Mekka

Mekka war die erste Station auf der Reise der Menschheit, die mit Adam, dem ersten Propheten, ihren Anfang nahm. Gleichzeitig war die Stadt die Amme des Propheten Muhammad, des letzten Gliedes in der Kette der Propheten. So besitzt sie das einzigartige Charakteristikum, Anfang und Ende miteinander zu verschmelzen.

In Mekka erbaute Adam den ersten Ort der Anbetung. Hier öffneten sich die Tore des Dienstes an Gott vor den Menschen, um bis zum Ende der Zeit geöffnet zu bleiben. Den Worten des Korans zufolge ist Mekka die Mutter aller Städte. (6:92) In ihre Richtung sollen die Augen beim Gebet gerichtet sein.

Adam und Eva, Stammvater und -mutter aller Menschen, fanden sich am Berg Arafat, der bis heute der Ort der Begegnung der Liebenden mit dem Geliebten geblieben ist.

Im Laufe der Geschichte musste Mekka zahlreiche Unwetter und Überschwemmungen überstehen. Immer wieder verloren ihre strahlend hellen Farben an Glanz. Doch jedes Mal fand sich auch eine helfende Hand, die sie wieder aufrichtete.

Mekka gilt als die Stadt der beantworteten Gebete. „Mein Herr!“, betete der Prophet Abraham einst zu Gott, „Verwandle mein brachliegendes Tal in ein Land der Sicherheit, und lass seine Bewohner, die an Dich und den Jüngsten Tag glauben, die Früchte der Erde ernten!“ Nicht zuletzt dank dieses Gebetes darf die Stadt Mekka inzwischen alljährlich Millionen von Besuchern begrüßen.

Abraham führte seine Frau Hadschar und seinen Sohn Ismael ins Tal von Becca, das vom Paran-Gebirge umschlossen ist. Später baute er dort mit Hilfe seines Sohnes und unter Anleitung des Erzengels Gabriel die Kaaba auf dem ursprünglichen Fundament Adams wieder auf. Mit reinen Absichten und aufrichtigen Schrittes wischten sie sich während der Arbeiten den Schweiß von der Stirn und beteten:

„Unser Herr, nimm von uns an; denn wahrlich, Du bist der Hörende, der Allwissende.

Und, unser Herr, mach uns Dir ergeben und aus unserer Nachkommenschaft eine Gemeinde, die Dir ergeben ist. Und zeige uns, wie wir Dich anbeten sollen, und wende uns Deine Gnade wieder zu; denn wahrlich, Du bist der gnädig Sich-wieder-Zuwendende, der Barmherzige.

Und, unser Herr, erwecke unter ihnen einen Gesandten aus ihrer Mitte, der ihnen Deine Worte verliest und sie das Buch und die Weisheit lehrt und sie läutert; denn wahrlich, Du bist der Allmächtige, der Weise.“

Gott, der Allmächtige, erhörte ihre Gebete und schickte der Menschheit – Jahrhunderte später – den letzten Seiner Gesandten. Auf Grund von Zerstörungen durch Überschwemmungen und natürliche Abnutzungserscheinungen im Laufe der Jahrhunderte musste die Kaaba im Laufe der Zeit einige Male restauriert werden, bevor sie schließlich ihrem wahren Meister übergeben werden konnte.

Muhammad war 25 Jahre alt, als eine neuerliche Instandsetzung der Kaaba erforderlich schien. Noch war er nicht mit dem Amt der Prophetenschaft betraut worden, noch hatte er nicht damit begonnen, die Menschen zur Wahrheit zu rufen. Die Handwerker standen bereit, ebenso wie die erforderlichen Materialien. Doch plötzlich brach unerwartet ein heftiger Disput aus. Auslöser war die Frage, wer den Schwarzen Stein, den Hadschar al-aswad, an seinen angestammten Platz zurücklegen durfte. Sämtliche Stämme beanspruchten diese Ehre für sich. Egoismus und Stolz der Stämme traten an die Stelle von gesundem Menschenverstand und Gemeinschaftssinn. Der üble Geruch einer Blutrache, die möglicherweise Jahrhunderte gewütet hätte, lag in der Luft. Doch Gott, der Allmächtige, ließ den Mekkanern an jenem Tag Seine Barmherzigkeit zuteil werden. So hatte einer von ihnen die rettende Idee: Derjenige, der als Erster zur Kaaba kommen würde, sollte als Schiedsrichter fungieren. Kurze Zeit später näherte sich Muhammad. Man erklärte ihm, was vorgefallen war, und er verlangte nach einem großen Tuch, das er auf dem Boden ausbreitete. Anschließend legte er den Schwarzen Stein in die Mitte des Tuches und forderte die Stämme auf, jeweils einen Vertreter zu benennen, der dann einen Zipfel des Tuches in die Hand nehmen sollte. So hoben sie den Stein gemeinsam an und trugen ihn zu seinem Bestimmungsort. Dort platzierte ihn Muhammad an seinen angestammten Platz. Es gibt keinen blinden Zufall im Universum. Gott hatte alle Umstände so arrangiert, dass der Schwarze Stein letztlich von seinem wahren Meister, dessen Botschaft schon bald die ganze Menschheit zum Glauben einladen sollte, zurückgelegt werden konnte.

