Eine historische Lesart, die von der politischen Geschichte sowie den religiösen und nationalen Sensibilitäten geprägt ist, bildet auch ein großes Hindernis bei der Auseinandersetzung mit historischen Ereignissen bzw. der eigenen Geschichte.

Ich habe mich über die Lesart und grundlegenden Ansätze der Geschichte mit zwei deutschen Historikern ausgetauscht. Durch den Schriftverkehr mit ihnen habe ich einige horizonterweiternde Impulse über eine Lesart politischer Personen und Ereignisse einerseits, eine Lesart der Gesellschaftsgeschichte oder sozialen Geschichte andererseits erhalten.

Der Kirchenhistoriker Prof. Dr. Bernd Moeller schrieb mir in einem Brief:

„Christen und Muslime sind miteinander verwandt, dass beide es mit alten Büchern, die sie für „heilig“ und „wahr“ halten, zu tun haben und in ihnen – also in der Bibel und im Koran – jeweils über den einen allmächtigen Gott und seiner Beziehung zu den Menschen thematisiert werden.“

So nimmt er die heiligen Bücher als Teil seiner Geschichtslesart wahr und fügt weiter hinzu:

„Wir sagen, wir haben jeweils eine „Geschichte“ mit Gott. Da kann man simpel und naiv verfahren und entweder, wie Sie es ausdrücken, „eins zu eins“, die Vergangenheit und Gegenwart übereinanderlegen, oder man kann die alten und neuen Zeiten kontrastieren und jede auf ihre eigenen Bedingungen und Möglichkeiten hin befragen (was zweifellos befriedigender ausfällt). Die christliche Theologie geht heutzutage in der Regel den zweiten Weg. Sie hat aber viel Mühe aufzuwenden gehabt, bis sie dahin gekommen ist.“ (Auszug vom Brief von Prof. Dr. Bernd Moeller, 5. April 2018)

Dem Religionshistoriker Prof. Dr. Wolfram Drews zufolge erklärt sich die Aussageabsicht eines Textes aus dem Zeithorizont seiner Entstehung, ein Text „spricht“ nicht direkt zu heutigen Zeitgenossen. Er sagt:

„Für Historiker sind alle Quellen, auch heilige Texte, nur aus ihrem jeweiligen historischen Kontext heraus zu verstehen. Die Frage, was ein heiliger Text für heutige Gläubige bedeuten kann, ist eine Frage der theologischen Hermeneutik. Die christliche Theologie hat für dieses Problem die historisch-kritische Methode entwickelt, bei der die christliche Bibel als ein Text der Antike aufgefasst wird, dessen Aussageabsicht also vor dem Zeithorizont der Antike zu erschließen ist“, so Drews.

Weiterhin schreibt er: „Es ist Aufgabe der (christlichen) Theologie, die Aussageabsicht des Textes für die jeweilige Gegenwart immer wieder neu zu erschließen, im Lichte der heutigen gesellschaftlichen Herausforderungen. Bestimmte Aussagen der Bibel werden also als für heute nicht mehr relevant erklärt, wie zum Beispiel das Verbot, Kleidungsstücke zu tragen, die aus zweierlei Stoff gewebt sind. Häufig wird auch das Ritualgesetz des Alten Testaments als für Christen nicht mehr maßgeblich erklärt, wohingegen das Moralgesetz, also ethische Gebote, nach wie vor relevant seien. Aber auch hier wird im Lichte heutiger Herausforderungen versucht, die Aussageabsicht der Texte für die heutige Zeit anschlussfähig zu machen, etwa im Hinblick auf die Stellung der Frau oder auch auf den Umweltschutz. Die Frage, warum Jesus von Nazareth nichts über die ökologische Katastrophe seiner Zeit ausgesagt hat, als die Römer den gesamten Waldbestand des Mittelmeergebietes für ihren Flottenbau abholzen ließen, wird so beantwortet, dass vor dem Hintergrund des Ideals der Bewahrung der Schöpfung davon auszugehen ist, dass der Umweltschutz sehr wohl mit den Absichten des neutestamentlichen Jesus in Übereinstimmung stehen dürfte, auch wenn er dazu explizit nichts gesagt hat.“

