Religiöses Lernen ist eine wichtige Aufgabe jeder Kultur. Fast jede Kultur ist von irgendeiner Religion geprägt, wie die türkische oder marokkanische Kultur vom Islam oder die deutsche vom Christentum geprägt ist.

In diesem Kontext stellt das religiöse Lernen eine wichtige Herausforderung für junge Menschen dar. Es gibt viele Möglichkeiten, wie man mit Religion umgeht und was man davon hält. Daher ist religiöses Lernen immens wichtig. Ob dabei die Mündigkeit des Individuums und der reflektierte Umgang mit der Religion oder Indoktrination gefördert wird, wird durch die pädagogisch-didaktische sowie inhaltliche Herangehensweise an die jeweilige Religion bestimmt.

Die Fähigkeit, die eigene Religion gut reflektieren zu können, hängt meistens eng mit dem interreligiösen Lernen zusammen. Denn der Vergleich von Gemeinsamkeiten und Unterschieden verschiedener religiöser Auffassungen führt dazu, dass man die eigene Religion noch bewusster und reflektierter verstehen kann. Wenn wir davon ausgehen, dass jede Religion einen hybriden Charakter hat und viele Züge von früheren Religionen in sich weiterführt, dann ist es sehr nützlich, verschiedene Glaubensinhalte und Überzeugungen zu vergleichen.

Darüber hinaus kann das interreligiöse Lernen eine positive Wertschätzung der Pluralität der Religionen und infolgedessen eine respektvolle Haltung voreinander fördern. Die Beteiligten können dadurch eine Haltung entwickeln, in der sie anderen religiösen Traditionen und ihren Angehörigen auf Augenhöhe begegnen, woran es immer noch mangelt. Wenn man auf einem absoluten Wahrheitsanspruch beharrt, stellt dies ein großes Hindernis dar, wirklichen Respekt vor Andersgläubigen zu haben. Daher brauchen wir eine interreligiös-pluralistische Einstellung, die mit anderen Religionen oder Weltanschauungen dialogisch, solidarisch, offen und respektvoll umgeht.

Das Buch „Interreligiöses Lernen mit Koran und Bibel“ (BoD Verlag) von Rüdeger Baumann ist dafür ein sehr geeignetes und wissenschaftlich fundiertes Nachschlagewerk. Baumann erklärt schon im Vorwort des Buches sein Anliegen: „Dialog hat nicht zum Ziel, irgendeine Seite zu veranlassen, ihre Grundposition aufzugeben, sondern lediglich, beide Seiten dazu zu bringen, die Position anderer besser zu verstehen und gegebenenfalls damit eine klarere Sicht auf das Eigene zu gewinnen.“ Ein guter Ansatz zum interreligiösen Lernen.

Im ersten Teil seines Buches erklärt Baumann einige wesentlichen Perspektiven seiner Forschung wie historisch-kritische Auslegung und Rezeptionsgeschichte der heiligen Schriften sowie den Umgang mit Exegese und Ambiguität der Texte. Glaubenszeugnisse, theologische Positionen und Kontroversen werden dann vergleichend wiedergegeben, aber nicht aus Glaubenssicht bewertet. So werden in sechs Kapiteln mit den Überschriften „Heilige Schriften“, „Gott und die Schöpfung“, „Die letzten Dinge“, „Prophetengeschichten“, „Sagen und Legenden“ und „Einzelthemen“ die entsprechenden Inhalte von Koran und Bibel verglichen. Im letzten Kapitel werden interreligiös umstrittene Themen wie „Religiöse Ethik im Islam“, „Menschenrechte und Islam“ und „Vorherbestimmung und menschliche Freiheit“ aufgegriffen.

