Ein Schlachthof in Düsseldorf, 1899 von der Stadt erbaut und nur drei Kilometer vom Hauptbahnhof entfernt, dokumentiert das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte.

Ursprünglich hatte dieser Schlachthof eine Kapazität von 1000 Schlachttieren täglich, die per Bahn ins ganze Land transportiert werden konnten. Eines Tages rief jemand von der Gestapo den Direktor des Schlachthofes an und sagte, dass dieser Hof für wichtige Angelegenheiten gebraucht werde. Wichtige Angelegenheit hieß: An diesem Ort wurden in den Jahren 1941 bis 1944 fast 6000 jüdische Männer, Frauen und Kinder, 3 Monate bis 90 Jahre alt, registriert, durchsucht und ausgeraubt. Hier begann die Reise dieser unschuldigen Menschen ins Verderben. Wie Tiere wurden sie behandelt und nach einer Übernachtung an diesem schrecklichen Ort in die Ghettos der von der Wehrmacht besetzten Orte in Osteuropa deportiert: nach Lodz, Minsk, Riga, Izbica und Terezin (Theresienstadt). Die Ghettos, in denen sie unter unmenschlichen Lebensbedingungen lebten, waren meistens nur Zwischenstationen auf dem Weg in weitere Konzentrations- und Vernichtungslager.

Die Deportierten konnten nur ihre notwendigsten Sachen mitnehmen, und zwar in einem Koffer, dessen Größe von Nazis bestimmt wurde. Ihr gesamtes restliches Hab und Gut und alle Besitztümer mussten sie zurücklassen und wurden gezwungen, diese Beschlagnahmungen durch ihre Unterschrift als „Schenkungen“ zu deklarieren. Als die gedemütigten und verängstigten Opfer eine lange Schlange zum Schlachthof bildeten, beobachteten sie viele Mitmenschen aus ihren Fenstern. Bei diesem traurigen und verstörenden Anblick brachen einige Anwohner in Tränen aus, da sie das Schicksal dieser Menschen erahnten, während andere Zuschauer freudig klatschten, da sie diese Menschen irgendwie für „schuldig“ hielten.

Wenn die dreitägige Tagung des Zukunftsforums Islam, an der ich teilgenommen habe, nicht hier stattgefunden hätte, hätte ich von den Schmerzen von Tausenden von Menschen an diesem Ort nichts erfahren. Der Schlachthof mitten auf dem Campus der Fachhochschule besitzt eine eminente historische Bedeutung, die bewusst angezeigt und erfahrbar wird. Hier wird der beschämende Teil der deutschen Geschichte nicht geleugnet, sondern einer breiten Bevölkerung veranschaulicht, indem man ihn als Ausstellung in ein beeindruckendes neues Projekt integriert. Diese intelligente und wirksame Form der Vergangenheitsbewältigung nötigt mir Respekt ab.

Der alte Schlachthof mit dem Dach aus Glas. Im Eingangsbereich findet man die Dauerausstellung des Erinnerungsortes.

Der Grund, warum wir uns hier an diesem Ort befanden, war die Tagung des Zukunftsforums Islam mit dem Titel „Unter einem Dach“. Die Ortswahl der Tagung, an der ca. 130 Personen aus unterschiedlichen Institutionen teilnahmen, darunter Akademiker*innen und Vertreter*innen diverser muslimischer Verbände und Gruppen aus Deutschland, hatte meines Erachtens etwas Symbolisches, denn dieser Ort und diese Tagung weckten Assoziationen in zwei gegensätzliche Richtungen: Einerseits das Gefühl einer latenten Bedrohung durch rassistische Tendenzen, die trotz der praktizierten und allgegenwärtigen Erinnerungskultur nicht ausgelöscht werden konnten und heute sogar erstarken. Andererseits das Gefühl eines ehrlichen Bemühens um ein friedliches Zusammenleben in interkulturellem Austausch.

Futtertrog aus Stein als einziges historisches Exponat

Heute ist nicht vieles von dem ehemaligen Schlachthof zurückgeblieben: die Außenmauern der Großviehmarkthalle, zwei Rampen, über die früher das Vieh in die Halle getrieben wurde, und ein Futtertrog aus Stein als einziges historisches Exponat im Inneren der Hochschulbibliothek. Zurückgeblieben und wachgehalten ist aber die Erinnerung an das Schlimmste, die Barbarei der Nazis.

