Was kommt Österreichern oder Deutschen in den Sinn, wenn sie an die Belagerung Wiens (1683) durch die Osmanen denken? Höchstwahrscheinlich nicht viel Positives. Und trotzdem profitieren sie heute in gewisser Weise von ihr. Zum einen deshalb, weil diese Belagerung ihnen etwas hinterlassen hat, was sie sehr zu schätzen wissen und längst für selbstverständlich halten. Zum anderen, weil sie insgesamt eine kulturelle Annäherung bewirkt hat. Hier zwei Beispiele dafür:

Ohne die Belagerung Wiens hätten die Deutschen wohl erst sehr viel später Bekanntschaft mit ihrem Lieblingsgetränk geschlossen. Die Rede ist vom Kaffee. Bei ihrem Rückzug ließen die Osmanen säckeweise Kaffebohnen zurück. Und damit startete der Kaffee seinen Siegeszug durch Europa.

Dem italienischen Kapuzinermönch Marco d’Aviano (1680-1699), der gegen die Türken gekämpft hatte, war das Getränk zu stark. Deshalb versüßte er den türkischen Kaffee mit Honig und Sahne. Da das Getränk in dieser Version der Farbe der Kutte der Kapuzinermönche ähnelte, wurde es nach der italienischen Bezeichnung für die Kapuziner benannt: Cappuccino. Es fand zuerst in Wien selbst, dann über österreichische Soldaten auch in Italien Verbreitung.

Ein Zelt wie ein Traum

Die sächsische Landeshauptstadt Dresden bzw. ihr nobles Residenzschloss ist dafür bekannt, eine der bedeutendsten Sammlungen türkischer Kunst außerhalb der Türkei zu beherbergen: die Türckische Cammer, wie sie seit 1614 genannt wird. Die Exponate dieser Cammer stammen aus der Zeit zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert. Es handelt sich dabei größtenteils um gezielte Ankäufe oder Geschenke, ein Teil wurde auch erbeutet. An die 600 Gegenstände, unter anderem mit Gold und Edelsteinen bestückte Waffen, Kleidung und Rüstungen, wurden während der Belagerung Wiens zurückgelassen. Das wertvollste, prächtigste und größte Ausstellungsstück aber ist ein 20 Meter langes, 8 Meter breites und 6 Meter hohes osmanisches Dreimastzelt. Ein Meisterwerk aus Seide, Gold und Leder, ein Juwel der osmanischen Textilkunst.

Dieses kunstvoll verzierte Zelt kann ohne Zweifel zu den Glanzlichtern der türkischen Kultur gezählt werden. In ihm manifestieren sich unübersehbar die Liebe, Kunstfertigkeit und Leidenschaft der Osmanen.

Zelte haben bei den Türken eine lange Tradition, deren Anfänge in Mittelasien liegen. Im Osmanischen Reich wurden die Zeltkonstruktionen dann immer ausgefeilter und erreichten ihren Höhepunkt mit dem Staatszelt, in dem Sultane und Fürsten oder Befehlshaber residierten.

Von dieser Art prächtigem Dreimastzelt gibt es heute weltweit nur noch drei Exemplare. Eines im Topkapi Palast in Istanbul, eines im polnischen Krakau und eben dieses in Dresden. Aber nur hier in Dresden können die Besucher das aufgespannte Zelt betreten, durchschreiten und von innen bestaunen.

Es besteht aus mehreren ineinander greifenden Zelten mit drei Kuppeln, die auf insgesamt sieben Masten ruhen. Unter der einen Kuppel lag der Ruheraum des Herrschers, in dem er auch Gäste empfing, unter der zweiten das Hamam (Bad) und unter der dritten die Kämmerei.

Das Staatszelt war gleichsam das Herz des Heeresfeldlagers, in dessen Mitte es aufgerichtet wurde. Von hier aus wurde das Heer dirigiert. Es war aus roten Seidenfäden gewebt. Das Zelt, in dem Sultan Süleyman der Prächtige während der Belagerung von Wien residierte, wurde wie folgt beschrieben: „Es bestand aus mehreren hohen und prächtigen Zelten, die in den unterschiedlichsten Farben ausgestaltet waren. Auf dem Zeltboden waren neben vielen aufwändig gewebten Kelims, in ihrer Art und Weise bis dahin nicht gesehene, aus Seide gewebte Teppiche ausgelegt.“

Historische Zeugnisse wie diese Dreimastzelte sind ein sehr gutes Beispiel dafür, dass die Geschichte ein gemeinsames Erbe der Menschheit ist. Das in Dresden zu bestaunende Zelt ist ein Ausdruck der osmanischen Kunst; aufwendig restauriert und für die Nachwelt zugänglich gemacht wurde es aber in akribischer und vorbildlicher Restaurationsarbeit in Deutschland. Ein anderes der drei erhalten gebliebenen osmanischen Dreimastzelte verstaubt dagegen im Topkapi Palast. Das unterstreicht die Leistung der Restaurateure der Türckischen Cammer, gibt jedoch auch zu denken.

Das in Dresden ausgestellte Dreimastzelt dokumentiert zudem die lange Tradition der deutsch-türkischen Beziehungen. Es beweist, dass Kultur und Geschichte nicht einfach nach Geographien getrennt sind. Die Grenzen sind verschwommen, eigentlich existieren sie gar nicht.

Wenn man sich diese Tatsache gelegentlich in Erinnerung rufen würde, wäre viel gewonnen. Eine Betrachtung der Geschichte bzw. Kultur als gemeinsames Erbe der ganzen Menschheit würde dem Zusammenleben der Menschen, egal welcher Kultur oder Ethnie sie angehören, sehr zugute kommen.

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