Mit dem Ableben des Propheten Muhammads und dem damit einhergehenden Verlust seiner Instanz verlor der Islam seine Selbstverständlichkeit.[1] Gerade die scheinbare Abgeschlossenheit der Religion ebnete unweigerlich einen Weg der Unabgeschlossenheit. Auf diesem Weg begann nunmehr die unaufhörliche Suche nach dem Wissen um das Rechte und Wahre in der islamischen Welt.

Bei dieser Suche wurde auf das Wissen fremder Kulturen zugegriffen, das sich in islamischen Disziplinen, z.B. im Recht (fiqh) oder in der systematischen Theologie (kalam), äußerte. Dabei spielte die Philosophie eine erhebliche Rolle. Die Philosophie begreift sich selbst im Kern als Suche, deshalb ist es nicht sonderlich verwunderlich, warum sie schon zu Anfängen des Islams auf dem Weg der Suche der Muslime nach dem Wissen, der Weisheit und Wahrheit präsent war. Trotz dessen wurde und wird sie noch heutzutage kritisch als Widerspruch zur „vollkommenen“ und „vollendeten“ Religion angesehen. Angesichts des religiösen Dogmatismus und der zunehmenden erlebten Ignoranz nahm Ibn Rushd sich in seinem Werk Fasl al-maqal zum Ziel, die Philosophie in der Rolle eines Rechtsgelehrten dezidiert zu verteidigen und aufzuzeigen, dass die Philosophie sich nicht mit der Religion widerspricht, sondern im Gegenteil ein Freund der Religion ist. In diesem Sinne versucht er Glauben und Wissen zu verbinden.

Dabei muss er jene Frage beantworten, ob „das Religionsgesetz das Studium der Philosophie und der Logik erlaubt, ob es dieses Studium untersagt oder ob das Religionsgesetz zur Beschäftigung damit aufruft, entweder es eine Empfehlung dazu ausspricht oder die Beschäftigung damit zur Verpflichtung macht.“[2]

Ibn Rushd zufolge verfügt die Philosophie durchweg über eine religiöse Dimension. Er definiert sie als das Nachdenken über die seienden Dinge, die wiederum kunstfertig erschaffen worden sind und notwendigerweise auf die Existenz und Erhabenheit eines Schöpfers und Künstlers hinweisen.[3] Je vollkommener die Erkenntnis der Dinge ist, desto vollkommener wird die Gotteserkenntnis. Der Religion des Islams dagegen ist ein philosophischer Kern inhärent. Sie prädestiniert sich als eine Verstandesreligion und philosophische Religion, da sie in erster Linie dazu animiert, den Verstand zu gebrauchen und über die seienden Dinge zur Gotteserkenntnis nachzudenken (siehe Koran, 59:2; 7:185; 3:191). Da die Wissenschaft und Philosophie die besten Mittel zur Untersuchung der Welt sind, ist es den Geboten im Koran zufolge für die intellektuell geeigneten Menschen verpflichtend, diese zu studieren. In diesem Sinne stellt er die philosophische Tätigkeit als edlen Gottesdienst und Gebot Gottes dar.

Möchte man jedoch die Wissenschaft oder Philosophie studieren, muss auf die Erkenntnisse der Vorgänger zugegriffen werden. Die Wissenschaft ist immer ein sozialer Prozess temporär fortschreitender Erkenntnisse. Ohne die Vorarbeit gewisser Menschen könne man alleine keine Wissenschaft betreiben. Bei der Suche nach Wahrheit spielt die Kultur und Religion keine Rolle, weil jeder an der Wahrheit teilhaben kann. Die Erkenntnisse können gerade für die Erreichung der Gotteserkenntnis nützlich sein.

