Seit genau 30 Jahren kennen wir uns. Seitdem haben wir im wahrsten Sinne des Wortes einen redlichen interreligiösen Dialog geführt. Ich rede von Dr. Michael Blume, dem Antisemitismusbeauftragten des Landes Baden-Württemberg. Seine Themengebiete „Rassismus, Religion, Evolution, Verschwörungsmythen, Menschenrechte und interkultureller Dialog“ sind hochaktuell und werden uns noch lange beschäftigen, weil es sich hier um eine soziopolitische Kernfrage der Gesellschaft handelt. Im Namen des Webportals www.islam-aktuell.de  habe ich mit Dr. Michael Blume ein Interview führen können und möchte mich bei ihm dafür herzlich bedanken.

Seit einigen Monaten leben wir wegen der Corona-Pandemie weltweit in seltsamen Zeiten. Was bedeutet es für deine Arbeit als Antisemitismusbeauftragter? Was hat sich in deinem Leben geändert?

Wenn immer Pandemien auftreten, reagieren leider auch Menschen mit Ängsten, Rassismus und Verschwörungsmythen. Deswegen war es leider schon früh klar, dass mein Team und ich gefordert sein würden. Und so kam es dann auch. Als schließlich alle Veranstaltungen wegen dem Virus abgesagt werden mussten, haben wir ein lange gehegtes Vorhaben vorgezogen und unseren Podcast „Verschwörungsfragen“ eröffnet. Er hat inzwischen viel mehr Resonanz, als wir erhoffen konnten.

Als Familie haben wir – Gott sei Dank – gut durch die Krise gefunden. Meine Frau Zehra – eine Deutschtürkin – musste täglich ins Büro, so dass ich zuhause geblieben bin und unsere drei Kinder unterrichtet habe. Meine Arbeitsstunden leistete ich dann am Nachmittag und bis in den späten Abend. Viele Veranstaltungen konnten wir online erledigen. Wir konnten weniger unternehmen, sind aber enger zusammen gerückt und ich habe ein neues Buch geschrieben. „Verschwörungsmythen“ erscheint Ende Juli.

Wenn es um die Wahrung und die Förderung der Demokratie geht, trittst du immer vorbildlich auf, indem du beispielsweise dich vom FB zurückziehst und ein E-Auto fährst. Kannst du deine Intention dahinter für unsere Leserschaft teilen?

In zwei Evangelien wird Jesus mit der Aussage zitiert: „Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge, aber den Balken im eigenen Auge nimmst du nicht wahr?“ Ich lernte daraus, dass es uns immer leichter fällt, Fehler bei anderen zu erkennen als bei uns selbst. Und davon bin ich selbst keine Ausnahme. Ich habe die Verteilung von Hassnachrichten bei Facebook monatelang kritisiert, bevor ich schließlich selbst einen Schlussstrich gezogen habe. Ich habe die schlimmen Folgen des Öls nicht nur für die Umwelt, sondern auch für die Politik und Religion in Büchern und Vorträgen kritisiert, bevor ich schließlich selbst auf einen Verbrennungsmotor verzichtet habe. Und ich wusste als Wissenschaftler seit Jahren, dass wir mit jedem Kilo Fleisch Unmengen an Futtermitteln, Energie, Wasser und Land verschwenden, unser Klima und unseren Planeten vergiften. Aber erst seit letztem September bin ich Vegetarier.

Auch ich bin also ein Mensch voller Widersprüche und auch mit Sünden. Dennoch glaube ich, dass wir Veränderungen etwa in der Kultur, Wirtschaft und Politik nur dann erreichen, wenn wir auch bei uns selbst anfangen. Ich hoffe, dass mir Gott meine Schwächen verzeihen kann und versuche, auch andere nicht von oben herab zu belehren.

