„So mancher Christ wird wohl überrascht sein zu erfahren, dass die Muslime völlig mit der Lehre Jesu konform gehen.“

Die Muslime sind überaus wertvolle Mitglieder unserer australischen Gesellschaft. Um zu dieser Einschätzung zu gelangen, muss man nur einmal einen Ort wie die Moschee von Gallipoli in Auburn besuchen und sich von der Gastfreundschaft und der herzlichen Atmosphäre der dort ansässigen muslimischen Gemeinschaft überzeugen. Wenn man sich anschaut, wie Christen, Muslime und Juden hier wie selbstverständlich ein- und ausgehen, fühlt man sich unweigerlich an längst vergangene Zeiten in der andalusischen Stadt Cordoba erinnert. Dort lebten einst unter muslimischer Herrschaft Juden, Christen und Muslime friedlich zusammen. Es herrschten eine beispielhafte Toleranz, Gerechtigkeit und Mitgefühl, und auch die Wirtschaft florierte, bis kurzsichtige christliche Herrscher diesem historischen Experiment schließlich ein jähes Ende bereiteten.

Vielleicht bietet sich ja heute uns in Australien die Chance, einigen Elementen dieser einstigen Vision und Realität neues Leben einzuhauchen. Durch Kontakte zu vielen Muslimen im täglichen Leben und in interreligiösen Freundschaften habe ich den Islam sowohl in seiner Eigenschaft als Religion als auch als Lebensweise zu schätzen gelernt. Trotz einiger wichtiger Differenzen verfügen Muslime und Christen über viele Gemeinsamkeiten und teilen nicht nur ihr Menschsein. Ebenso wie das Christentum ist der Islam eine der drei großen monotheistischen Weltreligionen. Muslime und Christen beten denselben Einen Gott an (an den sich Muslime wenden, indem sie das arabische Wort für Gott, Allah, benutzen), der alle Menschen zu einem Miteinander in Hingabe und Frömmigkeit einlädt, welches sich zwangsläufig auch in einer moralischen Lebensführung niederschlagen muss. Mein tieferer Einblick in den Islam hat mir auch viele neue Einsichten in meinen eigenen christlichen Glauben vermittelt. Er hat mich dazu angeregt, darüber nachzudenken, welche Elemente dem Christentum verloren gegangen sind. Er hat mich gelehrt, einige Aspekte meines Glaubens, die ich zuvor für selbstverständlich gehalten hatte, wieder neu wertzuschätzen. Und er hat meinen Horizont erweitert, indem er mich dazu ermutigt hat, über meinen eigenen ‚Tellerrand’ hinauszuschauen und nicht automatisch davon auszugehen, dass einzig das Wohlergehen meiner eigenen ethnischen, kulturellen oder religiösen Gruppe für das Wohlergehen unserer Gesellschaft als Ganzes entscheidend ist.

Ein Element des Christentums, das zeitgenössischen Christen oft abhanden gekommen ist, ist das Verständnis um die kulturelle und religiöse Identität Jesu Christi als Prophet der Juden. Diese Identität wurde schon in den frühen Jahrhunderten der Kirche sehr schnell von den griechisch-römischen Formeln der christlichen Glaubensbekenntnisse überlagert. Solche Glaubensbekenntnisse waren zweifellos ein wichtiger und notwendiger erster Versuch, die Bedeutung des Lebens Jesu in die Denkmuster einer gänzlich unterschiedlichen Kultur zu übersetzen - ein Versuch also, eine kulturenübergreifende Christenheit im griechisch-römischen Kontext zu schaffen. In der Praxis jedoch brachte dieser Versuch es mit sich, dass ein ganz wesentlicher Punkt von nun an zumeist völlig ignoriert wurde: die Tatsache nämlich, dass der eigentliche Wirkungsbereich Jesu im Orient lag.