Daher bezeichnet er die Philosophie als Gefährtin und Milchschwester der Religion.[4]  Beide teilen sich die „Milch“ der Erkenntnis: Die Philosophie und die Religion haben beide die Suche nach der Wahrheit und die Erkenntnis Gottes sowie der Dinge gemein. Damit kann nicht postuliert werden, dass Ibn Rushd die Lehre der doppelten Wahrheit vertrat, die hauptsächlich besagt, dass Religion und Philosophie widersprüchliche Erkenntnisse vertreten, jedoch beide gleichzeitig wahr sind. Diese Meinung vertritt er allerdings nicht, denn Religion und Philosophie unterscheiden sich lediglich in ihren Ausdrucksformen. Die Ausdrucksform der Religion ist symbolischer Art, wohingegen die der Philosophie wissenschaftlicher Art ist.[5] Der Zweck der Religion ist es, das wahre Wissen und gerechte Handeln zu lehren, um für das Heil aller Menschen zu sorgen.[6] Um dies bewerkstelligen zu können, muss sie die Verschiedenheit der menschlichen Naturen und Fähigkeiten berücksichtigen, die unterschiedliche Gründe zur Zustimmung einer Erkenntnis hervorbringen.

Es gibt beispielsweise eine Gruppe von Menschen, die zur breiten Masse gehören und etwas nur aufgrund von Überzeugungen hervorrufenden, emotionalen Predigten und bildhaften Darstellungen glauben, die ihre Imagination anregen.[7] Diese gehören zur breiten Masse. Andere sind theologisch ausgebildet, begnügen sich jedoch nur mit für sie ausreichenden Meinungen, worauf sie sich demokratisch geeinigt haben.[8] Ein Konsens allein bringt jedoch keine Wahrheit hervor. Die Philosophen stehen beiden Gruppen als kleine, elitäre Gruppe gegenüber und betreiben im Gegenzug eine strenge, methodische Wissenschaft. Diese sind allein aufgrund von apodiktischen, wissenschaftlichen Beweisen (burhan) überzeugt. Nach Ibn Rushd ist das Kennzeichen der Philosophie die Demonstration d.h. die apodiktische oder logische Beweisführung, bei der es um die Erreichung der höchsten Gewissheit und Sicherheit durch Syllogismen geht, worin zweifelsfrei wahre Prämissen eingesetzt werden.[9] Die daraus resultierenden Konklusionen dieser Syllogismen sind Beweise, deren Gültigkeit unumstritten sind. Die apodiktische Methode ist die vollkommenste und wahre Art des Nachdenkens über Gott und die Welt. Da die Offenbarung jedoch auch wahr ist, darf sie nicht den apodiktischen Schlüssen und Erkenntnissen widersprechen, denn „die Wahrheit widerspricht nicht der Wahrheit, sondern stimmt mit ihr überein und bezeugt sie.“[10]

Falls scheinbare Widersprüche bestehen, muss der Philosoph eine allegorische Interpretation (taʾwil) heranziehen, um den wirklichen, inneren Sinn zu erschließen.[11] Der Koran ist gerade kein philosophisches Buch, sondern wurde in einer für alle verständlichen und in Symbolen bekleideten, bildhaften Sprache herabgesandt (z.B. Aussagen über das Jenseits oder anthropomorphe Gottesdarstellung). Die Erkenntnis dieser „Bekleidung“ führt zur Erkenntnis der Notwendigkeit der „Entkleidung“. In der symbolischen Darstellung der Wahrheit ist nämlich die abstrakte Wahrheit enthalten. Ausgehend von den unterschiedlichen Zugängen zur Erkenntnis und zum Glauben wird diese symbolische Wahrheit entweder als hinlängliche Wahrheit angenommen oder die tiefere Wahrheit hinter der Symbolik gesucht. Die Mehrheit der Gläubigen muss sich mit der symbolischen Wahrheit bescheiden, da sie nicht die notwendigen Mittel hat, einen Zugang zu der tieferen und inneren Wahrheit zu haben. Die Verbreitung allegorischer Interpretationen ist demnach aufgrund des mangelnden Verständnisses nicht zulässig, da dies Gläubige verwirren könnte. Der innere Gehalt muss jedoch nicht von jedermann verstanden werden, da auch allein durch den Buchstabenglauben der Endzweck der Religion erreicht werden kann. Dagegen können die Philosophen aufgrund ihres Werkzeuges der apodiktischen Beweisführung, womit sie logisch zur Wahrheit gelangen können, diese Symbolik erkennen. Sie interpretieren die Stellen in der Offenbarung allegorisch, um die Einheit der religiösen und philosophisch-wissenschaftlichen Erkenntnisse zu gewährleisten.

