Professor Seyyed Hossein Nasr gilt weltweit als einer der führenden Experten für islamische Wissenschaft und Spiritualität. Er ist Professor für Islamwissenschaft an der George Washington University in Washington, D.C. und Autor zahlreicher Bücher. Auf Deutsch erschienen sind: Die Erkenntnis und das Heilige (1990) und Ideal und Wirklichkeit des Islam (1993).

Frage: Sie haben Mathematik, Physik, Geologie und Geophysik studiert. In welcher Weise profitieren Sie davon?

Lassen Sie mich beginnen, indem ich den Namen Gottes zitiere: Bismi’llah ar-Rahman ar-Rahim! Als junger Mensch hatte ich ein Talent für Naturwissenschaften und Mathematik. Um diese Fächer zu studieren, ging ich in die USA und erreichte dort in vielen landesweiten Prüfungen Bestnoten. So vermuteten alle, dass ich Wissenschaftler werden würde. Und in der Tat verspürte ich eine starke Liebe zur Wissenschaft und den dringenden Wunsch, die wahre Bedeutung der Natur zu verstehen. Daneben gefiel mir auch die Mathematik besonders gut. Deshalb besuchte ich das MIT (das Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, USA), das damals wie heute die führende wissenschaftliche Institution für technologische Forschung und Lehre war. Ich studierte Physik und Mathematik, konzentrierte mich aber auf die Physik. Schon bald allerdings wurde mir klar, dass sich die moderne Physik – nicht nur die Quantenmechanik, sondern auch schon die Newton’sche Physik – gar nicht mit der Natur der Dinge befasst. Vielmehr beschäftigt sie sich mit mathematischen Strukturen, die mit dem quantitativen Aspekt der Erscheinungen in Zusammenhang stehen. Ein Physikstudium wird Ihnen niemals die wahre Natur der Dinge enthüllen. So verlor ich das Interesse daran, Physiker zu werden. Nach Beendigung des Studiums der Mathematik und Physik kehrte ich dem MIT den Rücken, um in Harvard Geologie und Geophysik zu studieren; denn ich wollte gern auch eine deskriptive Wissenschaft kennenlernen. In all diesen Jahren widmete ich mich nebenbei parallel intensiv dem Studium der Philosophie. Die wissenschaftliche Disziplin im Denken, die ich mir während dieser Studienjahre erwarb, sollte mir später noch sehr zugute kommen: vor allem deshalb, weil mir bei aller Kritik, die ich in den letzten 50 Jahren an der modernen Wissenschaft geübt habe, niemand vorwerfen konnte, ich wüsste ja gar nicht, wovon ich spreche. Außerdem haben mir diese Studien eine gewisse geistige Stärke und – so hoffe ich zumindest – ein wenig Klarheit verliehen, die ich in meinen Schriften und Vorlesungen widerzuspiegeln versuche.

Frage: Die meisten Menschen sind der Auffassung, dass diese Fächer und Disziplinen keine gemeinsamen Berührungspunkte haben. Wie lautet Ihre Einschätzung?

Ich glaube, dass eine der größten Tragödien der westlichen Zivilisation nach dem Mittelalter die Zergliederung ist: die Isolierung und Abschottung der verschiedenen Wissensbereiche und der unterschiedlichen Formen des Wissens voneinander. Denn dies hat dazu geführt, dass heute nur wenige Sachverhalte wirklich zur Gänze bekannt und durchdrungen sind. Ich bin Professor an einer großen amerikanischen Universität und darf behaupten, meine Studenten zu kennen: Ihre Köpfe ähneln den Schubladen in einer Schlafzimmerkommode. In die eine stopft man Socken, in die andere Unterwäsche und in eine dritte T-Shirts. Die Studenten besuchen einen Kurs nach dem anderen, sie lernen vielerlei Dinge, aber zwischen all dem, was sie in sich aufnehmen, besteht keinerlei Verbindung. Mit dieser Meinung stehe ich keineswegs allein. Schon vor über 50 Jahren sagte der bedeutende englische Philosoph Alfred North Whitehead das Gleiche. Diese Zergliederung ist eine der größten Gefahren der modernen Zivilisation. In der traditionellen Kultur bestand früher eine Einheit des Wissens. Die islamische Zivilisation etwa basierte bekanntlich auf dem Tawhid, dem Einheitsgedanken. Und im Geflecht der islamischen Wissenschaften sind sämtliche Disziplinen, von der Poesie über die Musik, die Philosophie, die Geschichte, die Geologie, die Medizin bis hin zu Physik und Mathematik auf die eine oder andere Weise miteinander verknüpft. Stets gab es eine übergeordnete Weltsicht, die sämtliche Disziplinen umschloss.

