Der islamische Kalender basiert auf Mondmonaten. Infolgedessen besteht ein Monat nach diesem Kalender aus 29 oder 30 Tagen. Ein islamisches Jahr hat 12 Monate, und damit 354 oder 355 Tage, während das gregorianische Kalenderjahr 365 oder 366 Tage hat. Es ist also im Durchschnitt um 11 Tage kürzer und verschiebt sich gegenüber dem gregorianischen Kalender jährlich um diese Zeitspanne nach vorn. Das hat zur Folge, dass die Mondmonate im Laufe der Zeit alle Jahreszeiten durchlaufen.

Ein neuer Monat des islamischen Jahres beginnt dann, wenn ungefähr einen Tag nach Neumond erstmals die schmale neue Mondsichel am Himmel sichtbar wird. Die präzise Bestimmung dieses Beginns ist für die islamische Welt von außerordentlich großem Interesse. Denn sie gibt Auskunft über die wichtigsten religiösen Festtage und den ersten und letzten Tag des Fastenmonats Ramadan.

Der Mond

Für eine vollständige Umkreisung der Erde braucht der Mond ungefähr 27 Tage und 8 Stunden. Diese Zeitspanne, nach der der Mond (für einen Beobachter auf der Erde) wieder die gleiche Position relativ zu einem Fixstern am Himmel einnimmt, nennt man auch siderischer Monat. Weil die Erde um die Sonne wandert, ist der siderische Monat kürzer als der synodische Monat. Als solchen bezeichnet man den kompletten Mondumlauf von Neumond zu Neumond, also die Zeit, bis der Mond für einen Beobachter auf der Erde wieder die gleiche Position relativ zur Sonne einnimmt. Der synodische Monat dauert 29,5 Tage. Wenn wir ganz genau rechnen, kommen wir für den Zeitraum zwischen zwei Neumonden auf 29 Tage, 12 Stunden, 44 Minuten und 3 Sekunden.

Genau die gleiche Zeit wie für die Umkreisung der Erde benötigt der Mond, um sich um seine eigene Achse zu drehen. Deshalb ist uns, von einem bestimmten Punkt auf der Erdoberfläche betrachtet, immer dieselbe Seite des Mondes zugewandt. Der Mond umkreist zusammen mit der Erde die Sonne. Dabei wird der Mond von der Sonne je nach Position unterschiedlich beleuchtet. Bei Neumond liegt der Mond zwischen Erde und Sonne und wendet uns seine dunkle Seite zu. Als Vollmond wiederum erscheint er, wenn er in vollem Umfang im Licht der Sonne erstrahlt. In der Zeit zwischen Neumond und Vollmond wird der Mond zunehmend mehr beleuchtet, und die Mondsichel wächst. Nach Vollmond schrumpft der sichtbare Teil wieder zu einer Sichel zusammen. Diese wird allmählich dünner, bis sie schließlich bei Neumond wieder ganz verschwunden ist.

Im Verlaufe eines Erdentages verändert sich die Position des Mondes nur kaum. Die Rotation der Erde um die eigene Achse hingegen verändert unsere Position deutlich. Also mag man sich fragen, warum wir den Mond die ganze Nacht hindurch in nahezu unveränderter Form sehen. Die Entfernung des Mondes zur Erde ist um ein Vielfaches größer als der Durchmesser der Erde. Während der Mond der Erde nie näher kommt als bis auf 350.000 Kilometer, beträgt der Durchmesser der Erde lediglich 13.000 Kilometer. Aufgrund dieses riesigen Unterschieds sehen wir den Mond überall auf der Welt in fast der gleichen Form – aber genau dieses ‚fast’ bereitet uns große Probleme bei der Bestimmung der Daten des Mondkalenders. Auf der anderen Seite entscheidet der Breitengrad, auf dem wir uns auf der Erde gerade befinden, darüber, wo wir den Mond am Himmel sehen. Das heißt, dass ein Betrachter auf der nördlichen Halbkugel den Mond tiefer am Himmel stehen sieht, als jemand, der ihn von der südlichen Halbkugel aus betrachtet. Denn die Erde ist rund, und unser Horizont verändert sich, je nachdem ob wir uns nach Norden oder Süden bewegen.

