überall in der Natur widergespiegelt werden. Diese Idee findet sich auch in folgenden Koranversen wieder:

Wahrlich, in der Erschaffung der Himmel und der Erde und in der Abwechslung von Tag und Nacht (mit ihren sich verkürzenden und verlängernden Zeitabläufen) sind Zeichen (in denen sich die Wahrheit manifestiert) für die Einsichtigen. Sie gedenken Gottes im Stehen und im Sitzen und wenn sie auf ihrer Seite liegen (mit ihren Zungen und ihren Herzen, sei es während des Gebets oder zu anderer Zeit) und denken über die Erschaffung der Himmel und der Erde nach. (Wenn sie dann den Sinn ihrer Erschaffung und die Bedeutung, die darin liegt, begriffen haben, kommen sie zu dem Schluss und sagen:) „Unser Herr! Du hast dieses (Universum) nicht ohne Sinn und Zweck erschaffen! Gepriesen seiest Du (denn Du bist absolut darüber erhaben, etwas Sinnloses oder Zweckloses zu tun)! (3:190-191)

Die Schönen Namen Gottes

Wenn wir die Natur betrachten, entdecken wir zwangsläufig die Bedeutungen und Reflexionen der Schönen Namen Gottes. Da wir Menschen die einzigen bewussten Geschöpfe in der physischen Welt sind, sind wir auch die einzigen Geschöpfe, von denen verlangt wird, über die Natur nachzudenken. Die islamische Tradition spricht von 99 Namen Gottes, von denen sich einige in der Natur manifestieren.

Die Sonne beispielsweise in all ihrem Glanz, aber auch der Mond und die Sterne reflektieren den Namen ‚an-Nur‘ (das Licht). Die Erde mit all ihren lebenden Geschöpfen spiegelt den Namen ‚al-Hayy‘ (der Lebende) wider. Das ganze Universum stellt sowohl das Resultat als auch ein Abbild des ‚al-Khaliq‘ (der Schöpfer) dar. Alle Arten von Liebe im Universum, angefangen von der Liebe der Mutter zu ihren Kindern bis hin zu der Liebe der Muttertiere zu ihren Jungen (mit anderen Worten: die allen Menschen und Tieren angeborene Fähigkeit zu lieben) reflektieren den Namen ‚al-Wadud‘ (der Liebende).

Am Ende seiner berühmten ‚Göttlichen Komödie‘ kommt der italienischen Philosoph Dante (1256-1321) zu dem Ergebnis, dass die Liebe Gottes „...die Liebe ist, die die Sonne und andere Sterne bewegt.“ Dieser Gedanke findet sich auch bei al-Dschami, einem bedeutenden Sufi. Viele muslimische Gelehrte und insbesondere die Sufis glauben, dass die Bewegung der Sonne nichts anderes als ein Ausdruck ihrer ekstatischen Liebe zu Gott ist.

Die Ernährung aller Geschöpfe geht auf den Namen ‚ar-Razzaq‘ (der Versorger) zurück, und die Fähigkeit zu sehen verdanken wir dem Namen ‚al-Basir‘ (der Sehende). Die Einzigartigkeit aller Lebewesen, die in der Verschiedenartigkeit aller Dinge und Geschöpfe zum Ausdruck kommt, spiegelt den Namen ‚al-Mutasawwir‘ (der Gestalter) wider und alles Schöne den Namen ‚al-Dschamil‘ (der Schöne). Diese Beispiele präsentieren uns die positiven Aspekte der Natur. Doch auch ihre negativen Aspekte (d.h., Naturkatastrophen und der Tod) kommen in einigen Namen Gottes zum Ausdruck.

Die Namen Gottes und die Natur

Die Beziehung zwischen den Namen Gottes und der Natur ähnelt der Beziehung zwischen einem Objekt und einem Spiegel. Manifestation und Reflexion der Sonne zeigen sich in selbst den kleinsten Glasscherben und in jedem noch so winzigen Wassertropfen. Diese werfen die Sonnenstrahlen zurück, sind jedoch selbst natürlich keine Sonnen. Dementsprechend spiegeln alle Lebewesen und auch die Natur Gott wider, ohne dabei Götter zu sein. Dieser Punkt unterscheidet den Islam vom Pantheismus, dessen Gott die Natur ist.