Nicht unerwähnt bleiben darf, dass ein scheinbarer Konsens eine allegorische Interpretation nicht einschränken kann, da ein solcher nicht erfasst werden kann. Zunächst müssten bei einem Konsens alle lückenlosen Informationen über das Leben und der Lehren jedes einzelnen Gelehrten berücksichtigt werden, die einer noch einzugrenzenden Epoche zugeordnet werden müssen. Außerdem müsste es einen Konsens darüber geben, dass die Offenbarung lediglich einen einheitlichen Zugang erlaube, die Verse nicht einen inneren und äußeren Sinn zugleich haben könnten und das Wissen über kontroverse Themen nicht verheimlicht werden dürften, jedoch gab es einen derartigen Konsens nie. Denn Ibn Rushd stellt dar, dass die ersten Generationen der Muslime zwar die Notwendigkeit des äußeren und inneren Sinns der Offenbarung erkannten, aber bestimmte Meinungen über den inneren Sinn bewusst nicht preisgaben. Es gab in allen Epochen Gelehrte, die die Meinung vertraten, dass die überwiegende Mehrheit der Menschen von dem inneren Sinn nicht Bescheid wissen dürfe, weil sie diesen nicht verstehen können. Außerdem kann es deshalb keinen Konsens bezüglich der allegorischen Interpretation geben, weil nur ein kleiner Teil der Gelehrten, die Philosophen, über den Zugang zum inneren Gehalt der Offenbarung und die Befähigung zur allegorischen Auslegung verfügen. Aufgrund dieser höheren Fähigkeit unterscheiden sie sich in ihren Meinungen von der Mehrheit der Menschen. Da es also keinen Konsens in theoretischen Fragen geben kann, stellt eine Abweichung vom Dogmatismus keinen Unglauben dar.

Es gibt nach Ibn Rushd lediglich eine Einschränkung für die allegorische Interpretation: Allegorische Interpretationen, die zu einem Widerspruch führen und die Grundsätze des Glaubens wie den Glauben an Gott, der Prophetenschaft und das Jenseits betreffen, sind ausdrücklich untersagt, da sie die Daseinsberechtigung und Eigentümlichkeit der Religion zerstören.[12]

Die Religion kann also als Artikulationsform der Philosophie und äußerliche Philosophie angesehen werden[13], die die gleiche Wahrheit symbolisch und gleichnishaft darstellt. Der Glaube der Masse an die symbolische Wahrheit und die Verheimlichung der inneren Überzeugung sind kein Makel, sondern für deren Überzeugung aufgrund ihrer Anlage notwendig und vollkommen. Dieser Glaube könnte mit Platons Konzept der noblen Lüge verglichen werden, da dieser Buchstabenglaube im Vergleich zur philosophischen Sichtweise nicht notwendig wahr ist. Diese noble Lüge täuscht nicht die Menschen, sondern führt im Gegenteil dazu, dass die Menschen einen Zugang zur Wahrheit und Erkenntnis Gottes haben[14] und daraus resultierend tugendhaft handeln.[15] Die Offenbarung enthält selbst keine Lüge, sondern sie beinhaltet die durch Allegorien und Symbolen bekleidete Wahrheit, deren abstrakte und reine Form lediglich die Philosophen durch ihre inkommensurable Herangehensweise eruieren. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Philosophie der Religion überlegen ist oder dass die Religion sich unterordnen muss. Die Religion beinhaltet alle Zugänge zur Erkenntnis und spricht alle Menschen an, um für das diesseitige und jenseitige Glück zu sorgen. Die Philosophie dagegen spricht nur einen kleinen Teil der Menschen an, die über einen rationalen Zugang verfügen. In diesem Sinne ist die Religion der Philosophie sogar überlegener, weil sie durch ihre Ausdrucksform die Wahrheit für alle Menschen, selbst für die Philosophen, schmackhaft macht. Was jedoch nachdrücklich betont werden kann, ist, dass der philosophische Zugang den anderen Zugängen deutlich überlegen ist und zu der höheren Wahrheit und Weisheit bringen kann. Damit gehen die Überlegenheit und Autonomie der Vernunft einher, die dem blinden Buchstabenglauben und dem Befolgen der Mehrheitsmeinungen gegenübersteht und bestimmt, was wahr und falsch ist. Die Vernunft und Offenbarung komplettieren sich gegenseitig.

