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Sein statt Haben

Eine Rezension über das Buch von Lilly Gebert

Muhammet Mertek von Muhammet Mertek
19. Juni 2026
Sein statt Haben
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Was macht ein erfülltes Leben wirklich aus? Inspiriert von Erich Fromm lädt die junge Autorin Lilly Gebert in ihrem neu erschienenen Buch Sein statt Haben (Scorpio) dazu ein, den Fokus vom Konsum zurück auf das bewusste Leben zu richten. Somit greift sie eine der zentralen Fragen unserer Zeit auf.

Lilly Gebert (1998) ist eine deutsche Autorin und Publizistin. Nach ihrem Studium der Geographie mit den Schwerpunkten Meteorologie und Ozeanographie wandte sie sich zunehmend philosophischen, psychologischen und gesellschaftskritischen Fragestellungen zu. In ihren Werken beschäftigt sie sich vor allem mit den Themen Entfremdung, Sinnsuche, Freiheit, Bewusstsein und der Beziehung des Menschen zu sich selbst und zur Welt. Mit Sein statt Haben legt sie eine vielschichtige Reflexion über den Zustand des modernen Menschen und die Herausforderungen unserer Zeit vor.

Der Untertitel des Buches „Eine Enzyklopädie für eine neue Zeit“ wird nicht umsonst formuliert. Tatsächlich wirkt es mit den 82 Begriffen, die in einer fließenden Essayform mit prägnanten Ausdrücken verfasst sind, wie eine Enzyklopädie des Lebens.

Im Mittelpunkt steht die Unterscheidung zwischen „Haben“ und „Sein“. Gebert beschreibt eine Gesellschaft, die stark von Leistung, Besitz und Selbstoptimierung geprägt ist. Wie es auf der Rückseite des Buches deutlich gemacht wird, scheint das Haben „alle in seinen Bann zu ziehen und hat die Verbindung zum Lebendigen abreißen lassen. Wir sind nicht mehr imstande zu realisieren, wie weit wir uns von dem entfernt haben, was uns nährt und heilt. (…) Sie fragt uns: Wie lange wollen wir das Leben noch verraten? Bis wir selbst keinen Willen mehr haben? Oder bis er, selbst wenn wir ihn äußern, nichts mehr zählt?“

Gebert kombiniert sehr treffend philosophische Gedanken mit persönlichen Beobachtungen und gesellschaftlichen Analysen. Gleichzeitig zeigt sie Wege auf, wie Menschen wieder mehr Verbundenheit, Kreativität und innere Freiheit entwickeln können.

Die Begriffen wie Authentizität, Bewusstsein, Freiheit, Frieden, Gesundheit, Humor, Ideologie, Kohärenz, Lebensangst, Materialismus, Mut, Tyrannei, Universum, Sehnsucht, Stille, Verbundenheit, Wahrheit, Würde, Vertrauen, Zeitgeist werden mit einer poetischen und zugleich aber gut verständlichen Sprache dargestellt. Besonders auffällig ist die emotionale und bildhafte Ausdrucksweise. Manche Passagen wirken essayistisch und philosophisch, andere eher persönlich und inspirierend. Der Stil lädt vielmehr zum Nachdenken ein.

Da das Buch aus einzelnen Begriffen besteht, kann ich in einem Rezensionsrahmen nur einige Beispiele geben:

Beim Begriff „Die Ideologie“ macht die Autorin auf eine aktuelle Entwicklung in vielen Ecken der Welt aufmerksam: Nach Hannah Arendt entsteht die Anfälligkeit für Ideologien dort, wo Menschen ihren „Sinn für Wahrheit und Wirklichkeit“ verlieren. Ideologien behaupten, hinter der sichtbaren Realität eine „eigentliche“ Wahrheit zu besitzen, die nur durch Anpassung und ideologische Schulung erkannt werden könne. Da totalitäre Systeme die Wirklichkeit selbst nicht verändern können, lösen sie das Denken von konkreter Erfahrung und schaffen durch Gleichschaltung, Angst und Kontrolle ein Monopol auf Wahrheit und Wirklichkeit. Auf diese Weise formen sie nicht nur gesellschaftliche Bedingungen um, sondern langfristig auch den Menschen selbst — bis Widerspruch gegen die Ideologie als Bedrohung der eigenen gesamten Lebensbedeutung empfunden wird.