Wenn die Natur die Namen Gottes reflektiert, muss sie aus einem bestimmten Grund erschaffen sein. Weder auf der Ebene der Planeten noch auf der Ebene der Atome geschieht irgendetwas ohne Absicht. Somit entsteht nichts aus einem Zufall heraus. Alles verfügt über ein bestimmtes Maß, das von einzigartiger Kunstfertigkeit kündet. Selbst die kleinsten Teilchen der Schöpfung sind perfekt konstruiert, und jedes Detail ist sorgfältig herausgearbeitet. Verse wie

Und der (für jedes Geschöpf ein bestimmtes Leben, entsprechende Wesenszüge und einen Daseinszweck) festlegt und (es zur Erfüllung dieses Zwecks) hinleitet. (87:3)

und

Wahrlich, Wir haben jedes Lebewesen und jedes Ding nach einem (genauen) Maß erschaffen. (54:49)

künden von der Tatsache, dass alles im Universum von Gott, dem Allmächtigen und Weisen erschaffen, bemessen und geleitet wird. Islamische Gelehrte bestätigen, dass Gott selbst die kleinsten Dinge konzipiert und erschaffen haben muss; denn hätte Er allein dies nicht getan, würde Chaos im Universum herrschen.

Außerdem ist das Universum auch kein abgeschlossenes System von Ursache und Wirkung. Der Koran nennt die Regelmäßigkeit der natürlichen Phänomene und die Beziehung zwischen natürlichen Ursachen und ihren Wirkungen Sunnat Allah (Gottes Art und Weise zu handeln). Wenn jemand sich von einer Krankheit erholt, weil er Medizin eingenommen hat, stellt die Medizin nach islamischem Verständnis die Ursache seiner Genesung dar. Der wahre Heiler ist jedoch der Eine, der der Medizin die Fähigkeit zu heilen verliehen hat. Heilung und Medizin stehen in einem sehr sensiblen Verhältnis zueinander, weil die Medizin bzw. der Prozess der Heilung selbst Gottes Namen ‚asch-Schafi‘ (der Heiler) widerspiegeln. Die Suche nach einer geeigneten Medizin ist also gleichzeitig die Suche nach Gott selbst. Sie ist in jedem Fall gutzuheißen und darf auf keinen Fall abgelehnt werden.

Wenn wir einen Apfel hervorbringen möchten, müssen wir einem natürlichen Prozess folgen: Wir müssen einen Baum pflanzen, darauf warten, dass dieser Baum heranwächst, ihn genügend bewässern und darauf achten, dass er ausreichend Wärme und Licht bekommt. Mit anderen Worten: Sauerstoff, Stickstoff, Wasserstoff und Kohlenstoff verbinden sich auf unterschiedliche Art und Weise, um die Pflanzen unserer Welt ins Leben zu rufen. Gott Seinerseits bedient sich dieses Prozesses, um Seinen Willen walten zu lassen.

Ursache und Wirkung

Der Prozess der Schöpfung ist das Resultat der Beziehung zwischen Ursache und Wirkung, die der Weltsicht des Determinismus und dem berühmten Mechanismus Newtons zu Grunde liegt. In vielen Fällen ist diese Beziehung zwischen Ursache und Wirkung sehr stark, manchmal aber auch ziemlich fein bzw. gar nicht wahrnehmbar. Wir können z.B. astronomisch berechnen, zu welcher Zeit heute in 10 Jahren die Sonne aufgehen wird. Ob es jedoch genau heute in einem Jahr regnen wird, können wir nicht vorhersagen. Das wissenschaftliche Modell für den Fall von Regen kann erst dann eine Aussage darüber treffen, ob es regnet oder nicht, wenn physische Zeichen vorhanden sind. Analog dazu kennen wir die besonderen Kennzeichen des Lebens. Wir wissen jedoch nicht, wie Lebewesen zu ihrem Leben kommen. Der Koran sagt, im Widerspruch zum mechanistischen Weltbild Newtons, dass Gott das Universum ständig neu erschafft:

Jeden (Augenblick jedes) Tages manifestiert Er sich aufs Neue (mit all Seinen Attributen und Namen als Göttliches Wesen). (55:29)

