Für das 21. Jahrhundert erhoffen wir einen Frieden der Religionen.

Prof. Dr. Hans Küng

Die hier folgenden Thesen haben in den vergangenen Tagen unerwartet sehr stark an Aktualität gewonnen. Die furchtbaren Terroranschläge der letzten Wochen in den USA dürfen nicht zu einem Zusammenprall der Kulturen führen. Wir sollten unsere Dialogbestrebungen noch intensiver als in der Vergangenheit betreiben und nicht zulassen, dass das Zusammenleben der Menschen durch Terrorakte einzelner extremistischer Gruppen unmöglich gemacht wird.

Für das 21. Jahrhundert erhoffen wir einen Frieden der Religionen. Nein, ich sage nicht: eine Einheit der Religionen. Die christlichen Kirchen, sie haben die eine und selbe Basis im einen Jesus Christus, sie können und sollen von dort her bei aller Verschiedenheit eine Einheit bilden. Die großen Religionen aber haben eine sehr verschiedene Basis; sie können und sollen nicht eine Einheit bilden. Der Welt wäre genug geholfen, wenn sie miteinander im Frieden lebten.

Nun erscheinen aber die Weltreligionen bei diesem epochalen Paradigmenwechsel leider nicht als die großen Geburtshelfer einer neuen Weltepoche, vielmehr als die großen Bremser und Störer des Weltfriedens - von Nordirland angefangen über Balkan und Nahen Osten bis nach Kaschmir und Sri Lanka. Zahllos die grausamen Beispiele, wie Religionen zu Hass und Feindschaft animieren, wie sie Kriege inspirieren und legitimieren können. So fragen sich denn manche: Ist das alles vielleicht nur ein Vorspiel zu einer neuen großen Tragödie der Menschheitsgeschichte: dem Zusammenprall der Zivilisationen? Der nächste Weltkrieg, wenn es denn einen geben sollte, wird ein Krieg zwischen Zivilisationen sein, meint der amerikanische Politologe Samuel Huntington prophezeien zu können.

So fördert dieser Pentagonberater freilich ein neues Blockdenken der Westen gegen den Islam, der Westen gegen die chinesisch-konfuzianische Zivilisation und bietet nur scheinbar ein einfaches Koordinatensystem. Denn die Gemeinsamkeiten zwischen den Kulturen ignoriert dieser Politologe. Seine Theorie ist deshalb kein guter Kompass für künftige Weltpolitik. In einem Punkt freilich hat der gegenüber manchen seiner oberflächlicheren Zunftgenossen recht: Er nimmt die grundlegende Rolle der Religionen in der Weltpolitik ernst, welche nun einmal die bewusst-unbewusste Tiefendimension weltpolitischer Konflikte bilden. Und in der Tat werden wir gewiss auch in Zukunft mit religiös-kulturell bedingten Antagonismen und Konflikten rechnen müssen: nicht nur zwischen den Nationen, sondern noch mehr innerhalb der Nationen, in den Regionen, Städten, Schulen, Betrieben, Familien.

Im entscheidenden Punkt aber muss man Huntington unbedingt widersprechen: Ein Kampf der Kulturen und Religionen ist keineswegs unvermeidbar. Der angeblich unausweichliche globale Zusammenprall der Kulturen ist bestenfalls ein neues Angstmodell, wie es von manchen Militärstrategen zur Begründung neuer Aufrüstung benutzt werden kann, aber das ist kein konstruktives Zukunftsmodell. Die zukunfsweisende Vision für die Menschheit ist vielmehr der mit allen Kräften anzustrebende globale Friede zwischen den Religionen. Und ich kann hier nur die Programmsätze wiederholen, die ich vielfältig begründet und entfaltet habe:

  • Kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen.
  • Kein Frieden unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen.
  • Kein Dialog zwischen den Religionen ohne Grundlagenarbeit in den Religionen.

Also nicht Konfrontation der Kulturen, sondern Kooperation der Kulturen. Nicht der Kampf, sondern der Austausch zwischen den Kulturen ist das Modell für die Zukunft. Wir wollen mutig neue Wege gehen. Damit sind wir bei der entscheidenden Dimension unserer Vision angelangt.