Wenn man mit heiligen Schriften so respektvoll und kontrovers umgeht, kann jeder die Auffassungen des anderen als Hintergrundwissen oder komplementäre Vervollständigung wahrnehmen. Erst auf diesem Wege wird deutlich, inwiefern ein Thema in der jeweiligen Schrift etwas anders dargestellt oder weggelassen wird. Viele Muslime behaupten beispielsweise, dass einige Weisheiten oder wissenschaftlichen Erkenntnisse zum ersten Mal im Koran vorkommen. Dabei lassen sie außer Acht, dass viele Erkenntnisse, die der Koran enthält, schon im Alten oder Neuen Testament erwähnt wurden. Dafür bietet der Autor viele Beispiele an, anhand derer sich die Thematik unten etwas veranschaulichen lässt.

So z.B. ist der Name der Hölle Dschahannam im Islam christlichen Ursprungs. Die in der Bibel vorkommenden Begriffe Scheol, Gehenna und Hades wurden mit Hölle übersetzt. Gehenna bedeutet „Schlucht von Hinnom“.

Während im jüdischen und christlichen Paradies von vier Flüssen wie Honig, Milch, Wein und Öl die Rede ist, werden im islamischen Paradies vier Bäche wie Wasser, Milch, Wein und Honig erwähnt. Horovitz zufolge wird hier Öl (Balsam) durch Wasser ersetzt, weil letzteres zum Mischen des Weins unentbehrlich ist.

Die Gleichsetzung des Satans mit der Schlange entstammt christlicher Vorstellungswelt in Offenbarung des Johannes 12, 9:

„Und es ward ausgeworfen der große Drache, die alte Schlange, die da heißt der Teufel und Satanas, der die ganze Welt verführet, und ward geworfen auf die Erde, und seine Engel wurden auch dahin geworfen.“

Über die Frage, wie Satan (wieder) ins Paradies gelangte, meinen einige muslimische Kommentatoren in Anlehnung an die Angaben der Bibel (1. Mose 3,1..7), dass Satan in die Schlange geschlüpft sei, und diese ihn so ins Paradies eingeschleust habe.

Die Prophetengeschichten werden bekanntlich in heiligen Büchern weit und breit erzählt. Besonders die Josefgeschichte gibt uns interessante Hinweise über den Verlauf und den Inhalt der Ereignisse. Baumann setzt sich mit der ganzen Geschichte hinsichtlich der koranischen und biblischen Version auseinander. Er erzählt die 12. Sure im Koran wie ihre biblische Vorlage die Geschichte von einem Traum, der in Erfüllung ging, weil Gott hinter allen Wegen und Irrwegen Josefs stand. In Einzelheiten weicht die Sure aber erheblich vom biblischen Vorbild ab. So durchschaut z.B. Jacob das böse Spiel seiner Söhne, das sie mit seinem Liebling Josef getrieben haben, von Anfang an (Vers 18). Auch die Episode von Potifars Weib weist interessante Eigenheiten auf. Während es in der biblischen Erzählung nicht zu einer öffentlichen Feststellung der Unschuld Josefs kam, wird diese in der Sure geradezu kriminalistisch ermittelt (Verse 26 und 29). Andererseits zeigt der Erzähler jedoch auch Verständnis für die Frau des Ägypters. Die Affäre mit Josef wird mit Josefs engelsgleicher Schönheit entschuldigt (Vers 31), von der die Freundinnen der Frau Potifars sich anlässlich einer Einladung mit eigenen Augen überzeugen konnten. Sie sind von der Schönheit Josefs so geblendet, dass sie sich beim Schälen von Orangen mit den scharfen Obstmessern die Finger blutig schneiden. Hieran zeigt sich eine neue, ungewöhnliche Sicht auf Potifars Frau. Sie wird nicht als Inkarnation des Bösen vorgestellt, sondern als ein Wesen mit menschlichen Schwächen.

Allerdings unterscheidet sich die Josef-Sure nicht nur in solchen narrativen Einzelzügen von der biblischen Vorlage. Die Differenzen zwischen beiden sind – bei allen Gemeinsamkeiten – grundlegender Natur. Da Gott Josef vorher jeden Schritt seines Handelns einschließlich des guten Ausgangs mitteilt, verlieren seine Leiden und Prüfungen im Koran an Schärfe. „Dem Frommen ist sein Lohn gewiss“ (Vers 22), lautet die Devise.