Bald darauf begann sich die Offenbarung Gottes über die Stadt Mekka zu ergießen, aber dieser warme Regen währte nicht lange. Der Prophet wurde gezwungen, seine Seelenverwandte, die Kaaba, zu verlassen und sich auf den Weg nach Medina zu machen. Acht Jahre lang blieben sie getrennt; als er dann zurückkehrte und all jenen, die seine Rache und die Todesstrafe fürchteten, Gnade versprach, schlossen sich ihm auch diejenigen an, die ihn zuvor geächtet und vertrieben hatten. Fortan herrschte im Hidschaz Frieden.

Entgegen allen Erwartungen entschied sich der Prophet, auch weiterhin in Medina zu leben – ein Zeichen der Dankbarkeit und Loyalität gegenüber seinen Helfern dort. Von jener Zeit an machte sich Mekka als Stadt der Gelehrsamkeit und der Anbetung einen Namen, während Medina das Zentrum der Verwaltung blieb.

Die Kalifen Umar und später auch Uthman kauften die Häuser im direkten Umfeld der Kaaba auf, um der Anbetung Gottes mehr Platz einzuräumen. Die Dynastien der Umayyyaden und Abbasiden taten es ihnen gleich. Sie bauten die Heiligen Stätten aus, damit sie noch mehr Besucher aufnehmen konnten.

Als die Osmanen unter Sultan Selim I. (Yavuz) Ägypten eroberten, annektierten sie im Zuge dessen auch Mekka und Medina. Den osmanischen Sultanen waren die beiden Städte heilig. Sie förderten sie daher, wo immer es in ihrer Macht stand, und gründeten eine Vielzahl von Stiftungen, deren Aufgabe es war, die in Mekka und Medina anfallenden Aufgaben zu vereinheitlichen. So geht die Gründung zahlreicher Madrasas und anderer Institutionen oder auch der Bau jener Säulengänge, die die Kaaba wie eine Halskette zieren, auf die Osmanen zurück.

Die Stadt Medina wurde vor der Emigration (der Hidschra) des Propheten Muhammad Yathrib genannt. Sie hatte bereits in früheren Heiligen Schriften Erwähnung gefunden; und so fühlten sich viele Menschen auf der Suche nach der Wahrheit schon vor der Geburt Muhammads zu ihr hingezogen.

Nach dem Tod des Propheten behielt die Stadt Medina ihre zentrale administrative Position, bis die schwierigen Umstände den Kalifen Ali schließlich zwangen, die Hauptstadt nach Kufa zu verlegen.

Weil die Zahl der Besucher immer weiter anstieg, wurde die Prophetenmoschee im Laufe der Zeit immer wieder um- und ausgebaut. Größere Renovierungsarbeiten begannen unter dem Kalifen Umar ibn al-Khattab. Der Umayyadenkalif Umar ibn Abd al-Aziz erwarb später die Häuser in der näheren Umgebung der Moschee und ließ die Stätte der Anbetung erweitern. Die ersten baulichen Maßnahmen der Osmanen gehen auf das Jahr 1540 und die Herrschaftszeit Süleymans des Prächtigen zurück. Damals stellte die ägyptische Schatzkammer die finanziellen Mittel bereit, und die osmanischen Architekten bewiesen erstmals, über welch außerordentliche Fähigkeiten sie verfügten.

Medina gilt als die ‚Stadt der Liebenden‘. Bis zum heutigen Tage ist sie ein Zentrum der Gelehrsamkeit, der Kultur und der Anbetung geblieben. Niemand, der die Stadt einmal besucht hat, wird die heitere Gelassenheit, die sie ausstrahlt, je wieder vergessen.

Mekka und Medina wurden Zeugen der 23 Jahre währenden Phase der Offenbarung und des Zeitalters der Glückseligkeit. Noch heute sprechen sie die Pilger mit der gleichen wohlklingenden Stimme wie damals an und inspirieren sie, Gottes Botschaft für Seinen Gesandten mit allen Menschen zu teilen.

Quelle: Aksoy, Ömer Faruk (2007), Die heiligen Stätte des Islams: Mekka und Medina, Fontäne-Verlag/Offenbach

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