Unabhängig von der Richtigkeit oder Falschheit der allegorischen Interpretationen ermöglicht diese Sichtweise eine Dedogmatisierung und einen Pluralismus, um Meinungen außerhalb des Dogmatismus, welcher im Konsens repräsentiert wird, zu akzeptieren und sie sogar als elementaren Bestandteil und Intention der Religion zu betrachten. So können beispielsweise basierend auf wissenschaftliche und rationale Erkenntnisse Stellen bezüglich der z. B. Erschaffung des Menschen oder der Wunder o. ä. allegorisch interpretiert werden, um sie mit den modernen Ansichten und dem Weltbild vereinbar zu machen. Aufgrund der unterschiedlichen menschlichen Natur wird es stets Menschen geben, die ein wissenschaftliches und rationales Weltbild haben. Ihnen diesen Zugang zu verwehren oder sie aus der Religion auszuschließen, weil sie der Dogmatik widersprechen, widerstrebt der Erkenntnis, dass es immer unterschiedliche Zugänge zur Offenbarung gab und geben wird. Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die ein vereinfachtes Glaubensverständnis haben und ebenso nicht verurteilt werden dürfen. Die Religion fordert dazu auf, sich der Wahrheit hinzugeben, diese nicht für sich selbst zu beanspruchen und andere Menschen nicht mit Hass und Streit zu begegnen. Ibn Rushds Ansicht über das Verbot des Verbreitens philosophischer Erkenntnisse ist gerade damit verbunden, diese unterschiedlichen Zugänge zuzulassen und andere Menschen nicht zwanghaft von etwas zu überzeugen, was zu ihrer Verwirrung führen könnte. Es wäre daher wünschenswert, dass die Menschen die einzelnen Meinungen und Unterschiede in ihrer Verflochtenheit und Verwandtschaft als natürlichen Lauf der Dinge akzeptieren.

Die Hingabe, die den Islam elementar auszeichnet, ist mit Demut verbunden und führt zum Wissen über das Nichtwissen über die absolute Wahrheit. Obzwar Ibn Rushd von der apodiktischen Beweisführung und der Erkenntnis der Wahrheit überzeugt ist, ist ihm auch bewusst, dass die Menschen sich bei ihrer Suche nach Wahrheit irren können. Das Entdecken von Wissen und die Suche nach Wahrheit befindet sich immer im Prozess und „wird nie ihre Perfektion erreichen“.[16] Das Verirren auf dem Weg zur Wahrheit bringt uns jedoch gerade zu einer Wahrheit: „Gott weiß es am besten!“

 

Fußnoten

[1] Vgl. Karimi, Milad: Licht über Licht: Dekonstruktion des religiösen Denkens im Islam. Freiburg i. Br. 2021, S. 45.
[2] Griffel, Frank (Übers.): Muḥammad ibn Aḥmad ibn Rushd: Maßgebliche Abhandlung Faṣl al-Maqāl, S S. 9.
[3] Ebd., S. 9.
[4] Vgl. ebd., S. 50.
[5] Karimi, Milad: Licht über Licht, S. 132 ff.
[6] Vgl. Griffel, Frank (Übers.): Muḥammad ibn Aḥmad ibn Rushd: Maßgebliche Abhandlung Faṣl al-Maqāl, S. 38.
[7] Vgl. Taylor, Richard C.: Averroes: Religious Dialectic and Aristotelian Philosophical Thought,“ in: The Cambridge Companion to Arabic Philosophy. Cambridge 2005, S. 185.
[8] Vgl. Griffel, Frank (Übers.): Muḥammad ibn Aḥmad ibn Rushd: Maßgebliche Abhandlung Faṣl al-Maqāl, S. 163.
[9] Vgl. ebd., S. 163.
[10] Vgl. ebd., S. 18.
[11] Vgl. ebd., S. 19.
[12] Vgl. ebd, S. 31.
[13] Vgl. Karimi, Ahmad Milad: Licht über Licht, S. 133.
[14] Vgl. Bonin, Thérèse: A Muslim Perspective on Philosophy & Religion, S.21.
[15] Vgl. Taylor, Richard C., “Averroes God and the Noble Lie”, in: Laudemus viros gloriosos: Essays in Honor of Armand Maurer, CSB, Notre Dame 2007, S. 51.
[16] Karimi, Ahmad Milad: Licht über Licht, S. 251.

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