Abu Ali al-Husayn b. Abdillah b. Sînâ sagt über die Moral:

Wer sich um den Zustand seiner Seele kümmert und gerne wissen möchte, was die Tugenden sind und wie er sich mit diesen zur Reinigung seiner Seele ausrüsten kann; [außerdem] wer wissen möchte, was die Laster sind und wie er seine Seele schützen und reinigen kann. Wer anschließend das tugendhafte Leben wählt, erfüllt den Anspruch ein vollkommener Mensch zu sein und bereitet sich somit auf die diesseitige und jenseitige Glückseligkeit vor. Was diese Person nun tun sollte, ist die theoretische Denkkraft zu vervollkommnen durch das Studium der Bücher, die die Wissenschaften auflisten. Ebenfalls soll die Seele durch die Tugenden Mäßigung, Tapferkeit, Weisheit und Gerechtigkeit, die sich alle gegenseitig bedingen, ihre Handlungskraft stärken und die den Tugenden entgegengesetzten Laster vermeiden.

Mäßigung bezieht sich auf die Kraft der Lust; Tapferkeit auf die Kraft des Zorns und die Weisheit auf das Unterscheidungsvermögen. Gerechtigkeit jedoch besteht aus der Summe der Haupt- und Unterkategorien der jeweiligen Tugend, so sind die Tugenden eine Art von Gerechtigkeit oder eine Kombination derselben. Großzügigkeit und Genügsamkeit, die zu der unteren Kategorie gehören, beziehen sich auf die Lust. Tugenden wie Geduld, Sanftmut, Hochsinn, Mäßigung, Vergebung, Großmut und die Fähigkeit zur Bewahrung von Geheimnissen beziehen sich auf die Kraft des Zorns.

Weisheit, Rhetorik, Scharfsinn, richtige Auffassung, Achtsamkeit, Aufrichtigkeit, Loyalität, Barmherzigkeit, Schamhaftigkeit, Liebe, das Streben nach Idealen, Treue und Bescheidenheit [sind Tugenden, die sich auf das Unterscheidungsvermögen beziehen].

Mäßigung: Eine der Tugenden, die sich auf die Lust bezieht, ist die Mäßigung. Diese besteht darin, dass du die Gier gegenüber den sinnlichen Lüsten wie Essen, Trinken und sexuelles Verlangen durch Besonnenheit mäßigst und solche Begierden beherrschst.

Genügsamkeit: Du zügelst dadurch deine Lust, begehrst nicht mehr als du für deinen Lebensunterhalt und für deine körperlichen Bedürfnisse benötigst und zielst nicht auf den Besitz anderer ab.

Großzügigkeit: Sie bedeutet, dass du die Lust ankettest, indem du dich daran gewöhnst, aus freien Stücken auszugeben und zu teilen, wie es nur möglich ist, um die Bedürfnisse deiner Mitmenschen zu stillen.

Tapferkeit: Eine der Tugenden, die sich auf den Zorn bezieht, ist die Tapferkeit. Damit kann man die potenziellen Schmerzen ignorieren, die durch das Abwenden von Unannehmlichkeiten und bei der Verteidigung der Würde sowie anderer Werte entstehen können.

Geduld: Dem Leiden des Menschen mit Standhaftigkeit entgegentreten und die Kraft des Zorns kontrollieren; mit der Vernunft die Eigenliebe überwinden und in misslicher Lage nicht mit Übertreibung reagieren.

Sanftmut: Sich selbst zu beherrschen, indem man auf die schlechte Tat einer Person nicht übertrieben reagiert. Diese Reaktion kann man auch als Hochsinn, Vergebung, Selbstbeherrschung, Ertragen, Standhaftigkeit und Überwindung der Wut bezeichnen.

Großmut: Wenn dir wichtige Ereignisse widerfahren und dein Herz vor Aufregung pocht, wirst du nicht bestürzt oder erschrocken sein, sondern du tust das, was nötig ist.

Bewahrung von Geheimnissen: Das Sprachvermögens zu kontrollieren, das heißt Geheimnisse, die bei Offenlegung schädlich wären, zu bewahren.

Wissen: als wertvollste Tugend der Unterscheidungskraft, ist es das Begreifen der Dinge, die man mit dem Verstand ohne Fehler und Mängel erfassen kann. Wenn dies auf apodiktischen Erkenntnissen und echten Beweisen beruht, nennt man es Weisheit.

Rhetorik: Die Begriffe, die du in deinem Herzen hast auf eine schöne Art und Weise auszudrücken und die vorgestellten oder ersonnenen Begriffe dem Gegenüber begreiflich zu machen.

Intelligenz und starke Intuition: Dies ist eine Kraft, die die von den Sinnesorganen ermittelten Eindrücke schnell erfasst.