Dein Buch „Islam in der Krise“ wurde zum Bestseller. Was für eine Resonanz wurde besonders aus der muslimischen Seite entgegnet? Wolltest du mit diesem Buch ein Spiegel der Selbstreflexion für Muslime gegenhalten?

Tatsächlich entstand das Buch „Islam in der Krise“ vor allem aus den Fragen befreundeter Musliminnen und Muslime in Europa und im Irak. Sie fragten: „Wenn du behauptest, dass die islamische Zivilisation nicht durch Verschwörungen angegriffen wurde, wodurch dann? Du bist doch Wissenschaftler!“ Und letztlich zeigte sich wieder einmal: In den Bibliotheken und Universitäten findet sich bereits unendlich viel Wissen, aber es ist für die Öffentlichkeit kaum zu finden und kaum verständlich. Also trug ich das Wissen in einem Buch zusammen, das nicht zu dick und nicht nur für Akademiker geschrieben sein sollte.

Es gab einige, die mich gewarnt hatten, dass Muslime mit Wissenschaft nicht umgehen könnten. Einer bat mich sogar aus Angst vor „muslimischer Rache“, dass ich ihn aus den Danksagungen streiche! Doch tatsächlich haben die allermeisten Musliminnen und Muslime sehr positiv reagiert, ich wurde auch in Moscheen eingeladen. Viele Frauen, aber auch Gelehrte und Funktionäre waren sehr dankbar, endlich verstanden zu haben, warum zum Beispiel die eigenen Vorfahren nicht einmal lesen und schreiben lernen konnten.

Negative Reaktionen gab es dagegen von Islamfeinden, die das Angstbild von einer bösen, übermächtigen Islam-Verschwörung für ihre Zwecke brauchen. Die warfen mir vor, den Islam, den Propheten und den Koran nicht anzugreifen, sondern „zu verharmlosen“. Aber selbst aus diesem Bereich gab es einige, die sich bedankt haben, dass sie nun weniger Ängste vor Musliminnen und Muslimen hätten. Am meisten gefreut hat mich, wenn Leserinnen und Leser dann auf eigene Faust weitergeforscht haben – von Gesprächen bis zu Hochschul-Seminaren. Darüber bin ich sehr, sehr glücklich.

Um die Krise des Islams zu bewältigen, bedarf es einer Reformierung bzw. Liberalisierung des Islams? Was würde so eine Reformation für Muslime bringen?

Klare Antwort: Nein, ich glaube nicht, dass Religionen die Wege anderer nachgehen können. Die Muslime können nicht die jüdische Haskala oder die christliche Aufklärung einfach kopieren, sondern müssen – wenn sie Muslime bleiben wollen – ihre eigenen Wege finden. Die Vereinbarkeit von Evolutionstheorie und Koran ist zum Beispiel viel einfacher als mit der Bibel. Die Unterscheidung von Religion und Staat ist dagegen leichter in den Evangelien zu finden. Wir können und sollen also im Dialog miteinander und vor allem mit den Wissenschaften lernen, aber wir können einander nicht kopieren. Wenn ich den Koran richtig verstanden habe, wird Gott die Lage der Muslime verändern, wenn sie sich selbst verändert haben.

Haben Muslime generell mentalitätsbedingt große Probleme mit Demokratie-Verständnis, Rechtsstaatlichkeit, Pluralismus etc.? Scheitert daher ein innermuslimischer Dialog? Wie kann die muslimische Community mit diesem Handicap fertig werden?

Die Schlüssel zur Demokratie sind Bildung und Zeit. Wie in „Islam in der Krise“ beschrieben, hat nicht der Koran, sondern das lange Verbot des Buchdrucks arabischer Lettern vom 15. bis ins 18. Jahrhundert die islamische Alphabetisierung zurückgeworfen. Darauf folgten Kolonialismus, Fremdbestimmung, Gefühle der Demütigung und Verschwörungsglauben. Zudem haben es auch Christen schwer, autoritäre Erfahrungen zu überwinden. Denken Sie an Länder wie Ungarn, Polen, die Philippinen oder Brasilien, in denen es Demokratinnen und Demokraten schwer haben. Schon in der Bibel wird beschrieben, dass viele Hebräer bald nach der Flucht vor dem Pharao von der Rückkehr nach Ägypten träumten. Die jüdischen Weisen lehren, dass es Generationen braucht, bis der Umgang mit Freiheit gelernt werden kann. Dies trifft, denke ich, auf Juden, Christen, Muslime, Anders- und Nichtglaubende gleichermaßen zu.

