Die Reinheit ist eine Tugend, die in allen Gesellschaften hohes Ansehen genießt. Körperliche und moralische Reinheit werden von den Religionen besonders vor der Verrichtung religiöser Zeremonien angemahnt, was dafür spricht, dass beide sehr eng miteinander verbunden sind.

Vor kurzem veröffentlichten zwei Forscher von der Universität Illinois, USA, einen Artikel in der wissenschaftlichen Zeitschrift Science (September 2006), in dem das Verhältnis zwischen körperlicher und moralischer Reinheit thematisiert wurde. Sie präsentierten den Lesern ein Experiment, dass sie durchgeführt hatten, um mehr über die bewusste und unbewusste Haltung des Menschen zu Reinheit und Sauberkeit zu erfahren. Im Rahmen dieses Experiment wurde untersucht, ob eine Bedrohung der moralischen Reinheit dazu führt, dass sich der Mensch umso stärker nach körperlicher Reinheit sehnt. Nebenbei wurde außerdem versucht herauszufinden, ob umgekehrt körperliche Reinheit dabei hilft, moralischen Bedrohungen zu begegnen. In einem Laborversuch forderte man also die Teilnehmer der Studie dazu auf, sich an eine beliebige Situation in ihrem Leben zu erinnern, in der sie ethisch (gut) oder unethisch (schlecht) gehandelt hatten. Dann bat man sie, ihre Emotionen und Gefühle in dieser Situation zu beschreiben. Die zwei Forscher konzentrierten sich währenddessen auf die Frage, ob die Bedrohung der moralischen Reinheit dazu führte, dass der jeweilige Teilnehmer mehr Worte verwendete, die irgendeinen Bezug zu dem Themenkomplex Reinheit und Sauberkeit hatten. Und so gelang ihnen der eindeutige Nachweis, dass diejenigen, die ein unethisches Handeln beschrieben, dabei weit mehr ‚reinigende’ Wörter verwendeten als diejenigen, die ein ethisches Handeln beschrieben. Anschließend führten die Forscher drei weitere Experimente durch, bei denen sie den Versuchsaufbau leicht veränderten, aber nichtsdestotrotz die gleichen Ergebnisse erhielten. Es zeigte sich also, dass Menschen, die unethisch gehandelt haben, in der Regel den dringenden Wunsch verspüren, ihren Körper zu reinigen. Offensichtlich glauben wir demnach zumindest unterbewusst daran, dass wir uns von unseren Sünden im wahrsten Sinne des Wortes reinwaschen können.

Bevor man heilige Orte aufsucht, eine Moschee oder eine Kirche etwa, badet oder duscht man für gewöhnlich und zieht seine besten Kleidungsstücke an. Auf diese Weise zeigt man seinem Schöpfer, dass man moralisch wie auch körperlich rein und integer ist. Nicht umsonst legen folglich alle Religionen so großen Wert sowohl auf körperliche als auch auf moralische Reinheit. Die Reinigung des Körpers kommt aber auch der Gesundheit zugute. Sie spült neben allem sichtbaren und unsichtbaren Schmutz auch viele Krankheitserreger hinfort. Dieser Artikel wird sich auf die Haltung des Islams zur körperlichen und moralischen Reinheit des Menschen konzentrieren und sie mit wissenschaftlichen Fakten untermauern.

Die Haltung des Islams zur Reinheit des Menschen

Der islamische Glaube betont, dass Gott diejenigen Menschen liebt, die rein und sauber sind. Der Prophet Muhammad etwa sagte: Die Reinheit ist der halbe Glauben. Mit anderen Worten: Die körperliche Reinheit ist für die Läuterung der Seele und für die Vorbereitung auf das Gebet zu Gott unerlässlich. Den Körper rein zu halten erfordert, ihn von allem äußerlichen Schmutz zu befreien und ihn stattdessen mit Reinheit und positivem Handeln zu schmücken.

