Die Debatten über den Islam werden nicht in einem guten Geist ausgetragen. Der dabei verwendete Ton führt zu einer Verhärtung der Fronten, wobei nur ein Murmeln aus Hass und Feindseligkeit zu hören ist. Auf jeden Fall sind die Auseinandersetzungen nicht ziel- und lösungsorientiert. Negative Zuschreibung, Stigmatisierung, Pauschalisierung, Ausgrenzung, Verteufelung und Menschenfeindlichkeit sind gang und gäbe geworden.

Das stört mich! Nicht, weil ich mich als Anwalt Gottes, eines Propheten, einer heiligen Schrift oder gar einer Religion verstehe. Das Sprachrohr dieser oder jener Muslime zu werden, ist auch nicht mein Anliegen. Aber ich nehme wahr, wie negativer Geist die Gesellschaft spaltet und Unglück in die Seele der Menschen streut. Dazu kann und will ich um der Menschen willen nicht schweigen.

Als allererstes möchte ich einen Punkt unterstreichen: Für die Probleme im Zusammenhang mit dem Islam sind in erster Linie Muslime verantwortlich. Sie müssen selbst mit ihren Problemen ohne Unterstützung oder Wirken von außen klarkommen. Und sie können nicht immer wieder „die Anderen“ für eigene Inkompetenz und Rückständigkeit verantwortlich machen. Solange einige Muslime den großen Balken in den eigenen Augen nicht sehen, werden sie dieser Gefangenschaft paradoxer Selbstverherrlichung und immenser Unwissenheit nicht entkommen. Sie versuchen immer noch, ihr Glück in einer mittelalterlicher Perspektive zu finden, anstatt in der Gegenwart zu leben. Vielen ist noch nicht klar geworden, dass das Rad schon erfunden worden ist, und zwar im Lauf der letzten 500 Jahre. Es neu erfinden zu wollen ist daher Zeitverschwendung. Die islamische Gelehrsamkeit und ihre Vertreter müssten doch durch Vernunft und Dialog die Dinge in die richtige Richtung steuern können, aber sie schweigen lieber.

Zum Islamismus oder den politisch ideologisierten Islam sowie die historischen Gründe dieser Fehlentwicklung gibt es reichlich Literatur und Forschungen. Damit verbinden sich für mich viele Fragen. Ich möchte nur eine stellen: Wo sind die kritischen, authentischen Köpfe der muslimischen Gesellschaft, die sich mit den Gegenwartsproblemen lösungsorientiert auseinandersetzen und in den muslimischen Gemeinden Gehör finden?

Warum reden Muslime – mit einigen Ausnahmen – nicht über den islamischen Pluralismus? Warum setzen sich die meisten Muslime nicht redlich für pluralistische Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Freiheit und Menschenrechte ein? Bitte nicht sofort mit dem üblichen Rechtfertigungsmanöver und der Relativierung der Sache anfangen, nämlich mit den selektiven positiven Beispielen aus den Primärquellen und der idealisierten islamischen Geschichte.

Meine Frage ist: Wo stehst du jetzt? Worin zeigst du deine reflektierte Positionierung und Pluralitätsfähigkeit? Ich denke, Muslime verfügen über viele Potenziale in der Tradition islamischer Gelehrsamkeit für die Lösung ihrer persönlichen und gesellschaftlichen Probleme. Aber sie machen keinen Gebrauch davon.

Viele Muslime begreifen z. B. nicht, wie der Islam in seiner Eigenschaft als Religion pluralistisch gedacht und gelebt werden kann, weil sie keinen Ausweg aus ihrer „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ (Kant) finden können. Wenn Muslime diesbezüglich ein Umdenken schaffen würden, könnten sie viele Probleme lösen. Meine Hoffnungen ruhen auf einem baldigen Umdenken hin zu einem gelebten Pluralismus. Nur dieser kann uns aus den Krallen vieler theologischen und sozialen Probleme befreien.

