Wie und in welche Richtung wird sich das menschliche Leben in den nächsten 50 Jahren verändern? Realistisch einschätzbar ist es, wenn man u.a. die immense Entwicklung der Technologie in Betracht zieht. Unabhängig davon werden anscheinend die Grundprobleme der Menschheit bezüglich der Demokratie, Diktatur, Gerechtigkeit, Freiheit und Menschrechte gleichbleiben. Ein neuer Roman gibt uns spannende und beängstigende Einblicke in mögliche Vernetzungen und Entwicklungen.

Erik D. Schulz ist ein Schriftsteller und Arzt aus Berlin. Vor etwa zwei Jahren hatte er seinen Roman „Der Weizen gedeiht im Süden“ über die möglichen Folgen eines Atomkriegs in Europa veröffentlicht, worüber ich eine Rezension verfassen durfte. Und nun kam sein Roman über die möglichen Folgen der künstlichen Intelligenz auf den Markt. Er sagte mir, dass deren Folgen noch verheerender sein können als die eines Atomkrieges. Sein KI-Thriller „Weltmacht ohne Menschen“ (Delfy International Publishing) ist eigentlich ein Sciencefiction Roman, aber die Geschehnisse werden sehr realitätsnah beschrieben.

Schulz erzählt hier über einen Konzern, der mithilfe einer Superintelligenz unaufhaltsam nach der Weltherrschaft strebt. Unerwartet zerstört ein Sonnensturm das ganze Internetnetzwerk. Durch diese Naturkatastrophe werden die Pläne des Konzerns behindert. Aber er ist auf dem Weg, durch die Superintelligenz Daguo die Weltzügel in die Hand zu nehmen. Doch es gibt für die Menschheit noch eine einzige Chance vor der Katastrophe bewahrt zu werden. Die Wissenschaftler Philip Rogge und Friedrich Cannavale sollen um jeden Preis die Machtübernahme verhindern. Wenn dies klappen würde, wäre es ein Glück im Unglück. Denn die Zukunft der Menschheit hängt davon ab.

Der Roman spielt im Zeitraum vom 12. Juni 2075 bis zum 10. August 2075 ab. Da sich die Technologie der Künstlichen Intelligenz so rasant entwickelt, sind etwa in fünf Jahrzehnten solche Geschehnisse vorstellbar. Obwohl der Begriff „Weltherrschaft“ sich etwas wie ein Verschwörungsmythos anhört, gehen die Entwicklungen im Bereich der sozialen Medien und künstlichen Intelligenz in diese Richtung. Die reale Globalisierung kann sich zu einem gut funktionierten Überwachungsstaat und dann zu einer Diktatur wandeln. Theoretisch ist das möglich.

Daguo verfügt über die wichtigsten Komponenten einer Weltherrschaft wie die Kontrolle der Wirtschaft, der Medien und schließlich der Politik; und zwar mit dem Anspruch, in eine glücklichere Welt zu führen. Dieses Ziel soll strenge Regeln legitimieren. Wer sich nicht an sie hält, wird „bestraft oder liquidiert“. Der Konzern möchte „das zerrüttete System der Demokratie“ durch eine Herrschaft der Kompetenz und des Geistes, nämlich eine „Gelehrtenrepublik“ ersetzen. Die Gespräche zwischen Rogge und Carlo über die Demokratie und Diktatur sind daher so aktuell, als ob sie heute darüber diskutieren würden.

Der Hauptprotagonist (Dr. Rogge als Ich-Erzähler) leidet seit Jahren im Medical Care Centre (MCC) an Unterforderung. Er befindet sich laut Zeitungsberichten inmitten von Katastrophen: ein hochansteckendes Supervirus und ein Sonnensturm, der das Erdmagnetfeld beeinflusst und extreme Auswirkungen hat, bedrohen die Welt.

Die globale Krise in der Welt

Durch den Sonnensturm entsteht weltweit eine apokalyptische Atmosphäre. Das ganze System, das komplett digitalisiert ist, wird dadurch stillgelegt: Elektrische Busse und Autos stehen in Straßen kreuz und quer, dutzende Autounfälle, fahrerlose Autos, Mikrodrohnen reagieren nicht mehr, Fahrstühle, Beleuchtung und Klimaanlagen in Wolkenkratzern haben ihren Dienst quittiert, Geschäfte und Bars sind dunkel, das Internet ist überlastet, ohne Strom fließt auch kein Wasser und keine Rettungsfahrzeuge. Mit den Linsen und 7-Sense, die das Smartphone ersetzt haben, kommt man nicht mehr weiter. Die Roboter wie Androiden in Einrichtungen sind nicht mehr kontrollierbar und handeln willkürlich. Internet und Citydrive sind offline. Krankenhäuser sind voll mit Patienten, die schnell behandelt werden müssen.

Neben dem „Flexpaper“, einem elektronischen Papier ähnlich wie Aluminiumfolie, das vor Jahrzehnten die Tablets abgelöst hat und später von den Linsen und dem 7-Sense ersetzt worden ist, ist das Radio auch immer noch unverzichtbar. Denn in einer Blackout-Zeit dient es als wichtigste Nachrichtenquelle wie das „Radio Teborlis“, in dem ein Roboter spricht: „Es ist neun Uhr. Die Nachrichten. Weltweit ist es in der Nacht zu einem folgenschweren Stromausfall gekommen. Landesweit gibt es schwere Beeinträchtigungen. Millionen Menschen blieben in Fahrstühlen, Zügen, Hyperloops und Tubes stecken. Der Straßenverkehr ist fast vollständig zum Erliegen gekommen und der Betrieb des Teborlis International Airport ist beeinträchtigt. Krankenhäuser, Geschäfte und öffentliche Einrichtungen mussten Notstromaggregate aktivieren oder auf Inselnetze umstellen. Experten vermuten einen Zusammenhang mit den Polarlichtern…“

Den Nachrichten schließen sich Reportagen an, welche die spärlichen Infos aus aller Welt bündeln. Bei Paris war es zu einem Zusammenstoß von Hochgeschwindigkeitszügen gekommen. Über London waren zwei Flugzeuge abgestürzt, die in der Dunkelheit keine GPS-Daten mehr empfangen hatten. (…) Die Cholera-Seuche in London, Köln und Paris verbreitet sich. Plünderungen überall.