Diese Weltsicht wurde zerstört, doch wurden immerhin einige Versuche unternommen, ein metaphysisches Fundament zu errichten, das erlaubt, die Wissenschaften wieder zusammenzubringen. Whitehead zum Beispiel war sehr daran interessiert und engagierte sich in dieser Richtung. Aber keiner dieser Gelehrten hatte wirklich Erfolg, weil mittlerweile das ganze Bildungssystem im Westen auf Spezialisierung und demnach auf einer Aufspaltung in unabhängige Teildisziplinen beruht, die nichts miteinander gemein haben. Was also ist zu tun? Auf der einen Seite sieht man sich mit der szientistischen positivistischen Behauptung konfrontiert, dass nichts Unwissenschaftliches wirklich wichtig sei und ausschließlich die Wissenschaft Erkenntnis biete. Auf der anderen Seite dominieren diejenigen, die allein die äußere Bedeutung der Religion betonen und sich für deren intellektuelle und spirituelle Aspekte kaum interessieren. Zwischen diesen Polen sollen sich die Menschen entscheiden.

Was ich mein Leben lang versucht habe, ist, die Vision der Einheit des Wissens auf einer metaphysischen Grundlage wiederzubeleben, insbesondere in der islamischen Tradition, wo diese Vision in der Vergangenheit so bedeutsam war.

Frage: War das Wissen nicht auch schon in der Vergangenheit zerstückelt? Und falls ja, können Sie uns einige Beispiele aus der Geschichte nennen?

Nein, das war es nicht. Lassen Sie mich auf die Kunst zu sprechen kommen, die in der traditionellen Kultur mit dem Wissen verknüpft war, genauer gesagt mit der Wissenschaft der Formen. Diese Verbindung wurde inzwischen ebenso geschwächt wie die Verbindungen der verschiedenen Wissensdisziplinen untereinander. Es ist die Krankheit der Moderne, die die Poesie wie auch die Kunst ihrer intellektuellen Funktion beraubt hat, oder mit anderen Worten: die die Verbindung von Poesie und Kunst zu einer Erkenntnis auf höchstem Niveau hat abreißen lassen. Im 19. Jahrhundert zeichneten viele Dichter der Romantik (wie zum Beispiel Wordsworth) in englischer Sprache ausdrucksvolle schöne Bilder von der Natur und wehrten sich damit gegen die Vulgarisierung, die Zerstörung und die hässlichen Landschaften, die die industrielle Revolution in England hinterließ. Aber ihre Poesie wurde kurzerhand als Empfindlichkeit und Gefühlsduselei abgestempelt. Es wurde damals nicht geduldet, die Wissenschaft der Zeit in Frage zu stellen. Denn diese regierte ohne jede Einschränkung und galt und gilt bis heute als die einzig legitime Quelle der Erkenntnis.