Gemeinsamkeiten in der theologischen sowie historischen Gegenwartsdeutung in der Exegese sind geprägt durch die immerwährende Problematik eines automatischen Wissenstransfers von historischen Ereignissen und damit verbundenen religiös gültigen sowie sozial wirkmächtigen Normen. Die konkrete Frage stellt sich in diesem Zusammenhang, inwiefern zu Zeiten Jesu eine Art des ökologischen Bewusstseins tatsächlich innerhalb der damaligen antiken mediterranen Gesellschaften und ihrer geistig-moralischen Eliten existent gewesen ist. Es ist daher mehr als zweifelhaft, zu glauben, dass Jesus etwa dazu explizit Stellung im Sinne einer nachhaltigen Umweltpolitik zur Bedeutung der Natur für den Menschen bezogen haben könnte. Die Natur existierte neben dem Menschen und erschien nicht von ihm beeinflusst. Inwieweit eine moderne Theologie einen kritischen Blick auf das religiöse Denken, das Geschichtsverständnis sowie auf die kulturelle Identitätenbildung gewährleisten kann, bleibt eine spannende, aber ebenso offene und daher vorläufig unbeantwortete Frage, die Muslime und Christen gleichermaßen betrifft.

Wie Muslime in dieser Frage handeln sollen, äußert sich Drews folgendermaßen: „Eine zentrale Aufgabe einer sich als wissenschaftlich definierenden islamischen Theologie ist es, eine vergleichbare Hermeneutik für die islamischen kanonischen Texte zu entwickeln. Hierzu gibt es schon erste Ansätze, die etwa bei der sogenannten Schule von Ankara zu finden sind. Auch versucht das von Angelika Neuwirth geleitete Projekt an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (Corpus Coranicum), den Koran als einen Text der Spätantike zu verstehen und folglich zu erschließen. Die islamische Theologie müsste den Text demzufolge historisch-kritisch interpretieren und dessen Aussageabsicht für die heutige Zeit herausarbeiten. Genauer ausgedrückt bedeutet dies beispielsweise, dass für Muslime in ihrem jeweiligen Lebensgebiet bzw. in ihrem lebensweltlichen Kontext eine Auslegung und Deutung des Koran regionalspezifisch erfolgen soll. Somit wird demnach bei einem stets identisch theologischen Kern die Exegese und Anwendung des Koran in Deutschland also anders als etwa in der Türkei oder in Syrien praktiziert. Mein Kollege Mouhanad Korchide hat dies bereits versucht, indem er das Ideal der Barmherzigkeit in den Mittelpunkt rückte. Dementsprechend müssten also alle Suren und Verse des Korans, aber auch die Prophetengeschichten, daraufhin geprüft werden, ob sie für eine Botschaft vom barmherzigen Gott zum Sprechen gebracht werden können.“ (Auszug aus der Email von Prof. Dr. Wolfram Drews, 4. April 2018)

Daraus folgt, dass die Übermittlung der historischen Ereignisse einen wesentlichen Schwerpunkt zum allgemeinen Wissenshintergrund bildet. Des Weiteren ist eine Lehre aus den religiösen Überlieferungen zu ziehen, wobei die Erforschung eines Zeitabschnitts, in dem die historischen Ereignisse oder religiösen Erzählungen stattgefunden haben sollen, weitere zentrale Aspekte darstellen.