Die Naturgesetze entspringen der Weisheit Gottes. Hinter jeder Ursache und jeder Wirkung steht der ‚Erzeuger aller Ursachen‘ (‚Musabbib al-asbab‘), die Letztgültige Ursache. Zum Wesen der Schöpfung gehört, dass die Ursachen, die wir in unserem täglichen Leben sehen, die Wirkungen, die wir beobachten können, nicht herbeiführen. Natürliche Ursachen, Sauerstoff, Stickstoff, Wasserstoff und Kohlenstoff sind grundsätzlich gesetzlos, formlos, blind und unbewusst. Daher können sie auch nichts ins Leben rufen, was bewusst schön gestaltet ist. Die Elemente, die wir mit dem Essen aufnehmen, sind beispielsweise so gemacht, dass sie unseren Körper optimal ergänzen und seinen Fortbestand sichern. Doch wir sind uns dieser Tatsache ebenso wenig bewusst wie die Elemente. Der muslimische Gelehrte Said Nursi stellt fest:

„Wenn wir den Allmächtigen Einen, die Ursache aller Ursachen, verleugnen, müssen wir akzeptieren, dass in jeder Funktion unseres Auges ein weiteres Auge verborgen sein muss, das gleichzeitig alle Körperteile und das ganze Universum, mit dem wir verbunden sind, überblicken kann.“

Da die Ursachen, mit denen wir Menschen in der Natur konfrontiert sind, von der Letztgültigen Ursache abhängig sind, können sie theoretisch jederzeit ausgesetzt werden. Die Regelmäßigkeit natürlicher Phänomene beruht auf dem Befehl des Allmächtigen Einen. Er kann, so Er denn will, alle Naturgesetze brechen, denn Er Selbst war es ja, der sie eingesetzt hat. Um auch diese Behauptung zu untermauern, sei an dieser Stelle auf die Wunder hingewiesen, die Gott Seinen Propheten zu wirken gestattete. Eine Analyse dieser Wunder würde aber den Rahmen dieses Aufsatzes sprengen.

Das Wesen des Feuers ist zu brennen. Es liegt jedoch im Ermessen Gottes, selbst dieses machtvolle Element seiner Kraft zu berauben:

„O Feuer“, erging Unser Befehl, „Sei kühl und friedfertig gegen Abraham!“ (21:69)

Wenn Gott etwas erschaffen will, befiehlt er „Sei!“, - und es ist. Die Natur gehorcht Seinen Anweisungen und handelt deshalb nicht autonom. Oftmals setzte Er bestimmte Naturgesetze aus, um seine Propheten zu schützen. Muslimische Gelehrte interpretieren die sichtbaren Ursachen als Schleier, die die Macht und den Willen Gottes verhüllen. Seine Weisheit erfordert, dass uns auch Seine Majestät verborgen bleibt.

In dieser Welt, dem Haus der Weisheit (‚Dar al-hikma‘) regiert die Weisheit Gottes. In ihr hat die Beziehung zwischen Ursache und Wirkung ihre Quelle. Selbstverständlich ist Gott dazu in der Lage, einen erwachsenen Menschen in nur einem Tag zu erschaffen. Seine Weisheit gebietet es aber, den Menschen so zu schöpfen, dass sein Leben mehrere unterschiedliche Phasen umfasst. Indem Er Sich eines natürlichen Prozesses bedient, lehrt Gott die Menschen, dass ihr Handeln ebenfalls einem ähnlichen Prozess folgen sollte. Obwohl sich die Macht Gottes in der Schöpfung des Universums und in dem Prozess von Ursache und Wirkung in der Natur widerspiegelt, bleibt die tatsächliche Reflexion dem Jenseits, dem Haus der Macht (‚Dar al-qudra‘), vorbehalten. Dort wird Gott Seine Macht dann ohne die Vermittlung von Ursache und Wirkung ganz direkt ausüben.

Fazit

Das koranische Naturverständnis ermutigt uns, die Verantwortung für den Erhalt und das Wohlergehen unserer Umwelt zu tragen. Die Natur ist ein Buch Gottes. Deshalb verdient sie unseren größten Respekt. Der Koran fördert die Liebe zur Natur, denn die Natur resultiert aus der Liebe Gottes. Sie kann uns dabei helfen, die Wahrheit hinter den Dingen zu erkennen. Dadurch dass sie die Natur betrachten und sich die Reflexionen der Schönen Namen Gottes bewusst machen, erkennen gläubige Menschen Seine Zeichen und erfahren Seine Anwesenheit in ihrem Alltag. Durch die Natur werden sie auf die Kunstfertigkeit Gottes aufmerksam und lernen die Lektionen, die Er der Menschheit in Seiner Schöpfung erteilt.

Dr. Zeki Saritoprak

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