Wir kennen uns genau seit 30 Jahren. Wir haben seitdem einen reflektierten und effektiven Dialog im interreligiösen bzw. interkulturellen Sinne geführt. Wie haben wir es geschafft? Was verstehst du als Dialog-Mensch unter dem interreligiösen Dialog? Worauf sollte man dabei achten?

Wichtig ist zu verstehen, dass nicht „die Religionen“ den Dialog führen, sondern Menschen. Kein einzelner Muslim spricht für den gesamten Islam, keine Christin für das Christentum. Wenn wir also den Dialog als Chance sehen, nicht nur andere zu informieren, sondern auch selbst zu lernen, dann wachsen wir gemeinsam im Wissen und auf Gott hin. Das habe ich im Dialog mit Menschen aus den verschiedensten Religionen und Kulturen erfahren dürfen. Daraus sind tiefe Freundschaften entstanden, kleine Weggemeinschaften auf dem gemeinsamen Pilgerweg zu Gott.

Du wirst demnächst ein neues Buch veröffentlichen, das sich mit den Verschwörungsmythen auseinandersetzen. Die Corona-Krise wurde dazu genutzt, um diese Verschwörungsmythen weiter zu instrumentalisieren, um weiter Hass zu schüren. Welche potenzielle Gefahren birgen diese Mythen?

Im Kern vermittelt der Verschwörungsglauben, dass nicht ein guter Gott die Welt regieren würde, sondern eine böse Macht. So glauben zum Beispiel deutsche Rechtsextreme an eine jüdisch-islamische Weltverschwörung, Kommunisten an eine Weltherrschaft des Kapitalismus und Anhänger des sogenannten Islamischen Staates erklären selbst andersdenkende Muslime zu angeblichen Teufelsdienern. Wer aber überall Verschwörungen vermutet, verliert sein inneres Vertrauen an Gott und glaubt an die Supermacht des Bösen. Das vergiftet dann natürlich auch das Herz und die Institutionen, beispielsweise der Justiz und der Wissenschaften. Verschwörungsglauben ist für alle Menschen sehr gefährlich. Im Buch „Verschwörungsmythen“ erzähle ich beispielsweise die Geschichte des Freiburger Philosophen Martin Heidegger, der zunächst Theologie studierte, dann aber über die Fokussierung auf den „Antichristen“ seinen Glauben verlor. Er wurde ein bedeutender Philosoph, aber auch ein glühender Anhänger von Adolf Hitler und ein Antisemit. Jeder gebildete Mensch, egal welcher Religion oder Weltanschauung, sollte dieses warnende Beispiel kennen.

Wie bedienen sich bestimmte Gruppierungen mit Verschwörungsmythen, um ihre Antisemitismus zu begründen? Und wie können wir diesem entgegenwirken?

Der Noahsohn Sem – bekannt aus Bibel und Koran – war nach jüdischer Überlieferung der erste Begründer einer Schule in Alphabetschrift. Deswegen waren die Juden überdurchschnittlich gebildet und erringen auch heute noch weit mehr Nobelpreise als ihr Bevölkerungsanteil. Nach dem Judentum basieren aber auch alle anderen abrahamitischen und semitischen Religionen auf Heiligen Schriften in Alphabetschriften. Starke Menschen nehmen sich ein Beispiel, streben Bildung und Dialog an. Aber schwache Menschen verlieren sich in Neid, Rassismus und Verschwörungsmythen und beschuldigen Juden, Frauen, Intellektuelle und Ärzte der Weltverschwörung. Deswegen bedroht der Verschwörungsglauben heute alle Gesellschaften. Antisemiten zerstören immer auch die eigene Kultur und sich selbst.