Die Epidemie durch die Cholera verläuft also weiter ungebremst, auch die Folgen des Blackouts sind noch nicht überwunden. Die Zahl der Opfer ist weltweit auf über zwanzig Millionen gestiegen. „Die Karten werden gerade neu gemischt, was Wirtschaft, Technologie, Politik und Macht angeht.“ Die Welt wird wieder durch „Militärschläge, hocheffiziente Computerviren und Krieg“ bedroht. Auch in Zukunft wird die Menschheit öfter mit den machtanstrebenden Figuren wie Putin und Musk zu tun haben.

Fast alle Umstände geben Grund für einen puren Pessimismus. Aber die Hoffnung stirbt ja zuletzt. Rogge erkennt, dass in einem Teil der Stadt einiges funktioniert. Das gab ihm Zuversicht, dass der Stromausfall dich nicht das ganze Land ins Chaos gestürzt hat. Ein Fünkchen Optimismus muss den verbreiteten Pessimismus besiegen.

In diesem hoffnungslosen Zustand berichtet Friedrich von einem großen KI-Projekt, an dem insgesamt fünf Wissenschaftler an einer Superintelligenz forschen und einen Durchbruch erzielen. „Die Intelligenz jeder modernen KI liegt derzeit unter dem Niveau des Menschen. (…) Man kann allerdings ein System auch dazu bringen, sich selbst zu optimieren. Irgendwann gibt es dann einen Takeoff, einen Startpunkt, von dem aus die Intelligenz ohne unsere Mithilfe rasch weiter ansteigt. Sie explodiert regelrecht und übersteigt schließlich das Niveau der gesamten Menschheit.“

Wenn die Medien von Daguo kontrolliert werden, wird es noch gefährlicher. Denn Daguo ist schlauer als alle Menschen zusammen vom Anbeginn der Zeit. Dagegen entwickeln Friedrich und sein Co. eine neue Superintelligenz namens Omniscient, die alles kann, was Daguo kann: „Strategisch denken, Macht gewinnen, Reichtum schaffen“.

Im fünfköpfigen Team von Friedrich taucht aber ein ernstes Problem auf: Einer von ihnen, nämlich Carlo, könnte Spion sein. Deswegen müssen sie Code und Software so entwickeln, dass sie nicht in seine Hände gelangen. Der Kampf zwischen Carlo und anderen Mitstreitern wird so spannend wie in einem Actionfilm.

Im Gegensatz zu Daguo wird Omniscient als „Retter der Welt“ wahrgenommen und sein Algorithmus dementsprechend entwickelt. Er soll durch seine überragende Intelligenz den Willen aller Menschen extrapolieren. Seine Ziele stellt er selbst dar: „Die Optimierung von Glück, Gesundheit, Freiheit und Gerechtigkeit in einer sicheren Umwelt und im Einklang mit der Natur.“ Wenn Daguo auch die gleichen Ziele hat, wo liegt dann das Problem? Gegen Ende des Romans führt der Autor den Unterschied zwischen beiden Akteuren anhand der konkreten Beispiele vor Augen. „Ich werde mich nie in einen Alleinherrscher verwandeln“, so Omniscient und weiter: „Ich schwöre, dass ich immer Ziele verwirklichen werde, die allen Menschen zugutekommen und niemanden schaden werden.“ Selbstbewusst äußert er sich, um alle Probleme des Universums zu lösen.

Kritik an die unverantwortlich entwickelte Technologie

Der Autor verrät auch die immensen Gefahren einer Superintelligenz: „Seit Jahrzehnten macht die Robotik große Fortschritte. Alles wird sicherer: Autonome Fahrzeuge, Haushaltshilfen, künstliche Cops und die verdammten autonomen Waffen. Und wir schließen daraus, je klüger eine KI ist, desto weniger Schaden kann sie anrichten.“ (…) „In Wirklichkeit ist es aber genau andersherum. Je klüger ein System wird, desto größer ist die Gefahr, dass wir ihm ins offene Messer laufen.“ Eine offene, realistische Kritik an den technologischen Fortschritten, die für den eigenen Nutzen missbraucht werden. Aber es gibt auch viele Vorteile dieser Technologie wie die Roboter Georg und Hippokrates… Hippokrates operiert im MCC mit höchster Präzision und wird nie müde.

Wenn es um die künstliche Intelligenz geht, hat man es mit vielen Namen von Robotern und anderen Geräten zu tun. Als Leser ohne fachspezifische Vorkenntnisse ist man an manchen Stellen verunsichert, wovon die Rede ist, ob von Androiden bzw. Roboter oder elektronischen Gegenständen? Einige Bezeichnungen könnte man im Buch mit einem kleinen Glossar verständlicher machen.

Der gelungene, aber schlussoffene Roman bietet viele Anregungen über mögliche gesellschaftliche Fehlentwicklungen, die wir nur verhindern können, wenn wir jetzt schon im pädagogischen und politischen Sinne Gegenmaßnahmen treffen. Die pluralistisch- partizipatorische Demokratie und die funktionierende Rechtsstaatlichkeit stehen auf dem Prüfstand!

Muhammet Mertek

 474 total views,  1 views today