Rainer Hermann

Der Islam regelt zwar den Tagesablauf eines Muslims oft bis in die kleinsten Einzelheiten. Wer diesen Regeln folge, tue dies als Zeichen der „Gottgefälligkeit“, heißt es.

Reformen, die der christliche Westen schon hinter sich hat, erfassen die islamische Welt und verändern sie. Auch wenn der Terrorfeldzug von IS und Al Qaida Ängste schürt: Längst gibt es im Islam eine anpassungsfähige Mitte. Ein Kommentar.

Kann ein Muslim seine Religion praktizieren und trotzdem modern sein? Kann er sich in die Zeitläufte einfügen und dennoch Muslim bleiben? Die Antworten darauf fallen verschieden aus: Die Attentäter von Paris verweigern sich unserer Moderne und wurden zu Terroristen; die meisten Muslime, zumal im Westen, fügen sich aber in diese Moderne ein, sind Bürger geworden und verabscheuen den Terror – wie alle anderen auch.

Die Muslime leben längst nicht mehr in einer Welt, die allein vom Islam geprägt ist. Die westliche Moderne ist auf allen Ebenen in ihr Leben eingedrungen. Was der christliche Westen schon hinter sich hat, erfasst die islamische Welt.

Hatte etwa die katholische Kirche aus eigener Einsicht ihren Frieden mit der säkularisierten Welt geschlossen? Das hat sie nicht. Lange waren die Theologen dazu nicht bereit; dann folgten (und folgen) sie notgedrungen dem veränderten Verhalten ihrer Gläubigen in einer säkularisierten Welt.

Nicht anders ist es heute bei den Muslimen. Die meisten von ihnen suchen einen Islam, der ihrer Lebenswirklichkeit entspricht. Allein auf die mit der Schrift lebenden Theologen zu zeigen, die sich dieser Moderne (noch) widersetzen, verstellt den Blick auf die Wirklichkeit; sie ist viel lebendiger als die Schriftlichkeit.

Gemäßigter Business-Islam in Dubai und in der Türkei

Hat die Reformation, die wir vom Islam einfordern, in der christlichen Kirche wirklich einen toleranten Umgang miteinander gebracht? Das hat sie nicht. Calvin und Zwingli waren keine liberalen Reformer. In Calvins Genf waren Theater, Gesellschaftsspiele, Tabakgenuss und Alkohol verboten. Erst die Söhne der Reformatoren wurden aufgeklärte, weltoffene und liberal denkende Bürger. Die neuen Händler, in den Niederlanden etwa, sprengten die Ketten dieses Puritanismus.

Auch das wiederholt sich heute unter den Muslimen. Die Terroristen im Namen des Islams streben nach dem Paradies von morgen, die modernen Muslime aber wollen den Wohlstand heute – und das Paradies dann später. Das eine ist der fanatische Dschihad-Islam, das andere ein gemäßigter Business-Islam. Für den stehen zwei Beispiele: die türkische AKP, deren Basis das prosperierende anatolische Unternehmertum ist, und Dubai, wo nicht der Islam radikal ist, sondern der Kapitalismus.

Es ist kein Widerspruch, wenn die islamische Welt auf der Ebene des Einzelnen eine Säkularisierung durchläuft und sie gleichzeitig eine Rückbesinnung auf den Islam erfährt. Denn in dieser neuen, säkularisierten Moderne soll der Islam die kulturelle Identität des Einzelnen schützen, mit der dieser dann am Fortschritt teilhaben kann.

Der Islam ist für diese Muslime nicht mehr ein abstrakter theologischer Diskurs, sondern eine emotionale Religiosität, die ihnen Orientierung gibt. Sie praktizieren dabei einen Islam, den sie den Bedürfnissen der säkularisierten Welt anpassen.

Vor die Wahl gestellt, ob sie in das glitzernde Dubai ziehen wollten oder in den schwarz beflaggten „Islamischen Staat“, würden sich die allermeisten für den Wohlstand entscheiden und für die globalisierte Moderne; Zehntausende aber auch für den Terror.

So gottgefällig, wie es die Umstände von Ort und Zeit erlauben

Dass der Islam in einer tiefen Krise steckt, ist offenkundig. Im Namen des Islams terrorisieren Dschihadisten vor allem die gemäßigten Muslime, als Antiglobalisierungsbewegung auch die Welt. Von diesen Extremen, die der Islam heute zeigt, darf aber nicht auf dessen Mitte geschlossen werden – so wie von seinen Ketzern und Fanatikern auch nicht auf die Mitte des Christentums geschlossen werden kann.

Die Muslime haben eine solche Mitte, haben einen gemäßigten, zeitgemäßen Islam hervorgebracht, der gerne mit dem Wort „Wasatiya“ bezeichnet wird. In dem Wort steckt ebendieser Begriff der „Mitte“.

Damit gemeint ist nicht ein statischer Mittelpunkt, sondern ein flexibles Verhalten, das äußere Einflüsse, die man nicht beeinflussen kann, integriert.

Es ist kein Zufall, dass die Protagonisten dieses Islams überwiegend Unternehmer, Händler und Selbständige sind – wie es auch Mohammed war und später jene waren, die die strengen puritanischen Mahner der Reformation überwanden.

Denn jeder Unternehmer geht ein Risiko ein und weiß so im Angesicht der Unsicherheit Gott an seiner Seite.

Der Islam regelt zwar den Tagesablauf eines Muslims oft bis in die kleinsten Einzelheiten. Wer diesen Regeln folge, tue dies als Zeichen der „Gottgefälligkeit“, heißt es. Er ist aber frei, es zu tun, wie es die Umstände von Ort und Zeit erlauben.

Denn im Islam ist alles außer dem Glaubensbekenntnis relativ, kann also angepasst werden. Die modernen Muslime, die so verfahren, leiten ihre Flexibilität aus den Quellen des Islams ab, dem Koran, den Aussprüchen Mohammeds und der Tradition der islamischen Rechtsprechung.

In der Moderne schien diese Flexibilität zunächst verlorengegangen. Dass der Islam sie mit seinem Regelwerk ermöglicht, hat zwei Gründe: Er kennt keine Hierarchie, die etwas verbindlich vorschreiben kann, und das theologische Gerüst fordert geradezu zu einem Anpassen an Raum und Zeit auf. Wäre das nicht so, der Islam hätte nie eine Weltreligion werden können.

FAZ, 10.01.2015

Letzte Änderung am 11.01.2015
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