Der islamische Mondkalender

Schon die frühesten Kalender in der Geschichte der Menschheit basierten auf den Phasen des Mondes. Diese Form der Berechnung wurde von den Südeuropäern ebenso genutzt wie von jüdischen, chinesischen, muslimischen und afrikanischen Zivilisationen. Einige jener Zivilisationen verwenden noch heute Kalender, die zum Teil auf den Mondphasen beruhen. Aber der islamische Kalender ist der einzige reine Mondkalender, der noch in der Gegenwart häufig verwendet wird. Im Koran finden sich zahlreiche Hinweise auf den Mond als ein Instrument zur Zeitmessung. (Siehe: 55:5, 10:5, 2:189)

Der islamische Kalender wurde 632 vom Propheten Muhammad eingeführt. Allerdings wurde erst im vierten Jahr des Kalifats von Umar abschließend darüber diskutiert, wann genau die islamische Zeitrechnung beginnen sollte. Damals definierte man das Jahr 639 als das islamische Jahr Eins. Wann im islamischen Jahr ein neuer Monat anbrechen soll, wurde auf der Grundlage des folgenden Hadithes festgelegt:

Der Prophet sagte: Faste, wenn du den Mond siehst, und breche dein Fasten, wenn du den nächsten Mond siehst. Wenn du ihn jedoch nicht sehen kannst, dann vollende den 30. Tag [des Fastens].“

Also ist der Tag nach der Nacht, in der die Sichel des Neumonds zum ersten Mal gesichtet wird, dem islamischen Mondkalender entsprechend der erste Tag eines Monats.

Da die Monate des islamischen Kalenders wie erwähnt entweder 29 oder 30 Tage haben, haben sich die muslimischen Gelehrten darauf verständigt, einem laufenden Monat immer dann 30 Tage zuzusprechen, wenn es irgendeinen Zweifel gibt; wenn die Sichel des Neumonds z.B. von Wolken verdeckt ist oder er aufgrund von widrigen Wetterverhältnissen nicht gesichtet werden kann.

Die Kontroverse

Trotz oder gerade wegen dieser Definitionen herrscht, was die Bestimmung des ersten Tages eines neuen Monats im islamischen Mondkalender betrifft, keine einmütige Übereinstimmung. Grob gesagt, gibt es zwei Streitpunkte: regionale kontra überregionale Sichtung und Sichtung mit bloßen Auge kontra astronomische Daten.

Regionale kontra überregionale Sichtung

Da die Zyklen von Mond und Sonne nicht völlig synchron verlaufen, kann es vorkommen, dass der Neumond nicht überall auf der Welt in der gleichen Nacht gesichtet wird. Oben wurde ja bereits erwähnt, dass der Mond überall in fast der gleichen Form erscheint, aber eben nicht in genau der gleichen. In ein und derselben Nacht erscheint in Spanien der Neumond am Himmel, während er in Japan vielleicht noch nicht zu sehen ist. Das Einzige, was wir in diesem Punkt mit Sicherheit sagen können, ist, dass wenn der Neumond von einer beliebigen Stadt aus zu sehen ist, er dann in einer wolkenklaren Nacht an jedem Punkt westlich dieser Stadt ebenfalls zu sehen ist. Denn die Erde dreht sich von West nach Ost um die eigene Achse.

Wenn die neue Mondsichel also an unterschiedlichen Orten in unterschiedlichen Nächten gesichtet wird, dann muss entschieden werden, welche Sichtung als Basis für die Berechnung des Kalenders genommen werden soll. Dazu gibt es zwei konträre Standpunkte: Zum einen die Meinung, dass alle Muslime in der Welt einen neuen Monat beginnen sollten, sobald die neue Mondsichel in irgendeinem muslimischen Land gesichtet wurde; und zum anderen, dass der neue Monat überall erst dann beginnt, wenn die neue Mondsichel auch tatsächlich vor Ort gesichtet wurde.

Gelehrte, die die überregionale Sichtung befürworten, leiten ihren Standpunkt aus anderen islamischen Praktiken ab. Sie argumentieren, alle Muslime sollten am gleichen Tag mit dem Fasten oder dem anschließenden Fest beginnen, da diese und ähnliche Praktiken im Islam den Stellenwert der Einheit der Muslime betonen. Deshalb sollten solche Tage ihrer Meinung von allen Muslimen gemeinsam begangen werden. Werde die Sichel des Neumonds Anfang des Ramadans beispielsweise in Saudi-Arabien erstmals gesichtet, sollten alle Muslime mit dem Fasten beginnen. Dieser Meinung schließt sich der Großteil der Anhänger der hanbalitischen Rechtsschule an.

