„Ich ging in den Westen und sah Islam, aber keine Muslime. Ich kehrte in den Osten zurück und sah Muslime, aber keinen Islam“

Muslime werden meist mit der islamischen Religion in Verbindung gebracht, ohne zu hinterfragen, dass es auch unter Muslimen verschiedene Auffassungen über den Islam gibt. Infolgedessen wird „der Islam“ bei jeder negativen Gegebenheit an den Pranger gestellt und verantwortlich gemacht.

Schlussfolgerungen wie, „wäre der Islam nicht gewaltbereit, frauenfeindlich, kriegerisch, faschistisch und so weiter, hätten wir weniger Probleme mit den Muslimen“ scheint die Folge einer einseitigen Sichtweise zu sein. Die Frage, die man sich jedoch bei dem verzerrten Bild stellen muss, ist doch, ob es nicht sein kann, dass Muslime selbst ein Problem mit ihrer Religion haben? 

Sicherlich erscheint die Frage abstrus zu sein, wenn man jedoch die Inhalte der islamischen Lehre mit den Verhalten der Muslime abgleicht, ist es gar nichts so abwegig, dass einige Muslime selbst bei der Lebensweise ihrer Religion, genauso wie beispielsweise Neonazis mit der Einhaltung des Grundgesetzes ein Problem haben. 

Wie kommt es dazu, dass Menschen für etwas werben, beziehungsweise sich zugehörig fühlen, aber diese Zugehörigkeit nicht nach Werten, sondern nach politischen, ideologischen Gesichtspunkten missbrauchen? 

Den Islam vor den Muslimen schützen 

Jeder Mensch wird von negativen Eigenschaften, wie Hass, Egoismus, Sexualtrieb, Gier, Jähzorn, Macht, Selbstverliebtheit, Narzissmus getrieben. Diese Eigenschaften können jedoch auch positiv kanalisiert werden, indem sie beispielsweise durch Liebe, Aufopferung, Genügsamkeit, Dankbarkeit, Demut und Barmherzigkeit gelenkt werden. 

Ob man diese negativen Eigenschaften ins Positive kanalisieren kann, hat damit zu tun, welcher Gruppe und welcher Ideologie man dabei folgt. Dabei können politische Ziele religiöse Werte untergraben. Beispiele hierfür gibt es in islamisch geprägten Ländern zu genüge. Ein Beispiel wäre zum Beispiel die Verehelichung von jungen Mädchen gegen ihren Willen oder die Beschneidung von Frauen, die es im Islam nicht gibt, die aber in einigen Ländern als Vorschrift verkauft werden.

Daneben gibt es viele Traditionen, die sich im Laufe der Geschichte so eingebürgert haben, dass sie von Leuten, die nicht islamkundig sind, als islamisch betrachtet und umgesetzt werden. Ja, man könnte bei Muslimen, die solchen Traditionen folgen, sogar sagen, dass man den Islam vor den Muslimen schützen muss, damit der Islam noch als Islam wahrgenommen wird. 

Immer wieder wird beim Thema Islam eine dem Westen „fremde“ Kultur gesehen, die in das westliche Wertesystem integriert werden muss. Weiterhin wird über Sätze wie „jüdisch-Christliche Tradition des Abendlandes“ eine Ab- beziehungsweise Ausgrenzung vollzogen, wobei die christlichen-jüdischen und islamischen Werte nicht weit voneinander entfernt sind. 

Muslime stellen große Herausforderungen bei der Integration

Gewöhnlich wird dieser Satz in Verbindung mit der Verteidigung des Rechtsstaates und des Grundgesetzes, der freiheitlichen Werte unserer Gesellschaftsordnung, sowie der Gleichstellung der Geschlechter, Freiheit der Kunst, Meinungs- und Religionsfreiheit in Verbindung gebracht. 

Demnach werden Migranten mit morgenländischem Hintergrund als schwer oder gar nicht integrierbar gesehen. Die Meinungen hierzu sind vielfältig. Für die Einen können sich Muslime nicht integrieren, weil die aufgeführten Werte mit der islamischen Tradition nicht vereinbar zu sein scheinen, für die Anderen reicht es, wenn ein Migrant Sprache und Beruf erlernt hat und sich gesellschaftlich beteiligt. 

Zweifellos scheinen Muslime mit ihrer Lebenseinstellung eine große Herausforderung bei der Integration darzustellen, da universelle Werte zwischen Muslimen und der Gesamtbevölkerung in Deutschland unterschiedlich gewichtet werden. Zumal es auch im Islam universelle Werte gibt, die zwar nicht als Ganzes aber in großen Teilbereichen mit den Werten der deutschen Gesellschaft in Einklang steht. 