Diese Haltung geht auf Galileo und Descartes zurück, die der Natur jede Qualität absprachen und behaupteten, alles sei subjektiv – nicht nur die Schönheit, sondern auch alle anderen Dinge -, daher müsse sich Wissenschaft letztlich allein mit Quantitäten befassen. Unter dieser Kurzsichtigkeit leidet die moderne Wissenschaft nach wie vor; denn in Wirklichkeit ist die äußere Realität keine reine Quantität. Lassen Sie mich ein paar Beispiele anführen: Nehmen Sie eine der großen osmanischen Moscheen, die Sultanahmet-Moschee (in Istanbul). Wenn Sie auf dem Platz vor der Moschee stehen, dann sehen Sie einige Bäume, und vor Ihnen fahren Autos vorbei. Sie haben also einen Raum vor sich, einen Raum, den Sie wahrnehmen. Diesen Raum können Sie aus der Perspektive der Physik beschreiben, anhand von kartesischen Koordinaten, Messungen und so weiter. Aber Ihre unmittelbare Wahrnehmung dieses Raumes verschwindet dadurch nicht. Wenn Sie dann den Platz überqueren und in die Moschee hinein gehen, nehmen Sie erneut einen Raum wahr, diesmal jedoch eine ganz andere Art von Raum. Genauso wird es Ihnen ergehen, wenn sie ähnliche Bauwerke in Persien, in der arabischen Welt oder auch das Taj Mahal in Indien betreten. Den berühmten Architekten, denen wir diese Gebäude verdanken, ist es gelungen, den Besuchern dieser Orte eine Erfahrung, eine Vision und einen anderen Aspekt der Wirklichkeit zu vermitteln, den wir Raum nennen. Und sie taten dies auf der Grundlage einer Wissenschaft, die sich noch nicht von anderen Formen des Erkenntnisgewinns gelöst hatte. Sie schufen nicht nur einen subjektiven Raum, sondern einen, der ebenso real ist wie jener Raum auf der gegenüberliegenden Straßenseite, den wir mit kartesischen Koordinaten messen können und der von Autos durchkreuzt wird. Und sie wären gar nicht auf die Idee gekommen, dass sich jener Raum in qualitativer Hinsicht von dem Raum der Moschee unterscheidet. Sowohl die unmittelbare Wahrnehmung des Raums der Straße als auch der sakrale Raum der Moschee beweisen, wie falsch Descartes doch lag, als er den Raum auf eine reine Quantität reduzierte.

Gleiches gilt auch für die Musik. Die Musik löst uns aus unserer gewöhnlichen Wahrnehmung der Zeit, ebenso wie die Poesie. Beide lassen uns die Zeit anders wahrnehmen. Diese andere Wahrnehmung ist aber kein Hirngespinst. Auch handelt es sich hier nicht um Subjektivismus, sondern um einen weiteren Aspekt der Wirklichkeit. Alle traditionellen Künste verfügen über bestimmte Elemente, die eine andere Dimension der Realität enthüllen, ohne dass diese Elemente völlig losgelöst von anderen Wissensbereichen wären. Eine traditionelle Moschee oder Kathedrale weist Bezüge zu Kosmologie und Theologie auf, aber auch zur Wissenschaft der Formen, Materialien, Farben und der Optik. Solche Bauwerke legen Zeugnis ab von der Einheit allen Wissens und von der Notwendigkeit, die Abschottung der verschiedenen Wissensbereiche abzulehnen.

Frage: Inwieweit stehen auf den Menschen bezogene und experimentelle Aspekte des Wissens mit wissenschaftlichen Erkenntnissen in Verbindung?

Sie, wie Sie hier sitzen, haben lediglich ein einziges Zentrum der Aufmerksamkeit. Andernfalls wären Sie psychisch krank und müssten dringend einen Psychiater aufsuchen. Jeder geistig gesunde normale Mensch besitzt nur ein Bewusstsein, das jedoch sehr wohl in verschiedene Ebenen unterteilt sein kann. In unserem Alltag versuchen wir, alles, was wir tun, denken und sagen, mit diesem Zentrum zu verknüpfen, um auf diese Weise herauszufinden, wer wir eigentlich sind. Insofern ist die Sehnsucht nach Einheit fest in der menschlichen Natur verankert.

Wenn wir viele irrelevante Dinge tun, Dinge, die nicht das Geringste miteinander zu tun haben, verzetteln wir uns allmählich und verlieren uns. Daraus resultieren psychische Störungen, und ein Haus, das mit sich selbst uneins ist, wird nicht lange Bestand haben – wie Jesus (Friede sei mit ihm) einmal sagte.

Es gibt viele Menschen, die, um mit sich selbst klar zu kommen, ihren Verstand in unterschiedliche Bereiche unterteilt haben. Mit dem einen Bereich betreiben sie Wissenschaft, mit einem anderen widmen sie sich der Kunst, mit einem weiteren sind sie religiös, und mit wieder anderen Bereichen gehen sie dieser oder jener Tätigkeit nach. Sie sind keine ganzheitlichen Menschen. Dabei besteht das Ziel des menschlichen Lebens auf Erden doch darin, zu einem ganzheitlichen Menschen heranzureifen. Die Folgen dieser fehlenden Ganzheitlichkeit, dieser fehlenden Einheit, sind heutzutage auf vielen Gebieten zu beobachten, zum Beispiel in der modernen Medizin. Aus diesem Grunde richten sich die Blicke auch erst seit kurzem wieder auf ein ganzheitliches Heilen, das die verschiedenen Elemente unseres Wesens – Körper, Psyche, Seele, Geist – umfasst. Alle diese Elemente sollten als voneinander abhängige Realitäten behandelt werden, die miteinander harmonieren müssen, wenn wir wirklich gesund sein wollen.

