Der Koran äußert sich ganz unterschiedlich über Juden und Christen, teils positiv und teils negativ. In seinen Versen vermittelt er bestimmte Konzepte, die vorgeben, wie sich die Muslime Juden und Christen gegenüber zu verhalten haben. An vielen Stellen werden fromme Christen und Juden gelobt, während die Sünder unter ihnen verurteilt werden. Diesem Thema möchte ich mich im Folgenden eingehend widmen. Außerdem soll diskutiert werden, welche Behandlung der Prophet Muhammad, islamische Denker wie Said Nursi und die Autoritäten der islamischen Zivilisationen vom Mittelalter bis zum Ende des Osmanischen Reiches Christen und Juden im Alltagsleben angedeihen ließen.

Christliche und jüdische Schriften

Die islamische Theologie ist streng monotheistisch. Christliche Lehren wie die der Dreifaltigkeit oder der Auferstehung Jesu, die anzudeuten scheinen, dass Gott nicht allein ist, sondern Partner oder Teilhaber hat, lehnt der Koran strikt ab. Jesus selbst hingegen wird im Koran stets gepriesen und als Symbol der Barmherzigkeit oder als Vorbild bezeichnet. An keiner Stelle wird er oder irgendein anderer Prophet kritisiert. Auch Moses, der im Koran über hundert Mal erwähnt wird, genießt die Wertschätzung Gottes.

Der Koran erhebt nicht den Anspruch, die ihm vorangegangenen Schriften zu ersetzen; vielmehr ist er als eine Vervollständigung der Offenbarungen der anderen Propheten zu verstehen. Er stellt Abschluss und Höhepunkt der Geschichte der göttlichen Offenbarung dar, der Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament, unter anderem von Abraham, Moses, Noah und Jesus. Vers 61:6 ist ein Beispiel dafür, wie der Koran die Gültigkeit der jüdischen und christlichen Schriften bestätigt:

Und Jesus, der Sohn der Maria, sagte: „O ihr Kinder Israels! Ich bin der Gesandte, den Gott zu euch geschickt hat und der die Thora bestätigt, die vor mit offenbart wurde.“

Was der Koran über die ‚Buchbesitzer‘ lehrt

Im Koran werden Juden und Christen als die Ahl al-Kitab bezeichnet – die Buchbesitzer, wörtlich übersetzt: die Leute der Schrift. Der Koran beurteilt diese Buchbesitzer differenziert. In vielen Versen betont er, dass es sowohl Sünder als auch Rechtschaffene unter ihnen gibt.

Dort, wo der Koran die Buchbesitzer kritisiert, macht er in der Regel deutlich, dass seine Kritik nur denjenigen gilt, die sich nicht an die gemeinsame Botschaft aller Propheten – die Einheit Gottes, den Tawhid – halten:

Diejenigen, die sich hartnäckig weigern, zu glauben unter den Besitzern des Buches und den Götzenanbetern, würden nicht bereit sein, sich abzuwenden, ehe der klare Beweis zu ihnen kommt. Wahrlich, diejenigen, die am Unglauben festhalten – unter den Besitzern des Buches und unter den Götzenanbetern -, werden im Höllenfeuer sein, dort werden sie verweilen. (98:1, 6)

Und einige Verse, die die Buchbesitzer kritisieren, ohne einen Unterschied zwischen ihnen zu machen, lassen unterschiedliche Interpretationen zu. In Vers 5:55 etwa heißt es:

O ihr, die ihr glaubt! Nehmt euch nicht die Juden und die Christen (die den Muslimen gegenüber feindselig sind) zu Beschützern und Vertrauten (in ihrem Judentum und Christentum). Einige von ihnen sind Beschützer und Vertraute mancher anderer. Wer immer von euch sie zu Beschützern und Vertrauten nimmt, wird schließlich zu einem von ihnen (und wird im Jenseits zu ihnen gezählt werden). Wahrlich, Gott leitet nicht solche, die Unrecht tun. (5:51)

Said Nursi war der Auffassung, die Adressaten dieses Verses könnten bestimmte Gruppen von Juden und Christen gewesen sein, die Verrat an der damals gültigen Verfassung von Medina geübt hatten. Nursi wies darauf hin, dass zu Lebzeiten des Propheten ausschließlich die Religionszugehörigkeit darüber entschied, ob man jemanden liebte oder hasste; folglich hätten enge Beziehungen zu Nichtmuslimen als heuchlerisch gegolten. Da sich die Grundlage für Freundschaften inzwischen aber verändert habe, stelle Heuchelei in dieser Hinsicht heute kein Problem mehr dar.