Ebenso kritisch setzt sich Gebert mit dem Fortschrittsglauben moderner Gesellschaften auseinander. Der Mensch verwechselt technischen Fortschritt mit persönlicher Entwicklung und erkennt dabei nicht, dass Technik seine eigene Entfaltung zunehmend einschränken kann. Anstatt sich selbst weiterzuentwickeln, verbessert er vor allem die Technik, indem er versucht, menschliche Schwächen technisch zu kompensieren. Dadurch entsteht ein Selbstbetrug, bei dem die Technik immer leistungsfähiger darin wird, den Menschen selbst zu ersetzen.

Die moderne Haltung des schnellen Konsumierens — von Wissen, Medien, Nahrung und Gefühlen wird auch kritisiert. Menschen nehmen vieles oberflächlich auf, ohne es wirklich zu verarbeiten oder bewusst zu erleben. Dadurch geht nicht nur die Fähigkeit zum Genießen verloren, sondern auch der Zugang zu tieferem Empfinden und echter Erkenntnis. Wahre Bedeutung und nachhaltige Wahrheit entstehen laut ihr erst durch Langsamkeit, Stille und bewusstes Innehalten.

Einen besonderen Stellenwert räumt Gebert den Themen Mitgefühl, Offenheit und zwischenmenschlicher Verbundenheit ein. Immer wieder plädiert sie für eine Kultur des echten Zuhörens und der Begegnung. Worte sollten nicht vorschnell als Bedrohung verstanden, sondern in ihrem Ursprung und ihrer Bedeutung ernst genommen werden. Verstehen bedeutet für sie nicht Zustimmung, sondern die Bereitschaft, dem anderen mit Offenheit zu begegnen. Konflikte entstehen ihrer Ansicht nach häufig nicht aus unterschiedlichen Überzeugungen, sondern aus der Unfähigkeit, einander wirklich zuzuhören. Dem setzt sie die Vision einer Welt entgegen, die keine „harten“, sondern „starke Herzen“ braucht – Menschen, die sich ihre Verletzlichkeit bewahren und in Mitgefühl, Ehrlichkeit und Nähe keine Schwäche, sondern eine Quelle menschlicher Reife erkennen.

Diese Entfremdung beschreibt sie zugleich als eine der zentralen Krisen des modernen Menschen. Fehlende emotionale, geistige und spirituelle Entwicklung führe dazu, dass Menschen den Kontakt zu sich selbst verlieren und Leere, Heimatlosigkeit oder Depression zunehmend zu Grundgefühlen der Gegenwart werden. Anstatt die Ursachen dieses Leidens zu hinterfragen, integriere der Mensch es oft in sein Selbstbild und erschaffe immer neue Abhängigkeiten und Strukturen, die das Problem verwalten, aber nicht lösen. In diesem Zusammenhang verweist Gebert auf Arnold Gehlens Verständnis des Menschen als „Mängelwesen“, das ständig nach äußeren Stützen sucht, um seine innere Unsicherheit zu kompensieren.

Auch die Psychologie Carl Gustav Jungs spielt im Buch eine wichtige Rolle. Anhand seiner Projektionstheorie zeigt Gebert, dass Menschen sich oft weniger in den anderen verlieben als vielmehr in verdrängte Anteile ihrer eigenen Persönlichkeit. Beziehungen werden dadurch zu Spiegeln ungelöster innerer Konflikte. Reife bedeutet für sie nicht, im Gegenüber die ersehnte Vollständigkeit zu finden, sondern die abgespaltenen Seiten der eigenen Persönlichkeit anzuerkennen und zu integrieren.

Der Begriff „Ressentiment“ spielt heutzutage besonders auch bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund eine wichtige Rolle.  Gebert beschäftigt sich mit dem von Friedrich Nietzsche beschriebenen Ressentiment als einer Form der seelischen Selbstvergiftung. Anhaltender Groll, unterdrückte Kränkungen und ungelöste Konflikte führen demnach dazu, dass Menschen ihre Frustrationen auf andere oder auf sich selbst richten. Statt sich den eigenen Verletzungen bewusst zu stellen, verharren sie in Schuldzuweisungen, Unzufriedenheit und innerer Verbitterung. Gebert betont, dass die Überwindung dieses Zustands nur durch Selbstreflexion und die Bereitschaft möglich wird, sich von wiederkehrenden negativen Gedanken- und Gefühlsschleifen zu lösen. Dadurch wird Ressentiment nicht nur als individuelles, sondern auch als gesellschaftliches Problem sichtbar, das Menschen von sich selbst und von einem erfüllten Leben entfremdet.