Eine Umfrage unter Türkeistämmigen der Universität Münster führt diese Schieflage deutlich vor Augen. Unter den türkeistämmigen Befragten verbinden nur wenige den Islam mit der Benachteiligung von Frau (20 %), Fanatismus (18 %) oder Gewaltbereitschaft (12 %).

Gesamtbevölkerung schließt vom Verhalten auf die Religion

Die Mehrheit von ihnen schreibt dem Islam positive Eigenschaften zu wie Friedfertigkeit (65 %), Toleranz (56 %), Achtung der Menschenrechte (57 %) oder Solidarität (53 %) - Eigenschaften, die in der deutschen Mehrheitsbevölkerung bezüglich des Islams nur von einem verschwindend geringen Teil entdeckt werden können (5 bis 8 %). 82 % der deutschen Bevölkerung assoziieren den Islam dagegen mit der Benachteiligung der Frau, 72 % mit Fanatismus und 64 % mit Gewaltbereitschaft.

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Die meisten fragen sich sicherlich, woher diese abweichende Sichtweise zwischen Gesamtbevölkerung und Muslimen kommt. Wobei man sagen muss, dass diese Befragung ähnliche Ergebnisse aufweisen würde, wenn sie unter anderen Muslimen ohne türkischen Migrationshintergrund durchgeführt worden wäre. 

Das liegt vor allem daran, dass die Gesamtbevölkerung die Muslime nach verhaltenskategorischer Sicht und die Türkeistämmigen diese Werte aus theologischer Sicht betrachten. Das Delta entsteht dadurch, dass viele Migranten aus der Türkei diese Werte, die zum größten Teil mit dem Islam vereinbar sind, aus der Theorie kennen, aber in der Praxis nicht umsetzen. Eine Theorie über die man Bescheid weiß, aber nicht im realen Leben umsetzt.

Hingegen schließt die Gesamtbevölkerung jedoch vom Verhalten auf die Religion und sucht den Grund im Islam. Das ist auch einer der Hauptgründe dafür, dass die Islam-Debatte meist in Unverständnis endet und sich Muslime und islamkritische Akteure sowie Politiker, immer wieder missverstanden fühlen. 

Muslime und Nichtmuslime müssen sich mehr mit dem schriftlichen Islam beschäftigen

Eine Religion, deren Grundwerte in vielen Bereichen universell sind, wird durch die missverstandene Religion so dargestellt, als habe sie sich in all den Jahrhunderten nicht emanzipieren können und als würden Muslime an dieser archaischen Krankheit leiden. Deshalb werden immer wieder Maßnahmen verschrieben, die auf wenig, beziehungsweise gar keine Akzeptanz unter Muslimen stoßen. 

Eine Untersuchung von Professor Hossein Askari von der George Washington University, in der es um Gerechtigkeit und nicht um Fasten und Beten geht, das heißt um die Frage nach der Wertorientierung und nicht nach Ritus, brachte ein interessantes Ergebnis zutage, nämlich die These, dass islamische Werte sehr wohl mit westlichen Werten, die genauso wie islamische Werte universell sind, in Einklang zu bringen sind. 

Hierbei kam ein interessantes Ergebnis heraus, wobei europäische Länder wie Irland, Luxemburg und Dänemark ganz oben auf der Rangliste stehen, wenn es um islamische Werte wie Gerechtigkeit, Armutsbekämpfung und Ignoranz geht.

Der Satz von Muhammed Abduh: „Ich ging in den Westen und sah Islam, aber keine Muslime. Ich kehrte in den Osten zurück und sah Muslime, aber keinen Islam“, den Professor Asgari gerne zitiert, trifft den Nagel auf den Kopf der Schieflage zwischen dem gelebten und dem schriftlichen Islam, das geht, wie wir wissen, nicht nur dem Islam so. Wir sprechen hier nicht von einem salafistischen Verständnis des Islams, sondern von einer zeitgemäßen Auslegung, die die Quellen des Islams nicht leugnet, sondern diese versucht in eine neue Zeit zu übersetzen, was jedoch den Rahmen des Artikels sprengen würde. 

Vielleicht sollten sich die Muslime und die Nichtmuslime mehr mit dem schriftlichen Islam beschäftigen, damit sie aneinander besser verstehen und darauf hinweisen können, dass besonders im Verhalten der Muslime auf jeden Fall ein Reformbedarf besteht. 

Dogan Günes

Letzte Änderung am 08.11.2019
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