Der alte Schlachthof, in dem diese Barbarei stattfand, wurde in eine moderne Hochschulbibliothek verwandelt. Fakultäten verschiedener Fachrichtungen sind hier vertreten. Am Anfang habe ich mir gedacht, mit der Errichtung dieses Campus bzw. dieser Bibliothek möchte man sagen, dass man gegen die hier betriebene menschenverachtende Grausamkeit nur durch Wissen und Bücher kämpfen könne. Warum nicht, man kann sich mit dieser Barbarei auseinandersetzen und sich gegen die Denkmuster stellen, die sich durch Feindseligkeit und Hass ernähren, sowie sie in gewissem Maße entkräften. Denn Angst löst Wut aus, Wut speist den Hass und Hass den Rassismus… Und so ist jede Art von Rassismus ein Gift und führt schließlich zur Barbarei. Aber zu der Zeit war ja die deutsche Gesellschaft weitgehend aufgeklärt, gebildet, von Wissen und Kunst geprägt, sogar seit Jahrhunderten. War sie nicht auch die führende Gesellschaft der Aufklärung? Und noch ein Land der Dichter und Denker… Wenn es so ist, warum konnte man diese barbarische Fehlentwicklung nicht verhindern? Brauchen wir daher jenseits der Wissenschaft und Kunst andere Werte, um solcher Art Barbarei zu verhindern? Es ist wichtig, darüber nachzudenken.

Kinder, Frauen, Männer als Opfer des Naziregimes

Nichts geht verloren. Hier werden sowohl die Bilder von Opfern als auch die von Tätern ausgestellt. Ein berührender Erinnerungsort, wo man den neuen Generationen die Auswirkungen von Rassismus und Hass bewusst machen kann. Täter, Mitwirkende und Profiteure wie Beamte der Schlachthofverwaltung, Finanzbeamte, Gerichtsvollzieher, Angehörige der Bezirks- Stadt- und Gemeindeverwaltungen, der Polizei und der Geheimen Staatspolizei werden bekannt gemacht. Welches Erbe haben die Täter, Helfer und Mitläufer ihren Familien, ihren Kindern und Enkelkindern hinterlassen? Diese spüren wohl in besonderem Maße die Schande und Scham, die die Verbrechen der NS-Zeit Deutschland gebracht haben.

Hier werden nicht nur die Bilder von denjenigen ausgestellt, die mit unschuldigen Menschen für ein faschistisches Regime und politische Macht verbrecherisch umgegangen sind, sondern auch von denjenigen, die ihren Staat und ihre Nationalität für heilig gehalten und mit irgendeiner irrationalen Begründung oder wegen persönlichen Profits in der Todesmaschinerie mitgespielt haben.

Bilder von einigen Tätern und Profiteuren für dieses Verbrechen (links). Einige Menschen, die den Verfolgten geholfen haben (rechts)

Eine pluralistische Demokratie und ein Rechtsstaat existieren nur infolge der Kompetenzen der Menschen aus unterschiedlichen Ethnien, Religionen, Kulturen und Ideologien, die „unter einem Dach“ leben wollen. Nur die Gesellschaften wie in Deutschland, die so eine Kompetenz mit allen gesellschaftlichen Farben zeigen, sind in der Lage, ein Land bzw. einen Staat aufbauen, in dem Menschen glücklich und friedlich zusammenleben können. In dieser Hinsicht sind Plattformen wie das Zukunftsforum Islam, das 2006 von der Bundeszentrale für politische Bildung ins Leben gerufen wurde und vor allem die Vertreter*innen aller in Deutschland lebenden Muslime unter einem Dach zusammenbringt, von großer Bedeutung. Dadurch werden Tore für Dialog und Toleranz geöffnet, was bis jetzt innerislamisch nicht gelungen ist. Jedes Jahr wird eine Tagung mit neuen Themen zum muslimischen Leben mit wissenschaftlichen Vorträgen und diversen Workshops organisiert. Dies dient alles zur Entwicklung einer Kultur der Partizipation und des Zusammenlebens in einer Zuwanderungsgesellschaft.

Ohne dieses Ziel und diesen offenen Austausch wäre es unvermeidbar, dass die Gruppierungen, gefangengenommen von eigenen Ideologien, gegeneinander kämpfen, gewaltsame Konflikte haben und sogar bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen führen. Die tragische Situation, in der sich die islamische Welt heute befindet, kann uns vieles darüber sagen.

Die Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach sagt: “Der Schmerz ist der große Lehrer der Menschen.“ Aber leider ist die Geschichte voll mit den Schmerzen von Gesellschaften oder sozialen Gruppen, ohne dass daraus die notwendigen Lehren gezogen worden wären.

Muhammet Mertek