Hier sind einige Beispiele für einen islamisch begründbaren Pluralismus:

Im Koran sind drei Verse für das pluralistische Denken wegweisend: „Ihr habt eure Religion, und ich habe meine Religion.“ (109:6) „Es gibt keinen Zwang in der Religion.“ (2:256) „Und gewiss haben wir für jede Gemeinschaft einen Gesandten geschickt.“ (16:36)

Wenn der Hadith „Niemand von euch ist (wirklich) gläubig, bis er seinem Mitmenschen das wünscht, was er sich selbst wünscht.“ (Bukhari, Muslim) eine Richtlinie in unserem Leben wäre, hätten wir vieles erreicht.

Um die Tatsache zu erkennen, dass es auf der Welt unzählige Wirklichkeiten gibt, braucht man nicht Sokrates zu werden, da die Beziehung zwischen Mensch und Gott direkt und persönlich ist.

Wenn man wie der Islamismus einen totalen Wahrheitsanspruch vertritt, wie kann man dann den islamischen Universalitätsanspruch erklären? Besteht denn überhaupt eine realistische und rationale Möglichkeit, eine einzige Totalwahrheit auf der ganzen Welt zu verwirklichen? Was machen wir dann mit der ethnischen, kulturellen, sprachlichen und geografischen Vielfalt, welche laut den islamischen Hauptquellen zu beschützen sind?

Wir wissen auch, dass der Islam die Rationalität betont sowie die Menschenwürde als ein höchstes Gut unterstreicht. In einigen theologischen Schulen wird der Vernunft der wichtigste Stellenwert im Leben zugeschrieben.

Weiterhin hat der Islam auch „heilende, Frieden, Gerechtigkeit und Schönheit stiftende Kraft“, die hervorgehoben werden muss. Diese Kraft kann nur in einer heterogenen, vielfältigen, multikulturellen Gesellschaft zur Geltung kommen.

Besonders sollten wir nicht außer Acht lassen, dass der islamische Sufismus, vertreten u.a. von Yunus Emre, Mevlana Rumi und Hadschi Bektasch Wali, von Pluralismus und Humanismus geprägt ist.

Das rechte Verständnis und die Vieldeutigkeit des Korans selbst führen uns zum Pluralismus. Es existieren beispielsweise für den vierten Vers der ersten Sure verschiedene Textvarianten, die mit unterschiedlicher Häufigkeit verwendet werden. Hier geht es um das Wort „mâliki“ (dem Herrn), das mit unterschiedlichen Lesarten diverse Bedeutungen haben kann: wie z.B. „mâliku“ (Er ist Herr), „mâlika“ (O Herr), „malika“ (O Fürst), „maliki“ (dem Fürsten).

Daher beschreibt Thomas Bauer zu Recht den Koran so, dass er an vielen Stellen als „pluraler, nichtabgeschlossener, hypertextuell strukturierter nichtlinearer Text, dessen Bedeutungsgehalt nie ganz ausgeschöpft werden kann, sondern der von seinen Hörern und Lesern immer neue Textarbeit fordert […]“. Hypertextuell strukturiert sind hier auch die Texte wie Verse bzw. Suren, deren Auslegung ohne die vorhergehenden Suren nicht denkbar wäre. In nichtlinearen Texten wird die Information nicht in einem fortlaufenden Text vermittelt, während der lineare Text in der Regel „von oben nach unten“ zu lesen ist. Somit ist die Ambiguität des Korans selbst ein starker Ansatz gegen islamistische Ideologien.

Wenn wir diesen, kurz zusammengefassten Argumenten folgen, kommen wir zu einem pluralistischen Denken, mit dessen Hilfe viele Probleme zu lösen sind. Dann kann man jenseits der pessimistischen und Angst schürenden Debatten zu einer produktiven, Hoffnung stiftenden und lösungsorientierten Haltung kommen. So eine grundlegende Positionierung brauchen Muslime mehr denn je. Ich glaube, der Islam ist in sich eine pluralitätsfähige Religion. Es liegt aber in der Hand der Muslime, ob sie pluralitätsfähig handeln wollen oder nicht. Das kann entscheidend dafür sein, ob sie zukunftsfähig sind oder nicht.