(Gutes) Urteilsvermögen: In einem Themengebiet, zu dem es keine definitive Meinung gibt, sorgfältig über die möglichen Ergebnisse nachzudenken und das Bestmögliche zu tun, um dich der Wahrheit anzunähern.

Achtsamkeit: Sich angesichts von Ereignissen möglichst von Schädlichem fernzuhalten und sich um Glück und Sicherheit zu bemühen.

Aufrichtigkeit: Übereinstimmung der Zunge mit der Wahrheit, die als ein Instrument zum Ausdruck von Gedanken und Gefühlen dient. Also, dass weder das Ausgesprochene dem Inneren noch das Innere dem Ausgesprochenen widerspricht. Ansonsten werden Ereignisse verfälscht dargestellt und die zutreffenden Urteile nichtig gemacht.

Loyalität: Die Beständigkeit im Unternommenen und die Einhaltung des Versprochenen.

Barmherzigkeit: Einer Person, der etwas Schlimmes widerfahren ist oder die Schmerzen erleidet, mit Feingefühl zu begegnen.

Schamhaftigkeit: Die Ablehnung der Hässlichkeit in der Seele nach Begehen einer Tat, die möglicherweise in weiteren Hässlichkeiten münden kann.

Streben nach Idealen: Man begnügt sich nicht nur mit dem Erreichen von hohen Zielen, womit man seinen Wert und seine Ehre steigert, sondern strebt nach dem Wertvolleren und Erstrebenswerteren, was sich dahinter befindet.

Treue: Die Aufrechterhaltung der Beziehungen zu Freunden und Bekannten sowie gemeinsamer Erinnerungen.

Bescheidenheit: Die Verhinderung eigener Arroganz durch das Bewusstsein, dass man von der Natur aus mit Schwäche und einer unvollständigen Natur ausgestattet ist.

Diese Tugenden und die Kräfte, womit sie zu tun haben, wurden hier kurz erwähnt. Woraus die seelischen Kräfte und die Moral bestehen, von denen die Tugenden und Laster stammen, ist ein anderes Thema. Ebenso werden für die Bestimmung der sogenannten Tugenden die Gelehrten zu Rate gezogen. Was der Mensch in dieser Hinsicht tun sollte, ist diese Tugenden anzueignen und die Laster, die ihre Gegenteile sind, zu vermeiden.

Immerhin stehen die meisten Tugenden im Verhältnis zu den Lastern [als zwei Extreme betrachtet] in der Mitte. Mit anderen Worten ist die Tugend die Mitte zwischen zwei Lastern, die Übermaß und Mangel genannt werden.

[Z.B:]
Mäßigung: Ein mittleres Verhalten zwischen übertriebener Lust, Zügellosigkeit o.ä. und Empfindungslosigkeit.

Großzügigkeit: Sie ist die Mitte zwischen Verschwendung und Geiz.

Gerechtigkeit: Sie ist ein Mittelweg zwischen Unterdrückung und Verfolgtsein.

Genügsamkeit: Sie ist die mittlere Haltung zwischen Habgier und der Geringschätzung des Ausreichenden.

Tapferkeit: Die Mitte zwischen Feigheit und Tollkühnheit.

Einige Laster, die das Gegenteil dieser Tugenden darstellen und vermieden werden sollen, sind folgende: Eifersucht, Groll, Rache als Gegenteil der Sanftmut, Obszönität, Schmähung, üble Nachrede, Schwatzerei, Lügen zu sagen, Rastlosigkeit als Gegenteil von Geduld, Beklommenheit und die Unfähigkeit Geheimnisse zu bewahren als Gegenteil von Großmut.

Die Unwissenheit als größtes Laster steht im Gegensatz zur größten Tugend, dem Wissen, in Bezug auf das Unterscheidungsvermögen.

Spracharmut im Gegensatz zur Rhetorik, Dummheit im Gegensatz zur Intelligenz und starker Intuition, Hilflosigkeit, Untreue, Verrat im Gegensatz zur Achtsamkeit, Hartherzigkeit, Unverschämtheit, Taktlosigkeit, Unverlässlichkeit, Gleichgültigkeit, unverdientes Selbstlob und Arroganz im Gegensatz zur Barmherzigkeit und Tyrannei im Gegensatz zur Gerechtigkeit.

Wie man Tugenden aneignen und sich vor Laster schützen kann, ist an der entsprechenden Stelle erklärt worden. Daher erübrigt es sich weiter darauf einzugehen. Das Grundprinzip bei der Thematik ist, dass du weißt, dass jeder Mensch von Geburt an über das Vermögen zu schönen und schlechten Taten verfügt. Moral, ob gut oder schlecht, wird angeeignet. Daher ist es möglich, dass eine Person, die bestimmte Tugenden und Laster nicht besitzt, diese durch ihren Willen später aneignen oder umwandeln kann.