Andere islamische Gelehrte hingegen sind der Auffassung, der Beginn des Monats könne sich sehr wohl von Ort zu Ort verschieben, je nachdem ob die Mondsichel dort schon gesichtet wurde oder nicht. Sie leiten ihren Standpunkt aus dem islamischen Prinzip der Einfachheit ab. Demzufolge sollten alle Menschen überall auf der Welt in die Lage versetzt werden, die Praktiken des Islams selbstständig und ohne Vorgaben von außen verrichten zu können. Jeder Muslim solle mit anderen Worten selbst und durch die eigene Beobachtung des Mondes entscheiden können, wann etwa der Ramadan beginnt. Ein Muslim in Brasilien dürfe nicht auf die Informationen der Sichtung in Mekka angewiesen sein; dies widerspreche der Einfachheit der islamischen Praxis. Jeder Muslim könne die Gebetszeiten bestimmen, indem er sich ganz einfach die Position der Sonne am Himmel anschaut, und ähnlich solle er auch über Beginn und Ende des Fastens entscheiden können.

Während der erste strittige Punkt also die regionale bzw. überregionale Sichtung des Mondes betrifft, geht es beim zweiten strittigen Punkt darum, wie die Sichtung zu erfolgen hat.

Bloßes Auge kontra astronomische Daten

Wir leben zu Beginn des 21. Jahrhunderts (oder im Jahr 1428 nach dem islamischen Mondkalender). Die Astronomie steht in voller Blüte und hat bereits Bedeutendes geleistet. Wir unternehmen Expeditionen in den Weltraum und können mit technisch ausgereiften Instrumenten selbst die entferntesten Galaxien oder die Expansion des Universums beobachten. Da kann es doch eigentlich nicht so schwierig sein, exakt zu berechnen, wann der Mond an einem bestimmten Ort auftauchen wird. Eigentlich müsste dies doch zu den leichtesten Übungen der Astronomen gehören – sollte man meinen! Warum herrscht also immer noch ein Rest Unklarheit über den Beginn des neuen Monats im islamischen Mondkalender?

Im islamischen Mondkalender beginnt der Monat mit dem Sichtbarwerden des Mondes, nicht mit der von der Wissenschaft definierten Mondphase. Mit anderen Worten ist die theoretische Sichtbarkeit nicht gleichbedeutend mit der realen Sichtbarkeit. Wäre der Mond eine vollkommen runde Kugel mit einer vollkommen flachen Oberfläche, und gäbe es keine widrigen Wetterverhältnisse, die unsere Sicht auf den Mond einschränken würden, dann wäre die theoretische Sichtbarkeit gleich der realen Sichtbarkeit und wir könnten mit Hilfe astronomischer Daten exakt berechnen, wann die neue Mondsichel erstmals am Horizont zu sehen sein wird. Allerdings gibt es einen großen Unterschied zwischen Theorie und realem Leben, und in diesem Unterschied liegt genau das Problem. Selbst wenn uns die astronomischen Daten die Positionen von Mond, Erde und Sonne verraten, hängt die Sichtbarkeit des Mondes von der Erde aus noch von einigen anderen Faktoren ab.

An diesem Unterschied zwischen theoretischer und realer Sichtbarkeit entzündet sich die zweite Kontroverse über den Beginn des Monats im islamischen Kalender. Einige muslimische Gelehrte gehen davon aus, dass die theoretische Sichtbarkeit ein hinreichendes Zeichen für den Beginn eines neuen Monats sei. Sie berechnen die Termine des Mondkalenders anhand von astronomischen Daten und halten sich mit der Sichtung des Mondes nicht lange auf. Das heißt, dass sie beispielsweise für die nächsten 100 Jahre zu wissen meinen, wann der Ramadan beginnt und endet. Und entsprechend beginnen und beenden sie selbst ihr Fasten. Andere Gelehrte wiederum beharren darauf, dass man die neue Mondsichel mit bloßem Auge gesichtet haben muss, bevor der neue Monat beginnen kann. Weil astronomische Daten und die Sichtung mit bloßem Auge aber nicht immer das gleiche Ergebnis liefern, müsse man damit leben, dass nicht alle Muslime am gleichen Tag mit dem Fasten beginnen.

Kehren wir nun noch einmal zu dem Grund zurück, warum astronomische Daten und die Sichtung des Mondes mit bloßem Auge nicht synchron gehen. Aus wissenschaftlicher Sicht beeinflussen neben den Wetterverhältnissen noch zwei andere wesentliche Faktoren die Sichtbarkeit des Mondes: die Höhe des Mondes gemessen vom Horizont und das Alter des Mondes, d.h. die seit Neumond vergangene Zeit. Um den Mond am Himmel sehen zu können, sollte er hoch genug über dem Horizont stehen, und er sollte ‚alt’ genug sein.

