Kulliyya Emir Sultan in Bursa/TR

Ein besonderes Merkmal der osmanischen Architektur ist die auffällige Balance zwischen architektonischer Planung und Natur. Tatsächlich bildet die Übernahme von Details aus der Natur einen Leitgedanken, der auf der gesamten Skala osmanischer Architektur zu beobachten ist. In Peking z.B. wurden die Häuser in der gleichen Himmelsrichtung wie der Herrscherpalast errichtet. In osmanischen Städten dagegen wurde die Ausrichtung anderer von Menschenhand geschaffener Strukturen beim Häuserbau nicht berücksichtigt. Zahlreiche Beispiele demonstrieren, wie sich osmanische Architekten stets bemühten, in Harmonie mit der Natur zu wirken.

Ein weiteres Charakteristikum osmanischer Städte ist die Balance zwischen Gebäuden, die neu errichtet und denen, die im Laufe der Zeit renoviert wurden. Baute eine Generation eine Stadt auf, errichtete sie keine Gebäude, die ewig überdauerten; denn der Gedanke, das Leben zukünftiger Generationen zu beherrschen, lag ihr fern. Diesen Standpunkt mag zwar nicht jeder gutheißen, er impliziert jedoch Offenheit für Wandel und Entwicklung. Auf der anderen Seite wurden im Industriegebiet der Städte an den bekanntesten Orten öffentliche Gebäude wie die Kulliyyen (sing.: Kulliyya) und die Bedestene errichtet. Auffällig ist hier, dass diese Gebäude so errichtet wurden, dass sie mehrere Jahrhunderte von Bestand waren. Der Gedanke, der hinter diesem Phänomen steckt, ist, dass diese Gebäude göttlichen Schutz auf sich ziehen sollten. Der Islam war von Anfang an der dominierende Faktor in der Gestaltung der osmanischen Städte. Deshalb stellten die Moscheen die bedeutendsten Strukturen innerhalb dieser Städte dar. Die Moscheen besaßen schwer definierbare und doch ansprechende Eigenheiten, die die Wertschätzung von Muslimen und Nicht-Muslimen gleichermaßen auf sich zogen. Die Moscheen, die oft durch ihre Kuppeln auffielen, beherrschten das Panorama vieler Städte. Mit Entstehung und der nachfolgenden Entwicklung des osmanischen Architekturstils in Bursa, Türkei, wurde eine neue Tradition begründet (1400-1460). Sultan Orhan stiftete Gelder für eine Madrasa(eine religiöse Schule, an der auch positive Wissenschaften gelehrt wurden) und eine Reihe von Gebäuden zur öffentlichen Nutzung, die einer Moschee angegliedert waren. Moschee und Madrasamiteinander zu verbinden, war eine alte islamische Tradition. Innovationen wie die Errichtung von öffentlichen Gebäuden wie einem Krankenhaus, einer Bibliothek, einem psychiatrischen Zentrum, einem Öffentlichen Bad und einer Küchenanlage kamen jedoch häufiger vor, nachdem die Anzahl dieses Typs von Anlagen stieg. Denn die Moscheen waren Anlagen, die mehreren Zwecken gleichzeitig dienten, sie wurden für die Menschen zu einem Teil ihres täglichen Lebens. Dies ist einer der Gründe, warum die Kulliyyen zu einer Hauptstütze der osmanischen Kultur wurden.

Die Kulliyya: Ihre Bedeutung

Das Wort ‚Kulliyya’ stammt vom arabischen Wort ‚kulli’, das einen Komplex bezeichnet, der aus mindestens zwei Gebäuden mit unterschiedlichen sich einander ergänzenden Funktionseinheiten besteht. In der Enzyklopädie des Islam wird die Kulliyya folgendermaßen beschrieben: „In osmanischer Verwendung ein Gebäudekomplex, der um eine Moschee herum angelegt ist und unterschiedlichen Zwecken dient.” In der gleichen Quelle wird darauf hingewiesen, dass das Konzept der Kulliyya schon den frühesten Formen von Moscheen eigen war, in denen ein Gebäude den Gebets- und Lehrraum ebenso beherbergte wie ein Hotel. Die Eingliederung anderer Dienstleistungen, die über das Gebet und die Lehre hinaus gingen, folgte jedoch erst später.