Im Vers 25 der 12. Sure wird die Begebenheit zwischen Potifars Frau und Josef so dargestellt: „Beide liefen zur Tür, und sie zerriss seinen Rock von hinten. Da trafen sie auf ihren Herrn. Sie sagte: „Welches ist der Lohn dessen, der gegen deine Familie Böses plante? Soll er ins Gefängnis geworfen werden oder schwer bestraft werden?“ In der biblischen Erzählung (Genesis 39, 12) „ließ er das Kleid in ihrer Hand“ und „sie legte es neben sich“. Dass sie seinen Rock zerreißt, geht vielleicht auf eine Verquickung mit der Geschichte von Amnon und Tamar (2. Samuel 13) zurück, wo ein ähnliches Motiv behandelt wird.

Bei der Episode zum Beweismittel für Josefs Unschuld unterscheidet sich die koranische Erzählung wieder von der biblischen, da zufolge letzterer der Ehemann sofort der falschen Anschuldigung Glauben schenkt und Josef ins Gefängnis wirft. Die in den Versen 26 bis 34 geschilderten Ereignisse, wo die Rechtfertigung von Potifars Frau und ihre Drohung geschildert wird, kommen in der biblischen Version nicht vor.

Was die Träume und deren Deutungen in der koranischen Erzählung betrifft, gibt es auch etliche Gemeinsamkeiten und Abweichungen.

Nicht nur bestimmte klassische Themen wie Glaubensinhalte und Prophetengeschichten, sondern auch die poetischen, linguistischen und wissenschaftlichen Aspekte werden in Baumanns Buch mit konkreten Beispielen erläutert. Was ich interessant fand, ist die Mehrdeutigkeit einiger Begriffe, die den neusten linguistischen Forschungen zufolge ganz andere Konnotationen haben als die nach der traditionell überlieferten Auslegung. So wird z.B. das Wort „Huri“ laut vieler islamischer Exegesen als „großäugige, vollbrüstige und gleichaltrige Jungfrauen“ beschrieben. Aber der Semitist Christoph Luxenberg ist anderer Meinung. Er führt das Wort „Huris“ auf einen aramäischen Wortstamm zurück und übersetzt es als „weiße Weintrauben“.

Für viele weitere ausgewählte Themen, die im Koran Erwähnung finden, werden Ursprünge und Spuren von jeweiligen Begriffen und Formulierungen in den anderen heiligen Schriften nachgewiesen sowie Parallelen oder Unterschiede anhand der reichlichen Beispiele dargestellt.

Zu jedem Kapitel werden noch vertiefende und anregende Anmerkungen hinzugefügt und Aufgaben gestellt, worüber sich der Leser weitere Gedanken machen kann.

Baumann zoomt immer wieder vom analytischen Weitwinkel aus mitten hinein in die entsprechenden Stellen der heiligen Schriften. Sein Buch ist ein Werk, das sehr unterschiedliche Perspektiven über Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den jeweils thematisierten biblischen und koranischen Erzählungen gibt, um den Hintergrund der Inhalte richtig zu begreifen. Dabei finde ich den verständlichen Stil sehr angenehm.

Mich hat sehr angesprochen, dass der Autor die komplizierten Inhalte der beiden Bücher sehr sachlich und beispielhaft aufzeigt. Dadurch vermittelt er eine positive Haltung zum interreligiösen Lernen.

Ein solches Lese- und Quellenbuch, in dem der Autor Texte zu zentralen Themen des Christentums und des Islams versammelt hat, würde ich als Pflichtlektüre für Religionslehrer*innen und für alle Interessierten, die in irgendeiner Weise mit interreligiöser Pädagogik zu tun haben, empfehlen.

Muhammet Mertek