Die Inhalte der Schulbücher in muslimischen Ländern erscheinen im Verhältnis zu denen in Deutschland ideologisch, rückständig und nicht selten schockierend.

Manchmal kann man am Titel eines Buches die Absicht seines Verfassers erkennen, sei es im negativen oder positiven Sinne.

Das neu erschienene Buch des Fernsehjournalisten Constantin Schreiber erweckt zunächst eine negative Konnotation. Der genaue Titel lautet: „Kinder des Koran - Was muslimische Schüler lernen“. Sehr provozierend und pauschalisierend. Vielleicht journalistisch treffend... 

Schreiber hat Schulbücher aus fünf islamisch geprägten Ländern untersucht.

Dass er diesen Titel gewählt hat, begründet er damit, dass „in allen Büchern ein muslimisches Weltverständnis in mehr oder weniger ausgeprägter Form eine Rolle spielte.“ Sein Anliegen formuliert er so: „Ich will erfahren, was Kinder in diesen Ländern aus ihren Schulbüchern lernen.“

Das Buch finde ich inhaltlich sehr interessant, weil man über die Inhalte der Schulbücher in fünf Ländern etwas Konkretes erfahren kann. Schreiber belegt mit Textstellen bestimmte Inhalte über Glaube oder Islam und bewertet sie mit Fachleuten in pädagogisch-didaktischer Hinsicht. Und er fällt ein Urteil über die Verfasstheit und ideologische Ausrichtung der jeweiligen Gesellschaften.

Er konstatiert richtig: „Wer aus einem Land kommt, in dem diese Denkweisen gelehrt werden, zu uns kommt, erlebt einen Kulturschock.“ 

Denn die Inhalte der Schulbücher erscheinen im Verhältnis zu denen in Deutschland ideologisch, rückständig und nicht selten schockierend. 

In der Einführung des Buches betont Schreiber, dass es nicht alles schlecht war, was er zu lesen bekam, um Missverständnisse zu meiden: „Naturwissenschaften hatten häufig ein gutes Niveau, sodass ich das beurteilen konnte. An Schulen in Ägypten wird sehr früh Philosophie gelehrt. Schüler in der sechsten Klasse müssen sich mit Texten von Sokrates oder Aristoteles auseinandersetzen. (...) Wissensvermittlung ist häufig nur mit ideologischem oder religiösem Unterbau möglich, etwa wenn sich in einem Mathematikbuch eine Abbildung befindet, auf der mathematische Formeln und daneben Militärraketen zu sehen sind.“   

Der Reihe nach berichtet Schreiber über die Kinder Afghanistans, des Iran, Ägyptens, Palästinas und der Türkei. Er setzt sich mit den Inhalten der Schulbücher dieser Länder auseinander und dokumentiert, welche Art der schulischen Unterweisung und Bildung die Schulkinder erfahren haben. 

Die Schulbücher werden hauptsächlich nach drei Kriterien beurteilt: Was für eine Sprache nutzt das Schulbuch? Appelliert es an Emotionen der Jugendlichen? Welche Aufgaben werden gestellt?

Laut Schreiber weist Afghanistan mit 69 Prozent eine der höchsten Analphabetenraten der Welt auf. Etwa 83 Prozent der Mädchen und Frauen können weder lesen noch schreiben.

Das war zu erwarten in so einem durch jahrzehntedauernden Bürgerkrieg ruinierten Land. Doch wie ist der Unterricht inhaltlich gestaltet? Themen, die u.a. im Religionsbuch behandelt werden, lauten: „Rechenschaft im Jenseits durch einen zornigen Gott“, „Einladung zu Allah“, „Antisemitismus“, „absoluter Wahrheitsanspruch“, „Gehorsam den muslimischen Anführern oder Herrschern“ und Kampf gegen Ungläubige“.

Im Religionsbuch für die 10- Klasse werden bestimmte Koranverse ausgelegt, aber sehr traditionell, konservativ, dogmatisch. Sie sind einfach zum Auswendiglernen vorgesehen und lassen keine pädagogisch-didaktischen Ansätze im modernen Sinne erkennen. 

Schreiber erzählt auch, wie er sich unermüdlich eingesetzt hat, etwas über die Finanzierung dieser menschenverachtenden Schulbücher zu erfahren. Er wollte herausfinden, ob sie durch deutsche Steuergelder mitfinanziert sein könnten. Vom Deutschen Entwicklungsdienst bis UNESCO hat er recherchiert, aber erfolglos. 

Schulbuch Iran

Dass in iranischen Schulbüchern Ajatollah Khomeini allgegenwärtig ist, überrascht ja niemanden. Selbst in Mathematikbüchern stehen zu Beginn Zitate von Khomeini. Die Schulbücher sind voll von Texten und Bildern, die zur Indoktrination der Kinder führen sollen. In dem Ethikbuch „Nachrichten des Himmels“ geht es nicht um ethische, sondern religiöse Inhalte. Die Muslime werden explizit als „Volk“ dargestellt. Die Darstellung zeichnet eine Schwarz-Weiß-Welt mit Muslimen und Nichtmuslimen. 