Zur Höhe des Mondes am Horizont: Wenn die Sichel zwar breit genug ist, aber nicht hoch genug am Horizont steht, dann ist sie von der Erde aus nicht zu sehen, da sie vom Sonnenlicht erfasst wird. Eine Sichel in einer Höhe von 10 Grad oder darunter ist normalerweise nicht sichtbar.

Zum Alter des Mondes: Wenn sich der Neumond um mindestens ca. 7 Grad bewegt hat und ungefähr 20 Stunden alt ist, wird er sichtbar. Bis dieser Winkel von 7 Grad erreicht wird, kann kein Sonnenlicht das vom Mond reflektiert wird, zur Erde abgestrahlt werden. Denn solange blockieren die Berge auf der Oberfläche des Mondes das Licht der Sonne. Erst bei einem Winkel von 10-12 Grad wird genügend Sonnenlicht vom Mond reflektiert, um auf der Erde eine dünne Sichel sichtbar werden zu lassen. Manchmal ist diese Sichel nur hauchdünn und befindet sich ganz unten am Horizont. Dann wird man sie nicht sehen können, da sie im Licht der Sonne verblasst, auch wenn sie noch 20-30 Minuten nach Sonnenuntergang über dem Horizont steht.

Daneben gibt es viele weitere Faktoren, die sich auf die Sichtbarkeit des Mondes auswirken. Ohne nun allzu sehr in die technischen Details gehen zu wollen, ist es prinzipiell möglich, dass sogar ein bereits 36 Stunden alter Mond nicht sichtbar ist. Unser Wissen ist bis heute nicht ausgereift genug, um die Sichtbarkeit des Mondes in verschiedenen Ländern mit einer Genauigkeit von Minuten und Sekunden voraussagen zu können. Berechnungen mit einer Abweichung von wenigen Stunden sind jedoch möglich.

Diese Tatsachen zeigen, dass astronomische Daten ein geeignetes Instrument zur Schätzung des Beginns eines neuen Monats darstellen, dass sie aber versagen, wenn es darum geht, absolut präzise Angaben darüber zu machen. Einige muslimische Experten beschäftigen sich sehr intensiv mit diesem Problem. Sie versuchen, es zu lösen, indem sie Daten aus der Vergangenheit zur Berechnung der Sichtbarkeit des Mondes heranziehen, um aus ihnen möglichst genaue Zeiten für alle Orte der Welt ableiten zu können.

Auf der anderen Seite lässt diese Unsicherheit bezüglich des Monatsbeginns die Muslime aber auch bewusster werden und lenkt ihre Aufmerksamkeit auf den Ramadan und weitere Feste. In vielen Ländern pflegen Muslime Gipfel zu besteigen, um des Nachts die neue Sichel zu entdecken. Oder sie verfolgen die Neuigkeiten über die Sichtung des Mondes gespannt im Internet. Man hält einander per Telefon auf dem Laufenden und teilt sich gegenseitig mit, wann es soweit ist, den Ramadan oder das Fest des Fastenbrechens begrüßen zu dürfen.

Im Jahr 2006 veröffentlichten jene oben angesprochenen muslimischen Experten einen Algorithmus, der die Sichtbarkeit des Mondes mit Hilfe von astronomischen Daten und Erfahrungswerten ermittelt. Die ISNA (die Islamische Gemeinschaft Nordamerikas) hat sich dieses Verfahren inzwischen zu Eigen gemacht und bestimmt mit ihm den Beginn der islamischen Mondmonate. In diesen Algorithmus flossen neben anderen astronomischen Daten  mehrere Tausend an unterschiedlichen Orten auf der Welt aufgezeichnete und gesammelte Beobachtungen der letzten 150 Jahre ein. Aus dem Vergleich  der Daten aus den Beobachtungen mit den astronomischen Daten des gleichen Zeitraums konnte man deutlich zuverlässigere Daten für das Sichtbarwerden des Mondes in Gegenwart und Zukunft ableiten.

Fazit

Um es noch einmal zusammenzufassen: Die Frage, wann genau der Monat im islamischen Mondkalender beginnt, liefert keine eindeutige Antwort. Im Wesentlichen gibt es zwei Streitpunkte: regionale kontra überregionale Sichtung des Mondes und Sichtung mit bloßen Auge kontra astronomische Daten. Diese Kontroverse ist nicht so einfach aufzulösen, wie viele vielleicht meinen würden. Wenn der Ramadan oder die islamischen Feiertage an unterschiedlichen Orten auf der Welt nicht an denselben Tagen begangen werden, dann sollten wir dies nicht als großes Problem betrachten. Denn wie der Prophet Muhammad schon sagte:

Die unterschiedlichen Meinungen unter meinen Anhängern sind eine Barmherzigkeit.

Bruce C. Williams

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