Ein weiterer Grund, warum solche Verse eher großzügig als wortwörtlich interpretiert werden sollten, liegt darin, dass einige in ihnen verwendete arabische Wörter mehrere Bedeutungen tragen. Im Vers oben zum Beispiel kann Wali – Beschützer und Vertrauter – auch mit ‚Freund‘ übersetzt werden. Ob sich Muslime Juden und Christen nicht zu Freunden machen sollen oder nicht zu Beschützern und Vertrauten, macht einen großen Unterschied. In manchen Versen werden die Buchbesitzer als Kuffar (sing.: Kafir) bezeichnet, was entweder bedeutet: ‚diejenigen, die die Existenz Gottes leugnen‘ oder aber: ‚diejenigen, die die Prophetenschaft Muhammads leugnen‘. Nichtmuslime sind folglich nicht zwangsläufig Kuffar im ersten Sinne des Wortes.

Generell plädiert der Koran für Toleranz, Respekt und guten Willen gegenüber den Buchbesitzern. In Vers 60:8 etwa wird erklärt:

Gott verbietet euch nicht, zu denen, die keinen Krieg gegen euch führen aufgrund eurer Religion noch euch aus euren Häusern vertreiben, freundlich zu sein und in Gerechtigkeit gegen sie zu handeln. Gott liebt fürwahr die überaus Gerechten. (60:8)

Aber der Koran ruft nicht nur zu Toleranz auf, sondern lobt die Buchbesitzer auch. In Vers 21:7 beispielsweise bezeichnet er sie als diejenigen, die besonderes Wissen (über die Offenbarungen Gottes) besitzen (Ahl adh-Dhikr). An anderer Stelle heißt es:

(Doch) sie sind nicht alle gleich: Unter den Besitzern des Buches ist eine standhafte Gemeinschaft, die Gottes Offenbarungen die ganze Nacht lang vorträgt und sich (in Anbetung) niederwirft. Sie glauben an Gott und an den Jüngsten Tag und gebieten, was gut und recht ist, und setzen sich dafür ein und verbieten das Böse und versuchen, es zu vermeiden, und sie beeilen sich, Gutes zu tun, als ob sie miteinander wetteiferten. Und diese gehören zu den Rechtschaffenen. Und was immer sie an Gutem tun, soll ihnen gewiss nicht ungedankt bleiben. Und Gott kennt wohl die Gottesfürchtigen, Frommen. (3:113-115)

Hiermit erkennt der Koran an, dass die Buchbesitzer denselben Gott anbeten wie die Muslime. Diese Bestätigung einer gemeinsamen Basis zwischen Buchbesitzern und Muslimen wird auch in anderen Versen wiederholt:

O ihr Besitzer des Buches, kommt herbei zu einem Wort, das uns und euch gemeinsam ist, dass wir niemandem dienen außer Gott und dass wir Ihm keine Teilhaber zur Seite stellen und dass nicht die einen von uns die anderen zu Herren nehmen anstelle von Gott. (3:64)

Eine weitere wichtige Schlussfolgerung aus Vers 3:115 ist, dass auch die Buchbesitzer im Jenseits belohnt werden. An mehreren Stellen im Koran wird unterstrichen, dass diejenigen Buchbesitzer, die sich zum Tawhid bekennen, einst Glückseligkeit erlangen werden. Auch hier ein Beispiel:

Wahrlich, diejenigen, die glauben (die Muslime) oder die sich zum Judentum bekennen oder die Christen oder die Sabäer – wer auch immer an Gott und den Jüngsten Tag glaubt und Gutes, Rechtschaffenes tut, die haben gewiss ihren Lohn bei ihrem Herrn, und sie brauchen keine Angst zu haben, noch müssen sie traurig sein. (2:62)