Zu dieser Erkenntnis gelangen auch Muslime, die sich mit den Evangelien befassen. Hesham El-Essawy, ein ägyptischer Muslim, der von einem koptischen Freund in die christlichen Evangelien eingeführt wurde, beschreibt seine Erfahrungen mit der Person Jesu in den christlichen Schriften: „Ich habe die Evangelien mit großem Interesse gelesen. Auch jetzt noch habe ich deutlich vor Augen, was ich dabei empfand. Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich vor Freude aus dem Bett sprang, als ich entdeckte, dass ich im Kern der Aussagen Jesu tatsächlich nichts fand, was ich als Muslim ablehnen müsste. Die Evangelien geben darüber Aufschluss, wie hingebungsvoll Jesus Gott angebetet hat… Zwischen der Religion, die Jesus predigte, und dem Islam existiert keinerlei Widerspruch. Diese Erkenntnis bewegte mich zutiefst, und ich begann zu weinen. Mein islamischer Glaube, demzufolge Jesus, der Messias, ein höchst bedeutender und ehrenvoller Mensch und Gesandter Gottes war, wurde von den Evangelien bestätigt. Außerdem klären sie uns darüber auf, dass Jesus dem Volk Israel auf wunderbare Weise als ein Zeichen geboren wurde, dass er genau wie Adam keinen Vater hatte und dass seine Mutter eine erhabene fromme Frau war, deren Jungfräulichkeit sich nicht allein auf ihr Fleisch, sondern auch auf ihren Geist erstreckte.“

Obwohl El-Essawy (dessen Familienname übrigens ‚Anhänger Jesu’ bedeutet) als Muslim das christliche Dogma der Dreifaltigkeit nicht billigt, war er begeistert, als er in den Evangelien geschrieben fand, dass „…Jesus seine Anhänger mit Hilfe von Gleichnissen unterrichtete. Aber so simpel seine Wahrheiten waren, so oft überstiegen sie auch das Begriffsvermögen seiner Jünger. Die Evangelien belegen, dass sich die Jünger häufig fragten, was Jesus ihnen sagen wollte. So mancher Christ wird wohl überrascht sein zu erfahren, dass die Muslime völlig mit der Lehre Jesu konform gehen.“ In El-Essawys Augen ist es „die christliche Lehre, nicht die Lehre Jesu, die zwischen Christen und Muslimen steht.“[i]

In diesem Sinne mag die muslimische Wertschätzung Jesu als Prophet uns Christen daran erinnern, wie wichtig es ist, den radikalen Kern des Lebens und der Lehren Jesu nicht in jenen etablierten institutionellen Formen aus den Augen zu verlieren, die die christliche Gemeinschaft in späteren Jahrhunderten geprägt haben.

Die Muslime stellen mit ihren Praktiken des rituellen Gebetes und Fastens auch eine Herausforderung für all jene Christen dar, die diese Elemente ihrer eigenen religiösen Tradition ‚vergessen’ haben. Einige der körperlichen Aktivitäten, die das Gebet der Muslime kennzeichnen, wie etwa die Verbeugung und die Niederwerfung, werden auch in der Gegenwart noch von manchen Christen praktiziert und sind in den Gebeten einiger alter christlicher Traditionen erhalten geblieben (z.B. im Gebet der Assyrischen Christen in der Südosttürkei oder in den neun Gebetspraktiken des Heiligen Dominik).

Mit einem wachsenden Bewusstsein um die ganzheitliche Natur der persönlichen spirituellen Entwicklung sehnen sich heute offenbar viele Menschen danach, einige dieser konkreteren und körperlicheren Ausdrucksformen wieder in der Religion zu verankern. Allen voran jüngere Christen, bei denen solche Elemente nicht Bestandteil ihrer Erziehung gewesen sein dürften, scheinen sich sehr stark für Gebetsketten, Körperbewegungen im Gebet und Pilgerfahrt zu interessieren. Anerkennung findet unter Christen, die mit der liturgischen Fastenzeit vertraut sind, sicherlich auch die Praxis, insbesondere im muslimischen Monat Ramadan zu fasten. Für Muslime ebenso wie für Christen ist das Fasten ein Weg der praktizierten Selbstdisziplin und der spirituellen Erneuerung. Es ist eine Zeit, in der man seinen Beziehungen zu Gott und den Mitmenschen besondere Aufmerksamkeit schenkt. Im Monat Ramadan lesen Muslime gern und intensiv im Koran und brechen ihr Fasten tagtäglich in freundschaftlicher Atmosphäre im Familienkreis. Wir Christen kennen heute kaum noch bindende, feste Vorschriften für unser religiöses Leben. Insofern mögen uns die Muslime vor Augen führen, wie wichtig gewisse Strukturen sind, die zum Gebet rufen, oder auch regelmäßige Praktiken, die der Spiritualität zugute kommen.