Demzufolge stellen sich weitere konkrete Fragen, welche die historisch-kritische Lesart und Deutung betreffen: Was ist denn in diesem Sinne in den Schlachten wie Siffin – zwischen Muawiya und dem vierten Kalifen Ali – und Dschamal – zwischen Ali und der Frau des Propheten Aischa – sowie Nahrawan - zwischen Ali und Kharidschiten - passiert, und was waren die wirklichen Gründe für diese Ereignisse, wobei etwa 100 tausend Menschen sterben mussten? Wieso und warum mussten 250.000 Menschen im Dardanellen-Krieg im Jahr 1915 sterben? Worin liegt der Sinn, dass man bei so vielen Verstorbenen einen derartigen Siegeszug bis in die heutige Gegenwart feiert? Warum haben die damaligen verantwortlichen Politiker und Repräsentanten des Landes nicht die nötigen Maßnahmen getroffen, als man eine Zwangsdeportation der Armenier beschlossen hat? Infolgedessen mussten hunderttausende von Armeniern während der Deportation nach Süden sterben. Ist ein solch offenkundiges staatlich legitimiertes Vorgehen nicht vergleichbar mit dem, was der Stalinismus etwa bezüglich den Ahiska-Türken und den Wolgadeutschen angetan hat? Welche Probleme werden dadurch gelöst, dass wir die Lage der Menschen, die gegenwärtig unter einer menschenverachtenden Tyrannei leiden, mit der alttestamentarischen biblischen Geschichte von Moses und dem Pharao aus dem Koran vergleichen? Man könnte in diesem Kontext freilich noch weitere Fragen stellen.

Es wird dabei deutlich, dass eine historische Lesart in erster Linie von den politischen oder religiösen Sensibilitäten geprägt zu sein scheint und somit von der gegenwärtigen Zeit völlig abgerissen wirkt. Dass also über so eine historische Lesart eine Identität aufgebaut und gebildet wird, ist meines Erachtens keine fortschrittliche Methode.

Zugleich bleibt festzustellen, dass ohne ein gar vorhandenes oder noch zu entwickelndes reflektiertes Bewusstsein aus politischen, wirtschaftlichen und sozialen Perspektiven in den Gesellschaften des Internet-Zeitalters ein immenses Dilemma vorliegt. Dessen Problematik besteht darin, dass Menschen dabei stetigen Desinformationen und Manipulationen ausgesetzt sind, was insbesondere religiöse Narrative im Sinne des Philosophen Karl Marx´ rechtfertigen. Denn eine Religion, die ausschließlich von Narrativen und Kurzgeschichten und aus einer rückblickend imaginären sowie zugleich vergangenheitsbezogenen Welt besteht, ist dazu im Stande, den Menschen wie ein Opium zu betäuben.

Diese Herangehensweise, nämlich eine historische Lesart, die von der politischen Geschichte sowie den religiösen und nationalen Sensibilitäten geprägt ist, bildet aber auch ein großes Hindernis bei der Auseinandersetzung mit historischen Ereignissen bzw. der eigenen Geschichte.

Ansonsten werden die sachlichen und wissenschaftlichen Analysen durch schablonenhafte religiöse Narrative ersetzt. Für die historischen Persönlichkeiten und Gemeinschaften wird dann eine Art Immunitätsschutz etabliert.

Außerdem nährt ein solcher Umgang mit der Geschichte auch den damit eng verbundenen Personenkult. Anstatt einer universalen Auffassung, die primär von ethischen Prinzipien bestimmt ist, rückt auf diese Weise ein „Führer“, also ein „Retter“, in den Mittelpunkt gesellschaftlicher Lebenswirklichkeit. Viele Menschen etwa, die unter sozialen und wirtschaftlichen Problemen oder verschiedenen damit einhergehenden Persönlichkeitsstörungen leiden, versuchen dann ihre bestehenden individuellen Defizite durch Zuflucht in verklärende Geschichtsbilder und religiöse Vorstellungswelten zu kompensieren, was vor allem im Personenkult gipfelt. So werden besonders Jugendliche, sei es aus dem rechtsextremistischen oder neosalafistischen Lager, sehr anfällig für Populismus und Manipulation. Eine gesunde, reflektierte Identitätsbildung, die auch von Religion und Historie geprägt ist, erfordert daher eine differenzierte und kritisch-objektive Auseinandersetzung mit den historischen Persönlichkeiten und Ereignissen.

Muhammet Mertek

Letzte Änderung am 17.07.2018
Gelesen 746 mal

Neu hinzugekommen

Twitter