In Deutschland leben rund fünf Millionen Muslime mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund. Fast jede islamische Prägung und Richtung ist hier vertreten. In der Mentalitätswelt vieler führender Personen diverser muslimischen Gruppen, besonders vieler türkischer Theologen findet sich derselbe Widerspruch: Einerseits wird ständig vom „islamischen Recht“ und seiner Geltung für fast alle Fragen gesprochen, wenn es den Staat oder die Gesellschaft betrifft. Andererseits werden Werte wie Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Freiheit nicht engagiert verteidigt; es wird nicht nur keine klare Haltung gegenüber denen eingenommen, die diese Werte missachten; diese Grundwerte werden noch nicht mal erwähnt! Manchmal wird eine akute Krankheit nicht behandelt, wenn sie zur Normalität wird. Daher fragt man sich unvermeidlich: Steht die muslimische Identität der demokratischen Mentalität im Wege? Warum etabliert sich unter den vielen Muslimen keine demokratische Lebens- und Denkweise ähnlich wie in den heutigen fortgeschrittenen westlichen Gesellschaften? Man kann die gleiche Frage auch generell in Bezug auf alle islamischen Länder stellen.

Die Tatsache, dass nichtmuslimischen Gesellschaften im Osten und in Ländern der südlichen Hemisphäre – in der Tat mit Ausnahme einiger weniger Länder der Welt außerhalb von Kontinentaleuropa – kein demokratisches Denken und Leben sowie kein demokratischer Staat gelungen ist, deutet zweifellos darauf hin, dass es hinter diesem Problem andere tiefgreifende Faktoren gibt, die von der Religion unabhängig sind. Da sich dieses Problem jedoch für Muslime über die Religion äußert, muss das Thema im Kontext der islamischen Religion diskutiert werden.

Das Hauptthema des Artikels ist weder der Vergleich von Islam und Demokratie noch eine gründliche Analyse historischer Prozesse. Mein Ziel ist es, einige der Gründe zu untersuchen und eine Diskussion zu eröffnen, warum sich demokratisches Denken in der muslimischen Identität und Mentalität nicht entwickeln konnte und kann.

Suche nach Ausweg und Strömungen im historischen Prozess

Gewiss ist, dass die Mentalitätsprobleme der Muslime im Kontext von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit historische Wurzeln haben. Das Buch „Die Geschichte der türkischen Demokratie“ des renommierten türkischen Historikers Kemal Karpat umreißt den Rahmen dieses Prozesses. Er befasst sich mit der Entwicklung von Demokratie und Laizismus in der Türkei und im Westen. Neben dem historischen Prozess der Beziehungen zwischen Religion und Staat untersucht er auch die Frage nach der Tauglichkeit des Islams für die Demokratie. Aber was er mit „Demokratie“ meint, besteht aus einem System, das auf dem Volk, einem Mehrparteiensystem und auch auf der Beziehung zur Religion basiert. Er gibt an, dass das Amt des Scheichs al-Islam im Osmanischen Reich gegründet wurde, um zu verhindern, dass der Staat sich in religiöse Angelegenheiten einmischt. Obwohl das Oberhaupt des Islams (Scheich al-Islam) von der Zeit Murats II. (1451) bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts unabhängig handelte, geriet es insbesondere ab dem 17. Jahrhundert unter den Einfluss des Staates.

Zudem wurde auch die sozioökonomische Schwäche des Staates durch die Begeisterung für den Krieg gegen Ende des 17. Jahrhunderts überlagert und kaschiert. Laut Karpat „schufen die Paschas, die den Staat beherrschten, eine neue Art statistischer Kultur, die vom Volk Abstand nahm und nach ihrer eigenen Staatsphilosophie Macht, Ruhm und brillante Worte betonte.“ Sie inszenierten sich selbst als das ultimative Ziel und stellten den Staat und die Gesellschaft in den Hintergrund. Dabei nutzten sie die Religion aus. Das Ziel des Säkularismus in Frankreich war es, das gemeinsame Regime des Königs, der Kirche und der Aristokratie, zu beenden. Denn die Religion war zu einem Instrument geworden, das dieses Regime legitimierte. Der König Ludwig XIV. von Frankreich bezeichnete man als „Sonnenkönig“. Eine ähnliche Instrumentalisierung ist für einige osmanische Sultane bezeichnend. So steht am Eingangstor des berühmten Topkapı-Palastes in Istanbul auf Arabisch geschrieben: „Sultan ist der Schatten Gottes auf Erden, der Schutz aller Unterdrückten!“ Ein bedeutender Punkt in der Beziehung zwischen Religion und Staat.

