Was in der Türkei passiert, ist eigentlich ein Teil der allmählichen Transformation in der islamischen Welt in den letzten 50 Jahren. Das jüngste markante Beispiel ist die Wiedereroberung der Macht durch die Taliban in Afghanistan. Wie der Name schon sagt, sind die Taliban (die Pluralform des arabischen Wortes Talib, das Schüler oder Suchender bedeutet) eine Organisation, deren Administratoren mehrheitlich in Medressen ausgebildet wurden. Unter der Herrschaft der Taliban waren die Ulema (Gelehrten) mehr als nur ein Verbündeter des Staates. Sie sagten „Wir sind der Staat“, indem sie die Legislative, die Exekutive und die Judikative unter ihre Kontrolle brachten.

Unter den weltweit fünfzig Staaten mit muslimischer Mehrheitsbevölkerung hat die Türkei am meisten Erfahrung als säkularer Staat, während Afghanistan (mit dem Iran) zurzeit die stärkste theokratische Erfahrung hat. In vielen anderen muslimischen Ländern gibt es unterschiedliche Arten dieses Wechselverhältnisses von Ulema und Staat. Was diese verschiedenen Allianzen jedoch alle vereint, ist die Hemmung von Demokratisierungs- und Entwicklungsbemühungen.

Weder Islam noch westlicher Kolonialismus

45 Länder von den 50 Ländern mit muslimischer Mehrheitsbevölkerung haben ein autoritäres Regime und sind nur 5 „Wahldemokratien“, das heißt repräsentative Demokratien mit fairen und freien Wahlen. Zudem weisen diese Länder im Vergleich zum globalen Durchschnitt einen geringeren Grad an Entwicklung im Hinblick auf sozioökonomische Kriterien wie das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, Lebenserwartung und Schulzeit auf. So sind viele muslimische Länder in einem Teufelskreis von Autoritarismus und Unterentwicklung verstrickt.

Angesichts des sozioökonomischen und wissenschaftlichen Fortschritts der ersten Jahrhunderte in der islamischen Geschichte ist die heutige Unterentwicklung muslimischer Länder schwer zu verstehen. Im Vergleich zum Westeuropa war die muslimische Welt zwischen dem 8. und 11. Jahrhundert viel fortschrittlicher: So befanden sich viele der größten Städte und der einflussreichsten und führenden Philosophen dieser Zeit innerhalb der muslimischen Welt. Westeuropa hatte weder einen Philosophen wie Avicenna, noch eine Stadt wie Bagdad und noch eine Währung wie die damalige abbasidische Währung Dinar.

Wie lässt sich denn nun die Kluft zwischen der frühen Blüte und ihrer gegenwärtigen Krise erklären? Es gibt zwei gängige Erklärungen. Für die einen liegt das Problem beim Islam, für die anderen beim westlichen Kolonialismus. Aber beides sind unvollständige und sogar irreführende Erklärungen.

Den Islam an sich als Erklärung für diese Lücke herzunehmen, übersieht die wissenschaftlichen und sozioökonomischen Errungenschaften der frühen Geschichte. Muslimische Gesellschaften waren sehr dynamisch und es gab eine Vielzahl intellektueller und wirtschaftlicher Akteure, die ein philosophisches und ökonomisches goldenes Zeitalter etablierten. Muslimische Universalgelehrte verfassten wegweisende wissenschaftliche Beiträge in Mathematik, Optik und Medizin. Es waren Muslime, die den Europäern bestimmte Finanzinstrumente aufzeigten und die Herstellung von Papier initiierten.

Den Kolonialismus des Westens als Erklärung für diese Lücke herzunehmen, zeigt sich auch als problematisch. Die wissenschaftliche und wirtschaftliche Stagnation innerhalb der muslimischen Welt begann bereits vor der großflächigen Kolonialisierung im 18. Jahrhundert. Des Weiteren zeigen die Entwicklungs- und Demokratisierungsprozesse in verschiedenen postkolonialen, nicht-muslimischen Ländern in Asien und Lateinamerika, dass Fortschritt auch trotz kolonialer Vergangenheit möglich ist.

Die Allianz zwischen Ulema und Staat

Die Hauptursache dieses Teufelskreises von Autoritarismus und Unterentwicklung in den muslimischen Gesellschaften ist das, was ich in meinem Buch „Islam, Autoritarismus und Unterentwicklung“ als die „Allianz zwischen Ulema und Staat“ bezeichne.

Zwischen dem 8. und 11. Jahrhundert kooperierten Muslime, die zu unterschiedlichen theologischen Schulen gehörten, mit Christen, Juden und anderen zusammen und etablierten so das goldene Zeitalter. In dieser Zeit gab es bis zu einem gewissen Grad eine Trennung zwischen dem Staat und der Ulema. Die überwiegende Mehrheit der Ulema arbeitete nämlich im privaten Handel. Diese historische Tatsache widerlegt das weitverbreitete Klischee, dass der Islam an sich die Trennung von Religion und Staat ablehnt.