Auf überraschende Art und Weise hat mich mein engerer Kontakt zum Islam auch dazu bewegt, gerade die tiefsten Mysterien meines katholischen Glaubens zu würdigen. Und das gilt - unwahrscheinlich, aber wahr - vor allem für neu gewonnene Einsichten in die Inkarnation und die Dreifaltigkeit. Das islamische Glaubensbekenntnis gilt in erster Linie einem transzendenten Gott jenseits jeder Form der Repräsentation, jeder Vorstellung und jeder Beschränkung auf die materielle Welt. Aus dieser Perspektive betrachtet gemahnt es uns letzten Endes an die Vergänglichkeit und die verhältnismäßige Belanglosigkeit aller materiellen Dinge. Angesichts dessen habe ich vermehrt darüber nachgedacht, was es eigentlich bedeutet, dass wir Christen glauben, dass Gott in Jesus die Form eines Menschen angenommen und Sich völlig den menschlichen Umständen unterworfen hat. Jesus Solidarität mit uns zeigt, dass Gott die Welt und das menschliche Leben sehr ernst nimmt. Deshalb wird die materielle Welt im christlichen Glauben trotz ihrer Vergänglichkeit als ein Ort des Heils betrachtet. Meiner Ansicht nach ergänzt dieses christliche Verständnis (das der materiellen Welt, den menschlichen Umständen und allem, was dazu gehört, große Bedeutung beimisst) das muslimische Verständnis. Beide Religionen vermitteln uns wichtige Lehren.


Natürlich sind Muslime überzeugte Monotheisten und verwehren sich - zumindest dann, wenn sie sich nicht gründlich damit befasst haben - gegen die christliche Dreifaltigkeitslehre (der Einheit des göttlichen Wesens in Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiligem Geist). Aber während der unerschütterliche Glaube der Muslime an den Einen Gott auf die Einheit der Menschheit und auf die Dinge, die uns einen, verweist, verweist die christliche Dreifaltigkeitslehre darauf, dass die Verschiedenartigkeit ein ganz wesentliches Element der Einheit ist. Diese Lehre führt uns zu dem tieferen Verständnis, dass sich die Einheit Gottes unter anderem in der Unterschiedlichkeit und Andersartigkeit der Menschen in ihren wechselseitigen Beziehungen widerspiegelt.

Auch in diesem Punkt scheinen Christen und Muslime also über wichtige Berührungspunkte zu verfügen. Leider kennen viele Menschen den Islam und die Muslime heutzutage nur aus reißerischen Medienberichten über die Aktivitäten von extremistischen muslimischen Gruppen in verschiedenen Teilen der Welt. Doch das Bild vom Islam, das in diesen Berichten gezeichnet wird, wird der langen, reichen und tiefen Tradition dieser Religion, die so überragende Beiträge zur Weltkultur geleistet hat, in keinster Weise gerecht.

Die religiöse Tradition des Islams bereichert auch und gerade heute auf produktive Art und Weise den Alltag der großen Mehrheit der Muslime in aller Welt - so auch den jener Menschen, die einen so wertvollen Beitrag zum Aufbau einer toleranten und mitfühlenden australischen Gesellschaft leisten. Wir Christen, die Abraham und Sara mit den Muslimen als unsere gemeinsamen Vorfahren im Glauben teilen, haben viel zu gewinnen, wenn wir nur dazu bereit sind, aus dem spirituellen und kulturellen Erbe unserer islamischen Schwestern und Brüder zu lernen.

Trish Madigan, Australien

Die Autorin Trish Madigan ist eine Schwester des Ordens der Dominikanerinnen und Mitarbeiterin der Broken Bay Commission for Ecumenism. Sie gehört dem höchsten interreligiösen Gremium für Angehörige der Buchreligionen in Australien an - dem Australian National Dialogue for Jews, Christians, and Muslims.


[i] “An Islamic view of Spirituality” in: The Way Supplement, Nr. 78, 1993

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