Für das 21. Jahrhundert erhoffen wir eine neue Gemeinschaft der Nationen. Gerade der stark von den Religionen mitgeprägte Krieg im früheren Jugoslawien hat manchem die Augen geöffnet nicht nur für das Versagen der Kirchen, sondern auch für die Schwächen von Politik und Diplomatie: Wir erlebten eine Diplomatie bar jeglichen ethischen Willens; eine Interessenpolitik jenseits aller Moral; eine Weltpolitik ohne ein Weltethos. Immer neues Unrecht, neue Krisen, neue Konflikte, neue Kriege zwischen den Nationen wurden produziert.

Was einst auf internationaler Ebene mit den Vereinten Nationen begonnen wurde, braucht heute angesichts der vielen globalen Herausforderungen mehr denn je eine ethische Verankerung. Soll das Miteinander der Nationen gelingen, so brauchen wir eine neue Politik aus Verantwortung, jenseits von unmoralischer Realpolitik und moralisierender Idealpolitik. Eine Politik der Verantwortung setzt ethische Gesinnung voraus, fragt aber auch realistisch nach den Möglichkeiten und Folgen des politischen Handelns. Soll das Miteinander der Nationen gelingen, so brauchen wir auch ein neues Wirtschaften aus Verantwortung, jenseits des unbezahlbaren Wohlfahrtsstaates und eines unsozialen Neokapitalismus. Eine neue Gemeinschaft der Nationen kann nur gründen auf dem Fundament einer Weltgerechtigkeit: im Miteinander der Nationen gilt es neue, gerechtere Strukturen der Weltwirtschaft zu gestalten.

Doch wer wollte bestreiten, dass wir noch immer in einer religiös-politisch zerrissenen, kriegerisch-konfliktreichen und zugleich einer orientierungsarmen Zeit leben: in einer Zeit, in der viele moralische Autoritäten an Glaubwürdigkeit verloren haben; in einer Zeit, in der viele Institutionen in den Strudel tiefgreifender Identitätskrisen gezogen sind; in einer Zeit, in der viele Maßstäbe und Normen ins Gleiten kamen, so dass viele Menschen kaum noch wissen, was gut und was böse ist.

Und wer wollte bestreiten, dass ein neuer Gesellschaftskonsens notwendig ist: eine Rückbesinnung auf ein Minimum an humanen Werten, Grundhaltungen und Maßstäben. Wie sollen Eltern und Lehrer Kinder erziehen, wenn sie selber nicht wissen, woran sie sich halten sollen? Wie sollen die Schulen gegen die stark angestiegene Gewaltbereitschaft ankommen? Wie soll unsere Gesellschaft lokal, national und auch globalwieder humaner werden?

Das ist unser zentrales Anliegen für diesen epochalen Übergang: Es braucht ein allen Menschen gemeinsames elementares Ethos, ein kulturübergreifendes Menschheitsethos, ein Weltethos. Mit Weltethos ist wahrhaftig keine neue Weltideologie gemeint, gar der Versuch zu einer uniformen Einheitsreligion. Der Appell an die Religionen und die Nichtreligiösen für ein Minimum an gemeinsamen Werten, Grundhaltungen und Maßstäben will die hochethischen Forderungen jeder einzelnen Religion nicht etwa durch einen ethischen Minimalismus ersetzen. Es wäre lächerlich, ein Weltethos an die Stelle der Tora, der Bergpredigt, des Koran, der Bhagavadgita, der Reden des Buddha oder der Sprüche des Konfuzius setzen zu wollen.

Auch die ‚Erklärung zum Weltethos’ des Parlaments der Weltreligionen, die 1993 in Chicago als erste Ausformulierung eines solchen Weltethos verabschiedet wurde, will alles andere als eine neue Moral erfinden, die dann den verschiedenen Religionen von außen (und gar vom Westen) aufgedrängt werden sollte. Vielmehr will sie bewusst machen, was schon jetzt Christen, Juden und Muslimen, den Religionen in Ost und West, in Nord und Süd an ethischen Maßstäben gemeinsam ist, was aber durch ihre zahlreichen dogmatischen Streitigkeiten und oft unerträgliche Rechthaberei verdunkelt wird. Kurz, die ‚Erklärung zum Weltethos’ will jenes Minimum an Ethos herausstellen, das für das Überleben der Menschheit einfach notwendig ist. Sie ist gegen niemandem gerichtet, sondern lädt alle ein, Gläubige wie auch Nicht-Gläubige, sich dieses Ethos zu eigen machen und entsprechend zu handeln.

