Die Nacht der Bestimmung, der Macht und des Maßes- eine Interpretation der Sure Al-Qadr, der 97. Sure des Korans

Diese aus 5 Versen bestehende 97. Sure des Korans bezieht ihren Namen aus dem Wort al-Qadr (Macht, Bestimmung, Maß, Wert), das direkt im ersten Vers verwendet wird. Sie widmet sich der Laylat al-Qadr (der Nacht der Bestimmung, der Macht und des Maßes), einer Nacht im dritten Drittel des gesegneten Monats Ramadan. Diese Nacht im Gedenken an Gott zu verbringen, verheißt den Gläubigen reichen Lohn.

Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen!
Wahrlich, Wir haben ihn (den Qur’an) herabgesandt in der Nacht von al-Qadr. Und was lehrt dich wissen, was die Nacht von al-Qadr ist? Die Nacht von al-Qadr ist besser als tausend Monate. In ihr steigen die Engel und Gabriel herab mit der Erlaubnis ihres Herrn zu jeglichem Geheiß. Frieden ist sie bis zum Anbruch der Morgenröte.
(97:1-5)

Jeder Körper und jedes Ereignis besitzt eine ewige Existenz im Wissen Gottes. Da Er weder Zeit noch Raum unterworfen ist, kennt Sein Wissen keine Unterteilung in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Für Gott bilden alle Zeiten lediglich einen Punkt. Für Ihn ist alles Gegenwart. Zu erschaffen bedeutet für Ihn, den ‚Archetypen‘ in Seinem Wissen eine äußere Existenz zu verleihen, die den Maßstäben der Welt, zu der sie gehören, angemessen ist und sich an ihnen orientiert. Gott hat festgelegt, dass die Körper und die Ereignisse in der materiellen Welt im Rahmen eines Prozesses ins Dasein treten.

Wenn Gott entscheidet, dass ein bestimmter Körper oder ein bestimmtes Ereignis ins Dasein tritt, schenkt er ihm eine eigene, ganz spezielle Identität. Die Vorherbestimmung transferiert den Körper oder das Ereignis dann von der Sphäre des Wissens in die Sphäre der Macht Gottes. Und die Macht Gottes erschafft ihn bzw. es dann nach den Maßgaben, die die Vorherbestimmung vorgegeben hat. (Wir sollten jedoch stets in Erinnerung behalten, dass alle Erklärungen in Bezug auf Gott nur aus unserer eigenen Perspektive heraus abgegeben werden können und allein unsere menschlichen Maßstäbe widerspiegeln.)

Für die Akte der Vorherbestimmung und der Macht Gottes muss daher jedes Jahr seine eigene Identität und Bedeutung haben. Dies gilt sowohl für die Historie des Universums als auch für die Historie der Menschheit. Und jedes Jahr wiederum verfügt über eine ganz besondere Nacht, in der jeder Körper und jedes Lebewesen, dem Gott eine Existenz verleihen möchte, und jedes Ereignis, dem beschieden wurde, in jenem Jahr stattzufinden, identifiziert oder spezifiziert wird und der Macht Gottes vom Wissen Gottes zur Verfügung gestellt wird. Wie aus anderen Versen zu diesem Thema (z.B. 2:185, wo es heißt, dass der Koran im Ramadan herab gesandt wurde) hervorgeht, ist diese Nacht die Nacht der Bestimmung, der Macht und des Maßes.

Der Monat Ramadan ist es, in dem der Qur’an als Rechtleitung für die Menschen herabgesandt worden ist und als klarer Beweis der Rechtleitung und der Unterscheidung. Wer also von euch in dem Monat zugegen ist, der soll in ihm fasten. Und wer krank ist oder sich auf einer Reise befindet, soll eine Anzahl anderer Tage (fasten) – Allah will es euch leicht, Er will es euch nicht schwer machen – damit ihr die Frist vollendet und Allah rühmt, dass Er euch geleitet hat. Vielleicht werdet ihr dankbar sein.

Der Koran wurde auf zwei unterschiedlichen Wegen herab gesandt – einerseits in seiner Gesamtheit, andererseits in Teilen. Korankommentatoren gehen davon aus, dass der Koran in seiner Gesamtheit von der Obersten Verwahrten Tafel zum Bayt al-Ma’mur bzw. zum Himmel der Welt gesandt wurde. Wie dieses Bayt (Haus) beschaffen ist, wissen wir nicht; und genauso wenig wissen wir, auf welche Art und Weise der Koran zu ihm bzw. zum Himmel der Welt gesandt werden konnte.

Im Lichte der Verse 44:1–6 wird jedoch Folgendes deutlich: Genauso wie jede andere Heilige Schrift mit ihrem ganz speziellen Wesen in ihrer Gesamtheit von der Vorherbestimmung im Wissen Gottes oder auf der Obersten Verwahrten Tafel identifiziert wurde oder in ihrer Gesamtheit von diesen Quellen übertragen wurde, wurde auch der Koran in seiner Gesamtheit in den gleichen Quellen identifiziert oder von ihnen übertragen; und zwar in der Nacht der Bestimmung, der Macht und des Maßes.

Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen!
Ha Mim. Bei dem deutlichen Buch! Wahrlich, Wir haben es in einer gesegneten Nacht herabgesandt – wahrlich, Wir haben damit gewarnt; in dieser (Nacht) wird jegliche weise Sache entschieden auf Grund Unseres Befehls. Wahrlich, Wir haben (Gesandte) geschickt als eine Barmherzigkeit von deinem Herrn; Er ist der Hörende, der Allwissende.
(44:1-6)

Die Verantwortung für alles, was im Universum geschieht, wurde den Engeln übertragen. Sie kümmern sich auch um das Leben der Lebewesen. Unter ihnen befinden sich einige, die mit der Aufgabe betraut wurden, Gottes Propheten Botschaften zu übermitteln. Hier sind vor allem Gabriel und seine Helfer zu nennen. Sie nehmen Befehle von Gott entgegen und führen sie aus. Mit Hilfe der Barmherzigkeit, Gnade und Sicherheit Gottes steigen sie in der Nacht der Bestimmung, der Macht und des Maßes zur Erde herab.

Was den Heiligen Geist betrifft, so dürfte es sich dabei um Gabriel oder ein anderes Engel-ähnliches Wesen handeln, das noch bedeutender als die Engel ist. Imam al-Ghazali zufolge ist der Heilige Geist ein Engel (oder ein Engel-ähnliches Wesen), der von Gott beauftragt wurde, die Seele in den Körper der Menschen zu geleiten. Said Nursi geht davon aus, dass jeder Körper und jedes Lebewesen von einem ganz bestimmten Engel repräsentiert wird. Insofern könnte der Heilige Geist ein Wesen sein, das für alle Seelen verantwortlich ist und Gott deren Gebete vorträgt. In der Nacht der Bestimmung, der Macht und des Maßes kommt er zur Erde herab, um allen Gläubigen, die in dieser Nacht wachen, Frieden, Energie und Freude einzuhauchen. (Gott weiß es am besten)

Ali Ünal

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