Immer mehr in den Blickpunkt rückt gegenwärtig auch wieder die ganzheitliche Weltsicht, deren Verlust die ökologische Krise heraufbeschworen hat. Die Ökologie ist eine Disziplin, die Dinge zusammenbringt. Wenn wir hier in den USA den Potomac River verschmutzen, wissen wir nicht, wie sich das auf die Fische in Mexiko auswirken wird. Möglicherweise wird es Folgen haben, die wir mit unserem jetzigen Wissensstand noch gar ermessen können. Viele Menschen beginnen inzwischen zu begreifen, dass alles auf der Erde miteinander verflochten ist und dass unser Erfahrungswissen ebenso wenig von wissenschaftlichen Erkenntnissen getrennt werden kann wie die wissenschaftlichen Erkenntnisse von unserem Erfahrungswissen.

Auch manche modernen Wissenschaftler erkennen diese Wahrheit. Doch gewähren sie der spirituellen Welt und der psychologischen Welt nach wie vor keinen Zutritt zu ihrer Wissenschaft. Zumindest jedenfalls realisiert man auf der materiellen Ebene, dass es nicht ausreicht, wenn man Dinge aus ihrer natürlichen Umgebung reißt und sie dann separat analysiert, um Wissen über sie zu gewinnen. Denn gerade die Wechselbeziehungen der Dinge untereinander liefern uns sehr wertvolle Erkenntnisse. Und ich denke, dass vor allem in diesem Punkt islamische Vorstellungen einen bedeutenden Beitrag zum zeitgenössischen Denken leisten können.

Frage: Inwieweit unterscheidet sich diese Art von Wissen über die Wechselbeziehungen in der Natur vom Design-Argument1 in der Theologie?

Zunächst einmal: Das Design-Argument findet sich in leicht abgewandelter Form auch im Islam, genau wie in allen anderen Religionen. Aber lassen wir einmal alle theologischen Erwägungen beiseite. Wenn Sie auf einem Tisch eine Uhr liegen sehen, dann gehen Sie davon aus, dass jemand sie konstruiert hat und dass diese Person auch die nötige Intelligenz besaß, um so eine Uhr zu konstruieren. Wenn Sie nun Dinge sehen, die noch viel komplizierter sind als eine Uhr und trotzdem bemerkenswert gut funktionieren, dann vermittelt Ihnen das ein Bewusstsein für eine unglaublich intelligente gestalterische Kraft und ein Gefühl der Ehrfurcht, des Staunens. Die moderne Wissenschaft aber hat versucht, genau das zu zerstören. Einstein, einer der größten Wissenschaftler aller Zeiten, besaß dieses Gefühl des Staunens noch, aber die herkömmliche Wissenschaft, wie sie in den Schulen gelehrt wird, lehnt es ab, dieses Gefühl bei den Schülern zu wecken. Vielmehr versucht sie, es gewissermaßen wegzuerklären und vermittelt so eine Sichtweise, in der kein Platz ist für das Staunen. Der Zauber und die Anmut der Natur wurden beiseite gewischt. Auf der anderen Seite betonen alle Religionen, wie wichtig die Wahrnehmung des Staunens für die menschliche Seele ist. Der Koran zum Beispiel spricht ausgiebig über die Schöpfung Gottes und fordert uns auf, über sie nachzudenken, zu meditieren und zu staunen. Ohne die bemerkenswerte gestalterische Kraft in der Schöpfung Gottes zu akzeptieren, ist das jedoch unmöglich.

Frage: Glauben Sie, dass jemand, der sich der ökologischen Probleme bewusst ist, automatisch seine Verantwortung als Mensch erkennen muss?

Eine Krise kann auch immer positive Aspekte haben, weil sie uns dazu zwingt, unsere Standpunkte zu überprüfen. Wenn die Erde unter unseren Füßen bebt, befinden wir uns sicherlich in einer ganz anderen Stimmung, als wenn wir einen Spaziergang über den festen Boden machen und nicht weiter über Erdstöße nachzusinnen brauchen. Während wir hier sitzen, verschwenden wir keinen Gedanken an den Untergrund. Das würde sich jedoch schlagartig ändern, wenn plötzlich die Wände wackeln würden.

