Abu Hanifa war der Erste, der die Rechtswissenschaft auf theoretischer Ebene systematisierte.

Diese Schule beruft sich auf ihren Gründer Abu Hanifa Nu’man ibn Thabit, der 699 in Kufa geboren wurde. Er stammte ursprünglich aus Persien und war Zeitgenosse der Prophetengefährten Anas ibn Malik, Abdullah ibn Abi Awfa und Sahl ibn Sa’d as-Sa’idi, mit denen er jedoch keinen Kontakt pflegte. Er war Zeitzeuge der Dynastien der Umayyaden und der Abbasiden.

Sein umfangreiches Fachwissen und sein Scharfsinn machten Abu Hanifa in Fragen des islamischen Rechts zu einer anerkannten Autorität. Seine Kompetenz trug ihm den Ehrentitel „Der große Imam“ (der größte führende Rechtsgelehrte) ein. Er war der Erste, der die Rechtswissenschaft auf theoretischer Ebene systematisierte. Er verfasste Bücher über religiöse Pflichten und die Rahmenbedingungen, unter denen die Menschen diesen Pflichten nachkommen sollten. Seine Gedanken lehrte er vielen Schülern. Neben dem Koran pflegte er nur diejenigen Hadithe als beweiskräftig zu akzeptieren, die ohne jeden Zweifel authentisch waren. Er verstarb 767 in Bagdad.

Imam Abu Yusuf und Imam Muhammad asch-Schaybani, seine begabtesten Schüler, überlieferten seine Lehre der Nachwelt und entwickelten aus ihr die hanafitische Rechtsschule. Abu Yusuf (731-798) war Richter in Bagdad. Unter dem Abbasidenkalifen Harun ar-Raschid (786-809) wurde er zum Oberrichter des Reichs ernannt und mit der Berufung der Richter in den islamischen Regionen beauftragt. Dies ermöglichte ihm, Abu Hanifas Lehre zu verbreiten und sie zur Grundlage der praktischen Rechtsprechung zu machen. Imam Muhammad asch-Schaybani (737-804) hat ebenfalls viel zur Gründung der hanafitischen Rechtsschule beigetragen und die Grundlagen der Schule in sechs Werken dargelegt.

Die hanafitische war die führende Rechtsschule im Irak unter den Abbasiden. Auch im Osmanischen Reich behielt sie ihre Vorrangstellung. Sie ist heute in der Türkei, Syrien, dem Libanon, Jordanien und für die Sunniten im Irak maßgeblich. Ihr Ausdehnungsgebiet reicht im Osten bis nach Zentralasien, Afghanistan, Pakistan, Indien und China. Die meisten Muslime weltweit gehören heute der hanafitischen Rechtsschule an. 

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