Bereits der erste Satz des Buches im Vorwort macht die zentrale Intention der Autoren deutlich: „Dieses Buch ist kein islamkritisches Buch, sondern ein kritisches Islambuch“.

Gleich nach Erhalt mit der Post habe ich angefangen, das Buch mit großem Interesse zu lesen. Und ich habe es dann in einem Zug durchgelesen. 

Es ist mir ein Bedürfnis, gleich zu Beginn dieser Besprechung zunächst den Autoren, dem Ehepaar Tworuschka, herzlich dafür zu danken, dass sie ein so kompetentes Buch gegen eine allgegenwärtige Islam-Hysterie in Deutschland herausgebracht haben. Ein so treffendes Buch mit viel wissenschaftlich fundiertem Hintergrundwissen konnten nur Monika und Udo Tworuschka verfassen: „Der Islam – Feind oder Freund? 38 Thesen gegen eine Hysterie“ (Kreuz Verlag)!

Da die Autoren mit ihren 38 Thesen gegen eine Islam-Hysterie alles so knapp wie möglich, aber so ausführlich wie nötig dargestellt haben, habe ich eine Weile überlegt, worauf ich in meiner Rezension näher eingehen möchte.

Vorab kann ich sagen, dass jede Person, die sich irgendwie mit dem Islam beschäftigt, dieses Buch lesen sollte, um sich die notwendige Wissensbasis für die Diskussion zu verschaffen. Das kleine Büchlein mit 142 Seiten stellt wirklich eine Art Nachschlagewerk zu den Debatten über den Islam dar. Nicht nur, weil man etwas Allgemeines über den Islam erfährt, sondern auch wegen seiner differenzierten Betrachtung zahlreicher kontroverser Fragen zum Thema.

Bereits der erste Satz des Buches im Vorwort macht die zentrale Intention der Autoren deutlich: „Dieses Buch ist kein islamkritisches Buch, sondern ein kritisches Islambuch“. Diese wichtige Differenzierung begleitet das Buch bis zum Ende. 

Diese Feststellung weist auf die Befürchtung der Autoren hin: „Wir sind auf dem besten Wege dahin, eine Verdächtigungs-Gesellschaft zu werden, vor allem gegenüber dem Islam.“

Den Autoren ist auch bewusst, dass sie sich möglichen Angriffen von Islamkritikern aussetzen, weil sie an den Islam grundsätzlich positiv herangehen. Was meint in diesem Zusammenhang positiv? Sie gehen mit islamischen Inhalten wissenschaftlich um, nicht populistisch. Und ganz am Anfang machen sie deutlich, wie sie sich in der Sache positionieren: „Unser Buch ergreift Partei, bezieht Stellung gegen gewaltorientierte Formen des Islamismus und davon abgeleitetes Denken und Handeln. Missstände wie Gewaltbereitschaft und ein unfreies Frauenbild verschweigen wir keineswegs. Dennoch bemühen wir uns, solche Fakten nicht unwissenschaftlich vor dem Hintergrund einer hasserfüllten Folie zu interpretieren. Soweit dies möglich ist, nähern wir uns dem Islam und Muslimen empathisch.“

Das Buch besteht aus vier Teilen, in denen jeweils neun oder zehn Thesen aufgegriffen werden: Der erste Teil beschäftigt sich mit den Problemen der Wahrnehmung des Islams. Der zweite Teil lautet: „Was ist Islam? Islam als Teil unserer geschichtlichen und religiösen Identität“. Im dritten Teil wird beschrieben, wie kontroverse Themen vielschichtige Antworten verlangen. Der vierte Teil bezieht sich auf praktische Erkenntnisse und Forderungen. 

Die beiden Autoren bringen durch diese 38 Thesen die jahrzehntelange Dauerproblematisierung von Islam/Muslimen in Deutschland prägnant auf den Punkt. 

Ich kann hier nur auf einige ihrer Thesen eingehen, damit man sich ein Bild machen kann, wie und aus welcher Perspektive die Problematik behandelt wird. Die zweite These lautet: „Die Islam-Debatte verkürzt komplexe Inhalte auf Parolen“. Wie „die Behauptung, jemand gehöre irgendwo hin, ein Mythos ist“, wird anhand von Beispielen der Migrationsgeschichte und -motive erläutert.

Den Autoren zufolge enthält die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört, einen grundsätzlichen Denkfehler, der bei der Wahrnehmung der kulturellen Identität liegt. Denn Identitäten sind keine unwandelbaren Entitäten, sondern Werde- und Konstruktionsprozesse. Kultur- und Sozialwissenschaftler unterscheiden kollektive, ethnische, kulturelle, regionale und nationale Identitäten. Bei der kollektiven Identität werden die in Religion, Nation, Sprache und so weiter gründenden Gemeinsamkeiten einer Gruppe hochgehalten, die sich von „den Anderen“ abgrenzt, die man für gefährlich hält und deshalb diskriminiert.“ 

Alle Identitäten werden von Islamkritikern meistens in einen Topf geworfen und pauschalisiert. Aber „eine pauschalierende Bewertung von Islam ist angesichts seiner unterschiedlichen geografischen, politischen, wirtschaftlichen, kulturellen, sozialen, religiösen, soziodemographischen, bildungsmäßigen, (migrations)biographischen Unterschiede und kulturellen Sonderentwicklungen nicht möglich.“ 

Dass der Begriff Islam in allen seinen Verwendungen unterschiedliche Merkmale aufweist, erklären die Autoren mit einem Zitat von Wittgenstein „die Bedeutung eines Wortes [...] sein Gebrauch in der Sprache und vergleicht es mit seinem Familienähnlichkeitsbegriff. Diese Annäherung ist ein Beispiel dafür, wie differenziert Monika und Udo Tworuschka hier mit dem Islam umgehen, obwohl das Islambild in der Bevölkerung ziemlich eindeutig scheint.