Ein weiteres maßgebliches Merkmal, was die Kulliyyen von ähnlichen Gebäudekomplexen unterscheidet, hilft uns, dem Autor Aptullah Kuran zufolge, ihre Existenz zu erklären. Er schreibt, der Grund für die Errichtung von Kulliyyen läge darin, eine gute Tat für die ‚sawab‘ (die persönliche Belohnung von Gott) zu vollbringen oder sich Verdienste in Hinblick auf den Segen Gottes zu erwerben. Diejenigen, die die Errichtung einer Kulliyya in Auftrag gaben, zielten nicht darauf ab, mit ihr Geld zu verdienen. Im Gegenteil, sie selbst mussten für die Aufwendungen für das Gebäude genauso aufkommen wie für dessen Unterhaltung, anfallende Reparaturen und Verwaltungskosten.

Es gibt Beispiele für Kulliyyen, deren einzelne Einheiten nicht alle zur gleichen Zeit errichtet wurden. Manchmal kamen einige Teile der Kulliyyen erst später hinzu. Auch wurden nicht alle osmanischen Kulliyyen komplett neu erbaut. Einige z.B. wurden fertiggestellt, indem eine Kirche in eine Moschee umgewandelt wurde und im Anschluss einige Gebäude hinzugefügt wurden. Man sollte beachten, dass sich dieser Prozess teilweise sehr lange hinzog. Die tatsächliche Bauzeit entsprach der Angliederung angrenzender Strukturen. Es existieren Kulliyyen, die in zwei oder drei Phasen gebaut wurden. Die Suleyman Kulliyya in Damaskus ist ein Beispiel für einen solchen Gebäudekomplex. Während ihre Moschee und ihr Imarat(Hospiz) in den 1550er Jahren vollendet war, wurden ihre Madrasaund Arasta(überdachter Markt) erst zehn Jahre später konstruiert. Die Kulliyya Kucuk Ayasofya in Istanbul bietet uns ein weiteres Beispiel für eine Moschee dieser Art. Im sechsten Jahrhundert diente sie als Kirche, wurde dann aber von den Osmanen im 15. Jahrhundert in eine Moschee umgewandelt. Andere Strukturen wie eine Zaviyya(eine Derwischloge), ein Hammam(ein öffentliches Bad) und eine Grabstätte für den Patron der Kulliyya kamen erst später hinzu. Gerade dieses Beispiel ist auch deshalb wichtig, weil es zwei verschiedene Epochen und zwei unterschiedliche Architekturstile repräsentiert.

Aptullah Kuran führt 6 vorrangige Funktionen an, denen die verschiedenen Einheiten der Kulliyya dienten:

  1. Die religiöse Funktion: Cami (Moschee) und Turba(Grabstätte)
  2. ‚Tariqafunktion’ (Beherbergung von religiösen Orden): Hankah, Zaviyya oder Tekke (Derwischkloster)
  3. Bildungsfunktion: Maktab (Schule), Madrasa, Dar al-Hadithoder Dar al-Kurra (Akademien)
  4. Gesundheitsfunktion: Dar ash-Shifa(Hospital)
  5. Verpflegungs- und Herbergsfunktion: Ashane (Küche), Tabhane (Gästehaus), Karawanserei (Wirtshaus)
  6. Körperpflegefunktion: Hamam, Ghusulhane (Badhaus)

Der Tradition entsprechend stellte die Moschee die zentrale Einheit des größten Komplexes dar; sie war ein Ort des Gebets aber auch ein Treffpunkt. Die Madrasaoder die Akademie des religiösen Rechts war ein Platz, an der jeder eingeschriebene Student kostenlos leben konnte. Zusätzlich erhielten alle Studenten übrigens auch ein Stipendium. Da täglich viele Menschen in der Kulliyya gespeist wurden, spielte die Küche eine sehr wichtige Rolle. Im Gästehaus wurde Reisenden für bis zu drei Tagen kostenlose Unterkunft und Verpflegung angeboten. Vielleicht war hier auch ein Timarhane(Sanatorium) oder ein Hospital vorhanden. Im Maktab(der Schule), die meistens im kleinsten Gebäude untergebracht war, wurde der Koran studiert und auswendig gelernt. Aptullah Kuran fand heraus, dass selbst in den größten Kulliyyen oft einige Einrichtungen nicht vorhanden waren. Nicht alle der hier aufgeführten Funktionen konnten also überall gleichzeitig genutzt werden.