Es werden dann einige Passagen aus diesem Ethikbuch übersetzt, in denen erklärt wird, welche Verhältnisse es zwischen Mahram (Verwandte) und Namahram (Fremde) geben darf und wie man sich gegenüber Fremden verhalten soll, wie z.B. Schutz des Blicks, Schutz des Sprechens und passende Bekleidung. Weiterhin werden auch u.a. Konsumismus, Verschwendung, Modebewusstsein sowie Sprachsünden thematisiert.

Das folgende Zitat des obersten Führers finde ich sehr interessant: „Jeder, der eine Trennung zwischen Schiiten und Sunniten fordert, ob Schiit oder Sunnit, wissentlich oder unwissentlich, ist ein Söldner des Feindes.“ Also keine Feindseligkeit zwischen Schiiten und Sunniten. 

Absolute Homogenität wird erwartet. Auf subtile Weise werden Feindbild und Verhaltensnormen verwoben und Verschwörungsmythen vermittelt, wenn es um Kolonialmächte geht.

Aus Ägypten wählt Schreiber ein Geschichtsbuch, sechste Klasse: „Die moderne Geschichte Ägyptens und der Araber“. Es geht um „Ägypten und der arabisch-israelische Konflikt nach dem Palästina-Krieg 1948/49“. Prof. Susanne Lin-Klitzing beurteilt den Inhalt des Schulbuches als Erziehungswissenschaftlerin und findet es „am ideologischsten“. Das Buch gibt einen aufschlussreichen Einblick darin, wie die Staatspolitik und offizielle Geschichtsdiskurse sich in Schulbüchern wiederfinden.

Genauso wie in anderen Ländern werden auch über Palästina, einem sehr traumatisierten Land, indoktrinierende Texte eingesetzt. Schreiber ist auch hier frustriert: „Den Schülern wird nicht beigebracht, sich konstruktiv mit der politischen Lage und der Geschichte auseinandersetzen und damit die Grundlagen für ihre Zukunft zu schaffen. Ich vermisse die Vermittlung von Toleranz, Verständnis, Gemeinsamkeiten. Diese Bücher sind keine Basis für Frieden, sie schüren Hass und dämonisieren den jüdischen Staat.“ 

Und nun geht es um die Kinder der Türkei. Zunächst einmal sind die türkischen Schulbücher qualitativ hochwertig gedruckt, was unabhängig vom Inhalt etwas Positives ist. Die Bücher sind laut Schreiber „sehr deskriptiv und wenig wertend“. Wenn es um Kultur und Geschichte geht, setzen sie auf Homogenität. Schreiber vermisst im Sozialkunde-Buch, sechste Klasse, in dem die Regierungsformen dargestellt werden, eine klare Darstellung der Demokratie. Sie wird nur sehr kurz behandelt und jede Konkretisierung fehlt. Ein Beispiel für einen demokratischen Staat wird noch nicht einmal erwähnt. Der 15. Juli hingegen ist in allen Schulbüchern allgegenwärtig. In einem Auszug aus dem Buch steht: „Nach den Wahlen vom 24.Juni 2018 wurde in unserem Land zu einem Präsidialen Regierungssystem übergegangen. (...) Der Präsident ist der Führer des Landes.“

Wie in türkischen Schulbüchern Propaganda und Diffamierung geschickt platziert werden, welcher Teil der mit den aktuellen Geschehnissen verbundenen Realität ausgespart wird und wie sich das Buch als ideologisch diskreditiert, möchte ich nicht verraten.

Laut Schreiber steht aber fest, dass die islamische Religion in allen Büchern in den jeweiligen Ländern eine Art Bindeglied darstellt. „Ich fand das „intelligenteste“ Schulbuch, wenn es um die geschickte Indoktrination von Schülern geht, aber das türkische, da es bestimmte Narrative auf perfide Weise mit demokratischen Termini verknüpft, sodass es schwierig für Schüler wird, die suggerierte Botschaft kritisch zu hinterfragen. Erkennbar war, dass die untersuchten Schulbücher in Ägypten und der Türkei weniger pan-arabisch oder pan-islamisch waren, sondern eher national bis nationalistisch. Im Iran, Afghanistan und Palästina war das Verbindende die Vorstellung, dass die Muslime weltweit eine Gemeinschaft bilden, die sich gemeinsamen Feinden gegenübersieht.“

Wer ist verantwortlich für diese Inhalte der Schulbücher in den jeweiligen, nicht demokratisch regierten Ländern, in denen die Schüler absichtlich in Richtung auf offizielle religiöse und politische Standpunkte indoktriniert werden? Doch nicht die Schüler selbst! Im Buch selbst werden sie als „Kinder“ der jeweiligen Länder dargestellt, im Buchtitel aber als „Kinder des Koran“. Das finde ich sehr unglücklich und abwertend, weil es den Koran als Verursacher erscheinen lässt und nicht den Missbrauch des Koran in den Mittelpunkt stellt. 

Zweifellos hat Schreiber das Buch mit guter Absicht verfasst und sich sehr viel Mühe gegeben, einen Einblick in eine ganz andere Welt zu vermitteln. Aber der Titel des Buches stärkt die Vorurteile gegenüber einem heiligen, aber oft politisch missbrauchten Buch. Und viele Muslime werden den Titel deshalb als Angriff auf den Islam wahrnehmen können und die Chance, durch dieses Buch Aspekte einer Instrumentalisierung des Islams kritisch zu sehen, nicht nutzen. Schade! 

Muhammet Mertek

Letzte Änderung am 16.08.2019
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