Daher finde ich es sehr mutig und wichtig, wenn die Autoren der Meinung sind, dass die islamische Ethik mit deutscher Kultur und deutschen Werten vereinbar sei. „Dem Islam eine am Wohl des Menschen orientierte Ethik abzustreiten, heißt, die Wahrheit auf den Kopf zu stellen“, so die Autoren. Nach der Auflistung von islamischen Pflichten, islamischem Sittenkodex, den vom Islam kritisierten Handlungen, dem anständigen Verhalten und dem sozialethischem Bereich formulieren sie als Schlussfolgerung: „Die Familienähnlichkeiten in Menschen- und Gottesbild sowie in der Ethik verdeutlichen bei aller Differenziertheit im Detail, dass die drei abrahamischen Religionen einen gemeinsamen Auftrag zum Wohle der Gesellschaft akzeptieren. Betroffen dabei sind folgende Bereiche: Extremismus, Fremdenfeindlichkeit, Grenzfälle menschlichen Lebens (Geburt, Alter, Tod), Bildung, Altenpflege, Gefängnis- und Notfallseelsorge.“

„Islamischer Religionsunterricht, der nachweislich einen aufgeklärten Islam und Integration fördert, stellt die „Menschlichkeit“ in den Fokus, begünstigt eine „Erziehung zur Achtsamkeit im Sinne der Wertschätzung des Eigenen wie des Anderen, des Großen wie des Kleinen, des Vertrauten wie des Fremden“, fördert eine „Erziehung zur Nachsicht im Sinne des Vergebens und des Verzichts auf Vergeltung. Man setzt auf eine „Erziehung zum Zutrauen im Sinne des Vertrauens in Gott und des Vertrauens in die eigenen Fähigkeiten und im Sinne einer daraus resultierenden Gelassenheit“. Islamischer Religionsunterricht soll „vernunftorientiert“ sein, bezieht sich „auf die Gesamtheit der Koranpassagen, die auf die vernunft- und verstandesmäßige Entscheidung des Einzelnen verweisen.“

Im Gegensatz zu den sogenannten liberalen Muslimen meinen die Autoren, dass der Koran die Stellung der Frau verbesserte. „Muhammad war fortschrittlicher, als manche seiner Kritiker wahrhaben wollen. Verglichen mit dem vorislamischen Arabertum, stellten seine Ideen bezüglich der Frau richtungsweisende Reformen dar.“

Über die kontroverse Frage der Stellung der Frau bis hin zum Problem des politischen Islam kann man kurz und knapp vieles erfahren. Es wird auch darauf hingewiesen, dass Muslime in vielerlei Hinsicht Probleme haben. „Muslimische Kinder und Jugendliche haben durch ihre Sozialisation offenbar einen Sozialcharakter erworben, der an Macht und Gehorsam ausgerichtet ist, und der sich mit Freiheit, Pluralismus und Ambiguitätstoleranz schwertut. Um sich über das Gefühl seiner Bedeutungslosigkeit in einer ungeheuren Maschinerie hinwegzutäuschen, greift der einzelne nach Erich Fromm zu „Fluchtmechanismen“, um seine Angst und Isolierung zuzudecken: Er flieht ins Autoritäre, Destruktive und Konformistische.“

Das Buch befasst sich in der letzten These mit der Aussage von Rosa Luxemburg: „Freiheit ist stets auch die Freiheit der Andersdenkenden“ und endet mit dem Zitat von Thomas Bauer: „Angesichts der Tatsache, dass uns die Erde unterm Hintern wegschmilzt, ist eine Debatte über Kopftücher oder die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört, fast schon obszön.“ Hier findet man reichlich Denkanstöße und Anregungen dazu, wie man all die Diskussionen in die richtige Richtung lenken kann.

Denn „Islamisten und Islamkritiker haben eines gemeinsam: Sie ziehen sich aus dem Koran die Suren heraus, mit denen sie ihr fundamentalistisches Denken und Handeln aus dem Urtext meinen begründen zu können. Das eine führt zu Terror und Gewalt, das andere spaltet die Gesellschaft.“ 

Mich erinnerte das Buch irgendwie, vielleicht auf Grund seiner positiven Ausrichtung, an den „West-östlichen Diwan“ von Goethe in einer anderen Form, nämlich in religionswissenschaftlicher. Aber auf jeden Fall ist es ein Aspirin in Buchform, das gegen alle Islam-Schmerzen guttun kann.

Muhammet Mertek

                                      

Letzte Änderung am 16.08.2019
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