Jedoch kam ab Mitte des 11. Jahrhunderts die Allianz zwischen Ulema und Staat zum Vorschein. Dadurch wurden unabhängige Denker und Unternehmer Schritt für Schritt an den Rand gedrängt und all das führte zur intellektuellen und wirtschaftlichen Stagnation der muslimischen Welt. Während des 19. Jahrhunderts haben reformorientierte Herrscher im osmanischen Reich und in Ägypten diese Allianz mit den Ulema geschwächt. Im frühen 20. Jahrhundert jedoch waren beinahe alle Staatsoberhäupter der muslimischen Welt säkular orientiert. Diese reformistischen und säkularen Machthaber hatten aber ein gemeinsames Problem: sie waren zu staatszentriert. Anstatt die Etablierung von dynamischen intellektuellen und wirtschaftlichen Akteuren voranzutreiben, dehnten sie den Machtbereich des Militärs und der zivilen Bürokraten über die Politik und Wirtschaft aus.

Die verfehlten Maßnahmen der säkularen Machthaber verhalfen schließlich den Ulema und den Islamisten seit den 1970er-Jahren zum Aufstieg. Seit einem halben Jahrhundert erleben viele muslimische Länder wie Iran, Pakistan, Ägypten und Türkei die Islamisierung als soziales, politisches und legislatives Projekt. Dies hat zudem zur Wiederbelebung dieser Allianz geführt.

Erdöl hat die Allianz zwischen Ulema und Staat noch befördert

Nach der Erdölkrise 1973 haben vor allem die Golfstaaten begonnen, Allianzen zwischen Ulema und Staat zu Hause und islamistische Bewegungen im Ausland zu fördern. Viele Staaten, in denen solche Ulema-Staat-Allianzen bestehen, haben Blasphemie und Apostasie-Gesetze erlassen, die abweichende Meinungen im Zusammenhang mit religiösen und politischen Anschauungen unter Strafe stellen. Zudem wenden sie auch restriktive und ineffiziente Methoden in der Wirtschaftspolitik an: So ist beispielsweise die Beschlagnahmung von Privateigentum ein sehr verbreitetes Instrument, um einerseits die Wirtschaft zu kontrollieren und andererseits die Opposition zu bestrafen.

Wie kann man im Anbetracht dieser dauerhaft anhaltenden Strukturen die Zukunft umgestalten? In einem kürzlich veröffentlichten Bericht argumentiere ich dahingehend, dass das Abbauen dieser Ulema-Staat-Allianz und die Umstrukturierung der (Volks-)Wirtschaft entscheidende Faktoren sind, um Entwicklungs- und Demokratisierungsprozesse voranzutreiben.

Eine Reform ist notwendig und unabwendbar

Muslimische Gesellschaften sollten auf der diskursiven Ebene jahrhundertealte Anti-Intellektualismen und die Kontrolle des Staates über die Wirtschaft infrage stellen, anstatt ausschließlich den Islam an sich oder den westlichen Kolonialismus dafür verantwortlich zu machen. Nur durch kritische Selbstreflexion können muslimische Gesellschaften sich mit ihren politischen und sozioökonomischen Problemen auseinandersetzen. So wie es auch im Koran heißt: „Gott verändert die Lage eines Volkes nicht, ehe sie nicht das ändern, was in ihren Seelen ist.“ (Der Koran, 13:11)

Auf der institutionellen Ebene brauchen muslimische Gesellschaften ein offenes, leistungs- und wettbewerbsorientiertes System, in dem politische, religiöse, intellektuelle und wirtschaftliche Akteure, unabhängig voneinander handeln können. Damit aber solche Reformen durchgesetzt werden können, braucht es die institutionalisierte Trennung von Staat und Religion. Ein Blick in die frühe Geschichte des Islams zeigt, dass es bereits eine gewisse Trennung von staatlichen und religiösen Autoritäten gab und somit der Islam an sich dem nicht entgegensteht.

Es braucht aber auch Reformen der Meinungs- und Gedankenfreiheit: So müssen beispielsweise Blasphemie- und Apostasie-Gesetze abgeschafft werden. Es braucht auch einen besseren Schutz des Privateigentums, um staatliche Beschlagnahmungen zu vermeiden. Es gibt zudem einen starken wirtschaftlichen Anreiz für Reformen. Die Erdöleinnahmen, die die Ulema-Staat-Allianzen finanziert und unterstützt haben, gehen aufgrund der Erschöpfung der Reserven und des Umstieges auf erneuerbaren Energien langsam aus. Um in der Post-Erdöl-Ära zu bestehen, werden viele muslimische Länder wirtschaftliche Transformationsprozesse durchlaufen müssen.

Eine Neuinterpretation der Geschichte ist wichtig, um solche Reformen zu ermöglichen. Diese Allianz zwischen Ulema und Staat, die ein Hauptgrund für die Stagnation der muslimischen Welt ist, hat nämlich tiefe geschichtliche Wurzeln. Nichtsdestotrotz gab es in der muslimischen Geschichte aber auch Erfahrungen mit grundlegenden Paradigmenwechseln, die zukünftige Reformen im Zusammenhang mit dem Verhältnis zwischen Staat und Religion und der Wirtschaft inspirieren können.

Ahmet Kuru ist Professor für Politikwissenschaft an der San Diego State University.

Der Artikel wurde vom islam-aktuell.de ins Deutsche übersetzt. Er erschien zuerst auf Englisch auf „The New Arab“.

 

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