Die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei sind tief in der Geschichte der beiden Länder verwurzelt und umfassen von jeher politische, wirtschaftliche, kulturelle, pädagogische und persönliche Bereiche.

Beide Länder haben schon in der Vergangenheit sehr von diesen Beziehungen profitiert und werden dies hoffentlich auch in der Zukunft tun. Natürlich streben alle Länder in ihren internationalen Beziehungen auch und vor allem den eigenen Vorteil an. Es steht jedoch außer Frage, dass gute und tief gehende Beziehungen niemals nur dem Wohl eines einzigen Landes zugute kommen. Stets sind sie für beide Seiten Gewinn bringend. Probleme lassen sich je einfacher aus dem Weg räumen, desto mehr und tiefere Beziehungen auf den unterschiedlichsten Ebenen zwischen zwei Ländern bestehen.

Die deutsch-türkischen Beziehungen lassen sich bis zur Zeit der Kreuzzüge zurückverfolgen. So zog Kaiser Friedrich I. Barbarossa (1155-1190), der sich am III. Kreuzzug (1189-1192) beteiligte, bis nach Konya (Türkei), und Kaiser Friedrich II. (1212-1250) ließ die Werke von Farazi und Averroes (türkisch-islamische Philosophen) ins Deutsche übersetzen.

Die Beziehungen zwischen dem Osmanischen Reich und den Deutschen gehen auf die Zeit des Sultans Suleyman der Prächtige (1520-1566) bzw. Karls V. (1519-1556) zurück. Der französische König Franz I., der von dem Habsburger Karl V. im Krieg gefangen genommen worden war, wurde dank der erfolgreichen Vermittlung Sultans Suleyman der Prächtige schließlich wieder freigelassen. In der Folge schickte Karl V. 1554 Ogier Chieslin Busbeck als Gesandten nach Istanbul, der in der Folge 38 Jahre lang dort lebte. In den Berichten, die er während seiner Zeit als Gesandter nach Hause schickte, sprach er oft von den Tugenden der Türken und betonte, welche wirtschaftlichen und politischen Vorteile beiden Reichen aus freundschaftlichen Beziehungen erwachsen würden. Busbeck trug durch seine Lageberichte dazu bei, dass sich in der deutschen Öffentlichkeit ein Bewusstsein dafür entwickelte, dass die Beziehungen zum Osmanischen Reich durchaus von Nutzen sein könnten.

Im 18. Jahrhundert, unter dem preußischen König Friedrich dem Großen (1740-1786), traten die deutsch-türkischen Beziehungen in eine neue Phase. In jener Zeit wurde im Palasthof des bayrischen Prinzen eine Moschee errichtet. Außerdem schickte man den prominenten Geschichtsschreiber Joseph von Hammer mit dem Auftrag nach Istanbul, ein Buch über die Staatsgeschichte des Osmanischen Reichs zu schreiben. Damals begannen die Preußen, sich mit den Osmanen gegen Österreich zu verbünden. Gleichzeitig war Friedrich der Große fest davon überzeugt, dass die Osmanen die Russen von der Idee, Europa anzugreifen bzw. zu besetzen, abhalten könnten. Im Jahre 1761, während der Amtszeit des Sultans Mustafa III., wurde nach langem Zögern seitens der Osmanen ein Bündnisvertrag zwischen Preußen und dem Osmanischen Reich unterschrieben. Dieser Vertrag erstreckte sich auf die Bereiche Politik und Ökonomie. Nach dem Abschluss des Vertrags entsandte Preußen einen Mann namens Rexin nach Istanbul. Zwei Jahre später ernannte das Osmanische Reich Ahmet Resmi Efendi zum Gesandten des Osmanischen Reichs in Preußen. Er residierte in Berlin. Auch diese diplomatischen Beziehungen banden die beiden Staaten aneinander.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, unter Sultan Abdülhamit II. (ab 1876) und Kaiser Wilhelm II. (ab 1888), arbeiteten das Osmanische Reich und Preußen noch enger als zuvor zusammen. Schon seit Beginn des 19. Jahrhunderts hatten sich die Machtverhältnisse in Europa verschoben; und bis zum Ende des Jahrhunderts hatte eine Übersteigerung des Nationalgedankens Nationalismus und Imperialismus den Weg geebnet. Jene Epoche war gekennzeichnet durch die Expansionspolitik der europäischen Staaten, die eine Ausdehnung ihrer Machtsphäre sowohl in als auch außerhalb von Europa anstrebten. Im deutschen Raum setzte die Industrialisierung erst später als in den anderen europäischen Staaten ein. Als man auch hier schließlich bemerkte, dass die aufstrebende Industrie dringend Rohstoffe benötige, versuchte man sich als Kolonialmacht und erwarb Gebiete in Afrika (Togo, Kamerun, Südwest- und Ostafrika). Doch auch mit diesen konnte man den Bedarf an Rohstoffen nicht stillen. Deshalb bemühte man sich, die bereits bestehenden guten Beziehungen zum Osmanischen Reich zu nutzen und u.a. Rohstoffe auch von dort zu importieren.