Gelebte Toleranz

Der Prophet Muhammad schützte und verteidigte die Buchbesitzer. In einem von Al-Munawi überlieferten Hadith wird er mit den Worten zitiert: Wer einem Juden oder Christen Unrecht tut, dessen Ankläger werde ich am Tag des Jüngsten Gerichts sein. In einem von Al-Bayhaqi überlieferten Hadith sagt er: Wer einen Dhimmi [Nichtmuslim, der eine Schutzsteuer zahlt] verfolgt oder ihn seiner Rechte beraubt oder ihm eine Arbeit aufgehalst hat, die ihn überforderte, oder etwas von ihm ohne Erlaubnis genommen hat, über den werde ich am Tag der Auferstehung Beschwerde führen. Al-Bukhari berichtet davon, dass der Prophet auch kranken Juden Besuche abstattete. Einmal, als ein jüdischer Trauerzug an ihm vorüberging, habe er sich aus Respekt erhoben, und auf die Frage, warum er das tue, geantwortet: Handelt es sich hier etwa nicht um eine menschliche Seele?

Am Respekt, den der Prophet den Buchbesitzern entgegenbrachte, nahmen sich viele seiner Zeitgenossen ein Beispiel. Hizam ibn Hakim, einer seiner Gefährten, tadelte den Statthalter von Syrien, als er sah, wie dieser eine Gruppe von Gruppe von Christen in der heißen Sonne stehen ließ, weil sie ihre Steuern nicht gezahlt hatten.

Auch Said Nursi war ein Verfechter von Toleranz und bestätigte, dass Muslime und Nichtmuslime vor dem koranischen Recht gleich sind und dass jeder Mensch auf der Basis seiner ganz persönlichen Eigenschaften gelobt und geliebt werden sollte.

Dhimmi-Recht und Dschizya

Kurz nach der Hidschra (der Auswanderung des Propheten nach Medina) unterzeichnete der Prophet Muhammad einen Pakt mit den in Medina ansässigen Stämmen. Mit dieser Verfassung von Medina verfolgte er das Ziel, in einer Stadt, die von Jahrzehnten des Bürgerkriegs und Blutvergießens zerrissen war, eine friedliche pluralistische Gesellschaft zu formen. Nachdem einige jüdische Stämme jedoch gegen die Verfassung verstoßen und die Mekkaner gegen die Muslime unterstützt hatten, wurden die Juden schließlich vertrieben. Später schloss der Prophet mit den Juden von Khaybar einen neuen Vertrag, in dem die Zusammenarbeit wieder aufgenommen wurde.

Unter einer islamischen Regierung wurde das Dhimmi-Gesetz entwickelt, das den Buchbesitzern eine Kopfsteuer auferlegte: die Dschizya, die im Koran (9:29) sanktioniert wird. Im Gegenzug waren die Muslime für den Schutz der in ihrer Gesellschaft lebenden Buchbesitzer verantwortlich. Während der Regierungszeit des zweiten Kalifen Umar al-Khattab zahlte der Gouverneur von Homs (im heutigen Syrien) seinen christlichen Schutzbefohlenen einmal die Kopfsteuer zurück, als er erkannte, dass er sie nicht vor der byzantinischen Armee würde schützen können.

Die mit der Dschizya verbundene Politik war vergleichsweise fair. Die muslimische Obrigkeit verzichtete darauf, von Nichtmuslimen die Zakat (die vorgeschriebene Sozialabgabe) einzutreiben. Für Muslime hingegen war deren Entrichtung eine juristische und religiöse Pflicht. Darüber hinaus waren arme, blinde und alte Menschen, Bedienstete in religiösen Institutionen, Frauen und Kinder allesamt von der Dschizya befreit. Wer zahlen musste, aber nicht konnte, wurde schlimmstenfalls mit Freiheitsentzug bestraft, und wenn jemand gestorben war, ohne sie gezahlt zu haben, wurde dessen Schuld weder auf sein Erbe noch auf die Erben übertragen.