Hadithe zum Thema Reinheit

„Wann immer der Prophet, nachdem er mit seiner Frau verkehrt hatte, ein Bad nahm, wusch er sich zunächst die Hände. Dann führte er eine Waschung durch, die der Gebetswaschung ähnelte. Anschließend befeuchtete er seine Finger mit Wasser und massierte mit ihnen die Haarwurzeln. Danach goss er sich drei Handvoll Wasser über den Kopf und über seinen ganzen Körper.“[1]

Der Prophet sagte: Jedem Muslim wird dringend empfohlen, freitags ein Bad zu nehmen, die Zähne mit einem Miswak[2] zu putzen und, soweit verfügbar, Wohlgerüche aufzutragen.[3]

Aischa sagte: „Der Prophet rang in meinem Haus, den Kopf auf meiner Brust ruhend, mit dem Tod. Da kam Abd ar-Rahman ibn Abu Bakr mit einem Miswak in der Hand vorbei, und der Blick des Propheten fiel darauf. Ich glaubte, dass der Prophet ihn benötigen würde [um mit ihm seine Zähne zu putzen]. So nahm ich den Miswak, biss die Spitze ab, schüttelte ihn und gab ihn dem Propheten. Dieser putzte seine Zähne damit, wie er sie nie besser geputzt hatte, und gab ihn mir dann zurück. Plötzlich aber sackte seine Hand nach unten, und der Miswak fiel ihm aus der Hand [d.h., er starb]. So erlaubte Gott mir, an seinem [des Propheten] letzten Tag auf Erden und ersten Tag im Jenseits, meinen Speichel mit seinem Speichel zu vermischen.“[4]

Der Prophet sagte: Hätte ich nicht Angst, dass es meine Gemeinschaft übermäßig belasten würde, würde ich empfehlen, die Zähne vor jedem der fünf täglichen Pflichtgebete mit dem Miswak zu reinigen.[5]

Aischa berichtete: „Der Gesandte Gottes soll gesagt haben, es gebe zehn Fitra-Akte (Akte, die die menschliche Natur gebietet): den Schnurrbart zu stutzen, den Bart wachsen zu lassen, den Miswak zu benutzen, Wasser in die Nase zu ziehen, die Nägel zu schneiden, sich zwischen den Fingern zu waschen, das Haar unter den Achseln zu entfernen, das Schamhaar zu rasieren und die Geschlechtsteile mit Wasser zu reinigen. Der Überlieferer fügte hinzu: ‚Das zehnte habe ich vergessen, aber es könnte das Ausspülen des Mundes gewesen sein.’“[6]

Abdullah ibn Abbas berichtete: „Ich verbrachte (eine Nacht) im Haus des Gesandten Gottes. Er stand auf, putzte sich die Zähne, führte die Waschung durch und sprach: Wahrlich, in der Schöpfung der Himmel und der Erde und in dem Wechsel der Nacht und des Tages liegen wahre Zeichen für die Verständigen (3:190) Anschließend rezitierte er auch noch die Verse bis zum Ende der Sure. Er erhob sich und betete zwei Zyklen, während derer er sich beim Stehen, Verbeugen und Niederwerfen viel Zeit nahm. Dann kam er zum Ende und ging wieder schlafen. So verfuhr er drei Mal, betete insgesamt also sechs Zyklen; und jedes Mal putzte er sich zuvor die Zähne, führte die Waschung durch und sprach diese Verse vor sich hin. Danach verrichtete er drei Zyklen des Witr-Gebets. Nun war der Gebetsruf zu hören, und er verließ das Haus zum Gebet mit den Worten: O Gott! Lass Licht in mein Herz dringen, Licht auf meine Zunge fallen, Licht auf mein Gehör und Licht auf mein Augenlicht, Licht hinter mich und Licht vor mich, Licht über mich und Licht unter mich. O Gott! Schenke mir Licht![7]

Die rituelle Waschung und ihr Nutzen

Die rituelle Waschung im Islam setzt sich zusammen aus insgesamt 26 Bewegungen. Die Muslime führen sie täglich fünf Mal vor der Verrichtung des Pflichtgebets durch, um mit einem gesunden und sauberen Körper vor Gott zu treten. Im Koran werden die Waschung selbst und die Bedeutung der körperlichen Reinheit wie folgt beschrieben:

O ihr, die ihr glaubt! Wenn ihr euch zum Gebet begebt, so wascht euer Gesicht und eure Hände bis zu den Ellenbogen, und streicht über euren Kopf, und (wascht) eure Füße bis zu den Knöcheln. Und wenn ihr im Zustand der Unreinheit seid, so reinigt euch. Und wenn ihr krank seid oder euch auf einer Reise befindet oder einer von euch von der Notdurft zurückkommt oder wenn ihr Frauen berührt habt und kein Wasser findet, so sucht reinen Sand und reibt euch damit Gesicht und Hände ab. Allah will euch nicht mit Schwierigkeiten bedrängen, sondern Er will euch nur reinigen und Seine Gnade an euch erfüllen, auf dass ihr dankbar sein möget. (5:6)

Der Sunna des Propheten entsprechend werden diese Bewegungen jeweils drei Mal wiederholt. Zusätzlich werden das Innere des Ohres, die Stelle hinter dem Ohr und ein Drittel des Kopfes über der Stirn je einmal abgerieben. Darüber hinaus empfahl der Prophet, die rituelle Waschung auch vor dem Zubettgehen durchzuführen. Auch Yoga-Lehrer lehren ihre Studenten, Hände, Augen, Beine, Mund und Genitalien vor dem Zubettgehen mit kaltem Wasser zu waschen. Denn dieser Akt der Reinigung bereitet den Körper auf einen tiefen Schlaf vor.

Die rituelle Waschung regt die Biorhythmen an

In seinem Artikel Muslim Rituals and their Effect on the Person’s Health (Muslimische Rituale und ihre Wirkung auf die Gesundheit des Menschen) beschreibt Dr. Mogomed Magomedov[8], wie die rituelle Waschung im Islam die unterschiedlichen Biorhythmen des Körpers anregt, da sie sich speziell auf die so genannten biologisch aktiven Punkte konzentriert. In diesem Punkt erinnere sie verblüffend an die chinesische Reflextherapie: Wie wir wissen, ist der menschliche Körper ein komplexes System, bestehend aus elektromagnetischen Feldern, Meridianen, Biorhythmen und so weiter. Die inneren Organe des Menschen bilden ein bioenergetisch fein ausgewogenes Ganzes. Sie verfügen über Verbindungskanäle zur Haut, auf der sich besondere Punkte befinden, über die sich die Funktionen der Organe beeinflussen und sogar steuern lassen. Diese Punkte werden biologisch aktive Punkte (BAPs) genannt. Dr. Magomedov erläutert, dass seine Forschungen in dieser Richtung von der aufrichtigen Überzeugung inspiriert waren, dass das fünf Mal täglich zu verrichtende Pflichtgebet nicht nur einen signifikanten spirituellen Effekt besitzt, sondern auch eine heilende Wirkung auf den Körper hat.

Die rituelle Waschung beugt gesundheitlichen Problemen vor

Der Gelehrte Mukhtar Salem weist in seinem Buch Prayers: A Sport for the Body and Soul (Das Gebet: ein Sport für den Körper und die Seele) besonders auf den gesundheitlichen Nutzen der Körperbewegungen während der Waschung hin. Sie trainieren nämlich die beteiligten Muskeln, die auf diese Weise mindestens fünf Mal am Tag stimuliert werden. Daneben benennt er fünf weitere Vorzüge:

  1. Die rituelle Waschung beugt Hautkrebs vor: Der Autor macht geltend, dass die Körperteile, die im Rahmen dieser Waschung gesäubert werden, genau die Teile sind, die normalerweise am dreckigsten sind; sei es, dass die Hautoberfläche an diesen Stellen von körpereigenen Sekreten (z.B. Schweiß) verunreinigt ist, oder durch Schmutz von außen. Die rituelle Waschung entfernt diese Rückstände fünf Mal am Tag und hinterlässt eine saubere Haut. Das wiederum hilft den unter der Haut liegenden Zellen dabei, zu regenerieren und ihre Funktionen zu erfüllen. Außerdem belebt das Waschen mit Wasser all jene Blutgefäße, Nerven und Drüsen, die knapp unter der Hautoberfläche angesiedelt sind. Auch ihnen ermöglicht die rituelle Waschung ein reibungsloses Funktionieren.
  2. Das Ausspülen des Mundes beseitigt Lebensmittelreste, die sonst Zähne und Zahnfleisch schädigen könnten. Aus diesem Grunde wird auch die Verwendung eines Miswak (oder das Zähneputzen) empfohlen.
  3. Auch wenn man sich die Nase regelmäßig ausspült, tut man etwas für seine Gesundheit, da dadurch die Bakterien in den Nasenlöchern abgetragen werden und nicht die Chance erhalten, hinunter in den Atemapparat zu gelangen. Eine an der Universität von Alexandria durchgeführte Studie konnte nachweisen, dass sich der Hadith, in dem dazu geraten wird, Wasser in die Nase einzuziehen und es dann wieder herauslaufen zu lassen, positiv auf die innere Schutzschicht der Nase auswirkt. Diejenigen, die die rituelle Waschung korrekt durchführten, hatten demnach saubere, blanke Nasenlöcher. An den winzigen Härchen in der Nase klebten bei ihnen weder Staub noch Schmutzpartikelchen. Wer diese Waschung aber nicht regelmäßig durchführte, der neigte zu leicht dunklen und verschmierten Nasenlöchern, deren Nasenhaare obendrein schneller ausfielen.
  4. Das mehrmalige Waschen des Gesichts belebt die Zellen der Gesichtshaut und verhindert, dass sich schon vor der Zeit Falten bilden. Daneben übt es eine reinigende Wirkung auf das Innere der Augen aus, was Augeninfektionen vorbeugt. Das Waschen der Ohren entfernt Ohrenschmalz, der sonst Infektionen des Ohres verursachen oder das Innenohr beeinträchtigen kann (was wiederum im schlimmsten Fall zu Gleichgewichtsstörungen führt).
  5. Der Hadith, der uns ermahnt, beim Waschen der Füße die Zwischenräume der Zehen nicht zu vergessen, ist ebenfalls sehr wichtig. Denn gerade in unserer Zeit, wo die Füße zumeist den ganzen Tag über in Schuhen gefangen sind, kann sich dadurch nicht so schnell Fußpilz entwickeln.

Davon abgesehen hilft uns die rituelle Waschung auch, unsere Wut zu kontrollieren. In einem Hadith[9] ermuntert uns der Prophet, die Waschung gerade dann durchzuführen, wenn wir wütend sind. Denn wir profitieren von der erfrischenden Wirkung des Wassers auch insofern, als dass wir uns dann wesentlich schneller beruhigen. Der Prophet Muhammad wies darauf hin, dass uns die Wut vom Teufel eingegeben wird, dass sie gewissermaßen aus Feuer besteht und deshalb vom Wasser gelöscht werden kann.[10]

Fazit

Wissenschaftliche Studien belegen, was der gesunde Menschenverstand schon immer wusste: Körperliche und moralische Reinheit gehen Hand in Hand. Dass ganz unterschiedliche Glaubenssysteme ihre Anhänger dazu auffordern, neben der Seele auch den Körper rein zu halten, ist von daher eigentlich nur logisch. Die Waschung ist genau deshalb ein so wichtiger Bestandteil der muslimischen Rituale, weil sie eben nicht nur dem Körper zugute kommt, sondern auch dem Geist. Sie regt den Biorhythmus an, beugt gesundheitlichen Problemen vor, entspannt, reinigt die Seele, und nicht zuletzt spült sie unsere Sünden hinfort.

Salih Uslu

Fußnoten


[1] Sahih Bukhari, Bd. 1, Buch 5, Nr. 248
[2] Miswak: ein Zahnstocher aus dem Zweig oder der Wurzel des Arak-Baums
[3] Überliefert von Abu Said, Sahih Bukhari, Bd. 2, Buch 13, Nr. 5
[4] Überliefert von Aischa, Sahih Bukhari, Bd. 5, Buch 59, Nr. 732
[5] Überliefert von Abu Hurayra, Sahih Bukhari, Bd. 9, Buch 90, Nr. 346.
[6] Sahih Muslim, Buch 2, Nr. 0502
[7] Sahih Muslim, Buch 4, Nr. 1682
[8] Dagestan State Medical Academy, Institut für die allgemeine Hygiene des Menschen und Ökologie, Dagestan
[9] 8. http://en.wikipedia.org/wiki/Hadith
[10] 9 Überliefert von Atiyya s-Sa’di

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