Was kann man unter dem Stichwort „Wehrhafte Demokratie“ gegen die radikalen Gruppen, die unter dem Vorwand der „Meinungsfreiheit“ Hassgefühle und Menschenfeindlichkeit schüren, tun?

Wir können uns selbst bilden und Hass durch Wissen ersetzen. Wir können darauf achten, selbst mehr positive Beiträge zu posten, mehr zu lesen, mehr Ruhe auszustrahlen. Dann können wir anderen beistehen, die angegriffen werden. Und schließlich können wir Firmen wie Facebook boykottieren, die zu wenig gegen den Hass im Internet tun. Am Ende werden die Mächte des Hasses großen Schaden angerichtet haben, aber nicht siegreich sein.

Unter den hiesigen Muslimen ist der Antisemitismus nicht selten betrieben, sogar in einigen Moscheen wird es in Predigten direkt oder indirekt ausgesprochen. Woraus resultiert diese Einstellung?

Durch das lange Verbot des Buchdrucks blieb die islamische Bildung zurück, es entstanden auch kaum Zeitungen. In der Geschichtserzählung vieler Muslime waren sie gerade noch Welteroberer und plötzlich wurden sie erobert und gedemütigt. Antisemitische Verschwörungsmythen wurden nicht nur aus den eigenen Traditionen geschöpft, sondern – wie die Fälschung der sogenannten „Protokolle der Weisen von Zion“ – auch vom Westen übernommen. Heute lähmt und zerstört der Antisemitismus die islamische Welt, wie er ja zuvor auch Europa befallen hatte. Es ist ein Gift des Denkens und des Herzens und es führt die Menschen vom Gottvertrauen und von der Bildung weg.

Wie kann im präventiven und innermuslimischen Sinne gegen diese Fehlentwicklung und Gesinnung vorgegangen werden? Was würdest du den Muslimen empfehlen?

Bildung, Dialog, Begegnung. Gott prüft uns alle, aber keine Religion empfiehlt Neid, Hass und den Glauben an die Weltherrschaft des Bösen. Antisemitismus und Rassismus schaden dem Islam, wie sie auch dem Christentum geschadet haben. Wir sind allesamt Menschen in einer Arche und müssten die Zukunft unserer Kinder und Enkel vor dem Klimawandel beschützten. Hass, Gewalt und Ignoranz schaden der gesamten Menschheit.

Wie können wir gemeinsam aktiv gegen jede Form von Diskriminierung, Antisemitismus und Rassismus sowie für den Schutz der davon betroffenen Menschen eintreten?

Durch Dialog und Bildung. Du hast, auch wenn es sicher nicht immer leicht war, „Islam in der Krise“ gelesen und daraus Schlüsse gezogen. Du hast also Dein eigenes Nafs zurückgestellt, um Wissen zu erwerben. Wir brauchen diese Art von Heldentum – auf allen Seiten.

Was können die bekenntnisorientierten theologischen Studiengänge in Deutschland zur Bewältigung der Krise des Islams im globalen Rahmen beitragen?

Forschung und Lehre der deutsch-islamischen Theologie haben vielerorts bereits ein hohes Niveau erreicht. Allerdings gibt es für Absolventinnen und Absolventen der islamischen Theologie noch zu wenig Arbeitsstellen, die nicht aus dem Ausland finanziert werden. Eine islamische Kultussteuer, aus der in Zukunft islamische Gelehrte ebenso besoldet werden können wie bereits jetzt Pfarrerinnen und Rabbiner – das wäre großartig.

 

*Schlagzeilebild Copyright „Loges&Langen“