Darüber hinaus können die Bewegungen, entstanden gegen Ende des Osmanischen Reiches, zu den Gründen gezählt werden, warum sich bei Türken oder Muslimen kein demokratisches Bewusstsein entwickelt hat. Verschiedenen Quellen zufolge waren Reform- und Modernisierungsbemühungen bei den Osmanen hauptsächlich Unterfangen, die sich auf die Armee, Eroberung und Zurückeroberung der verlorenen Regionen konzentrierten. Nach der Reformbemühung von Selim III. in der Armee begann die „Modernisierungs“-Bewegung während der Regierungszeit von Mahmut II. und die Demokratisierungsbewegung mit dem Manifest der Neuen Ordnung (Tanzimat Fermani; 1839). Man wollte handeln, aber nun war es zu spät, gegen den immensen Fortschritt Europas anzukommen. Insbesondere die nationalistische Strömung, die mit der Französischen Revolution auftrat, sollte den Osmanen in den folgenden Jahren Kopfschmerzen bereiten. Infolge der nationalistischen Revolten erlangte Griechenland 1832 seine Unabhängigkeit. Auf dem Balkan folgte eine nationalistische Revolte auf die andere. Unter den osmanischen Türken ist der Nationalismus eine Denkrichtung, die als Reaktion auf diese Entwicklungen entstanden ist. Durchschnittlich eine Million Menschen auf dem Balkan, auf der Krim und im Kaukasus, die unter Verfolgung und Völkermord litten, nahmen in der Folge auch nationalistisches Denken an. Wenn die Volkszählung von 1927 13 Millionen Menschen in Anatolien umfasst, sind über eine Million davon Einwanderer. Solche historischen Fakten und Faktoren prägen auch die Bildung nationalistischen Gedankenguts.

Verwestlichung, Islamisierung (Islamismus) und Turkismus (Turanismus) waren meist die Heilsrezepte, die von den Intellektuellen und den führenden Persönlichkeiten befürwortet wurden, um den Zusammenbruch des osmanischen Reichs zu verhindern. Der wissenschaftliche Artikel mit dem Titel „Religion und Denkbewegungen wie Verwestlichung, Islamismus, Turkismus im Osmanischen Reich“ (K.Taş-B.Göksüçukur, 2019) behandelt das Thema ausführlich. Modernisierungsversuche im engeren Sinne wurden durch die Islamisierungsbewegung mit Abdülhamit II. ersetzt. Schon zur Zeit der zweiten konstitutionellen Monarchie (1908) ist der osmanische Staat kriegsmüde. Unter der Leitung der Partei für Einigkeit und Fortschritt (İttihat ve Terakki) tritt der Nationalismus/Turkismus-Bewegung in den Vordergrund. Während sich die Vertreter der Verwestlichungsbewegung vollständig dem Westen zuwenden und in der Modernisierung Erlösung suchen, suchen Islamisten Zuflucht in der „Ära der Glückseligkeit“ (Asr-ı Saadet) des Propheten Muhammad. Und die Nationalisten halten die Doktrin des „Nationalstaates“ hoch. In diesen Denkströmungen war der Hauptzweck nicht die Demokratie, sondern die Frage, wie man den Osmanischen Staat am Leben erhalten könnte. Man hatte also nicht das Ziel, nach der Wahrheit und dem Richtigen in Bezug auf das Andere (Mensch, Gesellschaft, Staat und Natur) zu suchen. Deswegen konnten sie nicht über den Versuch hinausgehen, die bestehende Struktur zu schützen. Denn der Osmanische Staat war nicht mehr in der Lage, die Realität außerhalb eigener Wirklichkeit zu erkennen; schon gar nicht so wie zu Zeiten der Erfindung der Buchdruckerei im 15. Jahrhundert. In den folgenden Jahrhunderten hat der osmanische Staat durch den Rausch der Macht die humanistischen, reformatorischen, aufklärerischen, zivilisatorischen, technologischen und wissenschaftlichen Errungenschaften in Europa einfach ignoriert. Er konnte das europäische Mittelalter durch Schwert und Kanone mit der Eroberung Konstantinopels zu Ende bringen, aber den Weg in die (moderne) Neuzeit nicht ebnen und sie später auch nicht verfolgen.