Auch im Osmanischen Reich war das 19. Jahrhundert ein Jahrhundert des Wandels. Sultan Abdülhamit II. sorgte sich zunehmend um Status und Sicherheit des Osmanischen Reichs und suchte daher die enge Zusammenarbeit mit ausländischen Mächten. Schon als Kronprinz hatte er das Deutsche Reich und die Deutschen kennen gelernt. Weil außerdem bekannt war, dass die anderen europäischen Staaten eine imperialistische Politik gegenüber dem Osmanischen Reich verfolgten, bot sich aus dessen Sicht ein Bündnis mit dem Deutschen Reich geradezu an. Die Tatsache, dass damals keine gemeinsame Grenze vorhanden war, machte es naturgemäß erforderlich, dass beide Reiche besonders große Anstrengungen unternahmen, um ihr Bündnis zu intensivieren. Vor allem die zweite Reise Kaiser Wilhelms II. in den Nahen Osten 1898 (der erste Besuch fand 1889 statt) machte den Stellenwert deutlich, den das Osmanische Reich bei den Deutschen genoss.

Jene zweite Reise führte Wilhelm II. in Begleitung eines großen Gefolges zunächst nach Istanbul. Dem deutschen Kaiser ging es bei seinem Besuch vor allem darum, die Unterstützung des Sultans für die deutsche Unternehmerschaft in der Türkei zu gewinnen. Außerdem wollte er es sich nicht nehmen lassen, die von Deutschen erbaute Kirche in Jerusalem zu eröffnen. Am 31. Oktober 1898 übergab er sie den Gläubigen zum Gebet. Eine weitere Station der Reise des Kaisers war Damaskus, wo ihm zu Ehren ein Bankett gegeben wurde. Während des Essens hielt er eine feierliche Ansprache, in der er hervorhob, dass der Sultan, der Kalif von über 300 Millionen Muslimen auf der Welt, sein engster Freund und Verbündeter sei. Die ganze Reise verfehlte ihre Wirkung auf den Kaiser nicht. Denn nicht nur die Staatsgeschäfte standen im Mittelpunkt, sondern auch Gespräche und Begegnungen mit Land und Leuten sowie der Islam. Dabei erfuhr der Kaiser vieles, was sein Bild von dieser Religion positiv beeinflusste.

Nach dem Besuch des Kaisers ermächtige das Osmanische Reich 1899 deutsche Firmen, den Bahnhof Haydarpasa, die Fährverbindung zwischen Haydarpasa und Sirkeci und eine Telegrafenleitung in Köstence-Istanbul zu bauen. 1903 erteilte das Osmanische Reich der Deutschen Bank die Genehmigung zum Bau der Bagdadbahn. Schon 1883 hatte das Osmanische Reich damit begonnen, immer mehr deutsche Finanzquellen anzuzapfen. Abdülhamit II. verfolgte damit das Ziel, England und Frankreich, die ebenfalls über einen sehr großen Einfluss im Osmanischen Reich verfügten, einen starken Konkurrenten entgegenzusetzen. Diese Ausgleichspolitik war für Abdülhamit II. charakteristisch. Die Investitionen des Deutschen Reichs im Osmanischen Reich im Bereich Infrastruktur und Finanzen gingen also zu Lasten Englands und Frankreichs, die angesichts dieser Entwicklung natürlich alles andere als begeistert waren. Die Annäherung zwischen Deutschem und Osmanischem Reich brachte aber auch für Russland Nachteile mit sich, dessen Einfluss beschnitten wurde.

Die Zusammenarbeit der beiden Reiche, die zunächst in erster Linie ökonomische und strategische Gründe hatte, erstreckte sich schon bald auch auf die Bereiche Kultur und Erziehung. Während der konstitutionellen Phasen des Osmanischen Reichs absolvierten die meisten türkischen Offiziere ihre Fachausbildung im Deutschen Reich.1 Diese Kontakte auf militärischer Ebene rissen auch nicht ab, nachdem Abdülhamit II. seine Macht schließlich abgeben musste. Nicht zuletzt deshalb kämpfte das Osmanische Reich im 1. Weltkrieg an der Seite der Mittelmächte und damit auch auf Seiten des Deutschen Reichs.