Ähnlich argumentiert sie im Umgang mit Schmerz. Verdrängtes Leid verschwindet nicht, sondern wirkt im Verborgenen weiter. Während die stoische Tradition vor allem auf Selbstbeherrschung setzt, betont Gebert in Anlehnung an Nietzsche die Notwendigkeit, Angst und Schmerz bewusst zu durchleben. Wahre Freiheit entstehe nicht durch Vermeidung, sondern durch die Integration des Leidens in die eigene Lebensgeschichte. Erst dadurch werde der Mensch vom Opfer seiner Umstände zum Gestalter seines Lebens.

Zu den politisch-philosophisch anspruchsvollsten Passagen des Buches gehört Geberts Auseinandersetzung mit Roland Baader, Friedrich August von Hayek, Jean-Jacques Rousseau und Immanuel Kant. Sie hinterfragt die Vorstellung, Moral könne durch Mehrheiten oder kollektive Ideale legitimiert werden. Moral setzt für sie individuelle Freiheit und persönliche Verantwortung voraus und verliert ihren Sinn, sobald sie zum Instrument politischer oder ideologischer Macht wird. Daraus entwickelt sie ein leidenschaftliches Plädoyer für Selbstverantwortung, kritisches Denken und die Fähigkeit, Moral von ihrer politischen Instrumentalisierung zu unterscheiden.

Demgegenüber erscheint die Sehnsucht – inspiriert von Søren Kierkegaard – als produktive Kraft menschlicher Entwicklung. Sie wird nicht als Mangel verstanden, sondern als Ausdruck der Suche nach einem authentischen und sinnvollen Leben. Gerade in dieser Sehnsucht erkennt Gebert die Möglichkeit, sich vom bloßen Haben zu lösen und einen tieferen Zugang zu Sein, Sinn und Selbstverwirklichung zu finden.

Wie ein roter Faden zieht sich durch das gesamte Buch die Diagnose einer zunehmenden Entfremdung des modernen Menschen. Grundlegende Bedürfnisse nach Nähe, Bindung und Geborgenheit werden durch Konsum, Ablenkung und vielfältige Kompensationsmechanismen überdeckt, sodass viele Menschen ihre innere Leere kaum noch wahrnehmen. Gebert versteht diese „Abspaltung“ als Kernproblem unserer Zeit. Das eigentliche Defizit moderner Gesellschaften liege nicht im Denken, sondern im Verlust emotionaler Tiefe, echter Verbundenheit und innerer Wahrhaftigkeit.

Besonders eindrucksvoll gelingt ihr die Auseinandersetzung mit Hannah Arendts Gedanken zur Versöhnung. Verstehen, so die zentrale Botschaft, ist nicht mit Verzeihen gleichzusetzen. Wahre Versöhnung entsteht weder durch Verdrängung noch durch vorschnelle Vergebung, sondern durch die bewusste Begegnung mit Schmerz, Schuld und der Unvollkommenheit der Welt. Sie erscheint nicht als Endzustand, sondern als lebenslanger Prozess der inneren Reifung, in dem der Mensch lernt, die Wirklichkeit anzunehmen, ohne sich von ihr bestimmen zu lassen. Daraus entwickelt Gebert ein eindrucksvolles Plädoyer für Urteilsfähigkeit, Mitgefühl und die Suche nach Wahrheit statt bloßem Trost.

Von zentraler Bedeutung ist auch der Begriff des Vertrauens. Gebert zeigt, wie Menschen aus Angst vor Ablehnung ihre wahren Gedanken und Gefühle verbergen und dadurch allmählich den Kontakt zu sich selbst verlieren. Beziehungen scheitern ihrer Ansicht nach weniger an unterschiedlichen Meinungen als an fehlender Authentizität. Vertrauen entsteht dort, wo Menschen sich ohne Masken zeigen können und erfahren, dass Offenheit weder ihre Würde noch ihre Zugehörigkeit gefährdet. Vertrauen, Liebe und Wahrhaftigkeit bilden für sie die Grundlage jeder lebendigen Beziehung. Diese Beobachtung macht zugleich deutlich, warum viele Menschen, die ihre muslimische Identität stark betonen oder sich einer bestimmten Ideologie verpflichtet fühlen, häufig Schwierigkeiten haben, authentisch zu sein.