Die führenden Persönlichkeiten wie Ahmet Hilmi, Scheich al-Islam Musa Kazım, Said Halim Pascha, Seyyid Bey, Ahmed Naim, Mehmet Akif Ersoy, Elmalılı Hamdi Yazır, Ferit Kam, Mehmet Ali Ayni, İsmail Hakkı İzmirli, İsmail Ertugrul, Ahmet Hamdi Akseki, Scheich al-Islam Mustafa Sabri, Said Nursi, Semseddin Günaltay und Ziya Gökalp traten mit ihren Ideen zu „Islamisierung“ und „Nationalismus“ in der Umbruchzeit in den Vordergrund. Unter den damaligen Umständen führten sie aktive Debatten über Religion und Staat, Religion und Wissenschaft, Religion und Modernisierung. Viele Schriften von denen, die im Buch „Der Islamismus in der Türkei“ (2015) von Ismail Kara zusammengestellt werden, sind diesen Debatten gewidmet. Keiner dieser Denker jedoch hatte eine Vorstellung von einempluralistischen, partizipativen demokratischen Rechtsstaat, der auf einer Gewaltenteilung beruhte, wie sie sich nach 1950 in Westeuropa entwickelte. Obwohl es verständlich ist, da sie ja diese Zeit nicht erleben konnten, hätten sie aber wenigstens die intellektuellen Debatten, die zu sozialen und technologischen Veränderungen im Westen führten, in Bezug auf die türkische Gesellschaft und Staatsstruktur analysieren können; aber sie taten es nicht. Denn nach Ansicht derer, die die Erlösung in der Islamisierung sahen, war das Hauptelement, das die Gesellschaft stützte und ihr Legitimität verlieh, nur die islamische Religion. Leider sind diese reaktionären Richtungen, die sich damals aus Verzweiflung entwickelten und die Zugehörigkeit betonten, immer noch aktuell.

Der Westen hingegen hatte sich in sozialen, politischen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Bereichen mit einem langen Modernisierungsprozess wie Renaissance, Reformation, Humanismus, Industrierevolution, Aufklärung und Französischen Revolution exorbitant weiterentwickelt. Europa war weit überlegen gegenüber den Osmanen, die fast in jeder Hinsicht außerhalb der Wissens- und Umsetzungsdynamik ihres Zeitalters lagen. Es steht heute tatsächlich zu einer ernsthaften Debatte, ob die Bewegungen wie Verwestlichung, Islamisierung oder Nationalismus angesichts des gigantischen Chaos im Lande gegen die klare Überlegenheit Europas eine richtige, lösungsorientierte Grundlage darstellten. Ins Bewusstsein gerückt werden sollte ebenso, dass einige europäische Länder damals ihre militärische und technologische Überlegenheit rücksichtslos und grausam für die Ausbeutung einsetzten… Es gibt so viele Lehren, wenn man sie ziehen will…

Außerdem war der „heilige Staat“ im islamischen Kollektivgedächtnis ein Erbe der Umayyaden (661-750), die Religion und Staat als Zwillingsbrüder betrachteten. Die muslimischen Perser führten auch in diesem Kontext ihre Staatstradition mit islamischer Prägung weiter. Der Staat galt ebenso unter den Türken (historisch bedingt) gesegnet. Diese zunehmend verknöcherte statische Auffassung ebnete den Weg für „nationalstaatliche“ Formationen auf ethnischer Basis. Im 20. Jahrhundert waren Demokratieinitiativen in der Weimarer Republik (1919-1933) und in der Zeit des Osmanischen Reiches (Einigkeit und Fortschritt) (1909-1918) durch die sozioökonomischen Krisen auf den Nationalismus gestoßen. Mustafa Kemals Ziel war es, das Land auf den „Rang der zeitgenössischen Zivilisation“ zu bringen und einen zeitgenössischen, säkularen Staat mit kulturellen und öffentlichen Institutionen zu etablieren. Obwohl sein Blick nach Europa gerichtet war, konnte der Nationalismus als Mainstream in diesem neuen Nationalstaat fortbestehen. Im Schatten all dieser Entwicklungen können wir sagen, dass die authentischste und effektivste Bewegung von Mustafa Kemal ausgeführt wurde.

