Muslime müssen lernen mit unterschiedlichen Meinungen umzugehen und aus ihr zu lernen, denn nur durch die Meinungsvielfalt entstehen neue Ideen und konstruktive Verhaltensweisen.

Die vierte Islam-Konferenz, die vom ehemaligen Innenminister Dr. Wolfgang Schäuble initiiert wurde, fand am 28.11.2018 in Berlin statt und wurde durch die Debatte über die Blutwurst, die vor und nach der Konferenz serviert wurde, in den Hintergrund gedrängt. Die Teilnehmer waren wieder einmal, wie schon in der ersten Konferenz bunt durchmischt. Die Frage blieb auch nach dieser Konferenz offen, welches Ziel sie hat.

Auf der einen Seite steht der Innenminister Horst Seehofer und auf der anderen die islamischen Verbände, Vereine sowie muslimische Privatpersonen, die unterschiedliche Auffassungen über den Islam haben und mit diesen unterschiedlichen Ansichten in einen Dialog treten sollen, der kaum möglich ist.

Einerseits möchte Innenminister Seehofer einen deutschen Islam, der viel von der deutschen Kultur, aber wenig von der islamischen Religion haben soll.  Vielleichtmeint er damit eine Vereinbarkeit des Islams mit der säkularen deutschen Gesellschaft. Säkulare Prinzipien sollen nicht beschnitten oder eingegrenzt werden, was aus muslimischer Sicht problematisch scheint. Aber der Islam soll auch der Islam bleiben, nicht völlig „verwestlichen“. Es soll nur die Fremdbestimmung durch fremde Staaten wie die Türkei oder Saudi Arabien entfallen sowie das Primat der Religion vor der Verfassung. Natürlich sollen sich die beiden Seiten mit so einer Auffassung richtig auseinandersetzen. Andererseits wollen die Verbände ein Deutschland, das sich nicht in ihre Angelegenheiten in der religiösen Ausübung einmischt. Das heißt, dass die Glaubensfreiheit, die Artikel 4 des Grundgesetzes garantiert, in vollen Zügen ausgelebt werden soll. So möchte man zunächst meinen, wenn man nur die islamischen Verbände betrachtet und die beiden Lager „liberaler“ und „säkularer“ Islam außen vor lässt. Um diesen Fragen nachzugehen, scheint es zunächst wichtig, dass man die Akteure näher kennenlernt und daraus ein Interessensprofil ableitet, damit man anschließend einen Ausblick beziehungsweise Vorschlag für die nächsten Konferenzen abgeben kann. 

Wie ist die derzeitige Lage und welche Probleme sind zu bewältigen?

Seit Jahren haben muslimische Verbände strukturelle Probleme, die sie nicht in den Griff bekommen, weil sie zum einen aus dem Ausland gesteuert werden und zum anderen ihre eigenen politischen Interessen über die Interessen der hier lebenden Muslime stellen. Ein Grund dafür ist, dass viele Imame der Moscheegemeinden aus dem Ausland kommen und in keiner Weise hierzulande beheimatet sind.Die Gemeindemitglieder setzen sich zum größten Teil noch aus der ersten Generation von Einwanderern zusammen, die Anpassungsprobleme an die sich verändernden Rahmenbedingungen haben. Ein in Deutschland etablierter Islam erweckt den Anschein, als würde man die Religion von Grund auf verändern wollen. Vorschläge, sich ein Beispiel an Kirchengemeinden zu nehmen, die bereits als Körperschaft öffentlichen Rechts gelten, stoßen auf auf taube Ohren.  

Zum anderen werden Akteure, die keine Ahnung von islamischer Theologie haben, als Islamexperten eingeladen und versuchen einen Islam zu diktieren, der nicht mehr „islamisch“, sondern eher laizistisch ist. Dies stößt bei den meisten Verbänden auf Unverständnis, weil sie sich von derartigen Gesprächspartnern, die ihren laizistischen Kampf aus dem Ausland über die deutsche Islam-Konferenz austragen, nicht verstanden fühlen. 

Die Religionsfreiheit der Bürger und die weltanschaulich-religiöse Neutralität des Staates sind die beiden Säulen, auf denen die Säkularität des freiheitlichen Verfassungsstaates beruht. Dabei ist die Säkularität des Staates nicht zu verwechseln und schon gar nicht gleichzusetzen mit der Säkularität (oder gar der massiv betriebenen Säkularisierung) der Gesellschaft im Sinne einer laizistischen Kampfrolle (Staat und Gott, Horst Dreier, S. 9). Die neugegründete „Initiative Säkularer Islam“ und deren Mitglieder, die einen Migrationshintergrund haben, fordern eine derartige Kampfrolle des Staates gegen Muslime, was in der Türkei oder im Iran dem Islamismus Tür und Tor geöffnet hat. Radikale Gruppen haben dadurch massiven Zulauf erhalten. Auch hier scheint ein ausländischer Einfluss groß zu sein, wie man aus der Geschichte der Türkei unschwer entnehmen kann. 

Die Islam-Konferenz wird somit von Sozialisationsproblemen der Akteure und deren Werten überschattet, die nichts mit der islamischen Theologie, sondern mit politischen Empfindlichkeiten zu tun haben. Sie ist sozusagen zu einem Nebenkriegsschauplatz geworden, wo es nicht um Muslime geht, sondern um Rechnungen, die zwischen Laizisten und Islamisten offenstehen. 

Das ist jedoch kein Grund, Menschen, die nicht eine orthodoxe Sichtweise des Islams repräsentieren, mit dem Tod zu bedrohen. Solche Verhaltensweisen haben weder in einer zivilen Gesellschaft, in der die Meinungsfreiheit einen hohen Wert darstellt, noch in einer irgendeiner anderen Gesellschaftsform einen Platz, genauso wenig wie die Unterdrückung von unterschiedlichen Meinungen in Moscheegemeinden. 

Muslime müssen lernen, mit unterschiedlichen Meinungen umzugehen und aus ihnen zu lernen, denn nur durch die Meinungsvielfalt entstehen neue Ideen und konstruktive Verhaltensweisen. Jede sachliche Debatte sollte als Chance wahrgenommen werden und nicht als Problem. Dies kann jedoch nur geschehen, wenn keine Gräben aus dem Ausland in die deutsche Islam-Konferenz transportiert werden. 

Was sollte das Ziel der deutschen Islamkonferenz sein? 

Eine Konferenz, die Rahmenbedingungen stellt, an der Experten aus den theologischen Fakultäten sowie Muslime teilnehmen, die keine Verbindung zum Ausland unterhalten und somit auch keine fremden Einflüsse in die Konferenz hineintragen, würde der Konferenz viel Produktivität und bessere Ergebnisse bescheren. Im Idealfall sollten muslimische Verbände als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt werden. Als Körperschaft des öffentlichen Rechts bekommen Religionsgemeinschaften verschiedene Privilegien, die ihnen die Organisation ihrer Mitglieder und ihrer gemeinnützigen Arbeit erleichtern. Dies kann aber nur dann geschehen, wenn sich Verbände von der Bevormundung aus dem Ausland emanzipieren können.

Dogan Günes

Letzte Änderung am 04.12.2018
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