Es ist auch möglich, dass man eine durch Gewöhnung erworbene Moral aufgibt. Die Gewöhnung macht es, dass eine Person, die bestimmten Tugenden und Laster angeeignet hat, eine gute Moral erwerben oder eine Bestehende verändern kann. Mit der Gewöhnung meine ich, dass man immer wieder in regelmäßigen Abständen etwas tut. Denn sowohl gute als auch schlechte Moral kann durch Wiederholung aneignet werden.

Also gehört es sich zu sagen, dass mit der Gewöhnung die gute Moral entsteht. Das kann man schaffen, indem man Menschen mit guter Moral als Vorbild nimmt. Ebenso erwerben Menschen eine schlechte Moral, wenn sie das Verhalten unmoralischer Menschen zur Gewohnheit machen. Das Gleiche gilt auch beim Erwerb handwerklicher Fertigkeiten.
Wenn eine Person z.B. bei einem guten Tischlermeister lernt, wird man ein guter Tischler und wenn man bei einem schlechten Tischlermeister lernt und ihn nachahmt, wird man ein schlechter Tischler.

Ein weiterer Beweis dafür, dass Moral durch Gewöhnung erlangt werden kann, sehen wir bei guten und erfolgreichen Politikern. Denn sie sorgen durch ihr vorbildliches Verhalten dafür, dass die Menschen in ihrem Land zu guten Bürgern werden.

Und die schlechten und repressiven Politiker veranlassen durch ihr schlechtes Verhalten, dass ihre Bürger zu schlechten Menschen werden. Die guten Verhaltensweisen sind die Moderaten. Denn wenn Handlungen [weit entfernt von Extremen] sich nach dem mittleren Weg richten, wird die gute Moral angeeignet. Obwohl man tut, was getan werden muss, um gute Moral zu erreichen, aber keinen Erfolg hat, sollte man weiterhin das Gleiche tun. Wenn man vor dem Erwerb einer guten Moral sich in Extremen bewegt, so hat man bereits eine Schlechte erworben. Wenn man sich weiterhin im Extrem befindet, auch nachdem man sich eine schöne Moral angeeignet hat, wird auch diese Schönheit verloren gehen. Diese Situation ist mit der Gesundheit des Körpers zu vergleichen. Wenn man gesund ist, muss man ihn beschützen; wenn nicht, sollte man sich bemühen diese wiederherzustellen. Das Mittel zur Erlangung von Gesundheit ist in der Medizin vorgeschrieben: die Ausgewogenheit beim Essen, Arbeiten, Ausruhen und sonstigen Tätigkeiten. Wenn man in diesen Handlungen den Mittelweg einschlägt, erlangt man die Gesundheit, auch wenn man nicht gesund ist; falls man allerdings gesund ist, sollte man versuchen, dies zu bewahren.

Ein ausgewogener Lebensstil, wodurch die Gesundheit erlangt oder bewahrt werden kann, wird nach den Zuständen des behandelten Körpers und der entsprechenden Zeit bestimmt. Zum Beispiel kann die Temperatur, die für Zayds Körper normal ist, im Vergleich zu Amrs Körper zu hoch sein. Darüber hinaus kann auch eine ausgeglichene Temperatur im Winter in der Sommer-Saison nicht ausgeglichen sein. Das mittlere Maß wird also entsprechend dem Ort und der Zeit bestimmt. Darüber hinaus hängt es davon ab, von wem die Handlung, zu welchem Zweck und wo verrichtet wurde. Wenn der Arzt einen Körper kontrolliert, welcher zu hohen Temperaturen neigt, dann behandelt er ihn durch ihre Reduzierung und umgekehrt durch Erhöhung der Temperatur, wenn sie zu niedrig ist. Genauso wenn wir eine Seele treffen, die zur Moral neigt, die auf der Seite des Übermaßes liegt, so geben wir ihr etwas von der Seite des Mangels zu.

Wenn die Seele den Mängeln zugeneigt ist, so müssen wir sie in Richtung Übermaß lenken, bis sie sich in der Mitte befindet. Die Methode in dieser Angelegenheit besteht darin, dass wir sie an Handlungen gewöhnen, die im entgegengesetzten Extrem liegen. Wir führen diesen Prozess so lange fort, bis wir die Verhaltensweisen in die gewünschte Richtung steuern. Wenn also unsere Seele dem Mangel oder dem Übermaß geneigt ist, dann müssen wir sie in die entgegengesetzte Richtung lenken, bis sie die Mitte trifft oder sich ihr annähert.

