Die Geschichte zeigt, dass jeder Fortschritt und jede Entdeckung, die den Menschen ein komfortableres Leben bescherte, auf Wettbewerb und den Wunsch nach einer Verbesserung zurückging und auch von der Existenz von Unterschieden zwischen Reich und Arm profitierte.

Die ökonomische Strategie des Korans wird in unzweideutigen Worten beschrieben:

Was Gott Seinem Gesandten gegeben hat, das ist für Allah und für den Gesandten und für die Verwandten und die Waisen und die Armen und den Sohn des Weges, damit es nicht nur bei den Reichen unter euch umläuft. (59:7)

Die Gleichheit aller Menschen in Wohlstand und Wohlergehen ist nicht mehr als ein Ideal, und selbst dieses Ideal verspricht keine ungetrübte Freude. Da die Menschen z.B. nicht mit identischen natürlichen Begabungen ausgestattet sind, würden selbst bei einer absolut gerechten Verteilung des Reichtums einige Verschwender sofort Konflikte provozieren und beginnen, andere Menschen um ihr gutes Schicksal und ihren Besitz zu beneiden. Aus philosophischen und psychologischen Gründen scheint eine Ungleichverteilung des Reichtums darüber hinaus im Interesse der Menschheit zu liegen.

Der Lebensstandard des Menschen verändert sich permanent; denn die Menschheit dominiert die Schöpfung Gottes und beutet eine Quelle nach der anderen aus. Die Tiere hingegen haben seit ihrer Erschaffung durch Gott kaum je neue Bedürfnisse entwickelt. Ein Grund für diesen Dualismus liegt, wie Biologen herausgefunden haben, in der Existenz von Gesellschaften, die von der Zusammenarbeit und vom freien Wettbewerb unter ihren Mitgliedern geprägt sind. Die vielleicht am weitesten entwickelte soziale Kooperation im Tierreich ist die der Ameisen-, Bienen- und Termitenvölker, die jeweils feste Gemeinschaften bilden, in denen in Bezug auf den Lebensstandard völlige Gleichheit herrscht. Da unter ihren Mitgliedern jedoch kein Wettbewerb existiert, kann eine intelligentere oder fleißigere Biene auch keinen höheren Lebensstandard als andere genießen. Aus diesem Grunde erzielen diese Spezies auch keine Fortschritte im menschlichen Sinne des Begriffs. Weder entwickeln noch verändern sie sich.

Die Geschichte zeigt, dass jeder Fortschritt und jede Entdeckung, die den Menschen ein komfortableres Leben bescherte, auf Wettbewerb und den Wunsch nach einer Verbesserung zurückging und auch von der Existenz von Unterschieden zwischen Reich und Arm profitierte. Absolute Freiheit spornt sündhafte Menschen an, die Bedürftigen auszubeuten und sie auszuschließen. Folglich muss jede fortschrittliche und gesunde Kultur einerseits bestimmte Pflichten und Verbote etablieren (z.B. das Zahlen von Steuern und das Verbot von Unterdrückung und Betrug) und bestimmte freiwillige Akte empfehlen (z.B. Wohltätigkeit und Spenden um der Sache Gottes willen), während sie andererseits ihren Mitgliedern ein großes Maß an Handlungs- und Gedankenfreiheit einräumen muss. Ziel muss sein, dass das Individuum, seine Familie, seine Freunde und seine Gesellschaft als Ganze profitieren. Dies entspricht auch der Prämisse des Islam. Auf diesem grundlegenden Prinzip baut der Islam sein ökonomisches System auf. Wenn er den Besitz von Reichtum toleriert, dann nur unter der Auflage, dass dem Reichen schwerere Lasten aufgebürdet werden. Sie müssen Steuern zahlen, die den Armen helfen sollen, und dürfen sich keiner unmoralischen ökonomischen Praktiken (wie Ausbeutung oder Horten und Akkumulation von Reichtum) bedienen. Um dieses Ziel zu erreichen, erlässt der Islam unterschiedliche Gesetze und spricht zahlreiche Empfehlungen (Wohltätigkeit, Verzicht etc.) aus. Gleichzeitig verspricht er uns einen spirituellen (außerweltlichen) Lohn. Darüber hinaus unterscheidet der Islam mittels Überzeugung und Erziehung zwischen notwendigem Minimum und wünschenswerter Vollkommenheit sowie zwischen Gesetzen, die mit materiellen, und solchen die mit immateriellen Strafen verknüpft sind.

Dieser moralische Aspekt soll zunächst anhand einiger Beispiele illustriert werden. Der Islam bedient sich sehr eindringlicher Worte, um zu zeigen, dass das Betteln verabscheuenswürdig und eine Quelle der Schande ist. Gleichzeitig jedoch spendet er denjenigen Beifall, die andere Menschen unterstützen. Jene, die anderen Opfer bringen und ihnen Vorrang vor sich selbst einräumen, bezeichnet er als die besten Menschen. Habsucht untersagt er ebenso wie Verschwendung.

Eines Tages benötigte der Prophet beträchtliche finanzielle Mittel für ein öffentliches Projekt. Einer seiner Freunde bot ihm eine bestimmte Summe an und antwortete ihm auf seine Nachfrage: „Ich habe nichts behalten außer meiner Liebe zu Gott und Seinem Gesandten." Diesen Mann überschüttete der Prophet mit Dank. Bei anderer Gelegenheit bat ihn ein Gefährte, der schwer krank war und den er aufgesucht hatte, um sich nach seinem Gesundheitszustand zu erkundigen: „Gesandter Gottes, ich bin ein reicher Mann und möchte all meine Hinterlassenschaften zum Wohle der Armen spenden." Der Prophet aber erwiderte: Nein, du solltest deine Angehörigen mit Mitteln zur Bestreitung des Lebensunterhalts bedenken, damit sie nicht von anderen abhängig sind und betteln müssen. Auch als der Mann sein Angebot zunächst auf zwei Drittel, dann auf die Hälfte reduzierte, lehnte der Prophet weiterhin ab und sagte, auch dies sei noch zu viel. Als der Mann schließlich ein Drittel seines Besitzes wohltätigen Zwecken zur Verfügung stellte, sagte der Prophet: Selbst ein Drittel ist noch eine hohe Summe.2


Einmal sah der Prophet, dass einer seiner Gefährten in ein armseliges Gewand gehüllt war. Als er ihn fragte, warum, antwortete jener: „Gesandter Gottes, ich bin zwar alles andere als arm, aber ich spende meinen Reichtum lieber den Armen als mir selbst." Der Prophet aber merkte an: Nein. Gott sieht es gern, wenn Sein Diener Zeichen der Gunstbeweise trägt, die Er ihm gewährt hat.3


Diese Berichte widersprechen einander nicht. Beide haben ihren eigenen Kontext und beziehen sich auf ganz individuelle Fälle. Den Muslimen ist es gestattet, über das obligatorische Minimum hinaus so viel sie wollen für wohltätige Zwecke zu spenden.

Quelle:  Büyükcelebi, Ismail (2005), Leben im Lichte des Islam, Fontäne/Offenbach
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* Dieses Kapitel orientiert sich an Abschnitten aus den Büchern Introduction to Islam von Muhammad Hamidullah und Hamdad Islamicus von Ahmad Shafaat und Asghar Qureshi, die hier gekürzt und zusammengefasst wiedergegeben werden.
2 Abu Dawud, Zakat, 45
3 Tirmidhi, Birr, 63

Letzte Änderung am 28.11.2014
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