Der Wirtschaftsvertrag von 1890 stärkte die Position des Deutschen Reichs in Anatolien erneut. Schließlich lösten die Deutschen die Engländer als bedeutendste ausländische Macht im Osmanischen Reich ab. Zwischen 1878 und 1889 nahm die ökonomische Zusammenarbeit der beiden Reiche um 54% zu. Der Anteil des Außenhandels des Osmanischen mit dem Deutschen Reich erhöhte sich von 18% auf 22%. Das Osmanische Reich lieferte vor allem Tabak, Trauben, Teppiche, Nüsse und Opium ins Deutsche Reich und importierte seinerseits von dort hauptsächlich Baumwolltextilien, Patronen, Kugeln, Maschinen, Strümpfe und Gleise. Die wirtschaftlichen Beziehungen schufen die Voraussetzung dafür, dass die Deutschen im Osmanischen Reich eine Bank eröffneten. Sie sollte die Industrie und andere Wirtschaftsunternehmen in der Provinz Syrien unterstützen. Um die Wirtschaft und den Transport zwischen dem Deutschen Reich und der Syrien zu stärken, gründeten die ‚Palästinensisch-Protestantische Gemeinschaft‘ und das ‚Bankhaus von den Heydt‘, Berlin, die ‚Deutsche Palästina Bank‘ in Jerusalem. Später wurden weitere Filialen in Damaskus, Beirut, Tarablus und Hamburg eröffnet. Die Niederlassung der ‚Deutschen Bank‘, die in Istanbul gegründet worden war und dort deutsches Kapital akkumulierte, tätigte im Osmanischen Reich die unterschiedlichsten Arten von Investitionen im Bereich der Infrastruktur. Sie war es auch, die 1904 die Lizenz zur Erdölförderung in Mesopotamien erhielt.

Eine sehr wichtige Rolle für die Beziehungen zwischen den beiden Reichen und insbesondere beim Bau der Bagdadbahn spielte Heinrich August Meissner Pascha. In späteren Jahren, in der Türkischen Republik, unterrichtete er an der Technischen Fachhochschule Istanbul türkische Studenten und hielt die guten Beziehungen beider Staaten damit auch in der republikanischen Phase aufrecht.

Auf kultureller Ebene unterhielten Deutsche im Osmanischen Reich Schulen, die zum Teil auch offiziell anerkannt waren. In Beirut wurden zwischen 1899 und 1903 neun, in Saloniki zwischen 1899 und 1901 zwei, in Jerusalem zwischen 1901 und 1903 sechs, in Izmir zwischen 1899 und 1903 fünf und in Istanbul zwischen 1882 und 1903 sechs Schulen eröffnet. Diese Schulen umfassten alle Ebenen: Vorschule, Grundschule, Mittelschule und Gymnasium. Die ‚Deutsche Schule‘, die bereits 1868 in Istanbul eingeweiht wurde, existiert sogar noch heute. Auch auf religiöser Ebene waren die Deutschen nicht untätig. Sie gründeten verschiedene Zentren, die im Osmanischen Reich Missionsarbeit leisteten. Trägerorganisationen waren z.B. die ‚Werte des Tempels‘, der ‚Verein vom Heiligen Grabe‘, das ‚Communzaute Evangelique‘, der ‚Jerusalem Verein‘, ‚Das Heilige Land Zionverein‘, der ‚Verein der Unbefleckten‘ und der ‚Deutsche Palästina Verein‘. Abdülhamit II. überließ das Vorrecht, den Schutz des Protestantismus im Osmanischem Reich zu gewährleisten, Kaiser Wilhelm II.. Mit diesem Schachzug wollte er den Engländern, die sich ebenfalls um dieses Privileg bemüht hatten, deutlich machen, dass er das Deutsche Reich als stabilisierenden Faktor betrachtete.

Als es 1916 darum ging, das „Darülfünun“ (das Haus der Künste) in Istanbul neu zu organisieren, wurden zahlreiche deutsche Wissenschaftler mit dieser Aufgabe betraut. Sozial- und Naturwissenschaftler unternahmen den Versuch, das Hochschulwesen in der Türkei zu reformieren, indem sie bei der Übertragung des deutschen Hochschulsystems a dabei zu heluf das Osmanische Reich mitwirkten. Auch Mustafa Kemal Atatürk, der Gründer der Türkischen Republik, lud 1933 deutsche Wissenschaftler ein, Reformen in den Universitäten zu realisieren. Damit setzte er ein Zeichen und unterstrich, dass die historischen deutsch-türkischen Beziehungen auch nach dem 1. Weltkrieg weitergeführt werden sollten.

Die Beziehungen Deutschlands und der Türkei, die schon seit Jahrhunderten auf politischer, wirtschaftlicher, kultureller, bildungspolitischer und persönlicher Ebene bestehen, wurden seit dem 2. Weltkrieg immer weiter intensiviert. Die Politiker von heute sollten die Chance nutzen und die Zusammenarbeit und die Freundschaften zwischen diesen beiden Ländern in der Zukunft noch weiter ausbauen.

Dr. Erdogan Keskinkilic

11. konstitutionelle Phase: 1876-1877; 2. konstitutionelle Phase: 1908-1922

Letzte Änderung am 16.05.2016
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