Bei „Vorstellungskraft“ greift Lilly Gebert die gesellschaftskritischen Gedanken von Walt Whitman und Henry Miller auf. Miller kritisiert die Konformität, den Konsumismus und die Opfermentalität moderner Gesellschaften. Seiner Ansicht nach entsteht menschliches Leid vor allem durch die Weigerung, Verantwortung für das eigene Leben und die gemeinsam geschaffene Wirklichkeit zu übernehmen. Gebert hebt hervor, dass gesellschaftlicher Wandel nur dort möglich wird, wo Menschen aufhören, sich als machtlose Opfer der Umstände zu begreifen, und stattdessen ihre schöpferische Kraft sowie ihre Mitverantwortung für die Welt erkennen. Die Vorstellungskraft erscheint dabei als Voraussetzung für Selbstverantwortung, Hoffnung und die Fähigkeit, Wirklichkeit aktiv mitzugestalten.

Ebenso aufschlussreich ist ihre Auseinandersetzung mit dem Begriff der Wahrnehmung. Erfahrungen prägen nicht nur unseren Blick auf die Welt, sondern auch unseren Zugang zu den eigenen Gefühlen. Gebert stellt dabei den Verstand nicht grundsätzlich infrage, warnt jedoch vor einer einseitigen Rationalisierung des Lebens. Besonders im Zusammenhang mit Traumatisierungen beschreibt sie eindringlich, wie Menschen den Zugang zu ihren Gefühlen verlieren und ihr gesamtes Erleben in den Verstand verlagern. Trauma erscheint hier weniger als einzelnes Ereignis denn als Verlust der Fähigkeit, das eigene Wesen authentisch auszudrücken. Heilung beginnt dort, wo Menschen wieder lernen zu fühlen und sich selbst als lebendige, beziehungsfähige Wesen zu erfahren.

Sein statt Haben ist weit mehr als eine Sammlung philosophischer Begriffe. Lilly Gebert gelingt es, Gedanken aus Philosophie, Psychologie, Soziologie und Spiritualität zu einem zeitdiagnostischen Gesamtbild zu verweben. Dabei stellt sie immer wieder dieselbe Grundfrage: Was bedeutet es, in einer Welt permanenter Beschleunigung, Optimierung und Entfremdung wirklich Mensch zu sein?

Es wäre zudem interessant gewesen, wenn Gebert den Begriff der „Realität“ in ihre Begriffssammlung aufgenommen hätte. Insbesondere ein kurzer Bezug auf Richard Stieglers Werk Zwischen Zeit und Ewigkeit, in dem er die Alltagsrealität, die seelische Realität und die absolute Realität als drei Ebenen menschlichen Bewusstseins behandelt, hätte dem Buch eine zusätzliche Perspektive verleihen können. Sowohl in seinem Denkansatz als auch in seinem sprachlichen Stil zeigen sich bemerkenswerte Parallelen zu zahlreichen Themen, die auch im Zentrum von Geberts Überlegungen stehen. Eine kurze Analyse dieser Realitätsebenen hätte daher den gedanklichen Horizont des Buches noch weiter bereichern können.

Ein Gedanke von Carl Gustav Jung scheint das gesamte Buch zu begleiten. Gleich im ersten Satz seines Werkes Traum und Traumdeutung schreibt er: „Der Mensch versucht durch seine Sprache, die Dinge so zu benennen, dass seine Worte den Sinn dessen vermitteln, was er mitzuteilen wünscht.“ Genau darin liegt auch Geberts Anliegen: eine Sprache für jene Erfahrungen wiederzufinden, die im digitalen Rausch unserer Gegenwart verloren zu gehen drohen, und Begriffe wie Verbundenheit, Wahrheit, Vertrauen, Würde und Lebendigkeit wieder sichtbar zu machen.

Insgesamt ist es Lilly Gebert gelungen, philosophische und spirituelle Ideen überzeugend mit aktuellen gesellschaftlichen Fragestellungen zu verknüpfen. Sein statt Haben ist ein ebenso nachdenkliches wie zeitkritisches Werk, das zentrale Fragen des modernen Lebens und der Konsumgesellschaft aufgreift. Besonders Leserinnen und Leser, die sich mit Nachhaltigkeit, Sinnsuche und persönlicher Entwicklung auseinandersetzen, werden aus der Lektüre wertvolle Impulse gewinnen.

Vielleicht verdichtet sich die zentrale Botschaft des gesamten Buches in seinem letzten Satz am treffendsten: „Hör auf, fremde Ruinen zu bewohnen.“

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