Das Wort Aschure ist von dem arabischen Wort aschara abgeleitet (was zehn bedeutet). Damit ist der 10. Tag des ersten Monats des islamischen Kalenders – Muharrem – gemeint. Aschure wird heute eine Speise genannt, die auf folgender Legende beruht: Als Noahs Arche nach der großen Sintflut anlandete, hatten die Überlebenden das Bedürfnis, ein Fest zu feiern. Die Vorräte waren zwar erschöpft, trotzdem suchte man die Arche nach jedem Bissen Nahrung ab, den man finden konnte. Dann mischte man alles zusammen, und tatsächlich gelang es, eine sehr wohlschmeckende Speise anzurichten. Entsprechend prächtig entwickelte sich das Fest, das Aschure-Fest. Einer weiteren Überlieferung zufolge soll der Prophet Moses am Aschure-Tag das Rote Meer mit Hilfe Gottes geteilt und durchquert haben. Auch für Aleviten ist die Aschure von großer Bedeutung. Nach einem zwölftägigen Fasten (im Andenken an die Tradition der zwölf Imame) feiern sie am 10. Muharremtag, dem Tag des Märtyriums von Imam Huseyin, das Aschure-Fest.

Als Andenken an diese und weitere wichtige historische Ereignisse wird heute Aschure gekocht und Nachbarn, Verwandten, Freunden und Bekannten aufgetischt.

Die wichtigste Eigentümlichkeit der Aschure liegt darin, dass Nahrungsmittel, die nichts miteinander zu tun haben, zusammengemischt werden: Weiße Bohnen, Kichererbsen, Weizen, Korinthen, Aprikosen, Feigen, Haselnüsse, Walnüsse, Pinienkerne, Rosinen, Reis, Milch und Zucker, (nach Wunsch: Orangenschalen, Esskastanien, Rosenwasser, Apfelstücke usw.). Garniert wird das Ganze dann noch mit Granatapfelstückchen. All diese Zutaten werden miteinander kombiniert und vereinigen sich zu einem außerordentlichen Wohlgeschmack – dem drittbesten der Welt, wie behauptet wird. Das Besondere dabei ist, dass sich jede Zutat der Aschure ihren eigenen Geschmack bewahrt, dass dieser aber nicht übermächtig wird und andere Geschmackskomponenten überlagert. Man schmeckt also jedes einzelne Aroma heraus, und doch entsteht ein neuer, ganz eigentümlicher Geschmack, der Aschure-Geschmack.

Am wichtigsten ist die Zubereitung: Die Zutaten werden unterschiedlich lange gekocht, zunächst getrennt voneinander. Einige Zutaten werden eingelegt, andere werden so hinzugefügt, wie sie sind. Wird die Aschure nicht von einem erfahrenen Koch zubereitet, droht sich ihr charakteristischer Geschmack zu verflüchtigen, und Bohnen und Kichererbsen bleiben auf der Zunge kleben. Die Aschure ist dann keine Aschure mehr.

Unsere Welt durchlebt zurzeit eine schwierige Phase. Wir sind mit Problemen konfrontiert, die ebenso groß sind wie die Wellen, die die Arche des Propheten Noah vor sich her trugen. Terror, Korruption, die ungerechte Verteilung von Reichtum, Unwissenheit, Bequemlichkeit und die allgegenwärtigen Bildungsprobleme drohen uns zu Grunde zu richten.

Ein Heilmittel für unsere gegenwärtigen Probleme dürfte die aufrichtige Akzeptanz unserer Vielfalt in der Einheit sein – jener Vielfalt, die sich Europa zum Prinzip erkoren hat. Wir tun gut daran, unser Menschsein zu preisen, indem wir sind, was wir sind. Dabei sollte jeder seine Identität bewahren dürfen, niemand sollte sich über andere stellen, und wir sollten lernen zu teilen. In dem Maße, in dem jeder Einzelne seinen Vers zur Verwirklichung dieser Ideale beiträgt, werden wir auch auf den Geschmack des friedlichen und humanen Zusammenlebens kommen.

In diesem Sinne will die Aschure ein gutes Beispiel sein.

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