Interaktionen zwischen Muslimen und Buchbesitzern

Muslime, Juden und Christen besaßen im islamischen Mittelalter die Möglichkeit, regelmäßig und relativ frei zusammenzutreffen, und dadurch ergaben sich Freundschaften. So besuchte man zum Beispiel gemeinsam die öffentlichen Bäder, und auch Geschäftspartnerschaften zwischen Muslimen und Nichtmuslimen waren keine Seltenheit, wenngleich diese von manchen Autoritäten missbilligt wurden. Einige Muslime nahmen sogar an christlichen und jüdischen religiösen Feiern teil. Im Alltag boten sich Juden und Christen reichlich Gelegenheiten, die hierarchischen Hürden der islamischen Gesellschaft zu überwinden. Die Dhimmis genossen in intellektuellen Zirkeln (Madschalis) Akzeptanz und studierten gemeinsam mit den Muslimen an den Universitäten, vor allem während der ‚Renaissance des Islams‘ im kosmopolitischen Bagdad des 10. Jahrhunderts. Cohen schreibt, dass es in der arabischen Gesellschaft, gemessen an der Zahl der Juden insgesamt, überdurchschnittlich viele jüdische Ärzte gab. Sie stellten auch einen Großteil der Ärzte anderer Konfessionen, die in staatlichen Krankenhäusern arbeiteten, und waren in führenden Positionen an muslimischen Gerichtshöfen tätig.

In der frühen Abbasidenära pflegten muslimische und christliche Theologen häufig miteinander zu korrespondieren, per Brief oder auch in Debatten. Dabei ging es beiden Seiten in erster Linie offenbar darum, die Überlegenheit der eigenen Religion gegenüber der anderen zu beweisen; aber nichtsdestotrotz waren diese Dialoge konstruktiv und bedeutungsvoll.

Das Leben in Spanien (Al-Andalus) zwischen 711 und 1492 ist das Paradebeispiel für ein harmonisches Zusammenleben zwischen Muslimen, Juden und Christen. Juden und Christen beteiligten sich dort gern an den kulturellen Aktivitäten der Araber. Sie nahmen an Dichtwettbewerben teil und traten intellektuellen Zirkeln bei.

Im Jahr 1856 wurden allen Bürgern des Osmanischen Reichs volle gleiche Rechte zugestanden. Bürger aller Religionen konnten fortan in den Staatsdienst eintreten und sich an militärischen und staatlichen Schulen immatrikulieren.

Einschränkungen in den Beziehungen zwischen Muslimen und Dhimmis

Im 14. Jahrhundert gab der Jurist Ibn Qayyim al-Dschawziya eine Sammlung von allgemeinen islamischen Gesetzen für Dhimmis heraus. Dieses Werk, mit dem Titel Ahkam Ahl adh-Dhimma (Gesetze für die Schutzbefohlenen) erlangte großen Einfluss. Ibn al-Dschawziya stellte unter anderem fest, dass Muslime Nichtmuslimen bei Todesfällen ihr Beileid aussprechen oder ihnen zu Heirat, Geburt oder einer guten Gesundheit gratulieren dürfen, mit Ausnahme von Fällen, die den Grundprinzipien des Islams widersprechen.

In diversen Bereichen, zum Beispiel in puncto Eheschließung und Essensregeln, gibt der Koran den Muslimen ganz konkrete Handlungshinweise für den Umgang mit den Buchbesitzern:

Mit dem heutigen Tag sind euch alle reinen, gesunden Dinge erlaubt. Und die Speisen derjenigen, denen das Buch zuvor gegeben worden ist (einschließlich der Tiere, die sie selbst schlachten, selbstverständlich außer dem, worüber sie einen anderen Namen als den Gottes anrufen), sind euch erlaubt, und eure Speisen (einschließlich der Tiere, die ihr schlachtet) sind ihnen erlaubt. Und (erlaubt zur Ehe) sind euch die keuschen Frauen aus den Reihen der Gläubigen und die keuschen Frauen aus den Reihen jener, denen das Buch zuvor gegeben wurde, wenn ihr ihnen ihre Morgengabe gebt und sie im ernst gemeinten Ehebund zu euch nehmt, und nicht in unzüchtiger Absicht oder als geheime Geliebte. (Das sind die Vorschriften hinsichtlich eurer Beziehungen zu den Besitzern des Buches in dieser Welt. Doch bedenkt dieses) Wer immer den (wahren) Glauben verleugnet (und es ablehnt, den Weg Gottes, wie vom Glauben gefordert, zu befolgen), dessen gesamte Werke werden wertlos sein, und im Jenseits wird er zu den Verlierern gehören. (5:5)