Der Begriff der „Demokratie“ ging jedoch nicht über die Bedeutung eines Mehrparteiensystems hinaus. Selbst Atatürk schaffte die von ihm gegründeten politischen Parteien (wie Freie Partei, Kommunistische Partei) ab. Das Mehrparteienleben konnte sich nicht als Fortsetzung des demokratischen Denkens und nicht unter politischer (und auch militärischer) Vormundschaft entwickeln. Es war nicht das Resultat eines natürlichen Prozesses, der die Folge persönlicher oder sozialer zivilisatorischer Entwicklung (Aufklärung) war. Keine Generation hat sich die Werte wie Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte im modernen Sinne in der Geschichte der Republik Türkei im staatlichen Bildungswesen aneignen und in eine praktische Erfahrung umsetzen können. Diese Themenbereiche konnten viele Jahre lang nicht in die schulischen Lehrbücher aufgenommen werden. Obwohl sie später dann doch Eingang in die Lehrpläne, fanden, wurde alles dann innerhalb der These des „Heiligen Staates“ erklärt. Darüber hinaus erfahren wir aus historischen Ereignissen, dass es nicht ausreicht, nur eine bloße Verfassung zu schaffen. Alle Gesellschaftsteile müssen auch die konstitutionellen Werte der Gesellschaft im Bildungssystem erlernen und sie verinnerlichen. Zum Beispiel konnte der brutale Nazifaschismus entstehen, obwohl die Weimarer Republik (1919-33) für ihre Zeit eine gute demokratische Verfassung hatte. Denn das demokratische Bewusstsein wurde in der Gesellschaft nicht entsprechend schnell ausgebildet.

Nach westlicher Erfahrung wächst das Demokratie-Verständnis durch das Engagement der Mittelschicht, die universelle Werte verinnerlichen kann. Aber nur, wenn die Mittelschicht in der Lage ist, Ideen zu den Qualitäten und Anforderungen der Demokratie zu entwickeln und dafür auch zu kämpfen. Prof. Karpat zufolge kann „die Demokratie dank derer geschehen, die den Kampf unternehmen, indem sie in geistiger und materieller Hinsicht in bestimmtem Maße davon profitieren und die Demokratie als eine Weltanschauung wahrnehmen sowie sich mit ihr intellektuell auseinandersetzen. Es ist die moderne Mittelschicht, die diesen Kampf führen wird.“ Im Prinzip stimmte es, aber es reichte allein nicht aus. Denn die Mittelschicht kann auch die Rolle einer undemokratischen politischen Autorität übernehmen, wenn sie demokratische Qualitäten und Werte nicht verinnerlicht oder wenn ihr Wohlstandsniveau abnimmt. Zumindest in Nazi-Deutschland und der Türkei war dies in der Praxis der Fall.

In diesem Zusammenhang ist auch der Titel von Francis Fukuyamas Artikel, der im politischen Kulturmagazin Cicero (2012) veröffentlicht wurde, interessant: „Rettet die Mittelschicht!“ Fukuyama beschreibt die Korrelation zwischen Mittelschicht und liberaler Demokratie anhand von Beispielen und hebt die Rolle der Mittelschicht bei der Entwicklung der liberalen Demokratie hervor: „Bis vor etwa 300 Jahren basierten fast alle einflussreichen Ideen, die unsere Gesellschaften prägten, auf Religion – mit Ausnahme des Konfuzianismus in China. Die erste große säkulare Ideologie mit globaler und nachhaltiger Wirkung war der Liberalismus, eine Doktrin, die mit dem Aufstieg einer kommerziellen und späteren industriellen Mittelschicht in Teilen Europas im 17. Jahrhundert verbunden war. (…) Liberalismus, so klassische Denker wie Locke, Montesquieu und Mill, setzt voraus, dass der Staat seine Legitimität daraus bezieht, dass er die Rechte seiner Bürger schützt und seine eigene Macht durch Gesetze beschränkt wird. (…) Die Angehörigen der Mittelschicht sind nicht per se Demokraten: Wie alle anderen sind auch sie Akteure mit eigenen Interessen, die ihren Status und Besitz verteidigen wollen. (…) Demokratien erfüllen nicht automatisch die Bedürfnisse und Erwartungen ihrer Mittelschichten, und wenn sie es nicht tun, können diese Mittelschichten ziemlich aufmüpfig werden.“ Daher spielen sowohl eine religiöse Aufklärung als auch ein gewisses Maß an Wohlstand der Mittelschicht eine wichtige Rolle bei der Schaffung eines demokratischen Bewusstseins.