Zur Zeit wird in wichtigen internationalen Gremien daran gearbeitet, um durch die UNESCO oder die UNO der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte des Jahres 1948 eine Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten als sogenannte zweite Tafel zur Seite zu stellen: ‚A Universal Declaration of Global Responsibilities’, wie sie vom InterAction Council früherer Minister- und Staatspräsidenten 1997 vorgeschlagen wurde. Von den Menschenpflichten her soll so das Engagement für die Menschenrechte verstärkt werden.

Die ethische Grundforderung einer solchen Erklärung der Menschenpflichten muss die elementarste sein, die man überhaupt an Menschen stellen kann und die doch so ganz und gar nicht selbstverständlich ist: mehr Menschlichkeit muss von den Menschen verlangt werden, wahre Menschlichkeit, Humanität anstelle von Unmenschlichkeit und Bestialität. Das heißt:

  • Jeder Mensch, gleich welchen Geschlechts, ethnischer Herkunft, sozialen Status, Sprache, Alter, Nationalität oder Religion, soll wahrhaft menschlich behandelt werden.
  • Jeder Mensch soll anderen gegenüber im Geist der Solidarität handeln. Auf jeden und alle, Familien und Gemeinschaften, Rassen, Nationen und Religionen soll die uralte Weisung so vieler ethischer und religiöser Traditionen angewendet werden: Was du nicht willst, das man dir tut, das füg’ auch keinem anderen zu.

Diese beiden Prinzipien sollen die unverrückbare, unbedingte Norm für alle Lebensbereiche sein, für Familie und Gemeinschaften, für Rassen, Nationen und Religionen. Und auf ihrer Grundlage sollen dann vier unverrückbare Weisungen als Selbstverpflichtung formuliert werden, wie wir das im Team im folgenden darlegen werden:

  • die Verpflichtung auf eine Kultur der Gewaltlosigkeit und der Ehrfurcht vor allem Leben;
  • die Verpflichtung auf eine Kultur der Solidarität und eine gerechte Wirtschaftsordnung;
  • die Verpflichtung auf eine Kultur der Toleranz und ein Leben in Wahrhaftigkeit;
  • die Verpflichtung auf eine Kultur der Gleichberechtigung und die Partnerschaft von Mann und Frau.

Nein, die heutige Gesellschaft kann in ihrer Tiefe nicht durch Fundamentalismus oder Moralismus und auch nicht durch einen Beliebigkeitspluralismus zusammengehalten werden, sondern nur durch ein verbindliches verbindendes Ethos, das autonome Selbstverwirklichung und solidarische Verantwortung verbindet. Dieses Ethos ist für uns Glaubende im Glauben an eine erste-letzte Wirklichkeit verwurzelt, die wir Gott nennen. Dieses Ethos kann aber auch von Nicht-Glaubenden aus humanen Gründen mitgetragen werden, so dass es ganz unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen und politische Parteien, Nationen und Religionen zu umgreifen vermag.

Wir Christinnen und Christen haben besonders viele Gründe, uns für ein Weltethos einzusetzen. Wir brauchen eine Wende zu mehr Nachdenklichkeit, Verbindlichkeit und Verantwortlichkeit. Und diese wird nur erreicht, wenn Menschen das Gefühl haben, dass die ethischen Normen und Maßstäbe nicht Ketten oder Fesseln sind, sondern Hilfen und Stützen, um in einer Zeit, die nach Orientierung sucht, Lebensrichtung und Lebenswerte immer wieder neu zu finden: Es geht also um ein wahrhaft befreiendes Ethos.

Quelle; Aus der Zeitschrift Fontäne, Ausgabe 14, 2001

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