Sunnitische Rechtsschulen genehmigten den Verzehr von Tieren, die von Buchbesitzern geschlachtet worden waren; und Muslime durften von Juden zubereitete Speisen essen, weil dies auch der Prophet Muhammad so gehandhabt hatte. Problematischer war es für Muslime, in christlichen Häusern zu essen, weil dort Schweinefleisch serviert werden konnte. Der schiitische Islam lehnte von Dhimmis zubereitete Speisen allerdings als unrein ab.

Vers 5:5 gestattet muslimischen Männern, Dhimmi-Frauen zu heiraten. Umgekehrt ist es Dhimmi-Männern jedoch untersagt, eine Muslimin zur Frau nehmen. Hinter dieser Regelung steckt der Gedanke, dass die Rechte der muslimischen Frau geschützt werden müssen; ein nichtmuslimischer Ehemann könnte sie mit Gewalt dazu zwingen, seine Religion anzunehmen. Wenn die Ehefrau eines jüdischen oder christlichen Mannes zum Islam konvertiert, wird die Ehe damit ungültig. Die Frau kann anschließend nur noch einen muslimischen Mann heiraten. Ein muslimischer Ehemann muss seiner nichtmuslimischen Frau im gemeinsamen Haushalt ermöglichen, ihre religiösen Rituale zu befolgen und ihre eigenen heiligen Schriften zu lesen. Er darf sie nicht dazu ermutigen, die Rituale ihrer Religion zu verletzen oder zum Beispiel (für Juden) den Sabbat zu missachten.

Fazit

Ein gründliches Studium des Korans lässt keinen anderen Schluss zu, als dass der Islam gegenüber Judentum und Christentum insgesamt tolerant ist. Er fordert die Muslime auf, die Schriften der Buchbesitzer als authentisch zu akzeptieren und ihnen das Recht auf eine freundschaftliche Behandlung zuzugestehen. Der Prophet Muhammad verkörperte diese Haltung in seiner Person, und im Laufe der Geschichte eiferten ihm viele einflussreiche Muslime nach. Als prominente Beispiele seien hier nur Said Nursi und Dschelaleddin Rumi genannt.

Weil die Welt der Gegenwart von Pluralismus und kultureller Vielfalt geprägt ist, ist es sehr, sehr wichtig, dass sich die Anhänger der verschiedenen Religionen gut verstehen und dass sie in Frieden und Harmonie zusammenleben. Muslime, Juden und Christen – sie alle sollten begreifen, dass der Islam für Toleranz eintritt und dass bedeutende muslimische Vorbilder diese Toleranz auf eindrucksvolle Weise vorgelebt haben. Wer einzelne Koranverse wie Vers 5:5, die auf den ersten Blick eine negative Botschaft zu vermitteln scheinen, aus dem Gesamtzusammenhang reißt und völlig isoliert betrachtet, braucht sich nicht zu wundern, wenn er Angst und Hass erntet. Stattdessen sollten die Anhänger der verschiedenen Religionen Gemeinsamkeiten und Berührungspunkte erkennen und sich klarmachen, dass sie einander Brüder und Schwestern sind. Unterschiedliche Standpunkte bei bestimmten Themen müssen nicht zu Zerwürfnissen führen; vielmehr können wir sie dazu nutzen, um voneinander zu lernen. Angesichts all der Konflikte, die im 20. und 21. Jahrhundert zwischen der islamischen und der westlichen Welt wüteten, mag diese Vision eines friedlichen Zusammenlebens der religiösen Gruppen als idealistisch anmuten. Aber wer sich einmal näher mit den Erfahrungen von Juden und Christen unter islamischer Herrschaft im Mittelalter oder Muslime im Westen der Gegenwart beschäftigt, wird sehr schnell erkennen, dass religiöser Pluralismus keine Utopie ist.

Literatur

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