Viele Menschen haben infolge der ökologischen Krise realisiert, dass die moderne Wissenschaft und Technik allein niemals alle Probleme der Welt lösen wird. Es stimmt zwar, dass Gier, Herrsch- und Machtsucht und auch die Politik eine Rolle in dieser Krise spielen, doch sind all das keine neuen Phänomene. Es gibt sie seit urdenklichen Zeiten. Was sich hingegen verändert hat, sind die Möglichkeiten von Wissenschaft und Technik: Dazu gehören die Vernichtung allen menschlichen Lebens und die Zerstörung ganzer Ökosysteme. Attila der Hunne, Julius Caesar, Darius der Große und andere große Eroberer verfügten über gewaltige Armeen mit Hunderttausenden von Soldaten, aber diese Armeen konnten der Natur nicht annähernd so viel Schaden zufügen wie ein einziges Chemiewerk oder eine einzige Ölpest. Daher hat so mancher inzwischen begriffen, dass hier etwas ganz und gar nicht in Ordnung ist. Und das ist der einzig positive Aspekt dieser Krise: Sie führt uns vor Augen, dass das menschliche Leben bedroht ist.

Über dieses Thema schreibe ich seit 50 Jahren. Ich darf mich als einer der ersten muslimischen Denker bezeichnen, die diese Problematik erkannt und die ökologische Krise vorhergesagt haben. Noch heute stehe ich zu dem, was ich in diesem Punkt vor einem halben Jahrhundert gesagt habe. Jeder Versuch, die Welt allein mit Hilfe technischer oder wirtschaftlicher Pläne zu retten, kann lediglich kosmetischer Natur sein. Wenn jemand Krebs hat und seine Haut dadurch gelb wird, dann heilt man diese Krankheit nicht dadurch, dass man ihm eine Salbe aufträgt, die seine Wangen rosig erscheinen lässt. Für eine Lösung der Probleme müssen wir viel tiefer gehen.

Frage: Sie bemühen sich darum, religiöse und künstlerische Betrachtungsweisen der Natur zu vermitteln und neue Wege zu beschreiten, auf denen wir uns Wissen um Gott aneignen können. Glauben Sie, dass solche Bemühungen die Reaktionen der Menschen auf die globale ökologische Krise verändern werden?

Gewöhnliche Menschen fühlen sich mit ihrem inneren Wesen zur Schönheit der Schöpfung Gottes hingezogen. Hier in Washington etwa blühen Anfang April die Kirschbäume. Diese Kirschblüten sind eines der schönsten Naturphänomene, an denen man sich in den großen Städten überall auf der Welt erfreuen kann. In den USA haben wir mehrere Hundert Bäume, die die Japaner den Vereinigten Staaten zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum Geschenk gemacht haben. In voller Blüte sind sie so imposant, dass Menschen aus aller Welt nur ihretwegen hierher reisen. Es gibt sie also noch, die magische Pracht der Schönheiten in der Natur. Das Problem ist nur, dass die moderne Erziehung und Kultur das Bewusstsein der Menschen für die Verknüpfung dieser Schönheit mit der Schönheit Gottes geschwächt oder sogar völlig ausgelöscht hat. Viele Menschen sagen sich zwar: „Was für ein wunderschöner Baum!“ Aber dieser schöne Baum erinnert sie meistens nicht an Gott, weil die westliche Welt in den vergangenen Jahrhunderten von einer säkularisierten Kultur geprägt wurde. Die angeborene Hingezogenheit zur Schönheit existiert jedoch nach wie vor.

In diesem Zusammenhang ist es interessant festzustellen, dass viele Menschen zwar Atheisten sind, gleichzeitig aber auch Umweltschützer. Sie setzen sich für die Natur, für die Wälder und die Berge ein. In ihnen finden sie ‚Gott‘, begreifen jedoch nicht, dass es sich bei diesen Schönheiten der Natur, die ihnen heilig und sakrosankt sind, um Gottes Erscheinungsformen, Gottes Schöpfung handelt. In jenem gottlosen Kosmos, der über das Denken so vieler Menschen im Westen dominiert, ist kein Platz für das Heilige im eigentlichen Wortsinn. Darüber hinaus lassen sich die Umweltprobleme nicht lösen, solange wir nicht einsehen, dass die Natur im religiösen Wortsinn heilig ist. Daher müssen wir zunächst einmal das Bewusstsein für das Heilige zu neuem Leben erwecken. Und das habe ich in mehreren meiner Schriften versucht zu tun.