Anscheinend ist die Problematik muslimischer Gemeinschaften mit den Begriffen wie Demokratie und Rechtsstaatlichkeit tief im historischen Prozess verwurzelt. Die Beziehung zwischen Religion und Herrschaft ist noch nicht abgeklärt. Der Islam ist immer noch sehr politisiert oder von politischen Ansprüchen geprägt. Auch die „religiösen Diskurse“, die sich im Schatten der Politik in der islamischen Geschichte entwickelten, werden noch nicht klar analysiert. Wenn das säkulare Denken aus der Perspektive der Religion verortet wird, wird meistens der Demokratie, die ja nicht göttlichen, sondern menschlichen Ursprungs ist, nichts anderes als ein strategischer Respekt zugeschrieben! Die islamische Auffassung, in der der Staat traditionell gesegnet (es geht hier nicht um die Loyalität, sondern um die gehorsame Haltung gegenüber dem Staat im religiösen Sinne) ist, stellt eventuell das größte Hindernis dar für die innerliche Akzeptanz von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit im modernen Sinne. Tatsächlich liegt die Grundlage dieses Problems in der Tatsache, dass die Normen und Werte des Islams nicht auf zeitgenössischen wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen, sondern auf feudalen staatlichen Traditionen und historisch kultureller Prägung, die Muslimen seit Jahrhunderten vererbt wurden. Ein weiterer Grund ist, dass sich diejenigen, die im Namen der Religion verschiedene Diskurse entwickeln, oder die „Bildmacher“ (image-maker), Meinungsführer und politische Entscheidungsträger nicht im Sinne eines Staatssystems, das auf Demokratie und Rechtsstaatlichkeit beruht, einen Konsens finden können. Im Gegenteil, sie beziehen sich ständig auf das Alte und die Tradition und verbinden das Staatsmodell in ihren Köpfen mit Religion, wodurch die Definition des säkularen Staates als Gegensatz zur Religion wahrgenommen wird.

Es ist bekannt, dass die Priorisierung von Gehorsam und Kollektivismus anstelle von Vernunft und Individuum eines der ernsthaften Probleme ist, die seit der Antike in verschiedenen Kulturkreisen zu ernsthaften Problemen geführt haben. Mit der europäischen Aufklärung und ihrem anschließenden Prozess wurde die Problematik im Westen bis zu einem gewissen Grad gemeistert. Man konnte jedoch unter Muslimen die traditionalistische, von der Religion geprägte Interpretation mit der strengen Mentalität, die sich als Widerstand gegen den Kolonialismus in der orientalischen Kultur verankert hat, noch nicht überwinden. Seit der Einführung des Mehrparteiensystems in der Türkei konnten weder die kulturellen Codes noch das staatliche Bildungssystem der ein durch Religion unbeeinflusstes demokratisches Bewusstsein verleihen. Die routinemäßige Akzeptanz der Idee, dass die „Sicherheit“ des Staates eine autoritäre Haltung erfordert, einerseits und die status quo, normative und auf Narrativen beruhende „nationalistische“ (und religiöse) Diskurse andererseits haben muslimische Kreise immer dominiert. Leider konnte unter diesen Umständen keine pluralistische, versöhnliche und demokratische Kultur auf der Grundlage einer Verfassung gebildet werden.

Im zweiten Teil werde ich auf die Hindernisse für demokratisches Denken bei Muslimen eingehen.

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