Wir sollten wissen, dass die Funktion der menschlichen Seele nicht nur auf das Verständnis der Begriffe beschränkt ist, sondern sie vollführt mit der Beteiligung des Körpers auch weitere Tätigkeiten. Das Glück wird dank dieser Tätigkeiten erreicht. Dies passiert, wenn diese Verhaltensweisen die Gerechtigkeit anstreben. Die Gerechtigkeit bedeutet, dass die Seele sich zwischen zwei gegensätzlichen moralischen Extremen befindet bezüglich dessen, was die Seele begehrt oder nicht begehrt, was sie wütend macht oder nicht wütend macht, womit sie im Leben zurechtkommt oder nicht.

Die Moral ist etwas, das die Vernunft beeinflusst und lenkt, und zwar in Bezug darauf, ob sie dem Körper unterworfen ist oder nicht. Denn die Beziehung zwischen Seele und Körper erfordert Einfluss und Wirkung. Während körperliche Kräfte bestimmte Bedürfnisse haben, bedarf die Seele dank der geistigen Kraft in vielerlei Hinsicht ganz anderer Dinge, die diesen entgegengesetzt sind. Manchmal dominiert und kontrolliert die Seele den Körper. Manchmal aber erliegt die Seele den Bedürfnissen des Körpers und wirkt in die Richtung, die er will. Wenn sich die Seele immer dem Körper unterwerfen sollte, entsteht eine Haltung der fortwährenden Gehorsamkeit gegenüber den Wünschen des Körpers. Die Überwindung der Hindernisse, die der Seele vorher nicht schwerfiel, fällt ihr zunehmend schwerer, so dass die sich ihrer eigenen Kontrolle entzieht.

Aber wenn die Seele ständig den Körper kontrollieren würde, dann entstünde darin ein erhabenes Gefühl, da die Kontrolle des Körpers, die vorher schwerfiel, ihr zunehmend leichter fällt. Der Zustand, worin die Seele den körperlichen Wünschen folgt, kommt in den extremen Handlungen zutage. Das erhabene Gefühl der Seele tritt in moderatem Verhalten fernab von Extremen auf. Die Glückseligkeit der Seele an sich liegt in der Vollkommenheit wissend und vernünftig zu sein. In Beziehung zum Körper liegt die Glückseligkeit der Seele in ihrer Dominanz. Unsere Pflicht ist es von daher diese Vollkommenheit anzustreben; dies geschieht durch die Herstellung der Beziehung zwischen abstrakten [himmlischen] Wesen und Ereignissen [in der Welt] zur Vorbereitung der Seele auf einen hohen Rang, bis sie sich vom Einfluss des Körpers löst.

Darum ist unsere Pflicht nach Lösungen zu suchen, so dass der starke Einfluss der körperlichen Wünsche und Begierden auf die Seele im Zaum gehalten wird. Dies wird erreicht, indem die Kräfte der Seele in ausgewogener Weise eingesetzt werden. Zum Beispiel: die Kraft der Lust wird durch das gemäßigte Leben und die Kraft des Zorns mit seinem tapferen Lebensstil ausgeglichen. Und wer die Erde verlässt, während er sich in so einem Zustand befindet, erlebt den unendlichen Genuss, worin er in der sich nie verändernden Vollkommenheit aufgeht; Er schaut die Eine Wahrheit [Gott] und die [höchsten Ränge] nach Ihm. Obwohl der Körper es nicht wahrnehmen kann, ist es die vernünftige Seele, die den wahrhaftigen Genuss erlebt, und all diese in sich vorstellt sowie ihre eigene Reife erkennt. Mit anderen Worten wird das menschliche Glück nur durch die Erziehung der praktischen Seite der Seele vervollständigt. Dies jedoch geschieht, indem man die Mitte der beiden entgegengesetzten Extremen findet.

Während animalische Kräfte einen Zustand verursachen, in der die Seele unterwürfig ist, führen geistigen Kräfte zur Dominanz der denkenden Seele. Wenn animalische Neigungen stärker werden und dadurch die Vernunft dominiert, befindet sie sich in der Unterwerfung und Passivität. In dem Fall wird die Beziehung der Seele zu den körperlichen Begierden gestärkt. Somit bindet der Körper die Seele an sich. Was das Vermögen anbelangt die Mitte zu finden, so ist damit die Befreiung der Seele von jeglichen Unterwerfungszuständen und die Aufrechterhaltung der vernünftigen Seele in ihrem natürlichen Zustand durch die Beherrschung der Begierden und die Lossagung von ihren Bindungen gemeint. Dieser Umstand widerspricht nicht dem Wesen der Seele und meint nur, dass die Seele den körperlichen Begierden gegenüber abgeneigt und nicht zugeneigt ist. Der Zustand der Scheidung der Seele vom Körper erinnert an den Zustand der Nähe der Beziehung zum Körper.

(Der Text wurde zum ersten Mal von islam-aktuell.de ins Deutsche übersetzt)

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