Die Kulliyya: Ihre Geschichte

Die erste osmanische Kulliyya wurde 1339 mit gestifteten Geldern des Sultans Orhan in Bursa errichtet. Als Gründer einer osmanischen Stadt in Bursa, ließ er eine Kulliyya bauen, die aus einer Moschee, einem Gästehaus, einem Öffentlichen Bad, einer Küche für Bedürftige, einer Akademie und einer Derwischloge bestand. In den folgenden Jahren gründeten Orhans Nachfolger Murad I, Yildirim Beyazid, Mehmet I. und Murad II. weitere Kulliyyen in Bursa und Edirne. Nach der Eroberung Istanbuls stellte Mehmet der Eroberer auch dort die zum Bau von zahlreichen Kulliyyen erforderlichen Gelder zur Verfügung.

Die Moschee Murads I. in Bursa (errichtet zwischen 1361 und 1389) ist die älteste noch existierende Moschee der frühosmanischen Zeit. Hier können wir erstmals einen Versuch beobachten, Moschee und Madrasaunter einem einzigen Dach zu vereinen. Allerdings scheint dieser Versuch der einzige geblieben zu sein, denn in der Geschichte osmanischer Architektur existiert kein weiteres Beispiel für einen derartiges Unterfangen.

Das erste Beispiel einer kompletten Kulliyya ist der Komplex, den Beyazid II. in Bursa entwarf. Er wurde zwischen 1398 und 1403 gebaut. Mit der Errichtung wurde noch zu Lebzeiten Beyazids begonnen. Auf Grund der Mongolenattacken, der Verhaftung und schließlich des Todes von Beyazid wurde die Arbeit erst nach seinem Tod beendet. Beyazids Sohn stellte die Kulliyya zwar fertig, ihre Größe in fertigem Zustand entsprach jedoch nicht mehr dem Plan des Vaters. Der Wakfiyya(dem Gesamtplan) der Kulliyya können wir entnehmen, dass die vorgesehene Originalstruktur neben der Moschee auch die Madrasa, das Mausoleum des Sultans, ein Hospital, eine Küche für Bedürftige, eine Derwischloge, öffentliche Bäder und eine Karawanserei umfassen sollte.

Die Yesil Moschee-Kulliyya in Bursa ist ein weiteres Beispiel für eine ausgedehnte Kulliyya. Mehmet II. gab ihren Bau in Auftrag. Die Arbeiten begannen 1403 und wurden erst nach seinem Tod 1424 beendet. Dieses Gebilde, das aus einer Moschee, einer Madrasa, einem öffentlichem Bad, einer Grabstätte und einem Hospiz besteht, ist eines der besten Beispiele einer auch heute noch gut erhalten Kulliyya. Vergleicht man diese Gebäude in Bursa, erkennt man, dass für sie ähnliche Standorte gewählt wurden: Terrassenförmige Hügel am Stadtrand, die die weite Ebene Bursas überschauen. Weder Achsen noch Parallelen verbinden die Strukturen der einzelnen Kulliyyen; verantwortlich für die Positionen der verschiedenen Gebäude ist vielmehr die Topographie der Region.

Während der Regierungszeit Celebi Mehmet II. wurde Edirne zur zweitgrößten Hauptstadt des Osmanischen Reiches. Auch jetzt baute man noch prächtige Bauten in Bursa, aber der Hauptfokus architektonischer Aktivitäten begann, sich in den europäischen Teil des Reichs zu verlagern, zuerst nach Edirne, später dann nach der Eroberung Istanbul 1453 in die neue Hauptstadt. Zwischen 1425 und 1451 ließ Murad II. eine Zaviyya-Moschee, ein öffentliches Bad, eine Grabstätte und eine großartige Madrasaerrichten, die Muradiyye Kulliyya genannt wird. Eine weitere Kulliyya desselben Namens steht in Edirne.

Nach 1453 erfuhren die osmanischen Kulliyyen ihre bedeutendste Transformation in Planung und Maßstab und nahmen in Istanbul ihre klassische Form an.

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