Wichtig ist auch zu erkennen, dass das Heilige nicht nur eine Kategorie ist, die mit der Thora, den Evangelien oder dem Koran, einer Kirche oder einer Moschee verknüpft ist. Natürlich bilden diese Schriften und Gotteshäuser für die Anhänger der verschiedenen Religionen das Herz des Heiligen, aber das Heilige existiert auch in der Schöpfung Gottes, in den Planeten und Tieren, in den Bergen, Wüsten und Meeren, am Firmament und in den Sternen. Wenn die gegenwärtige ökologische Krise überwunden werden soll, müssen wir die Natur unbedingt als heilig behandeln. Gelingt uns das nicht, wird uns auch nichts anderes weiterhelfen.

Frage: Das scheint ein gemeinsamer Punkt zwischen allen Religionen zu sein – eine Plattform vielleicht, auf der die Menschen zusammen kommen können?

Ich habe ein Buch mit dem Titel Religion and the Order of Nature (Die Religion und die Ordnung in der Natur) geschrieben, das vor zwei Jahren auch ins Türkische übersetzt wurde. Es ist eines meiner wichtigsten Bücher. Dort zeige ich auf, dass alle Religionen der Welt trotz ihrer unterschiedlichen Sprachen und Formen eine bemerkenswert ähnliche Sichtweise im Hinblick auf die Ordnung in der Natur, den Ursprung dieser Ordnung und die Erklärung dieser Ordnung haben. Außerdem erläutere ich in diesem Buch, wie wichtig es ist, dass die Religionen der Welt in diesem Bereich zusammenarbeiten. Ich denke, es ist legitim, dass wir darein größte Hoffnungen setzen; denn in den meisten Regionen der Welt hören die Menschen noch auf ihre religiösen Führer, egal ob es sich um Imame, Priester oder Rabbiner handelt. Wenn sich alle Imame am Freitag in der Moschee darauf konzentrieren würden zu betonen, wie wichtig es ist, die Natur als heilige Schöpfung Gottes zu behandeln, würde dieser Gedanke schon nach wenigen Monaten das Handeln der Menschheit prägen.

Ein paar Leute würden vielleicht sagen: „Was geht uns das an?“, aber die große Mehrheit der einfachen Leute würde darauf hören. Und deshalb denke ich, dass alle Religionen der Welt in der Verantwortung stehen und sie in dieser so wichtigen Frage sehr eng miteinander kooperieren können. Zudem müssen die Mitglieder der Familie Abrahams erkennen, dass die Liebe zur Natur nicht mit Pantheismus gleichzusetzen ist. Sie stellt keine Verneinung der Transzendenz Gottes dar.

Lassen Sie mich schließen mit einem berühmten Gedicht von Dschalal ad-Din Rumi. „Wenn nur die Welt der Objekte Zungen hätte, dann könnten sie mit diesen Zungen das Mysterium des Seins enthüllen.“ Ähnlich wie Rumi und andere weise Menschen habe auch ich immer gesagt, dass alles lebendig ist, dass alles ein göttliches Geheimnis in sich birgt, ohne jedoch eine Zunge zu besitzen, die sich uns verständlich machen könnte. Es bleibt uns also gar nichts anderes übrig, als die Sprache der Objekte zu erlernen. Sie manifestiert sich in den Formen, in denen sie sich uns präsentieren. Nach herkömmlichem menschlichem Verständnis jedoch strahlen diese Objekte lediglich beredtes Schweigen aus.

Das Interview führte Mustafa Tabanli für den amerikanischen Sender Ebru TV und dessen TV-Show Matter and Beyond, Episode 23. Um dieses Interview im englischen Originalwortlaut zu verfolgen, besuchen Sie bitte die Webseite www.ebru.tv.

Mustafa Tabanli

 


1 Unter ‚Intelligent Design‘ versteht man die Auffassung, dass sich bestimmte Eigenschaften des Universums und des Lebens auf der Erde am besten durch eine intelligente Ursache erklären lassen und nicht durch einen Vorgang ohne solche Leitung, wie die natürliche Selektion. (Wikipedia)

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