Die Sunna des Propheten wurde in den so genannten Hadithen (Traditionen) gesammelt. Sie umfasst jede seiner Handlungen, jeden seiner Aussprüche und jedes Einverständnis des Gesandten Gottes (jede Handlung, die er bei anderen gut hieß). Neben dem Koran ist die Sunna die zweitwichtigste Quelle islamischen Lebens. Sie schreibt vor und verbietet, verankert Prinzipien, die den religiösen Pflichten und Notwendigkeiten zu Grunde zu liegen haben, und stellt fest, was rechtmäßig bzw. unrechtmäßig ist.

Während der Koran das Wort Gottes an die Menschen ist, verrät uns die Sunna, wie Sein Wort im Alltag umzusetzen ist. Die Sunna ist untrennbar mit dem Koran verbunden. Sie erklärt das, was im Koran vieldeutig ist, und beschreibt ausführlich, was im Koran nur kurz erwähnt wird. Sie spezifiziert, was im Koran ohne Einschränkung ist, ermöglicht Verallgemeinerungen von Dingen, die im Koran im Kontext besonderer Situationen erwähnt werden, und umgekehrt. Die Gefährten hörten dem Gesandten Gottes aufmerksam zu und waren sehr darauf bedacht, seinen Lebensstil selbst in den winzigsten Details zu dem ihren zu machen. Seine Äußerungen verehrten sie als Geschenke Gottes, und die Verzerrung oder Verfälschung seiner Worte betrachteten sie als eine schwere Sünde. Sie nahmen seine Äußerungen in sich auf, sammelten sie und übermittelten sie ihren Nachkommen. Sie setzten alles daran, die Traditionen des Gesandten Gottes in ihrer ursprünglichen Form zu erhalten und sie so ihren Nachkommen anzuvertrauen. Sie widmeten sich der Aufzeichnung der Prophetentraditionen (der Hadithe) mit der gleichen Sorgfalt, die sie beim Memorieren und Niederschreiben des Korans walten ließen.

Der Begriff Hadith leitet sich aus dem arabischen Verb hadatha (informieren) ab. Seine wörtliche Übersetzung lautet Nachricht, Information. Im Laufe der Zeit ging man jedoch dazu über, ihm alle Worte, Handlungen und Grundsätze des Propheten zuzuordnen. Bei der Überlieferung der Hadithe gingen die Gefährten und ihre Nachfolger äußerst vorsichtig zu Werke. Sie analysierten sowohl die Bedeutungen und die Wortwahl der vorliegenden Texte als auch die Charaktereigenschaften der Überlieferer genau.

Dank der schier unerschöpflichen Energie und dem gründlichen Studium der Traditionarier (Muhaddithûn) ist uns auch diese zweitwichtigste Quelle des Islams in ihrer ursprünglichen Reinheit erhalten geblieben. Sie ermöglicht uns auch über 14 Jahrhunderte nach dem Tod des Propheten noch, unser Leben an seinem Leben auszurichten.

Die Hadithe berichten uns also vom Wirken des Propheten. In ihnen finden wir seine Worte, seine Empfehlungen, die Verordnungen, die er erlassen hat, die Feststellungen, die er getroffen hat, sowie seine Wertungen und Stellungnahmen zu verschiedenen Fragen. Eine besondere Art von Hadithen nennt man Hadîth qudsî. Ein hadîth qudsî ist ein Ausspruch des Propheten, in dem eine Offenbarung Gottes zitiert wird, also eine außerkoranische Offenbarung.

Alle Hadithe werden in drei Hauptkategorien eingeteilt:

    1. echte, authentische (sahîh),
    2. schöne (hasan – die Überlieferung weicht möglicherweise leicht vom Originalwortlaut ab, während die Überlieferkette komplett und unzweifelhaft ist),
    3. schwache (da’îf – möglicherweise weisen sowohl die Überlieferung als auch die Überlieferkette Fehler auf).

Die echten Hadithe müssen folgende Bedingungen erfüllen:

Der Gewährsmann, der für die Richtigkeit und Authentizität eines echten Hadithes einsteht, muss

    1. in Bezug auf seinen Glauben und sein Verhalten tadellos sein,
    2. vertrauenswürdig sein und unvoreingenommen urteilen können,
    3. gewährleisten können, dass er den überlieferten Inhalt richtig verstanden und wiedergegeben hat, und
    4. mehr als nur einen Hadith überliefert haben.

Der Hadith selbst muss

    1. eine lückenlose Kette von Gewährsmännern aufweisen,
    2. ausdrücklich anzeigen, dass der Prophet Muhammad dies oder jenes gesagt oder getan hat, und
    3. einen Inhalt haben, der in die Zeit der Frühgemeinde hineinpasst.

Als Richtlinien für die Echtheit eines Hadith gelten:

Ein Hadith darf nicht

    1. im Widerspruch zu irgendeiner Stelle des Korans stehen,
    2. gegen die Sunna des Propheten Muhammad verstoßen,
    3. historischen Tatsachen widersprechen,
    4. vernunftwidrig sein oder gegen die offenkundigen Lehren des Islams verstoßen.

Die wichtigsten Hadithsammlungen sind:

    1. Bukhari, Sahîh (Bukhari: 810-870)
    2. Muslim, Sahîh (Muslim: 817/821-875)
    3. Abu Dawud, Sunan (Abu Dawud: 817-888)
    4. Tirmidhi, Sunan (Tirmidhi: 815-892)
    5. Nasa’i, Sunan (Nasa’i: 830-915)
    6. Ibn Madscha, Sunan (Ibn Madscha: 824-886)

Die Sunna hat den Charakter einer ewigen zeitlosen Norm. Die Autorität der Sunna ist im Koran verankert, der von den Muslimen fordert, sich der Führung des ProphetenMuhammad zu unterwerfen und ihm zu folgen:

Und gehorcht Gott und Seinem Gesandten! (8:46)

Die Muslime, die den vier anerkannten Rechtsschulen angehören (Hanafiten, Schafi’iten, Hanbaliten, Malikiten), nennt man Sunniten oder auch Leute der Sunna und der Gemeinschaft (Ahlu s-sunna wa l-dschamâ’a). Neben den Rechtsquellen Koran undSunna ist für sie die übereinstimmende Meinung der Rechtsgelehrten (der Gemeinschaft) bindend.

Die Sunna ist das Fenster, das sich zum Gesandten Gottes hin öffnet, und der Weg, der zu den Wohltaten des Islams führt. Erst die Sunna ermöglicht uns, den Islam im Alltag zu praktizieren. Nur sie erlaubt uns, eine Verbindung zum Propheten Muhammad zu knüpfen und seine Segnungen zu empfangen. Wer sich mit der Sunna beschäftigt, sollte aber in jedem Fall auch Kenntnisse der Biografie des Propheten besitzen.

Quelle: Mertek, Muhammet (2012), Der Islam: Glaube, Leben, Geschichte, INID/Hamm.

HINTERLASSE EINE ANTWORT